Berichte

Elektronische Musik an außergewöhnlichen Spielorten hat eine gute Tradition.  Ein solcher Spielort ist zweifelsohne die Dechenhöhle bei Iserlohn, öffentlich zugänglicher Teil eines Systems von Tropfsteinhöhlen im Sauerland.  In dieser Höhle befindet sich ein größerer Saal mit Bühne und Platz für gut 100 Zuschauer, und bereits zum achten Mal hat Pyramid Peak einen Spieltermin auf dieser von Tropfsteinen eingerahmten Bühne ergattert.  Das ist also schon ein Event mit Tradition, auch wenn es nicht jedes Jahr mit einem Termin klappt - das letzte Mal waren Pyramid Peak 2014 in der Dechenhöhle.

Wie bereits vor zwei Jahren sind Axel Stupplich und Andreas Morsch auch dieses Mal nicht alleine gekommen - sie haben als weiteren Act Broekhuis, Keller und Schönwälder mitgebracht. Für dieses Doppelkonzert in der Dechenhöhle sind im Vorfeld über 70 Kartenvorbestellungen eingegangen, eine sehr respektable Zahl.

Von Aachen nach Iserlohn sind es fast zwei Stunden mit dem Auto, und wenn man z.B.  bei Leverkusen Pech hat, auch noch mehr.  Also fährt man mit hinreichend Zeitreserve los.  Dieses Mal habe ich auf der Autobahn Glück und bin anderthalb Stunden vor Konzertbeginn da.  Das gibt Gelegenheit, nach Abholen der Karte noch einen kleinen Rundgang durch das Museum zu machen, dessen Besuch ist im Ticket-Preis enthalten.  Jetzt noch schnell im Museumsshop ein paar schöne Ketten mit Halbedelsteinen für Fiona aussuchen, und ich kann mich der Musik zuwenden.  Fiona ist jene Oger-Dame, die mich schon das eine oder andere Mal nach Bochum ins Planetarium oder zu anderen Spielorten begleitet hat.  Heute ist sie zu Hause geblieben, sie hasst feuchtes Wetter, und in der Höhle herrschen neben erfrischenden 10 Grad auch einhundert Prozent Luftfeuchte.  Das merke ich auch später während des Konzerts, wenn ich mir auf meinem Schreibblock Notizen mache - mit der Zeit fühlt sich das Papier immer weicher an und das Schreiben darauf wird mühseliger.

Lambert hat sich auch auf den Weg gemacht und im Museum einen kleinen CD-Stand aufgebaut, BK&S und Pyramid Peak haben natürlich auch ihre Diskographie dabei.  Axel und Andreas nehmen auch noch schnell ein kleines Interview auf, eine Wand im Museum mit Höhlenmalereien liefert dafür den Hintergrund.

Wie angekündigt um 18 Uhr geht es dann vom Museum herüber in die Höhle, nicht ohne einige gute Hinweise, zum Beispiel, dass die Decke dort zum Teil recht niedrig und ein Kontakt mit blankem Kalkstein schmerzhaft ist.  Der Weg zum Spielort in der Höhle führt bereits an diversen sehenswerten Tropfsteinformationen vorbei, zum Teil stehen diese auch mitten im Weg und man muss aufpassen, wo man hin tritt.  Abgebrochene Stalagmiten wären nicht nur schade, sie brauchen auch viele tausend Jahre, um wieder nachzuwachsen.

In der Halle angekommen, stehen viele Keyboards dicht gedrängt auf der kleinen Bühne.  Ein anwesender Reporter einer Lokalzeitung erzählt mir, dass einige Bands in der Höhle spielen wollten und das nicht konnten, weil sie zu viele Gerätschaften hatten, die einfach nicht auf die Bühne passten.  So müssen denn dieses Mal vielleicht zwei, drei oder vier Keyboards pro Person genug sein - wenn BK&S in Repelen spielen, haben sie deutlich mehr dabei.

Bas Broekhuis, Detlef Keller und Mario Schönwälder machen auch den Auftakt und bestreiten die erste Hälfte dieses Doppelkonzerts.  Dessen Motto lautet 'United Colors of BK&S'.  In den letzten Jahren haben die drei ja nach und nach eine Farbpalette vertont, angefangen von Orange, über Blau und Rot bis hin zu Grün.  Jeder Titel Ihres Konzerts ist jeweils einer dieser 'Perioden' entnommen.  BK&S kann man sicher der Berliner Schule zuordnen, aber nicht ihrer 'orthodoxen' Spielart, die Wert darauf legt, dass es genau so wie bei TD & Co in den 70ern klingen muss. Stattdessen kommen von Detlef wunderschöne Melodien hinzu, die ihn manchmal selber wegzutragen scheinen, und im Hintergrund wirbelt Bas an den Drums und fungiert als 'Motor'.  Von Mario kommen die Klangflächen und Sequenzen, bisweilen geht es aber auch mit ihm durch und er holt das letzte aus seinen Keyboard heraus.  Auch wenn die Titel dem langjährigen BK&S-Fan bekannt sind, langweilig wird das nie, denn sie sind jedes Mal ein wenig anders - oder wie Detlef es am Ende formuliert, sie haben es bisher noch nie geschafft, ein Stück zweimal genau gleich zu spielen.  Dazu kommt hier dann noch der Höhlengeist, der ein ums andere Mal bei Bas am Drumcomputer dreht und für spontane Lacher auf der Bühne sorgt.

Passend zu den Titeln ist natürlich auch das Bühnenlicht, das bietet sich bei der BK&Sschen Farbenlehre ja an.  In neutralem Weiß sieht man die drei in dieser Stunde eigentlich nie.

Das letzte Stück dieses Auftritts ist bereits eine Vorschau auf das kommende Album 'Yellow'.  Es fängt ganz still und zart an, aber das bleibt natürlich nicht so, denn Bas kann eigentlich nie stillhalten.  Er steigt nach ein oder zwei Minuten ein, das Stück wird fetzig und mitreißend, auch Mario geht wieder aus sich heraus - ein dicker Schlusspunkt mit Ausrufezeichen unter diese erste Stunde.  "Ein kleines Stück hätten wir noch", aber gerne doch, mit einer loungig-groovigen Zugabe entlassen BK&S die Zuschauer in die Pause.

In der Pause hat man Gelegenheit, sich mit Glühwein oder Punsch wieder aufzuwärmen oder dringenden Geschäften nachzugehen.  In der Höhle gibt es keine Toilette, dafür muss man den ganzen Weg zum Museum zurückgehen.  Zeit ist genug, denn die Pause dauert ungeplant länger.  Irgendwann kommt ein lauter Knall aus den Lautsprechern, und die Hälfte der Keyboards auf der Bühne ist aus.  Ein Sicherung ist herausgeflogen und will auch nicht wieder hereingehen, irgendwo ist wohl Wasser hineingelaufen.  Mit solchen Problemen muss man in einer 'lebenden' Tropfsteinhöhle rechnen, auch als Zuschauer bekommt man ab und zu einen Tropfen ab.  Ein Risiko, dass man aus der Höhle mit einem kleinen Tropfstein auf dem Kopf wieder herauskommt, besteht aber nicht: deren Wachstum wird in Millimetern pro Jahrhundert gemessen.

Eilig wird ein Kabel zur nächstgelegenen, noch funktionierenden Steckdose verlegt, zur Sicherheit werden dem Höhlengeist noch ein paar Fledermäuse geopfert und dann kann es weitergehen.  Axel Stupplich und Andres Morsch treten an diesem Tag nur als Pyramid Peak auf, also ohne Max 'Maxxess' Schiefele, mit dem sie seit einiger Zeit auch das Trio Pyramaxx bilden.  In der Einführung erzählt Axel, dass die für dieses Konzert neu komponierten Stücke so gerade eben noch fertig geworden sind und auch in einer neuen CD münden sollen.  Einen Namen haben die drei (langen) Titel auch noch nicht, Vorschläge aus dem Publikum würden gerne entgegengenommen.

Dann nehmen die beiden hinter ihren Keyboards Platz.  Der ist auf der Bühne die hintere Hälfte, man sieht sie also nicht ganz so gut wie vorher BK&S.  Das macht aber nichts, das wichtige ist ja die (neue) Musik.  Ohne Maxxess und seine Gitarre fehlt natürlich das rockige Element, es ist eher die 'klassische' elektronische Musik mit langen Sequenzen, warmen Melodien, aber einem druck- und kraftvollen Sound, wie man sie von Pyramid Peak kennt.  An der einen oder anderen Stelle haben die Titel vielleicht noch etwas zu viel Länge und noch nicht den letzten Schliff, aber das macht überhaupt nichts.  Zusammen mit den Lichteffekten ist die zweite Konzerthälfte genauso schön wie die erste.  Als Zugabe gibt es noch ein bekanntes Stück, 'Dark Energy' von der letzten Pyramid Peak-CD 'Anatomy'.

Ganz zu Ende ist das Konzert damit aber noch nicht, es fehlt noch der Höhepunkt, auf den sich auch alle Musiker vorher gefreut haben: BK&S und PP spielen zusammen auf der Bühne.  Von Pyramid Peak kommt die Basissequenz, dazu steuern Detlef, Bas und Mario das bei, was sie am liebsten machen: Melodie, Rhythmus, und den einen oder fast jazzigen Ausritt - ein perfekter Abschluss für ein gelungenes Doppelkonzert, das hoffentlich nicht das letzte seiner Art gewesen sein wird.  Fast einhundert zufriedene Besucher machen sich auf ihren mehr oder weniger langen Heimweg.  Meiner nach Aachen ist sicher einer der längeren, aber dafür hat Fiona jetzt ein paar Ketten mit Karneolen und Rosenquarzen mehr im Schmuckkästchen.  So das Wetter nicht wieder zu nass ist, wird sie sicher eine davon kommenden Samstag in Bochum um den Hals tragen.

Alfred Arnold