Berichte

Zweimal im Jahr steht Oirschot auf dem Reiseplan eines 'Hardcore-EM-Fans' wie mir: einmal im Frühjahr, wenn Ron Boots in 'De Enck' zum E-Day einlädt, und im Herbst, wenn am gleichen Ort E-Live stattfindet.  Gelegentlich gibt es aber noch einen dritten Grund, nämlich wenn Ron das neue Jahr mit einem 'kleinen' Extra-Event eröffnet.  'Klein' bedeutet, dass nur zwei statt der sonst üblichen vier Konzerte gegeben werden, und diese auch direkt am Abend beginnen.  Also quasi ein 'halber E-Day', aber natürlich nur von der Länge her, nicht was die Qualität angeht.

In diesem Jahr hatte Ron Boots als 'Aufhänger' für so ein Event eine Kooperation mit Stephan Whitlan aus England gefunden.  Als zweiten Act konnte Ron noch Thorsten Quaeschnings Projekt Picture Palace music verpflichten, keine Unbekannten in 'De Enck'.  Da Stephan Whitlan schon eine Weile nicht mehr live auf dem 'Festland' zu sehen war, und PPm schon zweimal in Oirschot für ein volles Haus gesorgt hat, sollte man meinen, dass sich Ron nicht über fehlende Nachfrage beklagen konnte.  Eines kleinen Erinnerungsaufrufs bedurfte es dann aber doch, um die Zahl vorab verkaufter Tickets auf ein akzeptables Niveau zu heben.

Beim E-Day oder E-Live ist die 'große' Pause fürs Abendessen immer zwischen dem zweiten und dritten Konzert.  Da es dieses Mal erst am Abend losgeht, isst man logischer weise vorher.  Also treffen wir uns direkt in unserer 'Stamm-Pizzeria' am Markt.  Bei der Gelegenheit stellt man fest, dass auch Holländer gerne mal den Weihnachtsschmuck etwas länger hängen lassen - alle Bäume sind noch mit aus Lichtern geformten, großen Christbaumkugeln geschmückt.  Nach dem Essen ist es dann auch dunkel genug, dass sie gut wirken.  Die Temperaturen sind jedenfalls jetzt so, wie man es eigentlich im Dezember für den Weihnachtsmarkt und den Glühwein gerne hätte.

Die Anmeldung läuft so wie bei den sonstigen Events auch, gegen Nennung des Namens oder Vorlage der Bestätigungs-Mail bekommt man ein Bändchen (diese Mal ein rotes).  Einen Extra-Stand gibt es dafür dieses Mal nicht, Rons Frau Monique erledigt das nebenbei, während sie CDs verkauft.  So richtig voll, wie man es von den letzten Terminen in Oirschot kannte, wird es dieses Mal leider nicht: Mit 120 Besuchern ist 'De Enck' nur zu einem guten Drittel voll.  Vermutlich hat das Wetter doch den einen oder anderen abgehalten.  Wie oben erwähnt, sind auch in Holland die Temperaturen dauerhaft unter den Nullpunkt gefallen und man muss aufpassen, nicht auf einer gefrorenen Pfütze auszurutschen.  

Das erste Konzert ist für 19 Uhr angesagt, das klappt nicht ganz, die Tür öffnet sich mit einer Viertelstunde Verspätung.  Wie üblich, sind die Instrumente für den ersten Act vorne auf der Bühne aufgebaut, die für den zweiten dahinter, so dass man in der Pause nur noch abbauen muss.  Zwischen den Keyboards von Stephan Whitlan und Ron Boots steht noch ein Schlagzeug, das Harold van der Heijden in der folgenden Stunde bearbeiten wird.

Üblicherweise stellt Ron seine Gäste noch kurz vor, bevor das Konzert beginnt, aber dieses Mal ist er ja selber einer der Akteure.  Alle drei kommen ohne Worte auf die Bühne, setzen sich an ihre Instrumente und legen einfach los.  Der erste Titel beginnt langsam und dunkel-bedrohlich, dazu passend ist die ganze Bühne in rotes Licht getaucht.  Tempo (und Lautstärke) steigern sich aber im Verlauf, und am Ende des ersten Stücks dämmert garantiert niemand mehr in seinem Verdauungsschläfchen.  Das ist eine gute Gelegenheit für Ron, doch noch ein paar Worte über die Entstehungsgeschichte der CD 'Seven Days' zu verlieren.  Das wird er auch in den folgenden Pausen zwischen den Stücken tun, mal auf Holländisch, mal auf Englisch, und ab und zu auch auf Deutsch.  Der Name deutet an, wie lange das Einspielen der Titel gedauert hat - mehr oder weniger parallel zu den Vorbereitungen zu E-Live im letzten Herbst.

Titel Nummer zwei setzt einen schönen Kontrast zum Einstieg - anstelle harter Rhythmen und Donner eine schöne, warme Sequenz, dazu eine leichtfüßige und verspielte Melodie-Linie, von Stephan beigesteuert.  Titel Nummer drei ist eine Improvisation, und in Titel Nummer vier wird es wieder hart und dramatisch - Ron legt sich sichtbar ins Zeug: Der Titel 'Slap' ist von einer Behandlung inspiriert, bei der Ron einige Stunden auf einer harten Liege verbringen musste.  Als Musiker hat man eben die Möglichkeit, auch unangenehme Erlebnisse in mitreißende Klänge umzusetzen.

Danach ist es auch schon Zeit für das Finale: Zum Schluss nichts von der neuen CD, stattdessen ein Medley bekannter Melodien, angefangen von einem Thema aus 'Dr. Who' über 'Don't Go' von Yazoo bis hin zu einem Ron Boots, der 'I feel love' von Donna Summer singt.  Da fehlt eigentlich nur noch eine große Disco-Glitzerkugel, die von der Decke herunterfährt und den Dancefloor freigibt!  Dieser Power-Mix setzt den Schlusspunkt unter einen gelungenen Einstieg in den Abend.

Eine halbe Stunde Pause, Zeit um unter anderem die Speicherkarte zu wechseln - auch 32 GByte sind irgendwann voll.  Dann geht es wieder in den Saal für den zweiten und schon letzten Act des Abends.  Picture Palace Music hat zwar schon zweimal in Oirschot gespielt, aber immer in wechselnder Besetzung.  Die einzige 'Konstante' ist Thorsten Quaeschning selber.

Für PPm-Verhältnisse ist der Lineup dieses Mal beinahe spartanisch - ein zweiter Keyboarder, Schlagzeug, Gitarre und Chris Hausl für die Vocals.  Bei früheren Auftritten hatten auch schon einmal doppelt so viele Musiker auf der Bühne agiert, unter anderem drei Drummer.  Dem Sound tut das aber keinen Abbruch, er ist so druck-und kraftvoll, wie man ihn von Picture Palace music kennt und erwartet.  Einige 'empfindlichere' Zuhörer hatten sich schon im voraus weiter nach hinten gesetzt, damit es etwas nicht ganz so laut wird.

Das letzte komplette Album von PPm liegt schon etwas zurück, der Spielplan geht dementsprechend quer durch die Veröffentlichungen der letzten Jahre.  Die Titel laufen in ihrer 'revisioned'-Version, also mit dem Gesang von Chris Hausl.  Für Anhänger 'reiner' elektronischer Musik mag das ein Sakrileg sein, aber daran hat sich Thorsten Quaeschning noch nie gestört.  Er hat ja selber einmal gesagt, er mache gar keine elektronische Musik, nur elektronisch erzeugte Musik, und bezeichnet das ganze als 'Electronic Post Rock'.  Wer die Sache aber nicht ganz so verbissen sieht (und das ist die eindeutige Mehrzahl der Anwesenden), der hat an diesem furiosen, mitreißenden, und wie erwartet lauten Act aber seinen Spaß.

Einen rein elektronischen Ausflug machen die fünf aber dann doch: Thorsten kündigt "A little bit electronic stuff" an.  Das ist dann der größere Teil der Titel von der 'Remnants', original ein Soundtrack zu einem Dokumentarfilm der BBC über das, was vergangene Kulturen uns als Bauwerke hinterlassen haben.  Zur Musik laufen Bilder aus diesem Film, angefangen von Stonehenge bis hin zu neuzeitlichen Wolkenkratzern.

Mittendrin scheint es Probleme zu geben, Eric van der Heijden und diverse andere Helfer eilen zu Thorstens Instrumenten.  Was ist da los?  Dass schon einmal ein Keyboard auf der Bühne streikt, das kennt man ja.  Die Synthies funktionieren heute aber alle ohne Probleme.  Nein, einer von Thorstens Keyboard-Ständern hat seinen Geist aufgegeben (!) und man bemüht sich, seinen Aufbau zumindest für den laufenden Titel noch in der Balance zu halten.  So etwas habe ich auch noch nicht erlebt, aber alles passiert eben irgendwann zum ersten Mal.  Falls im PPm-Merchandise-Shop demnächst ein gebrauchter Keyboard-Ständer auftaucht, sollte man also vorsichtig sein - es könnte sein, dass er nur noch als Dekoration oder Blumenständer brauchbar ist ... Thorsten nimmt das ganze aber gelassen und mit Humor, nach dem Auftritt posiert er für uns Fotografen noch einmal zusammen mit dem Corpus Delicti.

In einer kurzen Umbau-Phase wird eilends ein Ersatz herbeigeschafft und es geht mit dem Programm weiter.  Dass hier Rock-Musik gespielt wird, unterstreichen PPm mit ihrer Version von zwei David Bowie-Klassikern.

Thorsten Quaeschning ist seit vielen Jahren auch festes Mitglied bei Tangerine Dream, und so wird das abwechslungsreiche Programm des Abends noch um einen TD-Titel ergänzt - natürlich um einen, der zum restlichen PPm-Programm passt: 'Shape My Sin' von 'madcaps flaming duty', die seinerzeit eine Hommage an den Pink-Floyd-Mitgründer Syd Barrett war.  Es bleibt also bis zum Schluss rockig.

Eine kurze Verschnaufpause gönnt Thorsten sich, seinen Mannen und dem Publikum am Ende dann doch: "Der Mond ist aufgegangen", dann steht das Finale des Auftritts an: "Midsummer's Day", inklusive Chor zum Mitsingen.  Dann ist es geschafft und das erste EM-Event des neuen Jahres vorbei.  Der kaputte Keyboard-Ständer bietet natürlich noch Gesprächsstoff mit Thorsten.  An so ein Malheur kann sich niemand erinnern, aber immerhin ist er für ein Erinnerungsfoto der besonderen Art gut.

So gegen halb zwölf machen wir uns dann auf den Heimweg.  Dieses Neujahrsevent war ein perfekter Einstieg ins Jahr 2017, ich verlasse es mit dem gleichen wohligen und warmen Gefühl wie nach einem E-Day oder E-Live.  Dass es aber Januar und tiefer Winter ist, daran werde ich spätestens am Auto erinnert - ganz in weiß, inklusive der vereisten Scheiben und ich bin eine Weile beschäftigt, bis sie frei sind und ich nach Aachen losfahren kann.  *Das* wird im April auf dem E-Day hoffentlich anders sein.

Alfred Arnold