Berichte

Manchmal dauern Dinge etwas länger als geplant - diese Weisheit trifft auch auf das kommende zweite Album von Steve Baltes und Stefan Erbe zu.  Eigentlich war dessen Premiere ja schon für den letzten November in Bochum geplant, Terminprobleme haben aber dazu geführt, dass Baltes & Erbe-Fans bis heute auf einen Nachfolger der s-thetic² warten müssen.  Aber an diesem Februar-Tag soll es dann endlich so weit sein - nicht im Bochumer Planetarium, aber auch an einem Ort mit astronomischem Bezug.

In der Hagener Sternwarte hat Stefan Erbe früher regelmäßig gespielt, und dort auch unlängst sein Bühnenjubiläum gefeiert. Dieser neue 'Premieren-Ort' ist noch deutlich exklusiver, sowohl was den Standort angeht, als auch die Besucherzahl.

Zum einen liegt die Hagener Sternwarte - wie es sich für so eine Einrichtung gehört - etwas außerhalb der Stadt und auf einer Anhöhe, direkt neben dem Eugen-Richter-Turm, von dem aus man die ganze Stadt überblicken kann.  Der Ort ist so abgelegen, dass man ihn nur eingeschränkt mit dem Auto erreichen kann.  Ein schmaler Weg führt zwar bis zur Spitze hoch, die wenigen dort vorhandenen Parkplätze sind aber für die Hobby-Astronomen und die Besucher reserviert, die die letzten zehn Minuten nicht zu Fuß schaffen. Für die Wagen aller anderen Besucher ist auf einem Parkplatz 'Endstation', der ein Stück weiter unten am Hang liegt.  Das Mitbringen vom Taschenlampen wurde vorher empfohlen, besonders auf dem Rückweg wird es im Wald stockdunkel sein.

Hat man den Weg bis zur Sternwarte geschafft, ist es noch etwas Zeit, bis das Konzert losgeht.  Die 'Kaffee-Zeit' ist um halb sieben Uhr abends eigentlich schon vorbei, der (zu sehr zivilen Tarifen) angebotene Kaffee und Kuchen schmecken nach dem Aufstieg aber auch noch um diese Zeit.  Die Tage sind im Februar schon wieder etwas länger, so bleibt bei einem Kaffee noch etwas Zeit, sich die Sternwarte und den Eugen-Richter-Turm noch etwas näher im Hellen anzusehen.  Dann geht es aber hinein, alleine um sich einen guten Platz zu sichern.  Der Raum bietet nur etwa 50 Plätze, und die sind auch fast alle im Vorverkauf weggegangen. Für Kurzentschlossene ist aber auch noch Platz, ein paar Stühle bleiben wegen Grippe leer - "Mit Fieber kann man keine Musik hören, nur machen", so der passende Kommentar.

Eine schöne Überraschung: Stefan Schulz hat es auch mal wieder zu einem Event geschafft, damit ist die EMpulsiv-Redaktion seit dem Electronic Circus zum ersten Mal wieder vollzählig beisammen. Und nein: Stefan ist ganz inkognito ohne Kamera dabei, also bleiben sowohl Fotos als auch dieser Bericht meine Aufgabe.

Dass die Veranstaltung fast ausverkauft ist, hat auch noch einen anderen Grund: Es soll nicht nur eine 'einfache' Premiere werden, an diesem Abend sollen die Titel von 'Electronic Garden' live eingespielt werden.  Steve und Stefan geben dazu auch noch eine kurze Einführung in das an diesem Abend benutzte Equipment, und per Kamera und Beamer kann man ihnen bei der Arbeit 'auf die Finger' schauen.  Was mir auffällt: Bei Stefan werden es vom Mal zu Mal mehr Geräte, heute sind es zum ersten Mal vier Keyboards. Steve hat dagegen seine vielen kleinen Geräte rund um den Ableton-Controller deutlich reduziert.

Die letzten Besucher trudeln ein und werden mit einem launischen "Wir sind gerade bei der Zugabe" begrüßt.  Keine Sorge: Es sollte gerade erst mit 'EG 1' losgehen.  Und nein, es ist nicht geplant, sich mit der Benamung der Titel an die Praxis eines großen Meisters aus Frankreich anzulehnen.  Die Titel haben schlicht noch keine Namen, Vorschläge aus dem Publikum werden nach dem jeweiligen Titel entgegengenommen.

"Dann starten wir mal", aber schön langsam, mit dunklen Flächen, erst nach gut zwei Minuten setzen fühlbare Beats ein.  Langsam nimmt die Eisenbahn Fahrt auf, das ganze erinnert mich an die Performance von Steve auf der letzten Gartenparty in Hamm.  Nach gut zehn Minuten hat der Zug seine erste Station erreicht.  "Kann man so machen" ist der trockene Kommentar von Stefan - kein Widerspruch.

Zusammen mit den ersten Titelvorschlägen kommt aus dem Saal die Frage, wie denn das Zusammenspielen auf der Bühne funktioniert. Kurz gesagt: es muss auch ohne Reden gehen, ab einer gewissen 'Vertrautheit' hat man ein Gefühl dafür, was der andere als nächstes machen will, und wie man darauf eingeht.  Musik ist eben auch eine Sprache, und eine sehr universelle, wenn es darum geht, Gefühle und Emotionen auszudrücken.  Damit die für die kommende CD festgehalten werden, läuft die ganze Zeit der Recorder mit. Die Aufnahme darf man sich übrigens nicht so vorstellen, dass das gespielte einfach so eins-zu-eins auf die CD kommen wird.  Die finale Abmischung wird im Studio gemacht, dafür werden die Keyboards und Instrumente separat auf zwölf einzelnen Spuren aufgezeichnet.  Auch die Reihenfolge der Titel wird eine andere sein.

Ein kurze Blick auf den Recorder, der läuft, dann ist es Zeit für 'EG 2'.  Wie bei dem Titelstück der s-thetic sind die Grundideen dafür von Stefan gekommen, und Steve demonstriert an seiner DAW, wie er diese dann noch einmal verändert und verfremdet hat.  Wie das ganze dann klingt?  Deutlich weniger rhythmisch, dafür mehr Flächen und Effekte.  Dazu passend laufen auf dem Beamer Unterwasser-Szenen - ein kleiner Ausflug in den elektronischen Gartenteich.  Als der Ausflug zu Ende ist, zeigt der Recorder neun Minuten und eine Sekunde - "kam mir nicht so lang vor", meint Stefan.  Ja, uns auch nicht ...

Danach ist erst einmal wieder Zeit für Fragen.  Wie denn der Album-Titel "Electronic Garden' zustande kam, wird gefragt.  Für Steve und Stefan sind ihre Instrumente, mit ihren bunten und blinkenden Lichtern der Garten, in dem sie sich ausleben dürfen. Und wo wir schon bei Ursprüngen sind, eine immer wieder gern gestellte Frage: Wie seid Ihr zur elektronischen Musik gekommen? Die Antworten klingen nicht ganz unvertraut: in seinen frühen Teenager-Jahren wird man musikalisch für den Rest des Lebens geprägt, und da fallen Namen wie Kraftwerk, Tomita oder Tangerine Dream, aber nicht nur.  Bei Steve war es auch der Synthie-Pop der frühen 80er-Jahre, bei Stefan auch Saga.  So entwickelt jeder Elektroniker seinen eigenen Stil, und wenn die sich wie bei Steve und Stefan ergänzen, dann wird die Synthese daraus richtig gut.

Der folgende Track drei ist ein schönes Beispiel dafür.  Die Aufnahme nicht vergessen, dann kann es losgehen.  Im ersten Moment hat man den Eindruck, dass die Sequenzen von der einen und die Rhythmen von der anderen Seite sich noch nicht ganz gefunden haben, aber dann auf einmal passt die Mischung und es geht ab. Auch Steve hält es nicht mehr auf seinem Hocker und er wirbelt im Stehen an seinen diversen Gerätchen, die vor ihm ausgebreitet sind.  Kurzer Kommentar von Stefan: "Ja, lassen wir so!" - keine Einwände.

Nach diesem furiosen Titel brauchen Musiker und Publikum doch erstmal eine Pause.  Die Zeit für Kuchen ist vorbei, jetzt sind eher heiße Würstchen und Salat angesagt.  Der Kaffee geht aber immer noch gut, es ist wieder frisch geworden.  Die Wolken am Himmel haben sich verzogen, und wer will, kann in der Pause einen schnellen Blick durch das große Teleskop machen.

Nach der Pause ist ein Tempowechsel angesagt.  Zu den sanften Rhythmen und der chilligen Stimmung von 'EG 4' passen Bilder von Nordlichtern und Landschaften.  "Wir lassen einfach weiterlaufen", meint Stefan danach, die Zuhörerschaft ist den Rest ihrer Fragen offensichtlich schon in der Pause losgeworden. Abwechslung bleibt Trumpf: die Sequenzen werden in 'EG 5' härter, und zum ersten Mal an diesem Abend trägt Stefan sein Piano-Spiel bei, das auf seinen Solo-Produktionen eines seiner Markenzeichen ist.

"Zwei haben wir noch", der Ausflug in den elektronischen Garten neigt sich seinem Ende zu.  Zeit für ein furioses Finale: Der Beamer zeigt Bilder von Wirbelstürmen, und auch musikalisch fegt ein Tornado durch den elektronischen Garten - wow, das ist mein bisheriger Favorit!  Wie soll man das jetzt noch toppen? Eigentlich wäre Teil sieben an der Reihe, aber die spontane Entscheidung ist, davon eine schöne Studio-Version zu machen. Stattdessen kommt das Titelstück der s-thetic als Zugabe zu Gehör, ein Titel, der - so sagt Stefan - in keinem Auftritt von Baltes und Erbe fehlen darf.  Man kennt ihn schon in vielen Variationen, sei es als das 'Erbe-Original' von der '2club Genetica', so wie ihn Steve solo letztes Jahr in Hamm gespielt hat, oder in der Studio-Version von der CD.  Heute kommt er sehr rhythmisch daher, und der Spass daran ist dann auf beiden Seiten so groß, dass als zweite Zugabe doch noch eine Rohfassung von 'EG 7' zu Gehör kommt.  Fette Beats, kombiniert mit Stefans Piano, ja, es wäre schade, wenn man das heute nicht gehört hätte - ein perfekter Schlusspunkt für diesen Abend, der die Erwartungen an die CD und den finalen Mix hoch hängt.  'Electronic Garden' verspricht ein sehr abwechslungsreiches Album zu werden, das Warten hat sich gelohnt.  Die Besucher dieses Events müssen übrigens etwas weniger lang warten, sie werden einen kostenlosen Download bekommen, sobald die Arbeit im Studio getan ist.

Die CD-Premiere von 'Electronic Garden' für den Rest der Welt ist für den 29. April geplant, wenn es wieder 'Sound of Sky' im Bochumer Planetarium heißt.  Leider müssen sich EM-Fans entscheiden, ob sie an diesem Tag nach Oirschot zum E-Day fahren oder nach Bochum.  In Bochum geht es aber erst um neun Uhr am Abend los, man könnte auch erst nach Holland fahren und dann später nach Bochum ... nun, wir werden sehen und berichten.

Alfred Arnold