Berichte

Die Konzerte mit Broekhuis, Keller und Schönwälder in der Repelener Dorfkirche haben eine lange Tradition.  Nicht viele EM-Events können eine Historie von mittlerweile 13 Jahren vorweisen.  Ob die Zahl 13 in diesem Fall eine Glücks- oder eher Unglückszahl ist?

Für mich begann die Fahrt nach Repelen dieses Jahr jedenfalls mit Hindernissen.  Nach immerhin 20 Jahren, unzähligen Konzerten in den letzten Jahren und fast 190.000 Kilometern ließ mich mein Wagen am Donnerstag auf dem Hansemannplatz, Aachens zentraler Kreuzung, im Stich.  Mit Müh und Not bekam ich ihn am Freitag zur Werkstatt, schon darauf gefasst, mit einem Mietwagen nach Repelen zu fahren.  Dann um halb elf der erfreuliche Anruf: der Wagen läuft wieder, und die Rechnung blieb im zweistelligen Bereich.  Also schon einmal Glück im Unglück, und der Fahrt mit dem eigenen Wagen steht nichts im Weg.

Ein früher Feierabend mit anderthalb Stunden Fahrt nach Repelen bedeutet natürlich auch, dass das Abendessen ausfällt und vor Ort nachgeholt werden muss.  Das war in den letzten Jahren kein Problem, wem die (angesichts der Qualität gerechtfertigten) Preise des Restaurants "Zur Linde" doch etwas zu gehoben sind, für den gab es um die Ecke immer eine Imbissbude mit Döner, Pommes oder Pizza.  Nur leider hat sie dieses Jahr ausgerechnet in dieser Woche Urlaub.  Auch wieder Glück im Unglück: Es ist noch genug Zeit, sich von der Kirche aus zu Fuß in Richtung Stadtzentrum aufzumachen, und siehe da, die nächste Imbissbude ist gar nicht so weit weg.  Es ist jetzt halb sieben - Zeit, sich mit dem Döner in der Hand auf den Rückweg zur Kirche zu machen.

Im Vorraum der Kirche die nächste Überraschung: wo ist der CD-Stand von Syngate und Manikin geblieben?  Nach ein paar Minuten taucht Mario mit der Abendkasse auf und erklärt, der CD-Stand wäre jetzt drinnen.  Nach dreizehn Jahren musste man doch mal das eine oder andere ändern.  Was sich nicht geändert hat: vorbestellte Karten können jetzt abgeholt werden, ebenso im voraus bezahlte USB-Sticks mit Aufnahmen der Proben für den heutigen Abend.  Eintrittskarten sind in Repelen übrigens nicht rein virtuell, sondern aus Papier und extra für den Anlass gedruckt.

Kurz vor sieben ist dann Einlass, eine erkleckliche Anzahl von Besuchern drängelt sich in Vorraum und wartet darauf, dass sich die Türen öffnen.  Wie man später übrigens erfährt, kommt der am weitesten angereiste Besucher aus Russland!  Die ersten beiden Reihen sind für Verwandte und 'VIPs' reserviert, für den Rest der Plätze gilt aber das 'First-Come, First-Serve' Prinzip.  Ein Platz in der dritten Reihe ist für eine Kompaktkamera mit beschränktem Zoom zwar nicht ideal, aber es reicht noch, um ein paar anständige Fotos schießen zu können.

Nachdem der Platz gesichert ist, kann ich mich noch kurz dem CD-Stand zuwenden.  Jetzt wird mir auch klar, warum er aus dem Vorraum hierher verlegt wurde: neben Manikin und Syngate hat der 'Gaststar' des Freitag Abends, David Wright, auch noch das Portfolio seines Labels AD Music mitgebracht.  So ein Dreifach-Stand hätte beim besten Willen nicht mehr in den Vorraum gepasst, besonders nicht, wenn sich die Interessierten um ihn drängen.

Pünktlich um halb acht beginnt dann das erste Konzert, dem Gast aus England wird natürlich der Vortritt gelassen.  Die Anmoderation übernimmt dieses Mal nicht der Hausherr, Pfarrer Uwe-Jens Bratkus-Fünderich, sondern eine seiner Mitarbeiterinnen, die alle Musikveranstaltungen in der Repelener Kirche betreut.  In der Dorfkirche läuft ja nicht nur elektronische Musik, sie ist auch für Musik verschiedenster anderer Stilrichtungen ein beliebter Spielort.

Am heutigen Tag ist aber - wie immer am Freitag - 'Elektronik pur' angesagt, bei David Wright ergänzt um Carys und ihre Vocals. Die beiden haben gerade ihr neues Album 'Prophecy' veröffentlicht, und die Musik aus diesem Album soll auch die Grundlage für die erste Stunde bilden.  Versprochen wird eine Reise vom Meer zu den Sternen.  Was das eigene 'Kopfkino' zur Musik spielt, ist natürlich jedem selbst überlassen.  Meine Assoziationen zu Beginn sind Bilder von einem Wald oder Sumpf bei Nacht - sparsame Sounds, und der Gesang von Carys erinnert ein bisschen an die Schreie der Tiere, die so einen Ort in der Dunkelheit erfüllen.  'Gesang' ist eigentlich auch nicht ganz das richtige Wort, um Carys Beitrag zu den Titeln zu erfassen.  Sie setzt ihre Stimme auch wie ein weiteres Instrument ein, die Klänge haben einen klagenden und manchmal wehmütigen Stil.  Es erinnert mich an die Vocals, die Matzumi auf ihren Titeln benutzt.

Nach einigen Minuten lassen David und Carys den Wald hinter sich und erheben sich in die Lüfte, so wie versprochen: Streicher-Sounds und sanfte Sequenzen kommen hinzu, irgendwann auch der wiegende Rhythmus, der für mich eines der 'Markenzeichen' von Davids Musik ist.  Gewittergrollen leitet zum zweiten Teil über, aber nachdem wir durch die Wolken durch sind, sind wir endgültig 'up to the stars', empfangen von sphärischen Klängen, bis auch hier wieder der wiegende Rhythmus einsetzt.

Ein fast unharmonischer Bruch beendet diese Reise zu den Sternen abrupt.  David greift kurz zum Mikrofon und verspricht für den dritten Teil eine Überraschung - welche er gemeint hat, habe ich leider nicht herausgefunden.  Die Überraschung für mich: Carys singt in diesem Teil einige Zeilen auf Deutsch.

Mit diesem dritten Teil ist der Auftritt von David Wright und Carys (leider) auch schon zu Ende.  Eine kleine Umbaupause muss sein, um Instrumente abzubauen und den Blick auf die Plätze von Bas Broekhuis, Detlef Keller und Mario Schönwälder freizumachen. Wie in den Vorjahren auch, haben die drei sich wieder etwas einfallen lassen, um ihre Keyboards zu dekorieren.  Dieses Mal hängen Vorhänge von der Decke, so ähnlich wie die Vorhänge, die man in tropischen Regionen gerne über sein Bett bei Nacht hängt, um von Mücken und Insekten verschont zu bleiben.  Mücken gibt es aber gar nicht um diese Jahreszeit, die Vorhänge dürfen offen bleiben.  Das ist auch gut so, man will die Drei ja sehen können.

Detlef, Organisator dieses Events, übernimmt wie immer die Einführung.  Was heute gespielt wird?  Wie es sich für die Berliner Schule gehört, ein langer Titel, der 'TD Jam Nr. 1' heißt.  'TD', weil es die drei an Tangerine Dream erinnert hat, aber auch weil Detlef damit 'Tausend Dank' sagen will - an all die Personen drumherum, die dieses Event jedes Jahr aufs Neue wieder möglich machen.  Wo wir gerade dabei sind, wir sind ja in einer Kirche, hatten wir heute schon ein Vaterunser?  Nein?  Dann wird das jetzt nachgeholt, aber natürlich auf passende Weise, nämlich mit den Intro aus Klaus Schulzes Klassiker 'Floating'. Ein guter Lacher für den Einstieg, BK&S sind ja nie um ein Späßchen verlegen.  Danach kann es mit dem 'TD Jam' losgehen.

Wie es sich für Berliner Schule gehört, dominiert erst einmal die Sequenz, die als Rhythmus und 'Motor' des ganzen dient.  Aber BK&S wären nicht BK&S, wenn sie das alleine so stehen lassen würden.  Alle paar Minuten wechseln sich von der Sequenz dominierte Phasen mit solchen ab, wo sie in den Hintergrund tritt und Platz für andere Klänge macht, seien es Marios sphärische Klangflächen, Melodielinien von Detlef oder der 'menschliche Drumcomputer' Bas Broekhuis, der auf die Sequenz noch einmal gut aufbauen kann.  In eine der spärischeren Phasen fällt auch der Einsatz der Laserharfe, die Detlef in Repelen immer dabei hat. Die macht nicht nur Töne, mit den abgelenkten Laserstrahlen kann man auch prima herumspielen und die Kollegen auf der Bühne ein wenig 'kitzeln'.

Dieses Wechselspiel hält mindestens eine Dreiviertelstunde an, vielleicht auch mehr - ich erinnere mich nicht mehr so genau, dazu werden ich und meine Sitznachbarn viel zu sehr in den Tunnel mit hineingezogen.  Die gemeinsame Verbeugung danach macht Glauben, das wäre es schon gewesen, oder doch nicht?  Detlef erklärt, solange die Band noch nicht vorgestellt wurde, ist es noch nicht vorbei - oder vielleicht doch und Ätsch?  Nein, natürlich nicht, nach einer gegenseitigen Vorstellungsrunde geht der 'TD-Jam' noch in eine Extrarunde.  Rhythmus und Sequenz haben jetzt endgültig das Regiment übernommen, und auch dazu passt die Laserharfe.

Dann ist es aber doch geschafft, so um viertel nach zehn ist der erste Teil des diesjährigen Repelener Doppel-Events 'durch'.  Wer mehr sehen und hören will, muss morgen wieder kommen, wer das nicht tut - naja, selber schuld ...

... denn am zweiten Tag ist wird es erst richtig bunt, und zwar nicht nur, weil Andre Löbbert an diesem Abend am Licht-Mischpult sitzt, sondern vor allem weil mit Raughi Eberts Gitarre und Thomas Kagermanns Geige die Elektronik um zwei akustische Farben ergänzt wird.  Ein Highlight am Samstag ist auch immer Eva Kagermanns Ausdruckstanz, man ist gespannt, welche Kostüme sie sich dieses Mal dafür ausgedacht hat.

Dieses Mal ist der Bühnenaufbau am Samstag der gleiche wie vom Freitag, lediglich die Keyboards von David Wright haben Platz gemacht für Raughi und Thomas.  Die drei 'Arbeitsplätze' von Bas, Detlef und Mario mit ihren Vorhängen sind unverändert zum Freitag.  Große Kamera-Aufbauten wie in letzten Jahr sind dieses Mal auch nicht zu sehen, es sieht so aus, als würde es im Gegensatz zum Vorjahr ein nicht ganz so 'bombastischer' Auftritt werden.  Das muss aber nicht verkehrt sein.  Mit ein paar Minuten Verspätung geht das Licht aus, und zur Eröffnung läuft wieder das arabische Vaterunser aus Klaus Schulzes 'Floating' - für diejenigen, die am Freitag nicht dabei waren, ein neuer Gag.

Der 'Einsteiger' kommt ganz sachte und langsam daher, und passend zu dem eher puristischen Aufbau an diesem Abend hat Eva auch das Kostüm für ihren ersten Tanz gewählt.  Sie trägt ein schlichtes, weißes Ballettkleid, dazu noch eine weiße Maske und Handschuhe, und spielt mit einer Rose.  Wie dieses erste Stück heißt, verrät Detlef erst danach - es ist ganz schlicht der "Opener".

Entspannt bleibt es auch im zweiten Titel "First Lounge". Rot-blaue Licht-Variationen unterstreichen jetzt den Takt, etwas Gas gibt gibt die Musik schon, wenn auch nur sachte.  Immerhin bekommt Bas jetzt auch etwas zu tun, und Thomas zupft seine Geige nicht nur mehr.  Die Musik nimmt Fahrt auf, aber das Tempo bleibt weiter gemächlich, so wie auch im dritten Titel "One Step Backwards".  Wie dieser Name zustande kam?  Bas ist bei den Proben mit einer Sequenz hängen geblieben, er kam nicht vor und nicht zurück.  Aber auch um so ein 'Missgeschick' kann ein Titel gebaut werden - womit wir wieder beim Glück im Unglück wären.

Wo wir gerade bei Namensgebungen sind: Bei Titel Nummer vier hatte Mario bei einer Sequenz die Assoziation von dahinströmendem Wasser.  Sein letzter Urlaub war in Paris, also schlägt man kurzerhand die Karte auf und hält nach einer Brücke Ausschau, deren Name noch aussprechbar ist - "Pont Neuf" ist das Resultat, ein ausladender Titel, in dem auch wieder Platz für Detlefs Laserharfe ist.  Die Grundstimmung bleibt weiter ganz sanft und ruhig, bisher hat es noch keinen echten Knaller gegeben.  Ich denke so bei mir, dass Bas langsam unruhig auf seinem Platz werden müsste.  Der kriegt dafür vor dem nächsten Titel eine besondere Erwähnung.  Bisher war Bas eher Anhänger 'traditioneller' Musikelektronik, Notebook, Smartphone und Tablet hat er verweigert.  Seit diesem Wochenende ist das anders: auf einem Tablet läuft die Simulation eines 'Hang', eines neu nicht mehr erhältlichen Musikinstrumentes.  Da seine Reinkarnation aus Kunststoff noch nicht ganz fertig ist, muss für heute die Emulation auf dem Tablet reichen.

Danach ist es auch schon Zeit für den sechsten und letzten 'regulären' Titel des Abends: "Moldur", aus Detlefs Feder.  Man könnte fast meinen, all die Emotionen, die bei den ersten fünf Titeln dieses Abends im Zaum gehalten wurden, brechen sich jetzt ihre Bahn.  Bas wirbelt an den Drums, Raughi hat auf die elektrische Gitarre gewechselt und auch Thomas spielt sich mit seiner Geige in Ekstase.  Eva hat dazu ihren zweiten Auftritt des Abends, kostümiert als rot-schwarzer Schmetterling geht sie das Tempo tänzerisch mit.

Brausender Applaus ist der Lohn für diesen Schlusspunkt, aber zu Ende ist der Abend nach dieser ersten Verbeugung natürlich noch nicht: "Das habt Ihr davon, wir machen weiter" - so kann man das auch sehen.  Und wie Detlef schon am Freitag Abend feststellte, kein Auftritt ist zu Ende, bevor die Band vorgestellt wurde. Wenn es eine "First Lounge" gab, so muss natürlich irgendwann eine "Second Lounge" geben, und die dient jetzt als Background für die Vorstellungsrunde.  Dabei schaltet das Tempo wieder ein oder zwei Gänge zurück, trotzdem ist dieses Mal in der Lounge mehr los als zu Anfang.  Der 'Drive' des letzten Stücks wirkt noch nach.

Raughi und Thomas bekommen nach der Vorstellungsrunde noch einen Extra-Auftritt.  Detlef erinnert an die ersten Auftritte von BK&S in Repelen, als die Drei noch 'alleine' waren und noch ohne großen Aufbau und Podeste quasi auf dem Boden saßen uns spielten. Ein paar Jahre später kam der Kontakt zu Thomas und Raughi zustande.  Am heutigen Abend bekommen die beiden Raum für Ihr Solo.  Die Synthesizer müssen für die nächsten zehn Minuten schweigen, während Gitarre und Geige sich in ihrer Improvisation gegenseitig hochstacheln - 'Spaß pur' nennt Detlef das Ganze danach.  Dem kann ich nicht widersprechen.

So langsam neigt sich der auch der Samstagabend dem Ende zu.  Ein 'Rausschmeißer' muss noch sein, "Happy Day" genannt, damit ist eigentlich schon alles gesagt.  Eva ist auch noch einmal auf der Bühne, dieses Mal wieder fast ganz in weiß und mit Flügeln. Zuguterletzt die große Verbeugung aller Beteiligten in alle Richtungen, und das diesjährige Repelener Event ist vorüber. Vielleicht war es dieses Mal eine Nummer kleiner als voriges Jahr, als das "Dutzend" voll war.  Die Reise hat sich auch dieses Mal ohne Frage wieder gelohnt und niemand ist enttäuscht worden - die dreizehn hat definitiv kein Unglück gebracht.  Der Gastauftritt von David Wright und Carys am Freitag war neu, und man darf gespannt sein, was sich die 'Dreierbande' für Nummer vierzehn einfallen lassen wird.  Der Termin steht schon, es wird wieder Anfang März so weit sein, präzise gesagt am neunten und zehnten März.

Alfred Arnold