Kolumne

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie früher an (elektronische) Musik gekommen sind? Also ich mich noch ziemlich gut.

So Mitte der 80er Jahre, als ich Winfrid Trenkler's 'Schwingungen' gerade entdeckt hatte, war ich noch Schüler und wohnte in einer kleinen Stadt im Bergischen Land.  Es gab einen kleinen Radioladen, der hatte auch ein Plattenregal, und es störte den Händler nicht allzusehr, wenn sich die Teenager auf den ausgestellten Stereoanlagen die eine oder andere Platte auf Kassette überspielten - solange er die Kassetten verkaufte.  Das Plattenregal war naturgemäß nicht allzu groß, und EM-mäßig war dort nicht allzuviel zu finden.  Zum nächsten echten Plattenladen in der nächst-größeren Stadt war es eine Stunde mit dem Bus, und die richtig große Auswahl gab's erst im Saturn in Köln.  Fehlende Motorisierung und begrenzte finanzielle Mittel setzten solchen Ausflügen natürliche Grenzen, so hat man sich bestenfalls alle zwei oder drei Wochen ein neues Stück Vinyl geleistet.  CD-Player gab es zwar auch schon, aber für die wurden damals noch vierstellige Preise aufgerufen.

Neben den 'großen EM-Heroen' (die vielleicht auch noch ein Stückchen populärer waren als heute) gab es auch damals schon Musiker, die darum kämpfen mussten, dass ihre Musik Verbreitung fand.  'Hevron' von Peter Schäfer steht noch in meinem Plattenschrank, damals gepresst in einer Mini-Auflage von 250 Stück.  Nachdem ich in 'Schwingungen' Ausschnitte gehört hatte, telefonierte man einen Nachmittag herum, schickte einen Verrechnungsscheck mit der Post und mit etwas Glück hielt man nach ein oder zwei Wochen die ersehnte Platte in der Hand.

Abgesehen von dem, was Winfrid Trenkler einmal in der Woche sendete, war der musikalische Input also eher überschaubar.  Dafür hatte man auch die Zeit, die Neuerwerbung viele Male und intensiv zu hören - so intensiv, dass ich viele der 'Klassiker' von TD oder Schulze gar nicht mehr auflegen muss.  Es reicht, das 'Kopfkino' anzustellen, und die Erinnerungen daran kommen zurück.

Und wie sieht es heute aus?  Alleine an Podcasts und Internet-Radiosendungen zum Thema EM kann ich mir pro Woche ein Dutzend herunterladen.  Alben kaufe ich zum großen Teil nicht mehr auf CD, sondern als Download bei Bandcamp & Co.  Ein recht gut bezahlter Job als Software-Entwickler sorgt dafür, dass man sich um einen Download a 10 Euro mehr oder weniger keine großen Gedanken machen muss.  Dazu dann noch die Mitschnitte aus virtuellen Tickets (eine wirklich gute Idee), und das eine oder andere auf halb-legale Weise Ertauschte, und man hat einen großen 'Stapel' der Dinge, die man sich anhören will.  Es verwundert nicht, dass ein neues Album oder ein neuer Künstler nur eine Chance beim Hören bekommt, und wenn es einen nicht beim ersten Mal anspricht, dann war es das auch.

Das ist natürlich unfair gegenüber dem Musiker, denn Musik in ihren Details erschließt sich erst bei mehrfachem Zuhören.  Da hat jemand vielleicht viele Monate Arbeit und Herzblut in eine Produktion gesteckt, und das hätte mehr Beachtung verdient.  Die bekommt er aber nicht, weil er in der Flut der Veröffentlichungen untergeht, und die Konsumenten auf das Bewährte setzen und im Zweifelsfalle doch dem Werk mehr Gehör schenken, dessen Schöpfer sie schon kennen.

Ob ich jetzt in die 80er zurück will?  Ob ich es besser fände, man bekäme weniger Musik, die ich sich dann - gezwungenermaßen - öfter anhören muss?  Keinesfalls!  Ich will gar nicht darüber nachdenken, wieviel tolle Musik damals nicht den Weg zu den Hörern fand, weil es einfach zu schwierig war, sie zu verbreiten.

Zugegebenermaßen, man muss aus dem Überangebot sieben.  Das Internet macht es etwas zu leicht, die eigenen Produkte zu verteilen. Stellenweise wünscht man sich, die Musik wäre noch etwas länger im heimischen Studio gereift, oder dass der Künstler selber etwas kritischer mit der Auswahl wäre.  Bei einem Dutzend Alben, die der eine oder andere EM-Musiker pro Jahr 'raushaut', fragt man sich doch, ob ein paar Alben weniger zu mehr Substanz führen würden und bessere Chancen hätten, eine nennenswerte Menge an Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Solchen Viel-Veröffentlichern bin ich zum Beispiel begegnet, als ich die Kandidatenliste für die Schallwelle zusammengestellt habe.  Man hätte eine Vorauswahl treffen können, ich habe mich letzten Endes aber dagegen entschieden und alles auf die Liste aufgenommen.  Die Begründung dafür: Auswahl ist eine Form der Freiheit, deshalb ist sie gut und wichtig.  Sie und ich sind alle mündige Musikhörer, Sie können selber am besten entscheiden, was Ihnen gefallen könnte und was nicht.  Wir leben in glücklichen Zeiten, in denen wir aus einem riesigen Angebot aus Musik auswählen können.  Ich will damit nicht sagen, dass ich in den 80ern unglücklich war, damals konnte kaum einer ahnen, wie die Welt in dreißig Jahren aussehen würde.  Aber heute ist es definitiv besser.

Die Quintessenz: Machen auch Sie Gebrauch von diesen Auswahlmöglichkeiten!  Laden Sie sich auch mal ein Album von einem Musiker herunter, den Sie noch nicht kennen, anstatt sich das remasterte soundsovielte Re-Release von bekanntem Material in den Plattenschrank zu stellen!  Schauen Sie mal links und rechts von dem, was Sie sonst hören!  Natürlich wird vieles dabei sein, was nicht gefällt, aber früher oder später auch die unerwartete Perle, die die Mühe wert war.  Sie sichern damit letzten Endes auch die Zukunft der EM, denn Künstler leben von der Aufmerksamkeit des Publikums.  Werden Newcomer nicht wahrgenommen, wird es immer weniger von ihnen geben. Und die 'alten Heroen' sterben irgendwann weg, bzw. sie tun es gerade.

Alfred Arnold

Kommentar schreiben


Sicherheitscode
Aktualisieren