Rezensionen

Ambiente Musik kann man auf zweierlei Art hören: entweder ihrem Ursprung nach, als beiläufige Musik im Hintergrund, oder intensiv, was zum einen ein gewisses Maß an Konzentration erfordert und zum anderen unweigerlich zu einem Gedankenfilm führt. Tribal Ambient ist dabei eine Besonderheit, denn unweigerlich führt ihr Stil zu Bildern aus einer anderen, älteren Welt. Hier mischen sich moderne Klänge und Flächen mit jenen vergangener und fremder Zeiten, spielen elektronische Instrumente im Einklang mit eingängigen aber nicht unbeding aufdringlichen Rhythmen und kulturell verbreiteten Klangerzeugern.

Mit Blood Moon reihen sich Paul Casper alias Frore und Shane Morris in die bekannte Reihe amerikanischer Elektroniker ein, die Tribal als spannende Ergänzung zum sonst eher technisch angehauchten Ambient verstehen. Die insgesamt dennoch sehr ruhigen Stücke längerer Bauart vereinen dabei die leicht kühleren synthetischen Flächen und Effekte mit treibenden Rhythmen und warmen Klängen von Holzblasinstrumenten wie dem Duduk und diverser Flöten. Hierbei entstehen Hörerlebnisse, die mit eher schamanenhaftem Unterbau und eher orientalisch anmutenden Harmoniebögen der Fantasie ein weites Feld eröffnen. Es lohnt sich, genauer zuzuhören und in diese Welt hinein zu versinken.

Bezug: Spotted Peccary (erhältlich ab 3. April)

Stefan Schulz

Kellerkind Berlin ist ganz groß im Kommen. Überall ploppen Postings und Beiträge über ihn im Web auf, in denen steht dann so was wie „hast Du schon gehört", „das lohnt sich da mal reinzuhören", „ganz neu und richtig gut". Dabei ist Christian Gorsky schon seit Jahren als Musiker im Web unterwegs, hat 10 Alben produziert, und ist auf weiteren Samplern zu hören.

Signs ist sein aktuelles Album, und das erste mit dem ich in Berührung kam. Es ist vollständig auf dem Notebook entstanden. Und wer mich kennt weiß, dass ich von so was immer ganz schlimme Flecken am Hals bekomme. Ganz anders bei diesem Album. Kellerkind Berlin lässt seine PlugIn-Synths in sanften, aber charaktervoll gut durchzeichneten Klängen ruhige und wunderbar strukturierte Stücke spielen.

Ich habe Kellerkind Berlin zu den Sounds und den Arrangements befragt, und was sie über ihn aussagen. Er sagt: „Nun ich bastle gerne noch ein wenig daran herum, z. B. ob ich mir das selber anhören würde. Und ganz wichtig: meine Muse. Die muss jedes Stück über sich ergehen lassen und dazu eben auch Kritik oder Lob bringen. Ansonsten versuche ich meine Grundeinstellung zum Leben vielleicht wieder zu spiegeln. Entspannt (wenn möglich), genießen was grad da ist, und sich in der Musik einfach laufen lassen. So in etwa ..."

Christians Musik berührt mich auf eine sanfte und unaufdringliche Weise, die richtig gut tut. Und wenn das Album zu Ende ist, muss ich immer schwer mit der Versuchung ringen es gleich wieder zu starten. Chapeau!

Bezug: Signs auf Bandcamp für €4 (oder freiwillig mehr) als Download

Tom / flaechenklang.de

Die Musik von Mythos der letzten Alben war schon ein wenig abgedreht und teilweise experimentell, insbesondere was Sounds und Instrumenteneinsatz angeht. Mit seinem neuen Album um Jules Verne Forever jedoch zeigt sich der Berliner Musiker Stephan Kaske von einer melodische-faszinierenden Seite. Die 10 Stücke der CD erzählen jedes eine kleine musikalische Geschichte, angelehnt an die zugehörigen Veröffentlichungen Jules Vernes, und legen sich dabei mit wohlfeilen Klängen und Harmonien wie rhythmische Poesie in die Ohren. Dabei kommen die Strukturen der Songs mit einer erstaunlichen Leichtigkeit daher und bieten eine herrliche Atmosphäre, die einen durchaus in die literarische Reisen Vernes hineinziehen. Ein wahres Hörerlebnis.

Quelle: Groove Unlimited
Website: Mythos

Stefan Schulz

MLMluxVor längerer Zeit warf die Empulsiv-Redaktion schon mal einen Blick auf einen früheren Silberling des amerikanischen EM-Machers Kevin Lux, und muss nun erneut feststellen, dass es sich recht leicht ableiten lässt, welche roboterähnliche 4fach Combo aus dem Rheinländischen als Ideengeber für das aktuelle Release herhalten musste. Exakt, genau Die! Es klingt nicht nur so, sondern an vielen Stellen könnte man tatsächlich auch das vermeintliche Original vermuten. Schön, dass Lux doch noch eine eigene Charakternote eingebaut hat, so geht’s es nicht komplett als Plagiatsdublette durch und wir freuen uns über ein kurzweiliges Album auf dem es klickt und kracht, als hätten es die 4 gemacht.

www.kevinlux.com

Stefan Erbe

drachenreiseUnd wieder kehrt ein beinahe verlorener Musiker zurück! So oder so ähnlich könnte man die Rückkehr von Lambert Ringlage alias Lambert zu seinem ersten Soloalbum seit etlichen Jahren formulieren. Wer die damalige Musik von ihm noch kennt, wird sich schnell wieder heimisch fühlen, denn der Berliner Schuler ist er ebenso treu geblieben, genauso wie seinen Synths-Solis, die sich sehr Variantenreich in die sequenzierten Tracks einbetten und einiges an traditioneller Stimmung aufkommen lassen. Der Essener Spheric-Labelmacher hat in den 12 Stücken seines feuerspeienden Ausfluges einige tolle Ideen vermengt, gefreut hätten wir uns über noch mehr Mut in der Verwendung drumatischer Elemente. Trotzdem wollen wir uns über den nächsten Heimkehrer freuen, der scheinbar wieder viel Spass am musizieren gefunden hat und nun bitte nicht noch mal für 20 Jahre in ein „EM-freies-Kloster“ einziehen wird. Gut so.  www.sphericmusic.de

Stefan Erbe  

Orbis Tertius cover artNormalerweise sitzt Sylvain Mazars auf der "anderen" Seite, auf der des Autors und Rezensenten. Für seinen Internet-Blog recherchiert er seit einiger Zeit regelmässig im EM-Umfeld und publiziert seine Artikel in französischen Gefilden. Dass er selbst auch Musiker ist und nun auf Syngate seinen Erstling veröffentlicht, muss nicht zwangsläufig die Arbeit als "Schreibkraft" boykotieren, vielmehr vermuten wir eine ausreichende Konsumierung von musikalischen Fremdgut, was wohl motivierend nachgeholfen haben könnte. Sein faible für die traditionelle Berliner Schule, durchzieht das gesamte Album und manifestiert sich in der intensiven Anwendung von ausgeprägten Sequenzer-Elementen, die vielfach hübsch in Szene gesetzt werden und native Veränderungen erfahren. Der gebotene Minimalismus offeriert aber das Verlangen, sich komplett ins Album einzufinden, um die gebotenen Variationen als Stilmittel zu erkennen. Die 5 Tracks umspannen deutlich mehr Themen als vermutet und hätten gerne auch auf weitere Stücke ausgelagert werden dürfen, dafür hätten einige der Geschichten auch in kürzere Zeit erzählt werden dürfen. Dennoch erlaubt sich die Album-Kritik, das vermeintliche Erstlingswerk als Potentialgeber zu betrachten, denn die ausgefeilten französischen Sequenzen gefallen nach mehrmaligen Hören immer Besser.

www.syngate.biz

 

Stefan Erbe

Sehr schön, da isse!  Vor einigen Monaten schon angekündigt, dann haben einige Leute dem lieben Michael Brückner die Bude eingerannt, weil sie alle ungeduldig geworden sind. Dann ist es etwas ruhiger geworden und nun ist sie da, die "Two Letters From Crimea". Auf dem Trailer, den Michael schon vorher rausgerückt hat, konnte man schon einen guten Eindruck bekommen, der jetzt voll bestätigt wurde. Auf dieser DoCD, dessen Material zum größten Teil aus einem Konzert am 1.April 2014 in der St. Peter-Kirche in Frankfurt stammt, lässt es Michael etwas ruhiger angehen und mehr die tolle Athmosphäre auf den Hörer wirken. Alles sehr eingängig, keine wilden Überraschungen  - nein, "nur" richtige, gute Ambientmusik, die sich sehr angenehm hören lässt! Aber mehr möchte ich nicht verraten. Hört am besten selbst.

http://michaelbrueckner.bandcamp.com/

Uwe Saße

Auch nach mehrmaligen Hören des neuen Longplayers von Jürgen Krutzsch ist der Rezenseur noch immer hin- und hergerissen. Zum Einen gefallen die Sounds, die sehr unterschiedlichen Ideen und die Vielfalt, aber dagegen steht das etwas ziellose umherirren zwischen diversen Pionier-Vorlagen verschiedener Groß-Elektroisten und den etwas ungenauen kompositorischen Handwerklichkeiten. Dabei sind die gedrehten Schleifen keineswegs Langweilig oder es mangelt an tollen Ansätzen, vielmehr ist es der Eindruck, dass dem Album noch ein bisschen mehr Produktionszeit ganz gut getan hätte. Allerdings möchte der kritische Blick des Zeilenerezeugers dieses Artikels eingestehen, dass der subjektive Eindruck immer auch unterschiedliche Meinungen hervorbringen darf und wir  an vielen Cue-Punkten des Albums, trotzdem gut unterhalten wurden. 

https://www.facebook.com/cinemabypoengse

Stefan Erbe