Rezensionen

gs complDer in den USA-lebende Gunnar Spardel beglückte uns in Vergangenheit mit wirklich erstklassigen Tigerforrest Alben und schickt nun mit "Simplicity in a complex world" sein musikalisches alter Ego in die weite E-Welt. Wer die Tracks der TF-Alben kennt, weiß um die tollen Arrangements die Spardel zwischen Ambient, Chill-Out, Lounge und EM zusammenfügt und sich nahtlos damit in die Riege der ganz großen Melodic-Elektronik-Produktionen einfügt. Auf seinem Side-Kick-Projekt ist es nun ein bisschen anders, denn hier stehen imposante Orchestrale Klangteppiche, einzelne Streichinstrumente und sehr oft das Klavier im Vordergrund. Die Stimmungen erinnern häufig an Cineastische Filmthemen und reduzieren unsere Hörgewohnheit doch recht deutlich im Vergleich zu seinen ursprünglichen Kompositionen. Es wirkt dabei sehr persönlich und fast immer begleitet die Musik eine narratives Gefühl, dass Geschichten und Ereignisse zu erzählen scheint. An manchen Stellen mag es auch mal über das Ziel hinaus zu gehen, wünschte man sich (imho) nach einigen getragenen Takten, gerne auch mal etwas beatlastigeren Kontrast, aber dennoch ist auch diese Veröffentlichung eine kleines großes Meisterwerk geworden, das sich locker zwischen Nils Frahm und Jon Hopkins einreihen kann. Jetzt fehlt eigentlich nur noch der Blockbuster dazu.

https://gunnarspardel.bandcamp.com/album/simplicity-in-a-complex-world

Stefan Erbe

bw elsewhereUm die Musikwelt von Bernhard Wöstheinrich zu verstehen, ist es hilfreich vorab zu wissen, dass seine tonale, ambiente Dissonanz ein wirkungrelevantes Stilmittel ist und sich damit deutlich von üblicher Berliner Schule-Themen abhebt. In den vier Stücken von Elsewhere wird dies nicht nur erneut sehr deutlich, sondern vielmehr intensiviert und variiert der Wahlberliner, sich immer treubleibend, die Anwendung von Bluenotes zu (s)einer ganz eigenen Ausdrucksform. Der Höraufwand ist für den ungeübten Anwender manchmal herausfordernd, bietet damit aber sicherlich einmalige Hörerkenntnisse, die nachhaltig beeindrucken können, sofern der eigenen Verstand die durchaus komplexe Übersetzung vollziehen konnte. Zurück bleibt entweder eine kontroverse Ablehnung oder eine unerklärbare Faszination. Polarisation garantiert.

http://www.iapetus-store.com

Stefan Erbe

lemmer meerblickEin Zimmer mit „Meerblick“ könnte sehr romantisch sein. Die mir vorliegende Musik von Thomas Lemmer und Christoph Pabst könnte vielleicht kitschig sein. Doch sie hat mich trotz anfänglicher Bedenken vom Gegenteil überzeugt. Es gibt stilistische Parallelen zu der filigran-verspielt-pittoresken Musik von Stefan Erbe. Somit ist eine anspruchsvolle Richtung in der breit gefächerten EM schon mal anvisiert. Der Osnabrücker Thomas Lemmer ist ein etablierter Sounddesigner. Sein hervorragendes Pop-Electronic-Album „Still“ aus 2013 hat Eindruck hinterlassen. Der in Süddeutschland lebende Christoph Pabst zeigt hier sein Gespür für außergewöhnliche und entzückende Melodien. Es entstand eine wunderbare Kombination aus kreativem Sounddesign und organischen Klängen, unterstützt von diversen Effekten, wie zum Beispiel die Einbindung chinesischer Gitarren, das Klavierunikat Una Corda oder eine spanische Flamenco-Gitarre. Bei der Vielfalt an Soundelementen nebst dem obligatorischen Meeresrauschen könnte der eine oder andere Titel dem EM-Puristen nicht unbedingt entgegen kommen. Es gibt allerdings genügend Auswahl an exquisiter Electronic.

Alle Songs verbindet die Atmosphäre eines gechillten „Meerblicks“. Einfach mitreißend ist der groovige Track „Kalkfelsenbucht“ oder „SurfwellenSommer“ - spritzige, subtile Electronic mit knackigem Rhythmus. Richtig spannend klingt „Gezeitenkräfte“ und tief abtauchen kann der Hörer in der bizarren Unterwasserwelt des Titels „Korallenmeer“. Von Thomas Lemmer habe ich selten so wandelbare Klangbilder gehört. Schönes Album.

www.thomas-lemmer.com


Will Lücken

Cover TomEatonWer David Helpling & Jon Jenkins mit ihrem Ambient-Meisterwerk „Found“ aus dem Jahr 2013 mag, wird die Musik von Tom Eaton lieben. Erstaunlicherweise hat der Künstler die letzten 25 Jahre „nur“ als Vollzeitproduzent verbracht. Erst 2016 veröffentlichte Tom Eaton seine erste CD. Das vorliegende zweite Album „How it Happened“ beweist, dass er kein Anfänger in der Gestaltung delikater Klanglandschaften ist. Die Faszination liegt in der Verschmelzung aus elegischem Synthie-, Piano- und Ambient-Gitarrenklang. Weite, warme Flächen und mächtige Bassläufe. Eine spacige Musik, die die Seele berührt und die Zeit verlangsamt. Inspiriert wurde der Künstler von den Flüssen und Wäldern in New Hampshire, Vermont und Massachusetts. Man könnte sagen, die Musik klingt wie ein aufsteigender Nebelschleier an einem grauen Herbstmorgen irgendwo im Niemandsland, wo langsam aber kontinuierlich mit den ersten blassen Sonnenstrahlen das Leben erwacht. Tom Eaton verbindet die Welten der Elektronik und der Akustik und schafft neue Dimensionen in der „Musica Mystica“.

https://ambientelectronic.bandcamp.com/album/how-it-happened

Will Lücken

L IMPÉRATRICE MATAHARI WORLDWIDE COVER 150Französische Synth-Vokalalben verirren sich gewöhnlich selten in die Review-Ecke von empulsiv, aber beim folgenden Longplayer machen wir nicht nur eine Ausnahme, sondern freuen uns über die Existenz, der ganz international auch den englischsprachig-Affinen Synth-Pop-Enthusiasten erfreuen wird. Die Tracks der 6-köpfigen Band aus Paris klingen mal nach Daft-Punkt, Royksopp oder nach Rah Band, oder eben auch mal ganz simple, einfach nur elektroid. Space Disko meets Elektronica erscheint als übergreifendes Logo vor dem bewegenden Auge des Hörers. Ein lässiger Soundtrack für die kommenden Wein-, Cocktail-, Frühlings- und Sommerwochen, während man leicht schlendernd schlürfend, die ersten Sonnenstrahlen für sich einfängt. 

https://nbnberlin.de/limperatrice/

Stefan Erbe

schiller morgenstundChristopher von Deylens Musikprojekt Schiller ist ein Phänomen im Bereich elektronischer Musik. Mit seinem ihm eigenen Stil hat er eine musikalische Welt erschaffen, die sich abseits aktueller, populärer Trends weiterhin einer großen Beliebtheit zumindest beim deutschen Publikum erfreut. Sein neues Studioalbum Morgenstund erscheint nun, lange erwartet, am 22. März.

Für diese Rezension liegt mir die Deluxe-Edition des Albums bestehend aus einer CD und einer Blu-Ray Disc vor. Erwartbar findet sich auf der CD das eigentliche Album mit 16 Stücken. Die Blu-Ray beinhaltet diverse Videos zu einzelnen Stücken, sowie "Hinter den Kulissen"-Videos, die ein wenig Einblick in die Arbeit zum Album zeigen. Kernstück ist hier jedoch das komplette Morgenstund-Album in einer Surround-Fassung.

Das Album startet mit dem leicht verträumten, aber dennoch treibenden, Harmonia in gewohntem Schiller-Stil. Und auch in der weiteren musikalischen Ausgestaltung hört man von Deylens Signaturklang und Song-Gestaltung deutlich. In seiner bekannten Art und Weise produziert er auch auf Morgenstund seine spezielle populär-elektronische Musik. Daneben finden sich diesmal auch Reminiszenzen an musikalische Ären, wie ein an Synth-Pop erinnerndes Stück In-Between und an reine elektronische Musik mit Morgenstern, das in Zusammenarbeit mit Thorsten Quaeschning (Tangerine Dream) produziert wurde.

Das Titelstück Morgenstund, gesungen von Nena, entpuppt sich dabei als schlichter Deutsch-Pop-Track mit recht einfachen Lyrics. Allerdings im Gegensatz zu aktuellem Radiogeschehen mit positiver Ausrichtung, was auch mich, nicht unbedingt ein Fan Nenas, positiv überrascht.

Am Besten gefallen mir (weniger überraschend) die instrumentalen Tracks auf dem Album, wie Baum des Lebens, Shangri La und natürlich Morgenstern. Diese zeigen für mich eher die kompositorische Ader von von Deylen, abseits der populären Zwänge. Mit Ausnahme von Lichtjahre (mit Georgio Moroder), das eher wie eine Instrumentalversion eines Pop-Stücks klingt.

Mein Fazit zum neuen Schiller: Wer musikalische Revolution erwartet, ist hier verkehrt. Das Album bietet grundsoliden, angenehm zu hörenden elektronischen Pop a la Schiller, garniert mit ein paar inspirierenden, an traditionelle elektronische Musik angelehnte Instrumentale. In der Gesamtheit sicherlich ein gut hörbares Werk, auch wenn ihm wirkliche Highlights fehlen.

Website: http://www.schillermusic.com

Stefan Schulz

volcandreams

Vor ein paar Jahren hat David Pearson, der unter dem Namen "Computerchemist" veröffentlicht, schon einmal "Music For Earthquakes" eingespielt.  Jetzt ist er mit "Volcan Dreams" zur Geologie zurückgekehrt.  Wer jetzt angesichts des Titels einen bombastischen musikalischen Ausbruch erwartet, liegt nicht ganz richtig: Der Vulkan schläft über weite Teile der Zeit, und das Album bietet einen abwechslungsreichen Mix verschiedener Stimmungen, um in dem letzten der fünf Tracks einen passenden Schlußpunkt zu setzen.  Wie die Anzahl der Titel - un die daraus resultierenden Längen - erahnen lassen, macht der Computerchemiker keinen Hehl daraus, dass seine musikalischen Wurzeln bis in die 70er-Jahre zurückreichen. Erfreulich ist, dass er bei seinen Mixturen immer rechtzeitig einen Absprung findet, bevor sie langweilig werden könnten.  "Volcan Dreams" ist für die Fans von Berliner Schule und Sequenzen, aber nicht nur für die, auf jeden Fall einen Mitflug wert.

https://computerchemist.bandcamp.com/

 Alfred Arnold

 

CoverExoplanetMit voller Wucht schmettert uns Jens Buchert sein neues Album "Exoplanet" entgegen. Die ausgefeilten, komplexen Beats um die 120 bpm sind uplifting und clubtauglich - aber nicht zu dominant oder abgedroschen. Kribbelnde, markante analoge Synthesizer-Arpeggios verbinden sich mit weite, wärmende Flächensounds. "Exoplanet" steckt die musikalischen Grenzen der elektronischen Musik wieder deutlich außerhalb des Mainstreams ab. Zum Genießen empfehle ich die etwas gemäßigteren Titel, wie z.B. "Cyclesphere", "Icelander" oder "Elfinhouse". Hier geht's etwas entspannter und verträumter zu. Zum Abtanzen eignen sich alle anderen Tracks. Unterm Strich bleibt Jens Buchert seinem Stil treu: Homogene, minimale und moderne Klangstrukturen mit Ohrwurmqualität.

www.jensbuchert.com


Will Lücken

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