Rezensionen

Cover ELTWenn Stan Dart ein Konzeptalbum veröffentlicht, ist das erfahrungsgemäß schon was Besonderes. Auf jeden Fall außergewöhnlich ist das „Extremly Large Telescope“, das in wenigen Jahren in der Atacama-Wüste von Chile in Betrieb genommen wird - und diesem Monstrum ist das neue Album gewidmet. Das Teleskop ist größer als das römische Kolosseum und hat entsprechend das größte Spiegelglas der Welt für den ultimativen Blick ins All.
Ich starte mit „Cerro Amazones“ und bemerke, dass weder ein sakraler noch ein spaciger Charakter wie auf den vorherigen Alben die Soundrichtung angibt. Vielmehr ist es verheißungsvoll rhythmisch. Der zweite Titel „Construction Time“ erinnert mich an den Monstertrack „La Sagrada Familia“ vom letzten Konzeptalbum – und das war schon bärenstark. Ein packender, geiler Beat zieht mich immer weiter vorwärts bis zum Ende des knapp 14minütigen Tracks. Wer da noch bewegungslos bleibt, kann nur körperlich eingeschränkt sein. Mit viel Power und Spielfreude würdigt Stan Dart in den folgenden Tracks die Multi-Spektografen oder Bildkameras des ELT. „Mosaic“, „Metis“ „Maory“ oder „Micado“ - alle Songs gefallen durch einen rasanten Rhythmus und bleiben dabei doch so angenehm easy-listening. Wenn dann im Titel „HiRes“ noch eine sagenhafte Lead-Gitarre aus dem Off ertönt, wird es auch noch zauberhaft. Dieses positive Feeling setzt sich bis in den finalen Track „Harmoni“ fort. Das klingt fantastisch – das klingt nach Suchtgefahr! Stan Dart tüfftelt kontinuierlich an seinen individuellen, traditionellen Electronic-Sound. An manchen Stellen könnte er sogar seinen Peak erreicht haben. Es ist sicherlich gewagt, über eine Albumlänge einen kontinuierlichen Rhythmus zu präsentieren. Doch „Electronic – Part One“ ist komplett gelungen. Im zweiten Teil des Konzeptalbums gibt’s ein paar ruhigere aber auch kraftvolle Tracks, die zwar allesamt zum Thema passen, jedoch ihre Eigenständigkeit bewahren. Als Bonus schließt das Werk mit einem 51minütigen Continuos-Mix ab. EM-Freund, was willst du mehr?

Erhältlich ab 28. Februar bei Bandcamp.

https://standartmusicbox.bandcamp.com/

Will Lücken

cover150Der Niederländer Taede Smedes offeriert mit seinem 5. Album absolut keine Resteverwertung, auch wenn das Material bereits ein ganzes Jahrzehnt auf dem heimischen Rechner für eine Veröffentlichung zu warten schien. Die 4 Geschichten der Space-Reise sind inspiriert durch die Geschichte der Voyager Sonde und erzählen auf die typische melodiöse Tonal Assemby Weise ihren ganz eigenen Spannungsbogen. Das geschulte Fan-Ohr erkennt den Unterschied zu den aktuelleren Alben von Smedes, erhält aber trotzdem, 51 Minuten voller endloser Flächen, hübscher Leadmelodien und Spacegeladener Musik, die ganz sicher eine Veröffentlichung wert sind. Also: Kopfhörer auf und Augen zu. 
 
 
Stefan Erbe
Fairy WorldLangjährige Liebhaber traditioneller EM-Sounds werden sicherlich etwas mit dem Namen Holle Mangler anfangen können und erinnern sich der 90er Jahre, in denen er mit seiner jugendlichen und nativen Musikalität für sehr viel Aufsehen sorgte. Schon damals verband Holle ungewöhnliche Kombinationen aus Rock und EM zu (s)einem bisher ungehörten Sound und gelangte damit zu unerwartetem Newcomer-Ruhm. Auch wenn es immer wieder mal ein paar kleinere musikalische Lebenszeichen gab, so ist er doch seit vielen Jahren im Kreise der Szene nicht mehr präsent gewesen und könnte sich nun vielleicht wieder ins Gespräch bringen. Sein aktuelles Musikprojekt, dass mit dem ersten Albumteil auf dem Empulsiv-Redaktionstisch landete, fügt sich nahtlos an die besondere Qualität der früheren Veröffentlichungen an. 
Die 14 Geschichten zwischen Märchenwelten, Feen und Einhörnen wirken im ersten Moment ungewohnt, verbergen aber hochgradig komplexe Real-Drum meets Gitarrensynth Kompositionen, die nicht nur Progrockliebhaber erfreuen dürften. Zugegeben, gewöhnlich konnte Mangler noch nie, aber außergewöhnlich schon immer. Teil 2 ist wohl auch geplant, aber wandern wir doch erstmal durch die erste Welt. Kostenloser Download!
 
 
Stefan Erbe 

a11

Einer der - meiner Meinung nach - spannendsten Momente bei der Rezeption eines neuen Albums ist, dabei Zeuge zu werden, wie der Künstler eine neue Perspektive auf die eigene Musik gewinnt. Und was ist dafür notwendig, um eine Sache aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten? Man muss den eigenen Standpunkt verändern, oder um es auf Christian Gorsky zu übertragen, mal den eigenen Musik-Keller verlassen - wobei ich sicher bin, dass Christians Musik-Konstruktionen in einem lichten Studio und nicht in einem dunklen Keller entstehen. Bei dieser Exkursion ist er mit José Roman Duque einem Schlagzeuger begegnet, und das Ergebnis dieses Standort-Wechsels können wir auf "Way Out..." hören.

Um ehrlich zu sein: Ein wenig übertreibt der gute Christian mit diesem Titel schon, denn mit seinem bisherigen Schaffen vertraute Hörer werden in kein völliges Neuland katapultiert. Der melodische und von Sequenzen getragene Kern ist immer noch präsent und intakt, aber mit dem Schlagzeug als neuem Instrumentarium gelingt es, die Brücke bis zum Progressive Rock zu schlagen. Besonders gut gefällt mir dabei, wie dosiert unser Kellerkind diese neue Zutat einzusetzen weiß: von Track zu Track mal mehr oder weniger, ohne harte Brüche und ab und an auch mal wieder "Elektronik pur". So spannt sich die Brücke am anderen Ende wieder bis zu den Vorgänger-Alben. Völlig relaxt und unangestrengt werden dabei auf "Hafenmomente" auch mal die Fühler in Richtung Klang-Gemälde ausgestreckt.

"Way out..." ist ein feines Dokument der musikalischen Evolution, im Sinne der Erweiterung des eigenen Profils, ohne das Bewährte dabei hinter sich zu lassen. Die Welt ist eben viel größer als die eigenen vier Wände, und auch wenn man sie in aktuellen Zeiten vielleicht nur virtuell erkunden mag: Reisen bildet ungemein.  Wir dürfen gespannt sein, welche musikalische Eiländer Christian Gorsky auf seinen nächsten Trips ansteuern wird - ich werde auf jeden Fall dabei sein.

 https://kellerkindberlin.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

 
dunespots150Volker Rapp ist nicht nur Empulsiv als sehr wandlerischer Künstler bekannt und erzeugt in regelmässiger Widerkehr immer wieder Projekte, die seinen kreativen Mut offenbaren. So auch in seinem aktuellen Album "Dune Spots", in dem wie sich unschwer erkennen lässt, er (s)eine musikalische Verbeugung vor der Neuverfilmung des SCIFI-Epos macht. Wer die 10 Tracks des cineastischen Longplayers vollständig konsumiert hat, wird mit Sicherheit auch zu der Meinung gelangen, dass die gewählten Rappschen Klanggestaltungen dem Orginal-Soundtrack nicht nur Paroli bieten können, sondern sehr wohl auch eine Rechtfertigung zur Verwendung gefunden hätte. Wer sich dem Dune-Kunstwerk hingeben möchte ohne ein Multiplex zu besuchen, schließt die Augen und lässt sich einfach in die Dune-Welt von Volker Rapp gleiten. Es wird auch hier gewaltig und die Imaginationen entstehen ganz automatisch.
 
 
Stefan Erbe    

Cover StateAzureFür manche EM-Fans immer noch ein Unbekannter - und dennoch mit 68.000 Followern und einer immens hohen Youtube-Performance im Millionen-Bereich ist State Azure ein unübersehbarer, unüberhörbarer Fels in der Brandung vor Englands Küste.

In seinen zahlreichen Video-Clips präsentiert er immer wieder sein beeindruckendes Equipment, das ständig im Wechsel ist. Im neuen Album war der Waldorf Iridium der Hauptsynthesizer für fast alle Parts, außer für Drums/Percussion, wo ein Moog Sub 37 für Bass und Lead verwendet wurde. Das Konzeptalbum mit dem Titel „To a Distant World“ ist aufgeteilt in 4 lange Tracks, es läßt den Electronic-Liebhaber vor Verzückung mit der Zunge schnalzen. Es beginnt sphärisch und entwickelt sich von Track zu Track immer voluminöser, immer rhythmischer, garniert mit starken Effekten, um schlussendlich im letzten Track wieder schwerelos durchs All zu gleiten. Ein nostalgischer Trip von Tangerine Dream bis Vangelis aber dennoch sehr modern und zeitgemäß. Das fantasievolle Cover-Artwork vom Künstler Brian Sarubbi tut sein Übriges. Zum Album sagt der Musiker selbst: „Meine Inspiration kann von fast überall kommen, aber hauptsächlich kommt sie vom Hören anderer Musik, sowie von Science-Fiction-Filmen oder Dokumentationen über den Weltraum“. Megastarke Space-EM!

https://stateazure.bandcamp.com/album/to-a-distant-world

Will Lücken

 

Undyed CoverEs ist schon interessant die Entwicklung des russischen Musikers Oleg Byonic über die letzten Jahre mitzuverfolgen. Wo er noch früher mit Schiller ähnlichen Sounds ein erstaunlich großes Publikum ansprach, steht heute, mit eigener Handschrift und wachsendem Anspruch, eine immer noch sehr große Fangemeinde (überwiegend aus Russland) zu seiner Musik. Heute nennt er sich „Undyed“ und veröffentlicht ein hochwertiges Ambient-Album mit dem Titel „Until the Horses come home“. Oleg Byonic war früher Gitarrist einer russischen Rock-Band und hat sich erst im Laufe seiner Karriere auf die Keyboards konzentriert. Aus jedem von ihm komponierten Song strahlt eine spürbare Hingabe zu synthetischen Klangflächen aus. Nur selten greift er wieder zur E-Gitarre – und wenn, dann entfalten sich so hypnotische Riffs wie bei altbekannten Gitarren-Heros – zu hören in „Don't let me go“. Das grandiose Album beinhaltet 23 Songs, wo fast jeder einzelne Track eine Offenbarung ist. Wem einige Songs zu melodisch oder zu eingängig sind, kann sich bei anderen düsteren Klängen wieder in die Spur bringen. Bemerkenswert sind die vielen Gesangseinlagen in den cineastischen Sounds. Eine männliche und eine weibliche Gesangsstimme sorgen für ätherische Atmosphäre. Aus der Stille geboren verwandeln sich die Songs in üppige Klanggebilde. Ein besonderes Highlight ist der Titel „We still see Ghosts“ -  ein Song, der so schwebend leicht klingt wie eine Ballonfahrt durch geisterhafte Wolken - entspannter Gesang und vielschichtige Arrangements vereinigen sich zu einem göttlichen Sound. Wenn dem 36jährigen Musiker schon jetzt so viele tollkühne Meisterwerke gelingen, wo mag das in Zukunft hinführen?

https://olegbyonic.bandcamp.com/album/until-the-horses-come-home

Will Lücken

mirage FrontWer die Vita von Frank Tischer liest wird nicht nur staunen, sondern auch ziemlich beeindruckt sein, denn sein musikalisches Schaffen ist umringt von so unterschiedlichen Projekten, dass man sich wundert, wie er es auch noch schafft das hiesige EM-Genre zu bedienen. Zugegeben sein Sound und die Kompositionen sind nicht typische EM, sondern eher der hochgradig qualifizierte Output eines Profimusikers, der sich scheinbar in jede Stilistik beamen kann. So auch auf seinem aktuellen Longplayer Mirage, der voller multifunktionaler Tracks ist und besonders jene Liebhaber überzeugen wird, die gerne einen vollen Gemischtladen synthetischer Macharten vorfinden. Pianoreske Pop und Rock-Konstellationen mal gespickt mit retroviraler Einfärbungen der 70er und 80er Jahre wechseln sich ab mit weltmusikalischen Elementen aus Jazz, Funk und Orchester. Zusätzlich Erklärlich aber auch durch das Mitwirken verschiedener hochkarätiger Gastmusiker. Trotzdem gibt es in allen Stücken eine typische Tischer-Handschrift und deren bedeutsame Erkenntnis, dass Mirage (s)eine Erinnerung hinterlässt, Eben genauso, wie bei seinen anderen vielschichtigen Projekten an denen Tischer sonst so arbeitet.

www.frank-tischer.de

Stefan Erbe

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