Kolumne

Musik als lebensbegleitendes Element? Erinnerungsgeber für Meilensteine der eigenen Vergangenheit? Klingender Kalender für Situationen, die wir unseren Kindern erzählten?

Klar, jeder von uns hat diese Momente, für die er ein Musikstück aus der Kiste kramt und sicher ist, dass es auch dieser Sound war, der den Augenblick oder die Zeit so besonders gemacht hat. Das erste Livekonzert, ein Urlaub in Italien, die großen Liebesschnulzenkatstrophen, das erste Auto … was auch immer! Es gibt sie, die unvergesslichen „Musik meets Emotionen“-Momente!

Aber mal ehrlich, lässt dies nicht deutlich nach? Trügt der Eindruck? Haben wir diese Kausalität nicht beinahe verloren? Gibt es immer weniger audiophile Gefühls-Ereignisse die wir in unserem Gedankenspeicher mit uns herumtragen?

Da saßen wir nun, zehn Personen, zumeist alle in den Vierzigern, deutlich Medien-Interessiert und sehr ambitioniert in der Mitteilung, sämtliche vergangenen und erlebten Informationen gleichzeitig und gleich laut auszutauschen. Ich war auf einem Zweisitzer-Sofa eingequetscht und verfolgte das undefinierbare Gemurmel dieser Geburtstagsfeier von Hans, der aber selbst schon seit längerer Zeit nicht mehr in der Wohn-Küche, des Ehepaars zu sehen gewesen war. Eher zufällig erblickte ich den Durchgang zu einem Nachbarraum, dessen Tür einen Spalt offen stand und man erkennen konnte, dass dort weitere Personen sitzen mussten. Mein geschultes Überlebensverhalten, schon bei Eintritt in die Wohnung alle Personen, Fluchträume und Notausgänge sondiert zu haben, erleichterte mir die Erkenntnis, dass im Nebenzimmer nur Hans und sein jüngerer Bruder sitzen konnten. Mit einem seichten "Plopp" schälte ich mich aus der Ikea Duo-Couch, ohne dass mich meine beiden Mitsitzgenossen auch nur eines Blickes gewürdigt hätten. Mein linkes Bein war spürbar erwärmt und drohte beinahe in eine dauerhafte Gefühlslosigkeit abzutauchen, während ich im Stuhl-Tisch-Slalom um die mitfeiernden Gäste balancierte.

Künstler zu sein ist wahrhaftig nicht leicht! Schon gar nicht, wenn man sogar seinen Unterhalt damit verdienen muss. Hungergagen, Angebote für "Umme" zu spielen, miese Verkaufszahlen von Tonträgern und schlecht besuchte Locations sind keine Seltenheit. Noch nie hatte man den Eindruck, dass es Künstlern (wir sprechen hier mal nur vom Tonerzeugenden) schlechter ging als heutzutage?! Stimmt und wird wohl auch nicht besser, zumindest für diejenigen, die bis jetzt nicht verstanden haben, dass es auch in dieser Branche zugeht, wie in anderen "Belohnungssystemen".

Nun, für viele Konsumenten und andere kommerzielle Auftraggeber ist der Dienstleistungseinkauf von Musik mittlerweile vergleichbar mit dem Gang auf die gewerbliche Toilette, die Fahrt in die Autowaschanlage oder die Beschaffung von Hygiene-Artikel; also eine emotionslose Formsache! So scheint es zumindest, denn wie anders erklärt sich der stetige Verlust des Ansehens musikalischer Erzeugnisse?

Meine Helden! Sie werden Alt! Bowie 66 Jahre, Kraftwerk seit 41 Jahren auf der Bühne und TD reist zumeist auch nur noch mit RTW durch die Lande. Auch in der Musik scheint die Demografie sichtbar geworden zu sein und im besonderen in der Elektronischen. Denn wie schon vor einige Zeit angedeutet, fehlt es zwar nicht am Nachwuchs, sondern eher an der Möglichkeit mit dieser Stilrichtung so populär zu werden, wie o.g. Plegestufenaspiranten. Dabei muss aber auch die Frage erlaubt sein, ob dieser milde Seniorenhype um die betuchten Künstler wie Jarre, Vangelis und Co. überhaupt noch gerechtfertigt ist und wir nicht nur mitsabbernd auf unsere geschmacksalternde Ebenbilder schauen, um festzustellen, dass die silberanteilige Haarpracht unserer Angebeteten nicht schriller scheint als die eigene?!

Der Kolumnist schwört, dass er nur selten etwas anderes macht, als sich mit Musik zu beschäftigen. Aber manchmal gibt es auch Bürokratisches zu erledigen und so läuft neben dem E-Mails beantworten, Rechnungen schreiben und sonstigem Administrativzeuchs, gelegentlich auch die heimische Plasma-Glotze. Eher unfreiwillig blickt dann schon einmal ein Auge auf die SD-Bilder des antiquierten Flachfernsehers und sehr selten vermengt sich Gesehenes und Gehörtes zum Anlass, mal genauer das Treiben auf dem Gas-Gucker zu verfolgen.

Die ungeteilte Aufmerksamkeit erregte dieses mal ein besonderer Werbeblock eines Privatsenders, der in gekonnter Intensität die futuresken Namensgebungen moderner Vertriebsfirmen in spektakulären Spots aneinanderreihte. In einer fast ununterbrochenen Sequenz versammelten sich Zalando, Trivago, Opodo, Apomio, Expedia und Transparo gefolgt von Fabego und Yatego.

Wow, die Kastelruther Spatzen haben ihr Album gar nicht selbst eingespielt, Lady Gaga ihr Fleischkostüm gar nicht selbst filetiert und einige EM-Künstler haben mehrfach unerlaubt Sequenzerprogramme eingesetzt. Die Welt geht unter!

Und wenn jetzt noch Markus Lanz in seiner TV-Talkrunde Nena auf dem Klavier begleitet, dann wars das mit der heilen Musikwelt! Hat er tatsächlich gemacht? Und dabei beinahe ,wie Mr. Bean auf der Olympischen Eröffnungsfeier, eine weisse Taste unentwegt in gleichtaktiger Manier malträtiert? Die Welt ist schlecht...wir wussten es ja schon immer.

Nun, das Jahr ist zwar noch nicht ganz vorbei, aber irgendwie beschleicht den Autor den dringenden Drang nach einer EMschen Jahresrückbetrachtung und einer erneuten Wasserstandsanalyse. Allerdings werfen wir weniger einen besonderen Blick auf die einzelnen Produktionsergbenisse, sondern vielmehr auf die Entwicklung der gesamten Szene. Dabei mag man bereits schon jetzt vermelden, es wird weniger "gezankt und gezickt", es gibt kaum noch Grabenkämpfe und Boykottaktionen und auf allen Veranstaltungen wird ein freundlicher Umgang gepflegt, der zeitweilig in Atmosphären wandelt, die man aus frühen KLEM-Dag-Zeiten kannte.

13 Grad und Regen? Was eine Katastrophe! Ich gestehe, dass wenn man am 12 Juli die Heizung wieder anmachen muss, stimmt irgendwas nicht. Oder ist es gar die aktuell fehlende und massive alljährliche Distribution Carellscher Ausrufe, die nach "dem richtigen Sommer fragt"? Haben wir doch die falschen Tänze getanzt? Kommt gar die nächste Eiszeit? Zumindest kommt auch der mobile Eiszeitbringer, meinte den portablen Italiener aus der städtischen Eisdiele nicht, der in Wirklichkeit sowieso auf der anderen Adria-Seite geboren wurde. Sein Geklingel würde eh keine einmeterzwanzig-Kundschaft mehr aus den Häuserblöcken locken. Ist wohl einfach zu Kalt und auch deshalb nicht lohnend, weil man für eine Waffel mit Nusseis bereits beim Discounter eine Wochenration "Fürst Pückler" erstehen kann. Kann man nicht vergleichen ? Stimmt! Das kann man deshalb nicht vergleichen, denn die zugehörige Portion Salmonellen in der Sahne ist nur beim traditionellen "Gelato-Mafiosi" zu bekommen und auch das sterile Milcheis vom Discounter, kann einfach das zahnlose Lächeln des Südländers nicht ersetzen...

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