Kolumne

749776 web R K B by twinlili pixelio.deNun, wenn der Kolumnist in den hiesigen Electro-Magazinen blättert, auf den üblichen Websites nach Tourdaten diverser massengemochter Lieblingsbands recherchiert und sich via Social-Media über die aktuellen Aktivitäten der Synthmusikmacher informiert, ist eines tatsächlich auffällig. Wir hängen sehr an dem was wir gestern, früher und damals geliebt haben und wollen es auch immer wieder sehen, hören und konsumieren.

Dennoch jammerschade, denn all dies präsentiert sich scheinbar nur noch als formvollendetes, glatt gebügeltes und nach Marktgegebenheiten konstruiertes Medienereignis und als Produkt, dass nur noch auf eines abzielen will, nämlich mit den letzten realistischen Möglichkeiten noch etwas Geld zu verdienen, solange, bis Musik weder als Medium noch als Kunst einen Wert besitzt. Dabei besteht der musikalische Inhalt nur noch aus einer Verpackung, aus der Geschichte drum herum, aus der Dokumentation zur Musik. Es ist der Besuch im Studio, das Interview und das Musik-TV-Video, was Aufmerksamkeit generiert. Doch wo ist der Rock ´n Roll?!

101094 web R K B by Kurt Michel pixelio.deUnsere Vorbilder, unsere Heroen und die Pioniere! Wären wir bloß wie sie? Scheiß drauf!
Damals, ja damals waren sie es, die gezeigt haben, wie man mit Innovationen etwas völlig Neues erzeugen kann. Da waren die Riesen-Kisten vollgestopft mit Patchkabeln, aufgestapelt zu Türmen mit analoger Technik und die leuchtenden Sequenzer, die synchron zur exakten 16tel Sequenz blinkten. Das war mutig und Individuell, aber eben nur damals!

Es ermüdet zu lesen, zu hören und erzählt zu bekommen, dass jemand so klingt wie die Jungs von damals. Niemand interessiert die xte Kopie des Originals. Warum? Na weil wir eben das Original schon haben! Anstatt sich darüber zu freuen, dass man den siebenunddreißigsten TD-Clone hervorgebracht hat, wäre die Intention sich etwas Eigenes auszudenken, der richtige Weg gewesen! Dann müsste man sich auch nicht wundern, weshalb die Verkaufszahlen womöglich noch ein paar Kommastellen mehr benötigen, um daraus eine große Zahl werden zu lassen.

474510 web R by Andre Müller pixelio.deDie Schallplatte kommt wieder? Ja irgendwie tut sie das, aber warum eigentlich? Wieso gibt es da immer noch, bzw. jetzt scheinbar wieder, Menschen, die das knackige schwarze Runde so lieben, so dass sie noch scheinbarer auf die beste audiophile Qualität verzichten, um beim leicht knarzigen Auflegen der Nadel, das Gefühl der einmaligen Individualität des Konsumierens für Fortgeschrittene, zu erfahren?
Was ist also an Vinyl so toll? Ist es das große Plattencover, dass wie beim 6-Liter Maserati den entsprechenden Hubraum erzeugt? Oder Ist es doch die Spannung nach knapp 25 Minuten, die Scheibe umdrehen zu können? Vielleicht aber auch, die gewollte Konzentration die entsteht, das unvermeintliche Beschäftigen mit dem Artwork und die besondere Haptik?

Edgar Froese ist tot. Zugegeben, ein harter Schlag für seine Familie, die Fans und den Freunden elektronischer Musik.

Fast jeder E-Musiker kann für sich in Anspruch nehmen, dass TD nicht nur Motivationsgeber, sondern in vielen Fällen sogar Anlass und Grund für das eigene Produzieren war. Noch mehr Hörer werden für sich beanspruchen, dass sie das Genre der EM eben durch TD gefunden, geliebt und ihm treu geblieben sind. Auch wenn die ununterbrochene Magie der 70er und 80er etwas verloren ging, Edgar und seine vielen musikalischen Begleiter blickten immer nach vorne und erstarrten nicht vor der eigenen Geschichte, um sich in einem ewigen und endlosen Beweihräuchern zu verlieren.

Immer wieder mal wirft der empulsive Redakteur einen Blick auf die hiesige EM-Szene, um ihr nicht nur eine erneute Wasserstandsmeldung abzuringen, sondern um viel mehr zwischen den Zeilen der Veranstaltungen und Events zu lesen. Und die aktuelle Lesestunde fällt durchaus positiv aus, denn nie zuvor gab es soviel zu bereisen und zu berichten, über neue Konzerte und etablierte Festivals zu erzählen, wie in den letzten 2-3 Jahren.

Aber erinnern wir uns doch noch mal kurz daran, in welchem Trauermodus die verharrte EM-Gemeinde noch vor 10 Jahren auf die Scherben des vergangenen Jahrzehnts blickte und niemand auch nur eine Mark oder einen niederländischen Gulden darauf verwettet hätte, dass wir all die lohnenswerte Musik, ehrenwerten Künstler und die neuen alten Veranstaltungen jemals wieder in dieser Form zu Gesicht bekommen würden. Wer hätte zur Jahrtausendwende je gedacht, dass es ein so umfangreiches Angebot an Musik, aktiven Künstlern und brauchbarer Live-Ereignisse geben würde. Wer hätte erwartet, dass es einen gestandenen Musikpreis gibt, zu dem die namhaften Acts kommen, um sich dort nicht nur auszeichnen zu lassen, sondern sich vielmehr darüber freuen wieder ein Teil der Musik-Gemeinschaft zu sein. Wer hätte vermutet, dass sich viele von Ihnen, zu alten und neuen Projekten zusammenschließen um wieder konzertierend durch die Lande zu ziehen.

Zugegeben das Musikbusiness ist hart und steinig. Wer hier etwas werden oder bleiben will, muss nicht nur viel Talent sondern auch kaufmännisches Geschick, viraler Manager und Elbogenbenutzer haben. Wer dann sogar noch hofft, dieses Metier als seinen Hauptbroterwerb zu betrachten, wird wahrscheinlich doppelt soviel Arbeiten wie der klassische „ninetofive-Jobber“.

Aber grundsätzlich gilt auch hier, wer was werden will (die 4 wichtigen „W“), oder noch besser, wer wirklich was werden will (Steigerungsstufe auf 5 „W“), sollte nicht auf die Idee kommen zu jammern, zu behaupten früher war alles besser oder Streaming mache die Musik kaputt. Es ist wie in ALLEN Branchen dieser nicht sozialistischen Welt, jeder ist seines Glückes Schmied, und auf die GEMA, die Lokalradios, die keine gute Musik spielen, und auf fehlende Käufer zu schimpfen, könnte wieder mal nur ein weiteres Alibi-Gemoser sein, dass auf die fehlenden Qualitäten des eigenen Schaffens hinweisen.

 

Musik als lebensbegleitendes Element? Erinnerungsgeber für Meilensteine der eigenen Vergangenheit? Klingender Kalender für Situationen, die wir unseren Kindern erzählten?

Klar, jeder von uns hat diese Momente, für die er ein Musikstück aus der Kiste kramt und sicher ist, dass es auch dieser Sound war, der den Augenblick oder die Zeit so besonders gemacht hat. Das erste Livekonzert, ein Urlaub in Italien, die großen Liebesschnulzenkatstrophen, das erste Auto … was auch immer! Es gibt sie, die unvergesslichen „Musik meets Emotionen“-Momente!

Aber mal ehrlich, lässt dies nicht deutlich nach? Trügt der Eindruck? Haben wir diese Kausalität nicht beinahe verloren? Gibt es immer weniger audiophile Gefühls-Ereignisse die wir in unserem Gedankenspeicher mit uns herumtragen?

Da saßen wir nun, zehn Personen, zumeist alle in den Vierzigern, deutlich Medien-Interessiert und sehr ambitioniert in der Mitteilung, sämtliche vergangenen und erlebten Informationen gleichzeitig und gleich laut auszutauschen. Ich war auf einem Zweisitzer-Sofa eingequetscht und verfolgte das undefinierbare Gemurmel dieser Geburtstagsfeier von Hans, der aber selbst schon seit längerer Zeit nicht mehr in der Wohn-Küche, des Ehepaars zu sehen gewesen war. Eher zufällig erblickte ich den Durchgang zu einem Nachbarraum, dessen Tür einen Spalt offen stand und man erkennen konnte, dass dort weitere Personen sitzen mussten. Mein geschultes Überlebensverhalten, schon bei Eintritt in die Wohnung alle Personen, Fluchträume und Notausgänge sondiert zu haben, erleichterte mir die Erkenntnis, dass im Nebenzimmer nur Hans und sein jüngerer Bruder sitzen konnten. Mit einem seichten "Plopp" schälte ich mich aus der Ikea Duo-Couch, ohne dass mich meine beiden Mitsitzgenossen auch nur eines Blickes gewürdigt hätten. Mein linkes Bein war spürbar erwärmt und drohte beinahe in eine dauerhafte Gefühlslosigkeit abzutauchen, während ich im Stuhl-Tisch-Slalom um die mitfeiernden Gäste balancierte.

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