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Zur Veröffentlichung seines neuen Albums „Contact“, traf ich ATB zum ausführlichen und angenehmen Plausch in seiner Ruhrgebiets-Wahlheimat Witten. Wir sprachen dabei nicht nur über Technik, aktuelle Trends und gute Musik, sondern auch darüber, wie man es schafft über eine so lange Zeit den musikalischen Nerv seiner Fans zu treffen, denn auch mit seiner neuen CD scheint das ATB-Erfolgskonzept wieder aufzugehen. Obwohl „Contact“ erst kürzlich veröffentlicht wurde, ist das Album schon jetzt erfolgreich in die Charts eingestiegen. Neben der normalen Doppel-CD Version, gibt es noch eine Limited Version und eine Special-Box die sogar 3 CDs beinhalten. „Contact“ scheint die logische Fortführung der bisherigen Alben zu sein, die den Bochumer zu einem der wichtigsten deutschen Dance-Exporte gemacht haben. Wer sich zum Beispiel auf Facebook mit ATB verbindet, stolpert über 1,5 Mio Fans die ihm dabei sehr aktiv „folgen“, besucht man eines seiner US-Events, findet man sich gerne mal unter 120.000 Besuchern wieder.
Wer es wie ich, bis in die heiligen Hallen von Andres Studio geschafft hat, hält unweigerlich erstmal Inne. Die sichtbare und gebotene Technik ist dermaßen einschüchternd, dass man eine Weile benötigt um seine eigene Bedeutungslosigkeit mit einem noch unbedeutenden „uff bis wow“ zu relativieren. Neben den diversen 19“ Racks, unzähligen Synths, Effekten und dem Einfamilienhaus teurem Soundtracs-Pult, wirkt sein Studio wie aus dem Katalog für das ultimative Produktionsumfeld. Dass er allerdings gar nicht mehr soviel Outboard-Technik nutzt, scheint bei der derzeitigen Leistungsfähigkeit von DAW & Co nicht sonderlich verwunderlich.  

Synmag: Deine neues Album "Contact" ist vor kurzem erschienen und enthält auf 2 bzw. 3 CDs eine überdurchschnittliche Anzahl von Stücken. War dies schon von Beginn so vorgesehen und wie war die Aufteilung geplant?
ATB: Nein, grundsätzlich plane ich nie die gesamte Anzahl an Tracks auf einem Album. Die dritte CD ist ja auch nur ein Bestandteil der Limited Edition, die Bonusmaterial des letztjährigen „ATB in Concert“ und diverse Clubmixe enthält. Die CD 2 dagegen bietet wieder den ambienten Part und war natürlich von Anfang an so geplant. Mittlerweile ist es mir auch wichtig und es gehört dazu, dass ein Album aus beiden Elementen besteht und nicht über ein Jahr erst ein schnelles und dann ein ruhigeres Album erscheint.

Synmag: Auffällig ist, dass Du wieder mit vielen anderen Künstler kooperiert hast. Was bedeutet Dir die Zusammenarbeit mit anderen Musikern?
ATB: Natürlich sitze ich auch gerne allein im Studio und arbeite an meinem Sound, aber ich hol mir gerne auch die Inspirationen in der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern bzw. in anderen Studioumgebungen. Dies unterstützt nicht nur die eigene Kreativität, sondern jeder der Musik macht kennt es, dass man durch die gemeinsame Arbeit an einem Projekt, immer auch neue Ideen entwickelt und die Musik dadurch noch variabler und bunter wird.

Synmag: Neben den bekannteren musikalischen Gästen bzw. Sänger(innen) wie z.B. Stanfour, befinden sich auch unbekannte Acts auf dem Album. Wie wichtig ist die Auswahl und nach welchem Prinzip wählst Du sie aus?
ATB: Hinsichtlich der Sänger und Sängerinnen ist das eine ganz eigene Thematik. Ich liebe es neue Stimmen vorstellen zu können, aber auch mit bewährten Leuten wie Sean Ryan und Jess zu arbeiten. Erstgenannter musste unbedingt wieder aufs Album und bei Jess hat es nun endlich auch geklappt, nachdem wir es schon lange geplant hatten. Eigentlich ist sie ja keine Newcomerin, aber sie passt wunderbar in das ATB-Konzept. Alle Vokalnummern bekommen speziell durch den Gesang noch mal eine besondere Aussage und erzählen im Gegensatz zu den instrumentalen Stücken eine deutlich intensivere Geschichte. 
 

Synmag: Wie man sehen kann (Bild in die Nähe setzen), besitzt Du ein sehr komplexes Studio. Sind alle Aufnahmen hier entstanden?
ATB: Nur Teilweise, einige Sachen sind hier entstanden, wie z.b. die Tracks mit Stanfour. Diese haben wir auch hier zusammen geschrieben und aufgenommen. Das war auch für den Prozess sehr wichtig und hat die Arbeit deutlich unterstützt.

Synmag: Neben deinem "großen" Studio leistest Du Dir auch noch ein zusätzliches "Zweitstudio". Worin bestehen die Unterschiede?
ATB: Ja das stimmt, ich habe noch eine weitere Produktionsmöglichkeit hier im Haus, die mir im kleineren Umfeld einen guten Kontrast zum Studio bietet. Dort kann ich auch mal zwischendurch etwas an Ideen ausarbeiten, es ist oft so, dass ich dort noch kreativer bin und entweiche somit dem „Druck“ den dieser große Raum hier erzeugen kann. Wenn ich aber mit musikalischen Gästen arbeite, sitze ich gerne hier im Hauptstudio.
 

Synmag: Neben der großen Menge an Outboard-Technik, benutzt Du ja auch eine DAW. Welches Produktions-System bevorzugts Du und was sind für Dich die entscheidenden Vorteile dabei?
ATB: Es ist tatsächlich so, dass ich schon vor längerer Zeit entschieden habe nur noch auf Software-Basis zu arbeiten und die Outboard-Technik nur noch selten benutzt wird. Trotzdem hat es für mich immer noch eine besondere Wirkung, zwischen all der Technik zu sitzen und sie zu sehen. Die Produktion mit dem Rechner hat prinzipiell nur noch Vorteile für mich, denn ich kenne noch die Zeit der analogen Geräte und den Wunsch nach einem „Total Recall-System“, welches ja heutzutage völlig normal ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie wir früher sogar Bildaufnahmen und Zeichnungen von Mixereinstellungen gemacht haben, um sie wieder reproduzieren zu können.

Synmag: Was ist Deine bevorzugte Sequenzer-Software bzw. Deine Synthesizer und Plugins mit denen Du arbeitest?
ATB: Ich habe zum ersten mal für ein Album mit Studio One von Presonus gearbeitet und es entspricht exakt dem, wie ein Sequenzer für mich sein muss. Es vereint alle Vorteile einer guten Kompositionsumgebung und ist äußerst intuitiv. Neben den exzellenten Drag and Drop Optionen, gibt es noch zahlreiche andere Innovationen die ich in anderen Programmen vermisst habe.
Als Plugin nutze ich gerne den Omnisphere. Der hat extrem gute Flächensounds, mit denen ich oft eine Komposition beginne. Nicht selten verschiebt sich der Klang im weiteren Verlauf in den Hintergrund des Stücks und der Song bekommt eine völlig neue Farbe. Prinzipiell habe ich aber keine bevorzugten Plugs und nutze viele verschiedene Synths, um in der Soundauswahl flexibel zu bleiben.

Synmag: Auf Contact befindet sich neben der traditionellen CD mit schnelleren Stücken, auch eine zweite, die mit eher ruhigeren Elementen bestückt ist. Worin besteht der grundsätzliche Produktions- bzw. Kompositions-Unterschied?
ATB: Wenn ich einen Song für den ambienteren Teil produziere, beginne ich mit eher flächigeren Sounds, arbeite dann Melodien aus und wähle dann die Drums die zu der Komposition passen, wogegen die anderen Dinge mit einem Singer-Songwriter-Schema beginnen. Oft steht dann ein Klavier-Muster oder Element im Vordergrund auf die dann der Gesangspart aufgesetzt wird. Erst dann kommen Bass, Drums etc. hinzu. Aber grundsätzlich ist meine Herangehensweise immer sehr unterschiedlich.

Synmag: Warum ist es Dir so wichtig auch immer (D)eine ruhige, ambiente Seite zu zeigen?
ATB: Eigentlich ist diese Form der Musik immer schon Bestandteil meiner Arbeit gewesen und auch in den frühen Jahren von Sequential One, habe ich solche Sachen gemacht. Bei der zweiten bzw. dritten ATB-CD habe ich mir gesagt, warum veröffentliche ich nicht auch diese Seite, sozusagen als Zugabe. Möglicherweise werde ich ein paar Jahren nur noch diese Musik machen, spätestens dann, wenn ich irgendwann aus der Clubszene „herausgewachsen“ bin (lacht).

Synmag: Der typische ATB-Sound hat einen besonderen Wiedererkennungswert, wie schaffst Du es Deine Musik weiterzuentwickeln ohne die vorherigen Alben dabei zu kopieren?
ATB: Ein großer Vorteil ist, dass ich als DJ viel unterwegs bin und dabei aktuelle Trends, neue Sounds und Strömungen mitbekomme. Meine Live-Events klingen durchaus anders, als die Musik auf den Alben und ich habe das Glück mich auch nicht festlegen zu müssen. Diese Variabilität eröffnet viele neue Wege und Möglichkeiten etwas zu verändern ohne den typischen ATB-Sound dabei verlassen zu müssen.


Synmag: Betrachtet man die große Anzahl an Tracks die auf dem Doppelalbum bzw. 3er CD-Deluxe Box erschienen sind, so fragt man sich zwangsläufig wann Du überhaupt die Zeit dafür findest, all dies zu komponieren. Wie organisiert man es, neben den vielen Tour- und Live-Terminen auch noch so viele exzellente Stücke zu produzieren?
ATB: Ja leider war die Zeit vom letzten Album bis zu „Contact“ viel zu lang und ich hätte mir gewünscht, dass ich es schon früher hätte veröffentlichen können. Gerne würde ich alle 2 Jahre ein Album produzieren. Ich hatte sogar schon vor längerer Zeit einen Album-Ansatz, habe es aber wieder verworfen, da sich kein echter Produktionsflow eingestellt hat. Dann habe ich mir endlich im Sommer 2013 3 Monate Zeit genommen, um viele Sachen auszuarbeiten. Es war auch klar, dass ich in dieser Zeit keine Live-Termine annehmen würde und konnte das Album dann im Herbst fertig stellen. 

Synmag: Was sind für Dich die musikalischen Inspirationen? Gibt es aktuell Musik, Bands oder Künstler die Dich beeinflussen bzw. die Du besonders gut findest?
ATB: Meine Motivation etwas zu komponieren ist es eher „in mich zu gehen“ und die Konzentration auf meine Musik zu legen. Selbstverständlich mag ich auch eine Menge Songs anderer Künstler, aber dass sie mich im Besonderen motivieren oder beeinflussen ist eher nicht der Fall. Dafür ist mein eigener Sound doch zu individuell und ich höre auch in der eigenen Produktionsphase gar nicht viel andere Musik.

Synmag: Betrachtet man den nationalen Markt an "elektronischer Acts", so gibt es nur eine Handvoll bedeutsamer und erfolgreicher Künstler. Du gehörst seit vielen Jahren zu dem elitären Kreis, die auch im Ausland eine sehr große Fangemeinde besitzt. Was ist das besondere Erfolgsprinzip von "ATB"?
ATB: Ich bin sicher, dass ich selbst einen Musikgeschmack besitze, den auch viel Menschen gut finden und dass es eine große Schnittmenge gibt. Ich wäre selbst unzufrieden, wenn dabei nicht das Optimum herauskommen würde und gebe bei allen Dingen immer 100%. Ich glaube, dass viele Fans erkennen, dass ich ausschließlich Musik veröffentliche, hinter der ich komplett stehe und die mir auch selbst gefällt. Da mache ich keine Kompromisse. 

Synmag: Was waren Deine musikalischen Highlights im Jahr 2013?
ATB: Das war ganz klar „ATB in Concert“! Wir hatten vier tolle Abende in den Staaten, in die wir viel Arbeit und Geld investiert haben. Es ist schon sehr besonders, die Tracks mit zusätzlichen Musikern live zu machen. Es war eine Riesen Herausforderung dies alles umzusetzen, so dass es live ist, aber trotzdem noch wie von „Platte“ klingt. Die Besucher hatten keine Ahnung was sie erwartet und ich bin wirklich glücklich, dass alles funktioniert hat. Das Feedback war enorm und die Veranstalter hätten gerne noch weitere Gigs gebucht und würden es gerne auch noch auf die großen Festivals bringen.

Synmag: Was dürfen Deine Deutschen Fans in Zukunft von ATB erwarten?
ATB: Ich will nicht zuviel versprechen, aber es wird sehr wahrscheinlich auch ein „ATB in Concert“ in Deutschland geben. Allerdings ist noch unklar, wann das sein wird. Ein weiteres Event im Bochumer Planetarium ist auch schon avisiert, aber sonst plane ich eher weniger zu weit in die Zukunft, sondern lass die Sachen auf mich zu kommen. Ich freu mich, dass es weiter geht und mein Album schon jetzt so gut angelaufen ist.

Stefan Erbe