Berichte

In neuem Gewand, sprich dem neuen Veranstaltungsort im Detmolder Sommertheater, präsentierte sich der diesjährige Electronic Circus in wahrer Höchstform. Auch im achten Jahr haben die Veranstalter nichts an Energie verloren und ermöglichten mit ihrem unermüdlichen Einsatz ein musikalisches Fest für alle Sinne, mit Humor und grandiosen Künstlern. Sie setzten sogar noch einen drauf, denn so abwechslungsreich wie diesmal, war der Circus noch nie.

Die neue Lokation liegt recht zentral in Detmold, aber zu merken war davon nichts. Im Gegenteil. Eingebettet in Park und Wald bietet die Stätte Genuss und Entspannung gleichermaßen. Im Vergleich zur eher rustikalen Weberei mit ihrer eigenen Atmosphäre, bot das Sommertheater ein sehr gepflegtes und für die Veranstaltung ausgezeichnet geeignetes Flair.

Pünktlich um 13 Uhr öffneten sich die Pforten. Der neue, gläserne Vorbau bot als Foyer zum Saal eine gute Möglichkeit, sich kulinarisch zu versorgen und bei den Musikvertrieben gut zu tun. Bei dem fast sommerlichen Wetter kam auch die Bauart der Atmosphäre zu Gute, denn die strahlende Sonne erhellte den Raum, die frischere Temperatur blieb aber draußen.

Die bereits zahlreich wartenden Gäste strömten gegen 14 Uhr in den gut ausgestatteten Theatersaal. Schon zum ersten Act war der Saal angenehm mit Publikum gefüllt. Niemand wollte sich den bereits aus 2009 bekannten Musiker Meesha entgehen lassen. Und die Erwartungen an ihn wurden vollends erfüllt.

Zur Begrüßung traten die drei Gesichter der Veranstaltung auf, Frank Gerber, Hans-Hermann Hess und der Clown (Mike Niemann). Und natürlich haben sie sich auch dieses Mal wieder in diverse Kostüme gesteckt, denn der Zirkus ist nicht nur gute Musik, sondern auch gelebte Freude. Heute begann alles in römischem Stil, wobei sich Hans-Hermann gleich ein Denkmal gesetzt hat, in dem er dem Fürsten Arminius gleich auf die Bühne schritt, dessen Hermannsdenkmal in der Nähe von Detmold zu finden ist.

Meesha betrat auf Socken die Bühne und begann nach kurzer Begrüßung auch gleich mit seinem fulminantem Programm. Die Musik stammte aus seinen beiden letzten Alben, neue Musik ist leider erst für 2016 in Arbeit. Schon der Aufbau seiner Synthies und elektronischn Percussions ließen auf seine wieder einmal gute Vorstellung schließen, bei der er den größten Teil seiner Stücke live aufspielte, so weit dies einem Einzelkünstler möglich ist. Dabei sparte er auch nicht mit dem aktiven Spiel zum Publikum hin und artistischen Einlagen mit seinem Keyboard. Und nach einer furiosen Zugabe entließ er schließlich ein begeistertes Publikum in die erste kurze Pause.

Ein Zirkus lebt von neuen Attraktionen, und so halten es auch die Jungs und Mädels des Electronic Circus. Eine Überraschung des Tages bot hier die Gruppe No More, bestehend aus Andy Schwarz (Gitarre, Gesang) und Tina Sanudakura (Keyboards und Elektronik). Eingeführt wurden sie von einem Frank Gerber in nietenbesetzter Lederjacke, Sonnenbrille und 80er Jahre Matte, aus den Zuschauerrängen als Rod Stewart verkannt.

Die Gründungsmitglieder der Band, die seit Anfang der 80er Jahre in verschiedenen Stilen der elektronischen, populären Musik unterwegs ist, haben gerade erst ihr neues Album Silence & Revolt veröffentlicht, aus dem auch der Großteil ihres Sets bestand. Das sehr professionelle Duo heizte dabei dem Saalpublikum ein, und sicherlich für einige eher ungewohnt. Die neuen Stücke lehnen sich hierbei an den ursprüngen der Band im Punk und Wave an, klingen aber dennoch frisch und frech. Natürlich durfte auch der damalige Hitsong Suicide Commando beim Auftritt nicht fehlen. Und auch sie kamen nicht ohne Zugabe von der Bühne.

Mit der längeren Abendpause wurde allen ermöglicht, sich nahrungstechnisch zu versorgen. Selbstredend konnte man sich die Zeit auch im Foyer vertreiben, seine Blicke bewundert auf Siegfried "Siggi" Brückners riesigen Formant werfen oder sich an die ausgestellten Synthesizern von Roland wagen. Stefan Erbe führte wieder einige Interviews für empulsiv, die in diesen Tagen auf unserer Website zu sehen sein werden.

Fast schon traditionell im Circus ist der Aufwand, mit dem die Künstler angekündigt werden. Hier wirft sich Frank Gerber, und ab und an Hans-Hermann Hess, regelmäßig in diverse Kostümierungen, die zumeist den auftretenden Acts zuzuordnen sind. In diesem Jahr mussten die Römer, ein Punkrocker, ein venezianischer Edelmann und der Mann mit dem Renterporsche daran glauben.

Eine lange Pause ging zu Ende, die gleichzeitig auch die Erwartungen an den nächsten Act steigerte: Spyra. Dieser ist hinlänglich als musikalisch umtriebig bekannt, findet für sich immer neue Inspiration zur Musik, so wie auch mit seinem neuen Projekt, das elektronische Klänge mit klassischen Instrumenten verbindet. Auf die Bühne gerufen wurde die Musiker von Edelmann Gerber.

Begleitet wurde Spyra von zwei ausgezeichneten Künstlern mit Roksana Vikaluk am Digitalpiano und Thilo Thomas Kriger am Cello. Neben einem Stück aus Spyras aktuellem Album Staub in umgeschriebener Fassung wurde neue Musik gespielt. Passend zur Idee des Projekts basieren die Stücke auf Improvisationen des Trios. Und alle drei zeichneten sich dabei als sehr passionierte Künstler an ihren Instrumenten aus, jedem war anzumerken, wie er und sie sich in die Musik hineinsteigern, sie regelrecht leben. So ist es nicht nur die Musik sondern auch die Aufführung, die das Publikum fesselte. Im finalen Stück und bei der natürlich eingeforderten Zugabe wurden die drei Künstler vom Alien Voices Duo unterstützt, die mit ihrem Kehlkopfgesang das inspirationsreiche Spiel des Trios dezent und passend erweiterten. Der tosende Applaus zum Ende des Auftritts war mehr als verdient.

Die zweite größere Pause, in der sich der Haupt-Act auf sein Konzert vorbereitet. Zum Abschluss eines bereits großen musikalischen Tags tischte John Dyson gemeinsam mit seinen Freunden Paul Ward und Michael Shipway den leckersten Nachtisch auf. Präsentiert von einem Renter mit Rollator. Dabei kann man den Künstlern John und Michael nur größten Respekt zollen, dass sie auch jetzt noch für zwei Stunden auf die Bühne gehen und einen Saal zum tosen bringen können.

Und es wurde wahrlich keine Altenheimvorstellung. Alle drei Musiker machten einen sehr fitten Eindruck und spielten voller Hingabe. Sehr viele Klassiker aus John Dysons und Wavestar Zeiten fanden die wohlgefälligen Ohren der immer noch zahlreichen Besucher genau so, wie aktuellere Titel und Solostücke von Paul Ward und Michael Shipway. Der ebenfalls für sein Getarrenspiel bekannte John Dyson lies es sich natürlich auch nicht nehmen, nach vorne auf die Bühne zu kommen, sehr emotionale Reden zu halten und die E-Gitarre zu bezirzen. Ein herrliches Abschlusskonzert für einen Tag voller elektronischer und artverwandter Höhepunkte.

Ist der Electronic Circus in seinem achten Jahr erwachsen geworden? Ja und Nein. Nach leichtem Kneipenflair in Bielefeld und Industriekultur in Gütersloh, hat der Circus mit dem Sommertheater ein neues, edleres Heim gefunden. Die Veranstalter sind allerdings immer noch genauso verrückt und vernarrt in die Musik und organisierten mit dem Festival eine gelungene Mischung aus Erinnerung und ungeniertem Vorwärtsgang, der für jeden Fan dieser Spielarten sowohl Gewohntes als auch Neues zu bieten hatte. Ein großes Lob gebührt somit allen Beteiligten des Tages, vor, hinter und natürlich auf der Bühne.

Stefan Schulz