Kolumne

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie früher an (elektronische) Musik gekommen sind? Also ich mich noch ziemlich gut.

So Mitte der 80er Jahre, als ich Winfrid Trenkler's 'Schwingungen' gerade entdeckt hatte, war ich noch Schüler und wohnte in einer kleinen Stadt im Bergischen Land.  Es gab einen kleinen Radioladen, der hatte auch ein Plattenregal, und es störte den Händler nicht allzusehr, wenn sich die Teenager auf den ausgestellten Stereoanlagen die eine oder andere Platte auf Kassette überspielten - solange er die Kassetten verkaufte.  Das Plattenregal war naturgemäß nicht allzu groß, und EM-mäßig war dort nicht allzuviel zu finden.  Zum nächsten echten Plattenladen in der nächst-größeren Stadt war es eine Stunde mit dem Bus, und die richtig große Auswahl gab's erst im Saturn in Köln.  Fehlende Motorisierung und begrenzte finanzielle Mittel setzten solchen Ausflügen natürliche Grenzen, so hat man sich bestenfalls alle zwei oder drei Wochen ein neues Stück Vinyl geleistet.  CD-Player gab es zwar auch schon, aber für die wurden damals noch vierstellige Preise aufgerufen.

Nun ist auch die 2015er (2016) Schallwelle-Preisverleihung Geschichte. Selten zuvor hat sie soviele Diskussionen, (teils sehr polemische) Kritik und Meinungen aushalten müssen, wie in diesem Jahr. Sei es die Konstellation der Lokation, die Zusammenstellung der Jury oder des Wahlverfahrens, nahezu alle Punkte wurden mit Aussagen überhäuft, mit Spekulationen und Vermutungen in Frage gestellt. 

Dabei gilt eines festzuhalten; die grundsätzlichen Parameter haben sich zu den Vorjahren nicht geändert und hatten sich über die letzten Jahre eigentlich immer bewährt. Doch warum regt sich neuerdings soviel Wiederstand über das Ergebnis der Wahlen und warum formuliert sich die Kritik auch noch ungewöhnlich aggressiv und antipathisch?

Ein wesentliches Problem ist die Tatsache, dass die große Internetgemeinde in ihrer Abstimmung die Großen der Zunft zu wählen scheint und scheinbar auch die Jury in der Gunst der Auswahl, diesen Künstlern, zumindest ein Teil seiner Stimmen gegeben hat. Dazu muss man wissen, dass aus beiden Wahlen (Jury und Internet) der Sieger gekürt wird, in dem die Stimmen aus beiden Lagern addiert werden. Dies ergab immer eine sinnvolle Schnittmenge, die dafür Sorge trug,

Ja liebe Empulsiv-Leser, die Einschläge kommen näher und auch wir müssen uns mit der Endlichkeit unserer musikalischen Heroen abfinden. Froese, Frey, Bowie und Co werden auch in Zukunft noch von diversen ablebenden Künstlern ergänzt werden. That´s Life!

Aber die Frage die sich dennoch stellt ist, warum empfinden wir den Verlust selbst so intensiv? Es kann nicht nur die musikalische Begleitung des eigenen Lebens sein, die uns mit den Musikern verbindet. Auch die Besonderheit ihrer Kunst und ihren Möglichkeiten, sich in jungen Jahren eine Einmaligkeit erarbeitet zu haben, ist wohl nicht der Auslöser zur eigenen gesteigerten Emotionalität bei Kenntnisnahme des Versterbens. Vielmehr scheint es eher der virtuelle Spiegel zu sein, der tributierende Künstler und die Fans an die eigene Sterblichkeit erinnert. Der eine mag es als berechnende Natürlichkeit betrachten, dass C-Promi-Musiker die Wichtigkeit des Einflusses der/des Verstorbenen auf die eigene Schaffensgrundlage äußern, die anderen nutzen die Gunst der Stunde, um alle versammelten Werke noch mal durch die hiesigen Charts zu treiben. Geschenkt.

749776 web R K B by twinlili pixelio.deNun, wenn der Kolumnist in den hiesigen Electro-Magazinen blättert, auf den üblichen Websites nach Tourdaten diverser massengemochter Lieblingsbands recherchiert und sich via Social-Media über die aktuellen Aktivitäten der Synthmusikmacher informiert, ist eines tatsächlich auffällig. Wir hängen sehr an dem was wir gestern, früher und damals geliebt haben und wollen es auch immer wieder sehen, hören und konsumieren.

Dennoch jammerschade, denn all dies präsentiert sich scheinbar nur noch als formvollendetes, glatt gebügeltes und nach Marktgegebenheiten konstruiertes Medienereignis und als Produkt, dass nur noch auf eines abzielen will, nämlich mit den letzten realistischen Möglichkeiten noch etwas Geld zu verdienen, solange, bis Musik weder als Medium noch als Kunst einen Wert besitzt. Dabei besteht der musikalische Inhalt nur noch aus einer Verpackung, aus der Geschichte drum herum, aus der Dokumentation zur Musik. Es ist der Besuch im Studio, das Interview und das Musik-TV-Video, was Aufmerksamkeit generiert. Doch wo ist der Rock ´n Roll?!

101094 web R K B by Kurt Michel pixelio.deUnsere Vorbilder, unsere Heroen und die Pioniere! Wären wir bloß wie sie? Scheiß drauf!
Damals, ja damals waren sie es, die gezeigt haben, wie man mit Innovationen etwas völlig Neues erzeugen kann. Da waren die Riesen-Kisten vollgestopft mit Patchkabeln, aufgestapelt zu Türmen mit analoger Technik und die leuchtenden Sequenzer, die synchron zur exakten 16tel Sequenz blinkten. Das war mutig und Individuell, aber eben nur damals!

Es ermüdet zu lesen, zu hören und erzählt zu bekommen, dass jemand so klingt wie die Jungs von damals. Niemand interessiert die xte Kopie des Originals. Warum? Na weil wir eben das Original schon haben! Anstatt sich darüber zu freuen, dass man den siebenunddreißigsten TD-Clone hervorgebracht hat, wäre die Intention sich etwas Eigenes auszudenken, der richtige Weg gewesen! Dann müsste man sich auch nicht wundern, weshalb die Verkaufszahlen womöglich noch ein paar Kommastellen mehr benötigen, um daraus eine große Zahl werden zu lassen.

474510 web R by Andre Müller pixelio.deDie Schallplatte kommt wieder? Ja irgendwie tut sie das, aber warum eigentlich? Wieso gibt es da immer noch, bzw. jetzt scheinbar wieder, Menschen, die das knackige schwarze Runde so lieben, so dass sie noch scheinbarer auf die beste audiophile Qualität verzichten, um beim leicht knarzigen Auflegen der Nadel, das Gefühl der einmaligen Individualität des Konsumierens für Fortgeschrittene, zu erfahren?
Was ist also an Vinyl so toll? Ist es das große Plattencover, dass wie beim 6-Liter Maserati den entsprechenden Hubraum erzeugt? Oder Ist es doch die Spannung nach knapp 25 Minuten, die Scheibe umdrehen zu können? Vielleicht aber auch, die gewollte Konzentration die entsteht, das unvermeintliche Beschäftigen mit dem Artwork und die besondere Haptik?

Edgar Froese ist tot. Zugegeben, ein harter Schlag für seine Familie, die Fans und den Freunden elektronischer Musik.

Fast jeder E-Musiker kann für sich in Anspruch nehmen, dass TD nicht nur Motivationsgeber, sondern in vielen Fällen sogar Anlass und Grund für das eigene Produzieren war. Noch mehr Hörer werden für sich beanspruchen, dass sie das Genre der EM eben durch TD gefunden, geliebt und ihm treu geblieben sind. Auch wenn die ununterbrochene Magie der 70er und 80er etwas verloren ging, Edgar und seine vielen musikalischen Begleiter blickten immer nach vorne und erstarrten nicht vor der eigenen Geschichte, um sich in einem ewigen und endlosen Beweihräuchern zu verlieren.

Immer wieder mal wirft der empulsive Redakteur einen Blick auf die hiesige EM-Szene, um ihr nicht nur eine erneute Wasserstandsmeldung abzuringen, sondern um viel mehr zwischen den Zeilen der Veranstaltungen und Events zu lesen. Und die aktuelle Lesestunde fällt durchaus positiv aus, denn nie zuvor gab es soviel zu bereisen und zu berichten, über neue Konzerte und etablierte Festivals zu erzählen, wie in den letzten 2-3 Jahren.

Aber erinnern wir uns doch noch mal kurz daran, in welchem Trauermodus die verharrte EM-Gemeinde noch vor 10 Jahren auf die Scherben des vergangenen Jahrzehnts blickte und niemand auch nur eine Mark oder einen niederländischen Gulden darauf verwettet hätte, dass wir all die lohnenswerte Musik, ehrenwerten Künstler und die neuen alten Veranstaltungen jemals wieder in dieser Form zu Gesicht bekommen würden. Wer hätte zur Jahrtausendwende je gedacht, dass es ein so umfangreiches Angebot an Musik, aktiven Künstlern und brauchbarer Live-Ereignisse geben würde. Wer hätte erwartet, dass es einen gestandenen Musikpreis gibt, zu dem die namhaften Acts kommen, um sich dort nicht nur auszeichnen zu lassen, sondern sich vielmehr darüber freuen wieder ein Teil der Musik-Gemeinschaft zu sein. Wer hätte vermutet, dass sich viele von Ihnen, zu alten und neuen Projekten zusammenschließen um wieder konzertierend durch die Lande zu ziehen.