Berichte

Wie letztes Jahr bereits öffnete der Electronic Circus seine Pforten im Detmolder Sommertheater - eine wirklich schöne Location, direkt neben der Musikhochschule und dem Park gelegen.  Das Wetter lud dieses Jahr zwar nicht unbedingt zu einem Spaziergang im Park ein, aber das ist ja auch nicht der Grund, dass man zum Circus fährt.  Die Circus-Leute sind für ihren breiten Musik-Geschmack bekannt, der den Begriff der 'elektronischen Musik' auch schon einmal deutlich über das gewohnte Maß dehnt.  So wurde es dieses Mal auch auf dem Plakat angekündigt - Krautrock, Ambient, Electronica, Wave, Synthpop.  Man durfte sich also wieder auf ein sehr buntes Programm freuen.

Das Foyer öffnete schon eine Stunde vor dem ersten Konzert - Zeit genug, einen ersten Rundgang bei den CD-Ständen zu machen.  Neben Deserted Island Music (Label und Shop von Remy Stroomer), Manikin Records, MellowJet Records und Spheric Music war auch Groove mit einem Stand vertreten.  Ron Boots war persönlich anwesend und hatte nicht nur John Kerrs neue Solo-CD im Gepäck, sondern auch gleich eine neue Serie von CD-Veröffentlichungen.

Zwischen den CD-Tischen hatte auch Roland wieder einen großen Stand mit Keyboards und modularen Synthesizern aufgebaut - Ausprobieren ausdrücklich erwünscht!  Auch eine gute Tradition ist die Interview-Bühne von EMpulsiv, auf der wir die Gelegenheit ergreifen, auftretende oder - zu ihrem Pech?  - einfach nur anwesende Musiker etwas auszufragen. Doch nicht nur wir waren fragend unterwegs. Und während der Konzerte liefen wir in Scharen mit gezückten Kameras und Videorekordern im Saal umher, um die besten Blickwinkel auf die Acts zu erhaschen und auf Digitalzelluloid festzuhalten

Kurz nach 14 Uhr war dann Einlass zum ersten Konzert.  Frank und Hans-Herrmann machen sich ja immer einen Spaß daraus, sich passend zum nächsten Act zu verkleiden.  Dieses Mal war die Anspielung nicht ganz so leicht zu erraten - blonde Perücke, weißer Overall, Zigarette im Mundwinkel.  Der ausgelobte Preis (ein warmes Bier) wurde nicht vergeben - es wäre wohl einfacher gewesen, wenn Frank sich auch noch auf ein Fell gesetzt hätte.  Gemeint war Klaus Schulze, wie er in den späten 70ern und frühen 80ern aufgetreten ist.  Den Meister selber hatte man in Detmold natürlich nicht auf der Bühne, dafür aber mit Fryderyk Jona einen Musiker, der es versteht, die EM-Stil dieser Jahre aufzugreifen, ohne ihn einfach nur zu wiederholen.  Mit seiner klassischen Ausbildung kombiniert Fryderyk Sequenzen und Klangflächen mit akustischen Instrumenten zu einem sehr dichten, fast geheimnisvollen Gesamtkunstwerk.  Ich hatte bei der Musik die Assoziation einer Reise durch einen dunklen Wald oder Sumpf.  Ganz so duster blieb es aber nicht über die ganze Vorstellung.  Während des letzten Drittels steuerte sein Vater (auch Musiker) Gesang dabei, und die Musik wurde deutlich rhythmischer - sollte man sagen, Schulze-artiger?  Das Publikum war jedenfalls zufrieden, auch eine Zugabe war noch drin, und somit waren direkt zum Anfang schon einmal alle Anhänger der Berliner Schule 'versorgt'.

... womit es Zeit für den ersten stilistischen Sprung war.  Diesmal tauchten Frank und Hans-Herrmann im blau-weißen Matrosen-Kostüm auf, es ging nämlich an den Rhein, genauer gesagt nach Düsseldorf.  Dort ist BAR zu Hause, eben die 'Band Am Rhein'.  Stilistisch orientieren sich Lukas Croon und Christina Irrgang an einem Vorbild aus der gleichen Stadt, nämlich an Propaganda.  Also 'Good-Bye 70s' und weiter in die 80er, mit fetten Beats, kühlem und etwas minimalistischem New-Wave, aber auch einer Prise Romantik, zum Beispiel wenn Christina zur Blockflöte greift.  Alle Titel haben einen durchgängigen, gleichen Stil, hier hätte ich mir vielleicht noch etwas mehr Abwechslung gewünscht.  Das kann aber noch werden, so lange gibt es die Band noch gar nicht (Debüt-Album von 2014).  Viele Live-Auftritte hatten die Beiden auch noch nicht, ein Bühnen-Profi hätte sich wohl nicht für einen vergessenen Akkord entschuldigt - Nein, den hat keiner bemerkt!  Die Frage am Ende "One more song?" wurde mit einem klaren Ja!  beantwortet.

Nach dem zweiten Act war die große Pause, Zeit für ein (verfrühtes) Abendessen.  Mit dem Catering hat es dieses Mal leider nicht geklappt.  Letztes Jahr gab es noch Würstchen und Suppe vor Ort, dieses Mal hatte die Bar außer ein wenig Knabberkram nur Flüssiges zu bieten.  Die Detmolder Innenstadt ist aber nur wenige Minuten zu Fuß vom Sommertheater entfernt, also kein Problem, in den anderthalb Stunden Pause den Magen zu füllen.

Franks Verkleidung für den dritten Act war leicht zu erraten, deshalb gab's dieses Mal auch nicht einmal ein warmes Bier als Preis: rotes Hemd, schwarze Krawatte und eine Roboterstimme machen eindeutig klar, dass die Vorbilder vom Metroland wieder aus Düsseldorf kommen.  Aber auch ohne diese Verkleidung war das der Hörerschaft nach den ersten Takten klar.  Zwar treten Andy de Decker und Sven Lauwers noch selber auf und stellen keine Puppen hinter ihre Geräte, ansonsten ist die Bühnen-Präsentation aber ganz klar von Kraftwerk inspiriert (oder abgeschaut): anstelle des TEE fährt jetzt der Thalys durchs Bild, Bilder vom Bauhaus, Symbole im Stil des Konstruktivismus und der Mensch in einer technisierten Umwelt.  Auch Titel wie "It's More Fun to Commute" sind natürlich eine klare Anspielung auf Kraftwerk-Klassiker.  Dabei ist die Musik von Metroland beileibe kein einfacher Kraftwerk-Abklatsch.  Man findet deren Sound-Elemente wieder, aber statt des technisch-kühlen Stils jetzt mit einem treibendem und absolut tanzbaren Beat.  Hätte Kraftwerk sich nicht irgendwann entschieden, ihre Musik einzufrieren und nur noch zu reproduzieren, so würden sie wohl heute klingen.  Einige hat es auch nicht mehr auf den Sitzen gehalten, im Stehen wippt es sich viel besser mit.

Ganz ohne Puppen geht es auch bei Metroland nicht, die saßen am Bühnenrand und dienten als Models für die T-Shirts, die man am Groove-Stand kaufen konnte.  Dort konnte man auch eines der Metroland-Alben in Dreifach-Ausführung kaufen - CD, LP und MC (!) in einem Paket.  Auch ansonsten machte der Bühnenauftritt einen absolut reifen und professionellen Eindruck, selbst die Notebooks waren rot und mit einem Metroland-Logo verkleidet.  A propos Notebooks: ich bin mir nicht 100-prozentig sicher, wie weit hier live gespielt wurde. An einer Stelle lief der nächste Titel schon los, und einer der beiden drehte sich eilig zu seinem Notebook zurück, um wieder die 'DJ-Haltung' einzunehmen.  War aber auch nicht so wichtig, für mich der bisher beste Auftritt und die positive Neuentdeckung des Tages.

Mit Ulrich Schnauss als nächsten Act war man dann im Hier und Jetzt angekommen.  Ulrich macht neben Remixen auch Elektronik auf der Höhe der Zeit, und seit 2014 gibt er bei Tangerine Dream damit neue Impulse.  An diesem Abend war er solo da, in der für ihn typischen Art: wenig Equipment, darunter ein einzelnes Keyboard und die etwas gebückte Haltung vor seinem Notebook.  Was auch wieder so war: Der Tisch stand am Rand der Bühne und Ulrich drehte dem Publikum den Rücken zu - ein Aufbau, der mich ziemlich gewundert hatte, als ich ihn vor einem Jahr zum ersten Mal in Frankfurt live gesehen hatte.  Das scheint aber sein Prinzip zu sein: selber möglichst wenig in Erscheinung treten, dafür die Musik und die Bilder wirken lassen. Die Bühne war dementsprechend auch so stark abgedunkelt, dass man ihn kaum sehen konnte - irgendwo ein Stück links von den Visuals muss er sein.

Also wie ich Ulrichs Musik finde?  Ein einziger großer Mix über die ganze Performance hinweg mit fließenden Übergängen, darin eingearbeitet auch ein paar Titel von aktuellen TD-Alben wie 'Madagasmala'.  Alle strahlen eine positive und lebensbejahende Atmosphäre aus, es ist fast wie ein Rausch im angenehmen Sinne. Ulrich selber ist bei der Arbeit wohl auch 'im Tunnel', mittendrin waren die Visuals zu Ende (dieses Mal nicht live gemixt, sondern aus der Dose), und es hat einen Moment gedauert, bis er es gemerkt hat.

Dass er inzwischen regelmäßig mit Tangerine Dream auftritt, merkte man an einem anderen Umstand: die Lautstärke war mehr als komfortabel, einige haben sich danach darüber beklagt.  Etwas weniger hätte auch gereicht.

Die Zugabe fiel dieses Mal aus, beziehungsweise wurde auf später verschoben, davon später mehr.  Doch halt - keiner verlässt den Saal! Als kleine Zwischeneinlage präsentieren Frank und Hans-Herrmann noch schnell die Bundesliga-Ergebnisse. Auch für diese Einlage hatten sich die beiden passend in Schale geworfen. Die Kostümierungen der Zirkusdirektoren für ihre Auftritte sind nahezu schon Kult. Auch wenn sie dieses Mal ein wenig dezenter ausgefallen sind als vor einem Jahr.

Nach der letzten Pause stand dann der Höhepunkt des Abends an: Hans-Joachim Roedelius.  Für dessen Einführung hatten sich Frank und Hans-Herrmann noch einen besonderen Gast auf die Bühne geholt: Ecki Stieg, dem einen oder anderen vielleicht von seiner Sendung 'Grenzwellen-Radio' bekannt.  Der erzählte davon, wie Die Musik von Roedelius und Ulrich Schnauss ihm geholfen hat, eine persönliche Krise vor ein paar Jahren zu überwinden.

Und dann Bühne frei für den letzten - und ungewöhnlichsten - Auftritt des Tages.  Hans-Joachim Roedelius kommt auf die Bühne und gibt als erstes sein Motto vor: "Ich darf leise sein." Auf der Leinwand ein Naturmotiv, das für den Rest der Zeit so blieb und sich kaum merklich bewegte, er trägt von ihm geschriebene Gedichte vor.  Die Gedichte handeln vom Leben in modernen Zeiten, vom Sinn des Lebens und wie der Mensch sich selber sieht.  Abwechselnd dazu setzt er sich ans Piano oder spielt etwas elektronische Musik, für die der Begriff 'Klangcollagen' vielleicht passender wäre.  Ich muss gestehen, dass ich nicht alles verstanden habe, was er dem Publikum mit seinen Gedichten sagen wollte, ein paar von ihnen hat er mir auch etwas zu schnell vorgetragen.  Am Ende der Vorstellung konnte man sie sich aber ausgedruckt mitnehmen, um noch einmal in Ruhe nachzulesen.

Seine Frau trug auch einige der Gedichte vor und steuerte stellenweise ihren Gesang bei.  Überraschungsgast war aber noch einmal Ulrich Schnauss, der einige der Stücke mit seinen Mixes begleitete - das war also die Zugabe, die bei seinem Auftritt ausgefallen war.

Dann erzählt Roedelius noch aus der Zeit, als er im Weserbergland gewohnt und mit Brian Eno gearbeitet hat, gar nicht so weit von Detmold entfernt.  Ein letztes Gedicht rezitiert er noch, dieses Mal auswendig.  Es endet mit "Du drehst die Zeiger Deiner Uhr" - ein passendes Schlusswort, es ist eine halbe Stunde nach Mitternacht. Nicht alle haben bis zum Schluss ausgehalten, sei es weil sie sich auf den Heimweg machen mussten oder weil ihnen dieser Auftritt doch etwas zu schwierig und kopflastig war.

Ich habe selber eine Weile überlegt, wie ich diesen letzten Auftritt einordnen soll - mit elektronischer Musik hatte er wirklich nur am Rande zu tun.  Wenn man mit den Gedichten nichts anfangen konnte, sollte man ihn vielleicht einfach so sehen, dass man noch einmal einen der 'großen, alten Meister' von EM und Krautrock leibhaftig erlebt hat und dass der Inhalt dabei vielleicht gar nicht so entscheidend ist - große Geister lassen sich eben nicht auf ein Gebiet einengen. Schön ist bei Roedelius aber, dass all dies nicht mit Überheblichkeit einhergeht.  Genauso leise und bescheiden, wie er angefangen hat, so schließt er auch, mit einer rührenden Abschiedsszene.

So endete dieser Electronic Circus auf eine ungewöhnliche Weise, nämlich sehr still und besinnlich.  Normalerweise unterhält man sich nach dem letzten Act noch, trinkt noch etwas, verabredet sich für das nächste Event.  Dieses Mal nicht: die Bar ist schon geschlossen, alle Stände sind abgeräumt.  Man ist alleine mit seinen Gedanken und den Worten, die Roedelius einem mit auf den Weg gegeben hat, dazu mit den Erinnerungen an einen bewegten Tag, der ein Wechselbad der Musik beschert hat.  Wie immer beim Circus hat sicher nicht allen alles gefallen, aber es war für jeden etwas dabei.  Und nächstes Jahr werden Alle wiederkommen!

Alfred Arnold

Fotos:
Alfred Arnold
Stefan Schulz