Berichte

Wenn man Berlin als die "Wiege" der elektronischen Musik in Deutschland sieht, dann ist es eigentlich eine Schande, als EM-Fan noch nie bei einem Event in Berlin gewesen zu sein.  Als Tangerine Dream 1987 vor dem Reichstag spielte, hatte ich noch nicht das Geld für den Flug, und auch in den folgenden Jahren hatte es sich nie so recht ergeben.  Der 'Pott' liegt doch deutlich näher an Aachen und hat alleine mehr zu bieten, als man alleine sich anschauen kann.

Aber irgendwann musste es mal sein, und eine Mitfahrgelegenheit (nochmals danke, Dierk!) sowie ein günstiges Hotelzimmer waren dann die Chance, diese Lücke zu schließen.  Am 20. Januar dieses Jahres jährte sich Edgars Todestag zum zweiten Mal, und auch dieses Mal organisierte seine Frau Bianca ein Event, um zu verdeutlichen, dass sein Werk weiterlebt und er immer noch in vielen Köpfen so präsent ist wie zu seinen Lebzeiten.

Als Ort dafür dient das Foyer der Berliner Festspiele.  Der Eintritt ist kostenlos, es wurde im Vorfeld nur um eine Registrierung per E-Mail gebeten.  Das Foyer ist zwar schon recht groß, mit mehr als den vorgesehen 200 Teilnehmern wäre es aber recht unkomfortabel gewesen.  Außerdem sollen die ausgestellten Gemälde ja wirken, und damit das bei den über einen Meter im Quadrat messenden Zoom-o-Graphics richtig funktioniert, muss man schon etwas Abstand nehmen und sollte sich nicht daran vorbeischieben.  Spätestens seit der im November gesendeten Dokumentation über Tangerine Dream ist ja bekannt, dass Edgar Froese nicht nur Musiker war, sondern auch als Bildhauer und Maler aktiv war.  Ich bin wirklich kein Kunst-Experte, aber eine Wirkung hinterlassen sie bei mir schon.  Die leuchtenden und kontrastreichen Farben strahlen für mich Lebensfreude und Dynamik aus.  Und gänzlich unvertraut sind mir viele davon auch nicht, man kennt sie von Tangerine Dream-Alben als Cover.

Recht zügig nach der Eröffnung um 17.30 Uhr füllt sich das Foyer. Gut 100 Besucher haben sich auf den Weg nach Berlin gemacht, wohl weniger als beim gleichen Event vor einem Jahr, aber immer noch eine respektable Zahl, die das Foyer gut gefüllt erscheinen lässt. Bis zum ersten Programmpunkt des Abends sind es noch zwei Stunden, die man sich mit Gesprächen, an der Theke oder am Merchandise-Stand vertreibt.  Neben CDs, T-Shirts und Taschen kann man auch einige von Biancas Werken als Drucke kaufen.  Die großen, ausgestellten Bilder sind (natürlich) nicht verkäuflich, aber wer mit ihnen liebäugelt, darf gerne sein Glück versuchen. Zu dem Programmpunkten des Abends gehört auch eine Tombola, und eines der Gemälde ist der Hauptgewinn.  Die Lose, die eine Dame aus einem Hut heraus verkauft, sind mit 20 Euro zwar alles andere als billig, angesichts dieses Hauptgewinns mag es dem einen oder anderen aber die Sache wert sein.  Auch ich riskiere mein Glück, dafür war der Eintritt ja frei.  Um es voraus zuschicken: nein, ich hatte kein Glück, auch nicht bei den CDs, Kalendern und Konzertkarten, die es ansonsten zu gewinnen gab.  Dafür bleibt das gute Gefühl, mit dem Geld das geplante Tangerine Dream-Museum mit finanziert zu haben.

Kurz vor halb acht geht es dann mit dem eigentlichen Abendprogramm los.  Nach einer kurzen Einführung liest Bianca ein Kapitel aus Edgars Biographie, die schon vor ein paar Jahren angekündigt war, deren Erscheinen sich nicht zuletzt durch seinen Tod aber immer wieder verzögert.  Ich höre Geschichten, wo eine Ehefrau ihrem Mann die Biographie vor drei Jahren zum Geburtstag geschenkt hatte, und der muss bis heute darauf warten.  Das aktuell geplante Veröffentlichungsdatum ist übrigens der 6. Juni, drücken wir dem Machern mal die Daumen, dass es in diesem Jahr klappt.  Immerhin bekommt man heute eine Kostprobe zu hören, nämlich das Kapitel, in dem Edgar Froese seine erste (und einzige) Begegnung mit Jimmy Hendrix beschreibt.  An einem Abend in den späten 60ern (Tangerine Dream war da noch gar nicht gegründet) trifft er ihn zuerst auf der Bühne, dann später noch einmal auf einer zu seinen Ehren gegebenen Party in einer Berliner Wohnung.  Leider ist der Meister an diesem Abend völlig zugedröhnt, und Edgar bekommt keine Antworten auf die Fragen, die er Jimmy Hendrix schon immer stellen wollte ...

Eine ganze Menge ausländischer Gäste sind an diesem Abend anwesend, und so ist es auch gut, dass dieses Kapitel nicht nur auf Deutsch, sondern abwechselnd auch auf Englisch gelesen wird. Für diesen Teil hat Bianca sich kompetente Hilfe auf die Bühne geholt.

Nach dieser Lesung ist erstmal wieder 'Meet & Greet' angesagt, bis die Verlosung beginnt.  Die Preise werden in aufsteigender Reihenfolge gezogen, von CDs als siebtem Platz bis zu einem der ausgestellten Gemälde (freie Wahl!) als Hauptgewinn.  Eine schöne Überraschung: dieser Hauptgewinn geht an den jüngsten Fan, einen Jungen aus Schottland!

Eine weitere Pause schließt sich an, in der man an der Theke des Cafes herausfinden kann, was es noch zu essen gibt - zum Glück wird während der Veranstaltung noch Nachschub gebracht, sonst wäre es wirklich eng mit dem Catering gewesen.  Alle warten natürlich auf den angekündigten Live-Auftritt von Tangerine Dream, vorher macht Bianca aber noch ein kleines Interview mit Margarete Kreuzer, der Regisseurin der Tangerine Dream-Dokumentation.  Sie erzählt, wie sie dazu kam, nämlich über eine Bavid Bowie-Dokumentation, die sei eigentlich für Arte machen sollte und die dann nicht zustande kam.  David Bowie hat bekanntermaßen in den 70er-Jahren einige Zeit bei den Froeses in der Schwäbischen Straße gewohnt, über diese Verbindung kam sie zu Tangerine Dream und letzten Endes zu diesem Projekt.  Die Dokumentation läuft übrigens auch im Programm der diesjährigen Berliner Filmfestspiele.

Nach diesem Interview und einem kleinen Umbau auf der Bühne ist es dann Zeit für den Höhepunkt des Abends und das, weswegen viele Gäste wohl eigentlich gekommen sind.  Einen kostenlosen Auftritt von Tangerine Dream bekommt man wirklich nicht oft geboten.  Jetzt merkt man, dass es in einem Foyer nicht allzu viele Stühle gibt - wer nicht rechtzeitig eine der wenigen Sitzgelegenheiten erobert hat, muss stehen.  Nach etwas Herumwandern finde ich ganz vorne vor der Bühne, auf dem Boden sitzend, ein angenehmes Plätzchen.  Das Foyer scheint eine Fußbodenheizung zu haben.

Thorsten Quaeschning hatte letztes Wochenende nach seinem Konzert mit PPm in Oirschot ja angedroht, es würde nur ein kurzer Auftritt werden, vielleicht 30 oder 40 Minuten.  Ganz so kurz wird es dann aber nicht.  Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss spielen ein einziges durchgehendes Stück, das fast eine ganze Stunde läuft, quasi in 'guter alter Tradition' der Berliner Schule.  Bekannt kommt es mir nicht vor, und anfangs haben die Drei auch Probleme, im Spiel zueinander zu finden.  Die Mini-Bühne des Foyers ist auch eher eine Nische und kein idealer Spielort.  So nach zehn bis fünfzehn Minuten setzt aber der Rhythmus ein und ab dann passt es.  Aber das ist sicher nicht die Musik, die die Mehrzahl der Besucher erwartet hatte.  Ich hatte auch eher vermutet, dass sich das Spiel-Programm dieses Abends an dem orientieren würde, was TD zuletzt live in Stettin oder Windeck geboten hatten.  Aber zu Edgar Froeses Prinzipien gehörte es ja, dass man in erster Linie das macht, was man selber für richtig hält, und nicht das, was das Publikum von einem erwartet.  So passt dieser schon etwas 'kantige' Auftritt zum Thema des Abends, und Applaus gibt es am Ende trotzdem.

Eine kleine Zugabe ist noch drin.  Was spielen wir dafür? "Fangen wir mit einer Fläche an, schön gemütlich', gibt Ulrich als Motto aus.  Aus dieser Fläche entwickelt sich dann "Love On A Real Train", das versöhnt dann auch die Fans, die etwas anderes erwartet haben.  Leider muss es bei dieser einen Zugabe bleiben, es ist inzwischen zehn Uhr am Abend und man muss der Nachbarn wegen aufhören.  Wer will, darf aber noch bis elf Uhr bleiben. Den Rest verabschiedet Bianca in die Nacht, nicht ohne Edgar noch einmal für alles zu danken.  Meine Bekannten und ich beschließen, den 'Absacker' an der Hotelbar zu nehmen.  Im kleinen Kreis diskutiert man noch einmal über das Gesehene, darüber wie es mit Tangerine Dream weitergehen wird, und ob Edgar von seiner Wolke aus mit Wohlgefallen auf das herabsieht, was an diesem Abend in seinem Namen geboten wurde.

Alfred Arnold