Berichte

Seit vielen Jahren ist 'De Enck' in Oirschot (mindestens) zwei Mal im Jahr ein Treffpunkt für EM-Fans, denn das ist die Location, die Groove-Chef Ron Boots für seine Events bucht. Dabei ist Oirschot gar nicht sein Wohnort: er und sein Label haben ein paar Kilometer weiter westlich in Best ihre Heimat. Zum ersten Mal hat er zu einem Event eingeladen, das dort stattfindet, nämlich im Kulturzentrum "'t Tejaterke".  Die Einrichtung kann als Theaterbühne, Konzert- oder Kinosaal dienen und wird zusammen mit einem Cafe ehrenamtlich von den Bürgern der Stadt betrieben - ein wirklich schönes Konzept, das man sich auch hierzulande wünschen würde.  Dann wäre es für Musiker vielleicht einfacher, Spielorte auch für Musik zu finden, die nicht auf dem 'Mainstream' liegt.

Für die Premiere an diesem Ort hat Ron ein Doppelkonzert angekündigt: Im ersten Teil wird der für den Schallwelle-Preis als Entdeckung Nominierte Martin Peters spielen, danach wird Ron selber, zusammen mit Harold van der Heijden, auf die Bühne gehen. Für den zweiten Teil wurde 'Berliner Schule' versprochen, genauer gesagt ein Vorgeschmack auf das, was Ron zwei Wochen später in Philadelphia auf seiner USA-Premiere spielen wird.  Nicht nur der neue Spielort wird heute ausgetestet werden, auch der die zweite Konzerthälfte wird dafür ein Testlauf sein.  Der Eintritt ist an diesem Tag frei - ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Ron für einen Test kein Geld nehmen will, es ist aber so oder so enorm großzügig, 'für Nüsse' zu spielen.  Im Vorfeld war nur eine Registrierung per E-Mail erforderlich, denn "'t Tejaterke" hat nur etwa 120 Sitzplätze, 'De Enck' mit über 300 Plätzen wird weiter der Ort für E-Day und E-Live bleiben.

Best und Oirschot sind nur eine Autobahn-Abfahrt voneinander entfernt, die Anfahrt ist also fast die gleiche.  Das letzte Mal, als ich in Oirschot war, was es noch tiefster Winter mit Eiskratzen und Temperaturen unter Null.  Das ist Anfang März glücklicherweise vorbei, dafür hat der Wettergott an diesem Nachmittag eine heftige Regenfront über Holland geschickt - es schüttet auf der Hinfahrt wie aus Kübeln, so dass ich mir schon Sorgen mache, ob ich Best an diesem Tag überhaupt erreichen werde.  Das klappt gottlob doch noch, wenn es auch deutlich länger gedauert hat als gedacht: mehr als 80 Sachen sind bei diesem Wetter auch auf der Autobahn nicht drin.

Der erste Eindruck der Location: sehr schön, alles wirkt neu und gepflegt.  Einzig die Parkplätze sind etwas knapp bemessen. Einheimische werden wohl meist mit Bus oder Fahrrad kommen. Besucher, die aus größerer Entfernung mit dem Auto kommen, werden sich bei größerem Andrang ihren Stellplatz im angrenzenden Wohngebiet suchen müssen.

Nun aber raus aus dem Regen und hinein in die gute Stube.  Direkt geradeaus wäre der Eingang zum Saal, und weil an diesem Tag der Eintritt frei ist, könnte man direkt hineingehen.  Es ist aber trotz der Anreise mit Hindernissen noch etwas Zeit, einmal nach links in das Cafe abzubiegen.  Ein Kaffee nach den Strapazen ist Pflicht, und selbstverständlich lohnt sich ein Blick auf den Groove-CD-Stand, insbesondere, wenn man Abonnent der 'GR 1000er'-Reihe ist - Bei Gelegenheit abholen statt zusenden lassen spart Geld.

Die 1000er-Reihe findet nämlich heute ihre Fortsetzung mit 'Galaxy', der ersten CD von Synchronized.  Francois ten Have, wie er im richtigen Leben heißt, ist auch am heutigen Abend anwesend, und bevor das erste Konzert beginnt, holt Ron ihn kurz nach vorne und stellt ihn und das neue Album vor.  Die Ränge im Saal sind zu drei Vierteln gefüllt, trotz der widrigen Wetterverhältnisse haben es auch viele Besucher aus Deutschland nach Best geschafft, um im ersten Teil Martin Peters' Solo-Premiere auf der Bühne zu sehen.

Der Stil von Martin Peters ist ganz klar der Berliner Schule zuzuordnen, davon zeugt alleine schon der modulare Synthesizer, der einen zentralen Platz im Aufbau einnimmt.  Dementsprechend sind die vier langen Titel, die in der folgenden Stunde zu Gehör kommen, von Sequenzen getragen.  Langeweile und allzu große Monotonie, für die diese Form gelegentlich kritisiert wird, kommen hier aber nicht auf.  Während der jeweils fünfzehn bis zwanzig Minuten langen Stücke wird ständig variiert, man ist darauf gespannt, wie die nächste Wendung aussehen wird und Martin Peters schafft es, die Zuhörer damit in seinen Bann zu ziehen. Dabei hat jeder der vier Titel seine eigene 'Grundstimmung': Im ersten Teil dominiert die fette Sequenz, während der zweite Titel deutlich leichtfüßiger daherkommt und moderne Klänge hinzufügt. Im dritten Stück ergänzen Streicher und Flächen die Sequenz, und im vierten Titel - für mich der beste dieses Auftritts - fügen sich diese Elemente alle harmonisch zusammen.  Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass 'Berliner Schule' nicht heißen muss, möglichst genau das zu kopieren, was Tangerine Dream & Co.  in den 70ern gemacht haben.  Völlig verdient steht Martin Peters auf der Nominierten-Liste für den Schallwelle-Preis (Kategorie 'Entdeckung'), und er versichert mir nach dem Konzert, dass er in zwei Wochen in Bochum dabei sein wird.

Zeit für eine Pause, in der folgenden halben Stunde wird umgebaut und die Zuschauer gehen wieder in das Cafe herüber.  Neben Kaffee und Cola haben die Damen hinter der Theke jetzt auch ein paar kleine Snacks zu bieten.  Der Regenfront ist größtenteils durchgezogen, wer die Pause nutzt, um draußen ein kleines Rauchopfer darzubringen, wird nicht mehr allzu nass.

Nach der Pause erzählt Ron noch kurz von seinem bevorstehenden Auftritt in Philadelphia und dass der zweite Teil des heutigen Abends quasi die 'Generalprobe' dafür sein wird.  Als Kompagnon sitzt Harold van der Heijden an den Drums und wird der Sache den nötigen 'Nachdruck' geben.  Wie sich die Sache anlässt? Also mit Berliner Schule hat das für mich nicht allzu viel zu tun, eher mit dem druckvollen Sound, wie man ihn von Boots-Klassikern wie 'Acoustic Shadows' kennt, und der auch als Filmmusik dienen könnte.  Auch Harold hat sich am Ende des ersten Titel warm gespielt, er legt die Jacke ab.  Track Nummer zwei gewährt eine kurze Verschnaufpause, Ron und Harold gehen die Sache deutlich ruhiger an, ohne dass die Musik ihre Kraft verliert.

Für Track Nummer drei bittet Ron Stephan Whitlan auf die Bühne. Die beiden haben gerade erst zu Anfang des Jahres ein Album veröffentlicht, und schon wieder ist neues Material auf dem Weg. Stephan bringt die Sequenzen mit auf die Bühne, die der 'Berliner Schule Fan' in den ersten beiden Tracks vermisst haben könnte. Die kommen jetzt um so reichlicher, aber nicht in der 'klassischen Form', wie sie Martin Peters im ersten Teil geboten hat, sondern mit Harolds Drums und genauso energiegeladen wie in den beiden ersten Tracks.  Es ist dabei schon fast drollig anzusehen, wie sich Ron und Stephan die zwei Quadratmeter zwischen den Keyboards teilen, sich um sich drehen und mal auf dem einen, mal auf dem anderen spielen.  Nach gut zehn Minuten ist der Tanz vorbei - "Well done, Mr. Whitlan!", so ist Rons spontaner Kommentar.  Kein Widerspruch und 'next please'...

Im nächsten Titel hat Harold erstmal etwas Pause, die schnellen und ruhigen Stücke wechseln sich diesen Abend ab und jetzt sind erstmal wieder ein paar sanfte Flächen zum Ausruhen an der Reihe. Das bleibt natürlich nicht lange so und die Musik nimmt wieder Fahrt auf.  Jetzt will Ron zeigen, dass er auch alleine mitreißende Sequenzen 'kann', und natürlich kann er es.  Schaut man ihn sich in solchen Momenten an, dann versteht man, wie es ist, wenn ein Musiker 'im Tunnel' ist: nur noch er und seine Instrumente, die Augen geschlossen und alles um ihn herum scheint vergessen.

So langsam wie es in den Tunnel hinein ging, so spontan ist der Tunnel zu Ende.  Ein harter Schnitt beendet diesen Teil, zum 'Absacken' noch ein kurzer Piano-Teil, und der erste Konzertabend in "'t Tejaterke" ist vorbei.  Diese Premiere ist ohne Zweifel gelungen, und ich habe keinen Zweifel, sie wäre auch gut besucht gewesen, wenn sie nicht kostenlos gewesen wäre.  Das Angenehme für Ron: nach dem Abbauen sind es dieses Mal nur 500 Meter bis nach Hause.  Der große Trip steht dann in zwei Wochen an, und die Fans in den USA dürfen sich auf Ron und Harold freuen.

Alfred Arnold