Berichte

Die Schallwelle 2016 ist vorüber - alle Preise sind verteilt, alle Desserts vom Buffet verzehrt und alle Reden gehalten.  Wie ich es gefunden habe?  Ich habe einen Riesenspaß gehabt, sowohl in der Vorbereitung als auch auf der Verleihung selber, wenn das nicht so wäre, dann würde ich dort auch gar nicht mehr mitmachen. Ich weiß, dass nicht alle in der 'Szene' Freunde dieses Preises sind.  Sei es, weil sie als Musiker seit Jahren leer ausgehen, sei es, weil sie generell nichts davon halten, Musik in irgendeiner Form messen zu wollen, oder aufgrund persönlicher Animositäten zu den Veranstaltern.  Ich kann und will hier nur meine persönlichen Eindrücke und Gedanken zur Schallwelle darlegen, die man teilen kann oder nicht.

Verglichen zum letzten Jahr sollte das Programm etwas gestrafft werden.  Die letzte 'reguläre' Veranstaltung in der Planetariums-Kuppel soll erst um sieben Uhr enden, das 'Meet & Greet' im Foyer um fünf anfangen.  Für die Veranstalter beginnt der Tag natürlich schon deutlich früher.  Ich trudle so gegen zwei Uhr ein und erwische mit Glück einen Parkplatz in der Nähe. Der Samstag ist leider der regnerischste Tag dieser Woche, trotzdem sind die anderen Vorstellungen gut besucht.

Was um diese Uhrzeit bereits auf vollen Touren läuft, sind die Vorbereitungen für das Buffet.  Janine Erbe hat das Regiment über die Küche übernommen, und Personen, die nicht dabei mithelfen, sind dort eher ungern gesehen.  Da meine Werkzeuge eher Tastatur und Lötkolben als der Kochlöffel sind, versuche ich mich anderweitig nützlich zu machen.  Das eine oder andere muss noch abgespült werden (bloß jetzt noch nicht das neue weiße Poloshirt anziehen!), Anstecker mit Namenschildern müssen noch vorbereitet werden, und man spricht noch Details für den eigenen Auftritt durch.  Für mich ist es ja jetzt schon das dritte Jahr, dass ich einen Preis verleihen und den Preisträger laudieren soll.  Für mich ist das trotzdem keine Routine.  Bloß nicht nachher verhaspeln, auch bitte keine Versprecher oder Hänger, man geht im Geist noch einmal die paar Sätze durch.

Darüber vergehen die Stunden bis zum Meet & Greet schneller als man glaubt.  Nach und nach trudelt der Rest der 'Crew' ein, und auch die CD-Stände werden von den jeweiligen Label-Betreibern aufgebaut.  Diese CD-Stände gab es letzte Jahr noch nicht, sie sind eine der Ideen, die Veranstaltung auch für reine Zuschauer und Nicht-Musiker interessanter zu gestalten.  Zumindest seitens der Label-Betreiber ist das Angebot gut angenommen worden.  Für Lambert mit seinem Spheric-Label liegt Bochum ja quasi 'um die Ecke', aber auch Syngate, Groove, Manikin und Cue-Records sind da. Wären Bernd 'moonbooter' Scholl und Mellowjet noch da, wäre die Riege eigentlich vollzählig.

Um 17 Uhr ist es dann so weit, das Buffet ist eröffnet, und es hat wie jedes Jahr seinen eigenen 'Touch'.  Wer schon einmal auf einer Firmenfeier mit bestelltem Catering war, kennt vielleicht die 'üblichen Zutaten' eines warmen Buffets: Braten, Gratins, Lachs, Gemüse und Brot.  Eine Spezialität des Schallwelle-Buffets ist Currywurst in fast beliebiger Menge, zusammen mit einer richtig scharfen Sauce, die Durst macht und an diesem Abend dem Getränkeumsatz des Planetariums einen ordentlichen Schub gegeben haben dürfte.  Neben der Vielfalt überzeugt auch die Menge, keine der Speisen wird irgendwie vorzeitig knapp.  

Dann ist die letzte reguläre Veranstaltung des Tages in der Kuppel vorbei.  Ein paar letzte Vorbereitungen (Urkunden und Preise bereitlegen!) sind noch zu treffen, dann ist Einlass für den ersten Teil der Preisverleihung.  Das Moderatoren-Duo aus Sylvia Sommerfeld und Thomas Gonsior eröffnet und wird wie immer durch den Abend führen.  Als Teil der Eröffnung wird auch die Video-Präsentation gezeigt, die Erik Seifert für diesen Abend erstellt hat: Passend zum Ort fliegt man an Planeten und Asteroidenhaufen vorbei, dabei werden ein paar Stilrichtungen elektronischer Musik genannt.  Klaus-Dieter Unger, ansonsten für die Projektionen an der Kuppel verantwortlich, wird heute einen eher entspannten Abend haben - er muss die Filme nur abfahren.

Nach der Begrüßung ist auch gleich die erste Kategorie 'Album international' dran.  Für deren Moderation übernimmt Matthias Eislöffel von Jarrelook.de das Mikrofon.  Dass er nicht ganz ohne Grund diesen Part übernimmt, und diese Kategorie nicht die größte Überraschung bereithält, mag man sich sicher denken.  Recht kurzfristig und doch passend zum 40-jährigen Jubiläum von 'Oxygene' hatte Jean-Michel Jarre im Dezember noch einen dritten Teil veröffentlicht, und 'Oxygene 3' hat sich letzten Endes gegen Enigma und Vangelis durchgesetzt.  Bemerkenswert: neben den großen, alten Namen hat es auch kebu in die Top 5 geschafft. Dass selbiger am heutigen Abend noch aufspielen wird, kann Zufall sein, aber vielleicht hat Sylvia auch einfach einen guten Riecher gehabt?

Der Meister aus Frankreich ist naturgemäß nicht persönlich da, um den Preis im Empfang zu nehmen, so wichtig ist unsere bescheidene Preisverleihung nun wirklich nicht.  So bleibt der erste Glaspokal erst einmal auf seinem beleuchteten Sockel stehen.  In den kommenden Monaten wird sich hoffentlich wieder eine Möglichkeit ergeben, ihn bei einem Konzert in der Region zu überreichen.

Mit der Kategorie 'Album national' ist es schon für mich an der Zeit, nach vorne zu kommen.  Letztes Jahr hatte ich ja die Riesen-Ehre, den Preis für das beste Album an Tangerine Dream verleihen zu dürfen.  Dieses Jahr teile ich mir die Aufgabe mit Uwe Zelt, und das ist auch gut so.  Für diese Kategorie wird es richtig voll auf der Bühne, bis auf Jerome Froese von Loom sind nämlich alle Nominierten anwesend: die aktuelle Besetzung von Tangerine Dream ist vollständig erschienen, dazu ist Ulrich Schnauss noch solo nominiert.  Eine ähnliche Doppel-Nominierung hat Johannes Schmoelling geschafft, sowohl solo für 'A Thousand Times Part 2' als auch als Teil von Loom.  Das gibt richtig Arbeit auf der Bühne, die Urkunden für die Nominierten zu verteilen.  Vor der Verteilung der Urkunden wird natürlich der Umschlag geöffnet und der Preisträger alleine auf die Bühne geholt.  Uwe und ich kennen ihn natürlich, für das Publikum und den Preisträger selber dürfte das Ergebnis aber eine kleine Überraschung gewesen sein: nicht Tangerine Dream gewinnt mit einem der beiden nominierten Alben, sondern Ulrich Schnauss solo für "No Further Ahead Than Today".  Die Überraschung scheint gelungen.  Ulrichs erster Kommentar: "Das hättet Ihr mir doch auch vorher sagen können!"  Neinein, lieber Ulrich, so läuft das nicht.  Nachdem die restliche Nominierten ihre Urkunden erhalten haben, ist es Zeit für ein kleines Gruppenfoto.  Nicht alle Tage hat man so viele und ehemalige Mitglieder von Tangerine Dream zusammen auf einer Bühne und darf auch noch mit auf dem Foto sein!

Nach den Alben zu einer anderen Kategorie, der Entdeckung des Jahres, präsentiert von Christoph Siebeck.  In diesem Jahr werden die Entdeckung und der Neuling getrennt prämiert, haben sich doch für beide Kategorien eine ganze Reihe von Namen gefunden.  Als 'Entdeckung' werden Musiker geehrt, die vielleicht schon einige Zeit aktiv sind und auch schon diverse Veröffentlichungen hatten, in der EM-Szene aber noch nicht so bekannt sind, wie sie es verdient hätten, oder die einige Jahre in der Versenkung verschwunden waren und jetzt wieder aktiv sind.  Zwischen national und international wird hier nicht geteilt, die Nominierten kommen dementsprechend aus Polen, Deutschland, den USA und den Niederlanden.  Gewinner in dieser Kategorie ist Gunnar Spardel aka Tigerforest, der es leider an diesem Tag doch nicht geschafft hat, über den großen Teich nach Deutschland zu kommen.  Also ein weiterer Pokal, der erstmal stehen bleibt, aber auch die Anwesenden unter den Nominierten füllen die Bühne während der Urkundenverleihung recht gut.  Die Laudatio für Tigerforest übernimmt Thorsten Quaeschning, der direkt zu Anfang zugibt, dass er Gunnar und seine Musik eigentlich gar nicht so gut kennt - aber das, was er gehört hat, hat ihm ausnehmend gut gefallen, sowohl was die Musik als auch die Qualität der Produktion geht.  Ein Urteil, dass ohne Frage aus kompetentem Munde kommt.

Nach der ersten Hälfte der Preise ist es an der Zeit für den Live-Act des Abends.  Im Gegensatz zu früheren Verleihungen ist das Programm heute deutlich gedrängter, so ist nur ein Konzert geplant (dass es dann doch noch anders kommen wird, dazu kommen wir später).  kebu aus Finnland ist im Moment auf Tournee in Deutschland und hat mit seiner Synthesizer-Burg Station in Bochum gemacht.  Er bezeichnet die um ihn herum arrangierten Keyboards als seinen 'Käfig' ... in dem er sich die nächsten gut 45 Minuten austoben wird.  Hier wird alles live gespielt, und bei seiner Musik fällt mir spontan 'Jarre on Steroids' ein.  Viele der Sounds klingen vertraut, aber in einer so druckvollen und flotten Weise genutzt, dass dabei kein Fuß still bleibt.  Es kommen die ersten sechs Teile von 'Perplexagon' zu Gehör, jenes Album, das vorhin eine Nominierung eingeheimst hatte.  Als Zugabe spielt er noch seine Version von 'Streethawk', eine Verbeugung vor Tangerine Dream und dem anwesenden Johannes Schmoelling.

Nicht nur kebu selber muss nach diesem Auftritt erstmal verschnaufen, auch das Publikum hat sich eine Pause verdient. Jetzt sind am Buffet auch die Desserts aufgefahren, aber für ein zweites Abendessen ist noch mehr als genug von den Hauptgerichten da.  Ich habe meinen Auftritt hinter mir, jetzt darf es auch ausnahmsweise mal ein Fiege Pils zur Beruhigung der Nerven sein.

Nach der Pause geht es mit der Kategorie 'Neuling' weiter.  Hier sind nur Künstler dabei, die noch gar kein eigenes Album veröffentlicht haben oder deren CD-Premiere ins vergangene Jahr fällt.  Auch dieses Feld ist mit Nominierten aus den verschiedensten Ländern besetzt: Deutschland, Niederlande, USA und Russland.  An der Stelle von Thomas Gonsior übernimmt für diese Kategorie Stefan Erbe die (Ko-)Moderation.  Zusammen hatten die Beiden seinerzeit ja den Preis aus der Taufe gehoben, ein paar Erinnerungen an diese Zeit können bei der Gelegenheit ausgetauscht werden.  Der Preis für den besten Neuling bleibt 'im Lande' bei Sasa Tosic.  Wer diesen Namen noch nicht kennt: zur der aktuellen 'Schallplatte' hat Sasa einen Titel beigesteuert, ein ganzes Album hat er aber bisher noch nicht veröffentlicht. An dessen Produktion solle es jetzt nicht mehr scheitern, der Preis für den besten Neuling beinhaltet nämlich eine kostenlose CD-Produktion, die die Firma Interdisc gestiftet hat.

Der zweite Teil des Abends verhält sich quasi spiegelbildlich zum ersten: Fing jener mit großen Namen an und endete bei der Entdeckung, geht es jetzt nach den Neulingen zu den 'etablierten' Vertretern der Zunft zurück, nämlich den Preisen für die besten Künstler des Jahres.  Die Nominierten 'international' klingen vertraut - Jarre, Vangelis, kebu, aber jetzt ist auch Uni-Sphere dabei (kein Album in 2016, aber einige sehr schöne Auftritte) und Yello aus der Schweiz.  Letztere sind zwar nicht anwesend, aber sie haben am Tag vorher noch eine Video-Grußbotschaft geschickt, die jetzt gezeigt wird.

Zur Moderation dieser Kategorie kommt wieder Matthias Eislöffel auf die Bühne, und ja - auch der Preis für den besten Künstler international geht wie letztes Jahr nach Frankreich.  Ob verdient oder unverdient, dazu mag jeder seine eigene Meinung haben, ohne Frage aber war 2016 mit alleine zwei Alben für Jean-Michel Jarre ein sehr produktives Jahr.  Dass Jarres Management auf seiner Facebook-Seite für die Wahl geworben hat, mag ein übriges getan haben.  Auch dieser Pokal kann nicht vor Ort übergeben werden. Anstelle dessen werden aber einige Bilder aus dem letzten Jahr gezeigt, als man die Schallwelle-Preise für 2015 nach einem Konzert in Münster überreichen konnte.

Fast ist es geschafft, mit 'Künstler national' steht der vorletzte Preis des Abends zur Verteilung an.  Auch diese Liste wird von großen Namen dominiert, neben diesen hat es aber auch Frank Dorittke aka F.D. Project in die Nominierten-Liste geschafft.  Die Moderation übernimmt Thomas Gonsior dieses Mal alleine.  Dass er auch immer für ein Späßchen zu haben ist, beweist er bei der Verkündung: "And the winner is... La La Land!" - Nein, solche Pannen wie auf der Oscar-Verleihung bleiben den Organisatoren der Schallwelle an diesem Abend erspart.  Im Umschlag steckt ein Zettel mit dem richtigen Namen.  "Tangerine Dream" ist wohl kein ganz unerwarteter Name, nach der Dominanz in der Liste nominierter Alben.  Eine spannende Frage ist bei einer Verleihung an eine Band, welches Mitglied den Preis bekommt.  Ulrich Schnauss hat ja vorhin 'seinen eigenen' bekommen, und Thorsten Quaeschning dürfte aus den Vorjahren auch schon die eine oder andere Trophäe im Regal stehen haben.  So ist es nur folgerichtig, dass der Preis dieses Mal bei Hoshiko bleibt.

Ein Preis ist noch zu vergeben, es ist der einzige, dessen Träger im voraus angekündigt wurde, und dieser Pokal ist auch größer als alle anderen.  Es ist Zeit für den Preis fürs Lebenswerk, und es freut mich natürlich besonders, dass mit Robert Schröder der diesjährige Preisträger aus meiner Heimatstadt Aachen kommt. Seit 1979 hat er mit einer kleine Unterbrechung jedes Jahr mindestens ein Album veröffentlicht, das summiert sich auf eine Diskographie von über 30 Alben bis heute, und das sind nur die CDs, die unter seinem eigenen Namen erschienen sind.  In der Präsentation werden sie alle mit Namen und Jahreszahl genannt, untermalt von 'Computer Voice' - das war zufällig damals auch meine erste Schröder-CD.  Die Laudatio hält Klaus Hoffmann-Hook, ein alter Wegbegleiter von Robert, und das nicht nur weil sie beide lange Zeit ihre Alben auf Klaus Schulzes IC-Label veröffentlicht haben.  Klaus schlägt in der Laudatio einen Bogen von der Herkunft des Namens 'Robert' und dazu, dass in Aachen wohl ein (musikalischer) Engel gelandet sein muss.  Darauf fällt es dem eher bescheidenen Robert natürlich schwer, in seiner Rede zu antworten, und er hebt hervor, dass so ein Preis für ihn natürlich kein Anlass sein wird, sich jetzt zur Ruhe zu setzen.  Da sind wir aber erleichtert.

Eigentlich sollte der Preis fürs Lebenswerk der Schlusspunkt dieser Preisverleihung sein, und die Uhr zeigt auch ungefähr Mitternacht - bis hierhin hat der Zeitplan gehalten.  Aber wenn man ein kostenloses Extra-Konzert angeboten bekommt, wer würde da schon nein sagen?  Ulrich Schnauss, gerade frisch gebackener Preisträger, hatte sich kurzfristig bereit erklärt, zu Ehren von Robert Schröder noch einen kleinen Auftritt zu machen.  Kebus Instrumente sind auf der nicht allzu große Bühne des Planetariums zur Seite gerückt, und das 'praktische' bei Ulrichs Auftritten ist ja, dass er nicht allzu viel Platz braucht: zwei Notebooks, von denen einer für die Visuals ist, ein Keyboard und etwas 'Kleinkram' - das hat bequem auf dem Flügel Platz, der ohnehin herumsteht.  Den wollte Ulrich auch seinen Auftritt mit einbauen, er entschuldigt sich zu Anfang dafür, dass das nicht geklappt hat - der Flügel ist wohl auf die falsche Tonart gestimmt.  Ganz wird er in der folgenden knappen Stunde die Finger aber doch nicht davon lassen.  

Was Ulrich spielt - den größeren Teil der Titel von "No Further Ahead Than Today", live für diesen Abend variiert.  Was mich an Ulrichs Musik immer wieder beeindruckt, ist die Dynamik und positive Lebenseinstellung, die sie ausstrahlen.  Ich werde ihn bei Gelegenheit einmal fragen, wieso er denn im Albumtitel meint, dass es nicht weiter gehen kann, als wir heute sind.

So ist es denn kurz vor eins, als die diesjährige Schallwelle-Preisverleihung ihren Abschluss findet.  Sylvia und Thomas verabschieden die Zuschauer, die bis zum Schluss ausgehalten haben, und ein Gruppenfoto der Beteiligten muss auch noch sein.  So komplett wird man sich vermutlich erst wieder nächste Jahr sehen, viele Jury-Mitglieder kommen ja von 'weiter her' als nur aus Nordrhein-Westfalen.  Wann und wo, das steht noch nicht fest.  Sicher ist für mich aber, dass es auch nächstes Jahr wieder eine Schallwelle geben wird.

Alfred Arnold