In den Menüs meines Auto-Navis existiert ein Punkt, in dem man zwischen den zuletzt angesteuerten Zielen auswählen kann. Eine interessante Zusatzfunktion dabei wäre eine Auflistung der Ziele nach ihrer Häufigkeit. Ich bin sicher, dass eine Adresse im Ergebnis weit oben stehen würde: "De Loop 67, Oirschot, Niederlande".

Grob seit 2010 führt mich (mindestens!) zwei Mal im Jahr der Weg dorthin, wo Ron Boots seine Festivals veranstaltet. Einer Tradition folgend, deren Ursprung vor meiner aktiven Zeit in der EM-Szene liegt, heißt es im Frühjahr "E-Day" und im Herbst "E-Live". Dazu kommt dann noch das eine oder andere Einzel-Event, wenn Ron einen Act verpflichten konnte, der alleine einen Termin rechtfertigt.
Nun ist es aber Anfang Herbst: Die Bäume beginnen, ihre Blätter abzuwerfen, und die Sommerhitze ist vorüber. Wieder hat Ron zu "E-Live" vier Haupt- und einen Pausen-Act nach Oirschot eingeladen, und wieder zu einem Preis, für den man anderswo kaum ein Ticket für ein Einzel-Konzert bekommt. Als Label-Chef scheint Ron aber auch hier die Finanzen im Blick und im Griff zu haben. Es hieß einmal, sein 'Break-Even' läge bei etwa 100 Karten im Vorverkauf, und auch wenn dieser dieses Mal etwas schleppender verlief, wurde diese Zahl problemlos übertroffen.
Das eingangs erwähnte Navi ist natürlich längst nicht mehr nötig, um den Weg von Deutschlands Westzipfel in das Städtchen bei Eindhoven zu finden. Wichtig sind indes die Verkehrsnachrichten und Umleitungen, denn in den Niederlanden sind Erweiterungen und Reparaturen genauso häufig wie auf unserer Seite der Grenze. Und in der Tat: Kurz nachdem wir auf die niederländische A2 gewechselt haben, zwingt eine Sperrung uns für eine gute halbe Stunde auf die Landstraße. Hier erfüllt das Navi seinen zweiten Zweck, nämlich zur Beruhigung. Die geschätzte Ankunftszeit ist noch deutlich vor 14 Uhr, also werden wir kein Konzert verpassen. In all den Jahren ist mir das bisher auch nur ein einziges Mal passiert.
Die Schätzung hält: Kurz nach halb zwei Uhr erreichen wir "De Stoelendans". Parkplätze sind in der Umgebung reichlich vorhanden, und das Abhaken auf der Liste vorbestellter Karten ist fix erledigt: Mein Name steht praktischerweise immer recht weit oben. Schon seit einigen Jahren lässt Ron mit dem Namen des Events bedruckte Einlassbändchen herstellen. Physische Tickets gibt es nicht, aber die Bändchen können als Souvenir dienen.
Der erste Blick ins Foyer von "Des Stoelendans" verrät: Es sind doch wieder ähnlich viele Besucher gekommen wie im Frühjahr zum E-Day. Es war wohl wieder einmal so, dass ein guter Teil der Karten kurzfristig gekauft wurde. Das Foyer ist dicht gefüllt, und hier und dort muss man sich ein wenig 'vorbei schieben'. Regen Zuspruch finden nicht nur Speisen und Getränke an der Bar, sondern auch die zahlreichen CD-Stände. Eine genauere Begutachtung des Angebots wird aber bis zur ersten Pause warten müssen, genauso wie ein Besuch im ersten Stock beim 'Pausen-Act'. Vor dem großen Saal bildet sich bereits eine Warteschlange. Jetzt macht sich die auf dem Weg verlorene gegangen halbe Stunde dann doch bemerkbar.
"Stoelendans" ist das niederländische Wort für die Reise nach Jerusalem. Auch wenn niemand im Saal wird stehen müssen, die Plätze in den vorderen Reihen sind erfahrungsgemäß immer besonders schnell besetzt. Also sichere ich mir einen guten Platz in der Schlange. CD-Stände und weiteres Hallo-Sagen werden bis nach dem ersten Konzert warten müssen.
Der Einlass erfolgt pünktlich, auch hier hat Ron mit seinem Team die Organisation im Griff. Große Taschen und Rucksäcke müssen mit Hinweis auf die Unfallgefahr draußen bleiben. Auch das ist seit Jahren schon so, und ich hatte mir bei Fiona für den heutigen Tag einen Mini-Rucksack ausgeliehen, der für die paar notwendigen Dinge ausreicht: Notizblock, Brieftasche, Rest-Sehkraft-Verstärker und eine Reserve-Kamera für alle Fälle. Die Haupt-Kamera steckt griffbereit in einem Täschchen am Gürtel. Mit ihrem Zoom-Objektiv ist auch ein Platz in der zweiten Reihe völlig ausreichend.
Von einem solchen Platz in der zweiten Reihe aus mache ich die ersten Saal-Aufnahmen des Tages, und das Motiv ist natürlich Ron selber, wie er die Besucher zweisprachig begrüßt. Ein Punkt, an den jedes Mal erinnert wird: Wer in der eigentlich kostenlosen Tiefgarage geparkt hat, sollte sein Auto wieder heraus fahren, bevor selbige geschlossen wird - ansonsten hat man mindestens eine Übernachtung in Oirschot gewonnen. Hatte Ron beim letzten Mal über Rechtslenker gescherzt, die vor einer Verwertung durch die Stadt sicher wären, so fabuliert er dieses Mal von einem deutschen Auto, das angeblich seit einem Jahr dort stehen soll.
Ganz und gar ernst gemeint sind aber die Hinweise zum Catering: Schon seit letztem Jahr muss man ja nicht mehr in die Stadt gehen, um in der Pause etwas warmes auf die Gabel zu bekommen. Burger und andere Gerichte auf der ausgelegten Karte waren zwar sehr lecker und hatten durchaus "Restaurant-Qualität", nur dauerte ihre Zubereitung bei einem Event mit so vielen Besuchern einfach zu lange. Im Frühjahr beim E-Day hatten manche wohl bis zu 45 Minuten warten müssen. Das soll heute anders werden, und Ron verspricht 'Reaktionszeiten' wie im bekannten Restaurant 'Zur Goldenen Schwinge'. Aber anders als dort stehen nicht nur Burger auf der Karte: Extra für die vielen Besucher aus Deutschland hat der Küchenchef eine Currywurst mit auf die Karte gesetzt!
Jetzt aber zur Hauptsache, nämlich der Musik. Ich weiß nicht, ob es Zufall war, oder ob Ron sich die drei anderen Musiker passend zum Haupt-Act ausgewählt hat: Dieses E-Live steht im Zeichen der Gitarre. In allen vier Konzerten werden elektronische Klänge mit Sounds vom Saiten-Instrument ergänzt. Mal wird es ein einzelner Musiker sein, der sowohl Tasten als auch Gitarre beherrscht. Beim Opener des Tages hat sich indes ein Keyboarder einen Gitarristen dazu geholt. Live-Auftritte von Meesha sind nicht allzu häufig. Zuletzt hatte ich ihn vor einem guten Jahr in Lemgo gesehen, auf dem vor-letzten Electronic Circus. Das Youtube-Video davon hatte Ron gesehen und war begeistert. So darf Meesha in diesem Jahr E-Live eröffnen, und wieder ist Davy Wentzler mit seiner Gitarre live dabei.
Wenn sich eine Gitarre zu elektronischen Klängen hinzu gesellt, dann sorgt das meist für zusätzlichen Druck, Emotion und Temperament. Das ist bei Meesha nicht anders, er legt gleich mit bombastischen und fetzigen Sounds los. Der Vorteil, wenn man zu zweit auf der Bühne ist: Vier Hände können mehr Spuren live spielen als zwei, und davon wird auch Gebrauch gemacht. Background und Drums sind vorprogrammiert, aber die Melodie-Linien kommen live hinzu. Ein zaghafter Applaus auf dem ersten Titel, aber es geht direkt weiter im Programm: Tempo und Druck schalten für einen kurzen Moment einen Gang zurück, der zweite Titel ist quasi 'mit Anlauf'. Dann lassen fette Bässe den Saal erbeben, und man bekommt eine Ahnung, wo die Liebe zum Bombast herkommt: Man hört aus Meeshas Songs mehr als nur eine Prise Vangelis heraus.
Meeshas Setup ist fast das gleiche wie beim EC, und dazu gehören auch die überkopf montierten Drums. Sie werden eher sparsam eingesetzt, quasi um einzelnen Titel noch 'einen obendrauf' zu setzen. Meesha lässt seinem Partner auf der Bühne Raum, und so dürfen wir im dritten Track das erste Gitarren-Solo genießen. Misja van Waterschoot - so heißt Meesha mit bürgerlichem Namen - bevorzugt für seine Keyboard-Soli einen Synthesizer-Klassiker, nämlich den Korg MS20. Gleich zwei Exemplare hat er davon heute mit gebracht, und sie so aufgebaut, dass er sie auch einmal gleichzeitig spielen kann - seine Arme sind dafür lang genug. Wohl nicht nur ich höre da ein Tribute an "Pulse Star" heraus. Das passt sehr gut in ein Set, in dem die Zeichen die meiste Zeit auf 'Volle Kraft voraus' stehen.
Meeshas Keyboard-Soli sind aber auch die wenigen Passagen, in denen das Tempo zurück genommen wird. Auch Davy genießt die Pause sichtlich, bis er wieder einsteigt und die Musik voran treibt. Es geht bereits aufs Finale zu, wer hat bloß an der Uhr gedreht? Noch einmal legen Meesha und Davy alles rein, und auch die Drums werden länger als nur für ein paar Schläge bearbeitet. Großer Applaus ist ihnen dafür sicher, genauso wie die Feststellung, dass nach so einem Feuerwerk unmöglich schon Schluss sein kann. In der Zugabe wird der große Meister aus Griechenland dann noch einmal gecovert: "Spiral" vereint komplexere Sounds mit dem treibenden Rhythmus, der uns durch die letzte Stunde getragen hat. Man könnte sagen, der Kurs für den Rest des Tages ist gesetzt!
Mein eigener Kurs zeigt in der ersten ersten Pause des Tages zu den CD-Ständen. Wie auch schon den früheren Jahren, bringt der Herbst nach einem eher ruhigen Sommer viele Neuerscheinungen. Dominant ist natürlich der Stand von Rons Groove-Label, und das trumpft gleich mit mindestens vier Neuerscheinungen auf. Nachdem das Syngate-Label seine Pforten geschlossen hat, hat Colin Rayment bei Groove eine neue Heimat gefunden. "Lumen" ist wieder eine Zusammenarbeit mit seinem Sohn Joe und das erste Rayment-Album auf Groove. Mit Skoulaman und Gert Emmens sind zwei langjährige Groove-Musiker eine neue Kooperation eingegangen, und das Ergebnis ist eine gelungene Symbiose ihrer Stile. Erworben hatte ich es, genauso wie "Lumen", bereits im Vorfeld als digitalen Download. Das gleiche gilt für Rons aktuelle Zusammenarbeit mit Stephan Whitlan. Auf "The Cosmic Mill" testen sie eine ganze Bandbreite von Sounds und Stilen aus. Das Quartett der Veröffentlichungen wird durch eine neues Album von Paul Ellis vervollständigt. Alle vier sind für die Freunde physischer Tonträger am Stand als gepresster Silberling erhältlich.
Dass die CD-Fans in unserer Szene immer noch zahlreich sind, das bemerkt man auch an den kleineren Ständen, die sich am Rande des Saals aneinander reihen. Den Live-Mitschnitt seines Konzerts in Lemgo hatte Stefan Erbe bisher nur elektronisch veröffentlicht, ebenso die "Selektronisch"-Reihe, auf denen er über die Jahre seine persönlichen Favoriten gesammelt hat. Speziell für den Verkauf an CD-Ständen hat er beides auf Scheiben gebannt, und "Selektronisch" gleich als schicke Vierer-Box. Im Verlauf des Tages wird er noch feststellen, dass er die Nachfrage nach beidem unterschätzt hat...
Lambert ist mit seinem Spheric-Label vor Ort, und hat mit "Evolution" ein neues Album von Robert Schroeder dabei, auf dem der EM-Altmeister die Reise durch sein Klang-Universum fortsetzt. Bas Broekhuis hält die Fahne für das Manikin-Label hoch. Neuveröffentlichungen sind dort nicht mehr ganz so zahlreich wie in früheren Jahren, aber es empfiehlt sich immer, die Augen offen zu halten. Gerade Manikin-Chef Mario Schönwälder ist ja immer für eine Überraschung gut...
Remy, dem Betreiber von "Deserted Island Music", darf man noch nachträglich zum Geburtstag gratulieren. Wie meistens ist auch Peter Dekker dabei, vom ihm kann man sich persönlich zu seinen letzten Alben beraten lassen. Beratung vom Künstler 'himself' gibt es auch bei Arjan und Eelco van Elst. Mit ihrem gerade Anfang des Monats erschienenen Album "Beyond Stillness" gehen sie neue Wege. Und obwohl ihr Auftritt der nächste sein wird, haben Axel Stupplich und Max Schiefele noch Zeit, ihren CD-Stand zu betreuen. "Berggeist" ist das neueste Werk von Max und bereits das zweite, das er nicht unter seinem Projektnamen "Maxxess" veröffentlicht.
Ein Tischchen in der Reihe ist noch frei. Wie man hört, wird er im Verlaufe des Tages mit Alben von Jerome Froese gefüllt werden. Ein Blick auf die Uhr und den Zeitplan verrät zweierlei: Zum einen ist die Pause noch lange nicht zu Ende, und zum anderen wird gerade im ersten Stock live gespielt. Also nichts wie hoch!
Im ersten Stock findet sich eine eher kleine, aber feine Runde von Besuchern, denen ein echtes Kontrastprogramm zum ersten Konzert geboten wird: 'Skoulaman' Hans van Kroonenburg ist für atmosphärische, lange und von Sequenzen getragene Stücke bekannt. Ihm ist es über die Jahre gelungen, daraus einen wiedererkennbaren Stil zu entwickeln, und den hat er in den letzten Jahren in diverse Kooperationen mit anderen Musikern eingebracht. Was Kooperatioen angeht, schlägt er heute ein neues Kapitel auf: Hinter "Jessi's Soundscapes" steht Jessica Erdtsieck, und anstelle weiterer Keyboards hat sie eine Reihe akustischer Klang-Erzeuger mitgebracht: Rasseln, Klappern und Röhrenglocken. Die sind natürlich nicht dazu geeignet, über die von Hand bereit gestellte klangliche Basis irgendwelche Melodien zu legen. Im Gegenteil: Diese Instrumente werden sparsam und punktuell eingesetzt, und Jessicas Vocals sind viel mehr Rezitation als Gesang. Das sind Klänge und Texte für eine Meditation, und für Momente, in denen man einfach nur einmal die Tür vor der Welt draußen zumachen und abschalten möchte.
Im Nachgang lese ich auf Jessicas Web-Seite nach, dass sie als Yoga-Lehrerin arbeitet. Mit Skoulamans Klängen geht das sehr gut zusammen, und ich würde mir wünschen, einmal an einer längeren 'Sitzung' teilzunehmen, als nur der Viertelstunde, die in dieser kleinen Pause möglich sind. Gerne auch einmal als Mitschnitt, diese Symbiose von Sounds und Worten müsste auch sehr gut per Kopfhörer funktionieren. Hier ist die Session leider viel zu schnell zu Ende, denn unten vor dem großen Saal bildet sich schon wieder eine Schlange: Bis zum Einlass sind es nur noch wenige Minuten.
Teile von Meeshas Aufbau stehen noch, und Ron würdigt in seinen einführenden Worten auch noch einmal das erste Konzert des Tages. Es geht weiter mit dem 'Tag der Gitarren', und da dürfen zwei Herren aus Deutschland nicht fehlen. Axel Stupplich und Max Schiefele haben in den vergangenen Jahren bereits vielfach zusammen gearbeitet, sei es als "Axess & Maxxess" oder bei "Pyramaxx". Ich habe den Eindruck, dass dieses Band in den letzten Jahren noch stärker geworden ist, und sowohl Max als auch Axel dabei neue Perspektiven gefunden haben. Ihr letzter Auftritt in Oirschot liegt noch gar nicht so lange zurück, und Ron weiß gar nicht mehr so genau, ob es heute das vierte oder fünfte Mal ist. Aber eines lässt sich in einer simplen Formel zusammen fassen: Eins und Eins ergibt hier Drei.
Axel und Max legen so los, wie ich es von ihrem letzten Konzert in Erinnerung habe: Rockig, druckvoll und voluminös, aber mit einem warmen und melodiösen Touch. Man merkt, dass die Titel auf einen emotionalen Höhepunkt zusteuern, und dass sie die Kraft ihres Spiels dosieren können. Max spielt natürlich die meiste Zeit seine Gitarre, aber auch er hat ein kleines Keyboard mit in seinem Setup, und kann so ein ums andere Mal Axel auch an den Tasten ergänzen. Die ersten drei Titel wirken wie aus einem Guss, und auch am Mienenspiel kann man erkennen, wie zufrieden die beiden mit dem Ergebnis sind. Erst nachdem die drei Einsteiger gespielt sind, geben sie uns die Chance für einen kleinen Zwischenapplaus.
Die Musik wechselt in der Folge in etwas ruhigeres Fahrwasser. Die Lichtregie - die heute übrigens auch wieder einen hervorragenden Job macht - unterstreicht den Stimmungswechsel durch eine passende Farbwahl. Und prompt wechselt der Grundton auf der Bühne zu einem satten Rot, als Axel und Max ein neues Kapitel aufschlagen. Die Stimmung wird gefühlt heller und melodischer, und erzeugt in mir das Gefühl, was im Englischen so schön mit dem Attribut 'uplifting' umschrieben ist. Axel verrät im Anschluss, dass dies ein Titel von der "Berggeist" ist, nämlich "Fallwind". Einen angenehmen Rückenwind habe ich in den letzten Minuten gespürt, indes hat der mich bergauf befördert!
Nachdem Max seinen 'Solo-Moment' hatte, ist Axel mit einem Titel an der Reihe. "The Power of Love" belegt, wo er aktuell musikalisch steht, sicher auch beeinflusst durch persönliche Ereignisse in seinem Leben. Es ist wunderbar, zu sehen und zu hören, wie er beides zusammen ins Positive wenden konnte, und die Zusammenarbeit mit Axel wird daran ihren Anteil gehabt haben. Vielleicht gerade deswegen hat er Max gestattet, einen seiner Titel zu remixen, quasi zu 'remaxen'. Das Ergebnis hat - wie zu erwarten - durch die Gitarre noch einmal eine Menge Extra-Power, lässt aber den Grund-Charakter des Titels intakt. Ich habe mich gerade so schön in das Stück 'eingekuschelt', als ein unerwarteter Weckruf aus den Lautsprechern durch den Saal schallt: Hier ist sie noch einmal, die ungebändigte und rohe Gitarre, wie man sie von Max' Alben kennt, die er als "Maxxess" veröffentlicht hat. Axel erzählt im Anschluss, dass dieser Knalleffekt ihn auch beim ersten Hören verblüfft hätte. Aber er hat sich entschieden, ihn auch so mit auf die Bühne zu nehmen, um einen Höhe- und Schlusspunkt unter diesen Auftritt zu setzen. Auch dieses soll nicht ohne Zugabe enden: Axel und Max holen noch einmal einen Titel von den "Pyramaxx"-Alben aus dem Archiv. Er hat über die Jahre nichts von seiner Kraft verloren. Ich weiß gar nicht mehr genau, wann ich ihn zum ersten Mal gehört habe. War es auf CD oder vor gut zehn Jahren live bei einem Konzert in den Güterhallen, an das mich immer noch ein Plakat an der Wand erinnert? Der Gänsehaut-Effekt ist immer noch der gleiche wie damals!
Mit einem positiven Gefühl, wie ich es schon lange nicht mehr gehabt habe, verlasse ich den großen Saal. Viele Besucher gehen gleich weiter in Richtung Innenstadt: Die große Pause lässt genug Zeit für ein Abendessen in einem der Restaurants, zum Beispiel in der Pizzeria 'Il Tavolino'. Ich erinnere mich aus früheren Jahren, wie mindestens das halbe Restaurant mit Besuchern von E-Live oder E-Day besetzt war - ohne eine Tischreservierung ging hier quasi nichts, und das dürfte auch heute noch so sein.
Wie eingangs erwähnt, bietet das "De Stoelendans" aber mittlerweile auch eine Speisekarte mit mehr als nur kleinen Snacks an. Und es reizt mich natürlich herauszufinden, ob und in welcher Form die Ausgabe beschleunigt wurde. In der Tat: An einer separaten Theke stehen jederzeit drei Personen, die sich Bestellung, Bezahlung und Ausgabe untereinander aufteilen. Die 'Komponenten' sind in Warmhalteschalen vorbereitet. Ausgabe und Nachschub laufen aber so zügig, dass niemand lauwarme Burger oder labbrige Fritten bekommt. Die sich dabei ergebende 'Darreichung' auf einer Pappe anstelle eines Tellers ist natürlich weniger edel als noch im Frühjahr auf dem E-Day, aber die Qualität hat nicht gelitten - es schmeckt und sättigt genauso gut, und es bleibt danach noch reichlich Zeit für Gespräche und Stöbern an den CD-Ständen. An dieser Stelle übrigens einmal ein großes Dankeschön an das Personal von "De Stoelendans" für ihren Dienst und Engagement! Der Autor dieser Zeilen gehört leider zu den Zeitgenossen, die leicht ungeduldig werden, insbesondere wenn der Magen leer ist. Falls er dies das Personal auf vergangenen Events einmal hat spüren lassen, bittet er dafür ausdrücklich um Verzeihung!
Ist der Magen aber einmal ruhig gestellt, spricht es sich viel lockerer und entspannter an den Ständen. Erfahrungsgemäß sind es bei mir immer ein oder zwei Standbetreiber, bei denen ich mich 'festquatsche'. Dieses Mal passiert es mir bei Max und Axel, die ob ihres gelungenen Konzerts ganz entspannt darüber reden können, wie sie 'auf Entfernung' zusammen arbeiten. Durch das Internet ist hier ja einiges möglich, ganz ohne gemeinsame Sessions geht es aber auch nicht. Für die mieten sie sich gelegentlich ein Haus in der Rhön, etwa auf halber Strecke zwischen Süddeutschland und Nordrhein-Westfalen.
Mit Stefan Erbe wechsle ich eigentlich auch immer mehr als nur ein paar Worte. Die Bestände an seinem Stand sind mittlerweile merklich geschrumpft, und das neue Album mit Steve Baltes harrt noch ein wenig der Vollendung. Nun, gut Ding will Weile haben, und vielleicht landet es ja noch in diesem Jahr als Weihnachtspräsent unter dem Christbaum. Verfügbar ist hingegen das erste Album der "7even channels": Hinter "Signals of the Monolith" verbergen sich sieben EM-Musiker, die Stefan ein wenig unter seine Fittiche genommen hat. Das gilt sowohl für das 'Handwerk', was er in seinen Kursen lehrt, als auch die Post-Production der sieben Titel. "Signals of the Monolith" bietet einen spannenden Einblick, in welche (verschiedenen) Richtungen sich ein Künstler entwickeln kann. Man darf den ersten erste Solo-Alben jedes Einzelnen mit Vorfreude entgegen sehen.
Die große Pause in Oirschot ist lang, aber über die Gespräche verliere ich derart das Zeitgefühl, dass ich vergesse, noch einmal in den ersten Stock zu gehen. Da bleibt für den Moment nur die Hoffnung, dass dies nicht der letzte gemeinsame Auftritt von Jessi und Hans gewesen sein wird - oder man eine Aufnahme davon auf einem der bekannten Portale finden wird. Ich wäre unter den ersten Käufern...
Während der Pause ist man im Saal fleißig gewesen, so dass das Abendprogramm pünktlich beginnen kann. Die Aufbauten der Nachmittags-Acts sind verschwunden und geben den Blick auf das frei, was uns für den Abend erwartet. Und gleich der erste Künstler ist einer, den Ron so gut kennt wie kaum einen anderen. Wenn dieser Tag im Zeichen von EM mit Gitarre steht, dann darf Rons 'Haus-Gitarrist' Frank Dorittke nicht fehlen. Die Einführung dementsprechend lang und persönlich, und die vielen Vorschuss-Lorbeeren machen Frank vielleicht auch schon ein wenig verlegen? Er lässt sich davon aber nicht aus dem Konzept bringen und legt sein Konzert so an, wie er das in den vergangenen Monaten schon mehr als einmal getan hat. Frank ist an den Tasten bekanntermaßen genauso virtuos wie auf der Gitarre, und so setzt er sich für die erste Hälfte hinter seine Keyboards. Gerade ist mit "Fade to Black" auf dem Groove-Label ein Zwei-CD-Album erschienen, das eine Reihe vorher bereits einzeln veröffentlichter Stücke in einen Kontext packt. Und so wie auf dem Album funktioniert auch hier live in Oirschot der Flow: In Franks Keyboard-Titeln verschmelzen warme EM-Sounds, Rhythmen und Sequenzen zu einem Mix, mit dem man sich einfach aus dem Alltag hinfort tragen lassen kann. Eine gute Portion 'Space' ist auch dabei, Frank versteht es aber immer, bei seiner Musik die Bodenhaftung zu behalten und nicht in reine Weltraum/Ambient-Klänge abzudriften. Hier und heute ist natürlich nicht genug Zeit, um das komplette Album auszuspielen. Aber es genügt vollauf um zu zeigen, was für ein Ausnahmekünstler Frank doch ist - selbst wenn er nicht die Gitarre nutzt, für die er besonders bekannt ist.
Irgendwann in jedem F.D.Project-Konzert kommt aber dann doch der Moment, auf den alle gewartet haben, nämlich der, wo er seine Synthies auf 'Autopilot' stellt, hinter ihnen hervor tritt und seine Gitarre einstöpselt. Einer seiner diversen 'Ehrentitel' ist ja, dass er der beste Mike Oldfield neben Herrn Oldfield selber wäre. Und auch heute eröffnet er den zweiten Teil seines Auftritts mit seiner Interpretation von "To France". Das Original erkennt man bei den ersten Takten. Ebenso trifft Frank den warmen Sound des Vorbildes, ohne eine einfache Kopie zu sein. Mehr als zehn Minuten lang findet Frank immer neue Wege, das Thema des Titels neu zu interpretieren, und ihm eine weitere Wendung zu geben. Ihm ist dabei anzusehen, wie er mit seinem Instrument eins wird, und in den Sounds versinkt, so wie wir auf den Rängen auch.
Nach seiner ganz speziellen Version von "To France" ist aber noch genug Zeit, um einmal ganz frei "von der Leber weg" seinen eigenen Ideen an der Gitarre freien Lauf zu lassen. Er bleibt bei dem warmen Sound, der uns zusammen mit den elektronischen Baselines irgendwo in der Schwebe zwischen Erde und Himmel hält. Das ist ein Zustand, die niemand gerne so einfach aufgibt, und so ist die Forderung nach einer Zugabe die logische Folge. "Ihr habt es so gewollt" ist Franks schlichter Kommentar, und selbstverständlich hat er dafür noch etwas in der Hinterhand. Die "Shine On" Variationen sind ein Klassiker in Franks Portfolio, und für die hält es ihn nicht mehr auf dem Stuhl. Expressiv und genauso emotional zelebriert er noch einmal das Instrument, das er so perfekt beherrscht. Stehender Applaus ist der Lohn. Er hat uns alle perfekt für den jetzt folgenden Haupt-Act vorbereitet, die Messlatte aber auch sehr hoch gelegt...
Die nun folgende Pause ist lang genug, um sich noch schnell einen Wachbleibe-Kaffee zu genehmigen, und erst dann wieder anzustellen. Drinnen erwartet uns eine Überraschung: Der Vorhang ist geschlossen, und nur leichter Bühnennebel quillt darunter hervor. Der Grund ist wohl, dass Ron noch etwas in eigener Sache los werden möchte, bevor er Jerome die Bühne überlässt. Vom Personal des "De Stoelendans" hätte er gehört, dass den ganzen Tag hier eine ganz besondere - positive - Stimmung in der Luft gehangen hätte, eben die 'Vibes', von denen manche Musiker so gerne reden. Ich stimme ihm uneingeschränkt zu. E-Live und auch E-Day sind nicht nur Konzerte, sondern auch so etwas wie ein Familientreffen der EM-Szene: Wer ist da? habt Ihr diesen oder jenen schon gesehen? Wie geht es Dir, was machst Du gerade? Und schön, dass wir uns wieder einmal sehen! Natürlich applaudieren wir uns gerade ein wenig selber, aber doch erster Linie der Person, die da gerade vor dem Vorhang steht: Ohne Ron wäre das alles hier nicht möglich, und man kann ihm nur die Kraft und den Mut wünschen, diese Tradition noch lange weiter zu führen. Dann macht Ron die Bühne frei, und der Vorhang fährt zur Seite.
Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, wo in Oirschot die Aufbauten der Abend-Acts nach vorne gezogen wurden, sobald die Zeit für ihren Auftritt gekommen war. Seit einer Reihe von Jahren wird darauf aber verzichtet, vielleicht auch weil es bei so einer Verschiebe-Aktion einmal einen 'Unfall' gegeben haben soll. Seitdem muss es genügen, dass alle Aufbauten davor in der Pause entfernt wurden und die Sicht frei ist. So wie Jerome Froeses Setup ganz in der hinteren rechten Ecke steht, ist aber schon bemerkenswert. Legt Jerome bewusst weniger Wert auf die Person und möchte, dass Musik und Visuals ganz im Fokus stehen?
Gleich mit den ersten Takten seines Sets beginnen auch die Visuals. Wir heben nicht nur im übertragenen Sinne ab, auch auf der Leinwand sehen wir Bilder von einem Flugzeug-Start, aus dem Blickwinkel der Passagiere. Indes, irgendetwas in Jeromes Triebwerken hakelt noch ein wenig. Ein- oder zweimal setzt die Musik aus, um kurz darauf weiter zu spielen. Ein kurzer Hilfe suchender Blick geht in Richtung Technik am oberen Ende des Saals: An mir liegt es nicht, habt Ihr irgendwo einen Wackelkontakt? Der scheint schnell gefunden zu sein, denn für den Rest des Konzerts läuft die Technik wie ein Uhrwerk.
In seiner Zeit bei Tangerine Dream hat sich Jerome zum Beispiel durch die Reihe von "Dream Mixes" Alben profiliert, und auch heute wirkt er auf der Bühne ein wenig wie ein DJ, der das vorhandene Material live zu einem dichten und durchgängigen Klangbild mischt. Neben den Reglern sind die Hände in erster Linie für die Gitarre da, an der Jerome wohl schon recht früh Talent gezeigt hat. Ich erinnere mich an ein Interview mit Edgar aus den 90ern, wo sein Vater in dieser Hinsicht scherzhaft eingestand, "der Bengel lässt einen so fürchterlich grau aussehen".
Jeromes Zeit bei Tangerine Dream hat für ihn natürlich nach wie vor eine besondere Bedeutung. 'Melrose' von 1990 markiert den Beginn dieser Zeit, und die Aufnahme-Arbeiten zum Cover-Foto sind in den Visuals ein eigenes Kapitel. Nicht lange mehr, und das wird vierzig Jahre zurück liegen, dabei kann ich mich noch gut an die Zeit erinnern. Es war eben noch die Zeit, in der man noch nicht über das Internet mit Musik und sonstigen Reizen überflutet wurde. Jede neu erworbene CD war ein kleines Ereignis für sich, das sehr bewusst wahrgenommen wurde.
"Towards the Evening Star" ist ein weiteres Beispiel für Titel aus den 90ern, die Jerome an diesem Abend wieder aus der Erinnerung hervor holt - in Konzerten der aktuellen TD-Besetzung liegt der Schwerpunkt ja eher auf anderen Jahrzehnten. Mit Jeromes Solo-Werken gehen sie heute Abend eine durchgängige Reise ein, auf der er uns nur wenig Atempausen gönnt. Die Sinneseindrücke sind so geballt und dicht, dass man sich beinahe entscheiden muss, ob man sich auf die Musik oder die - erstklassigen - Visuals konzentrieren soll.
So haben wir auch erst ganz am Ende des Sets die Chance, Jerome den verdienten Applaus zu spenden. Wenn Jerome auftritt, dann steht das musikalische Lebenswerk seines Vaters natürlich immer unsichtbar im Raum, aber so wie damals bei den Mixes hat Jerome heute bewiesen, dass er in der Lage ist, etwas eigenständiges zu erschaffen. Ein wenig unsicher, aber sichtlich zufrieden steht er auf der Bühne, und nimmt Applaus und die Wünsche nach einer Zugabe entgegen.
Letzten Endes werden es sogar zwei Zugaben, und für die zweite hat Jerome ein besonderes Instrument mitgebracht: Er hat die Gitarre, die er auf der "220 Volt" USA-Tour gespielt hat, aus dem Lager hervor geholt und wieder aufarbeiten lassen. "Backstreet Hero" vom gleichnamigen Live-Album setzt den Schlusspunkt unter seinen Auftritt und das diesjährige E-Live Festival. Ron verrät im Nachgang, dieser Titel wäre sein persönlicher Wunsch gewesen, und er hätte ihn am Mischpult noch einmal um 3 dB hoch gedreht. Es sei ihm natürlich gegönnt...mein persönlicher Favorit von diesem Album war übrigens immer "Homeless"...
Dieser Schlusspunkt führt uns noch einmal vor Augen, dass "E-Live 2026" vielleicht ein klein wenig anders war. Ron achtet gewöhnlich darauf, dass bei den vielen Stilrichtungen der EM für alle Vorlieben etwas dabei ist. Bis auf den Pausen-Act im kleinen Saal lag der Fokus dieses Mal aber ganz klar auf der Gitarre und dem rockigen Touch, den man elektronischer Musik mit dieser Zutat geben kann - daher auch der für diesen Bericht gewählte Titel. Fans von Sequenzen und der reinen 'Berliner Schule' sind heute etwas weniger auf ihre Kosten gekommen. Irgendwie geartete Kritik höre ich daran aber nicht: Das 'Gesamtpaket' aus Konzerten, CD-Ständen und Begegnung hat alle Besucher zufrieden gestellt und wird sicher noch eine Weile in Erinnerung bleiben. Und wenn es Anfang Mai 2027 wieder "E-Day" heißt, dann werden Foyer und Saal des "De Stoelendans" sicher wieder genauso gut gefüllt sein.
Derlei Gedanken gehen mir auf dem Nach-Hause-Weg durch den Kopf. Auch der verläuft nicht ohne Umwege. Eine weitere Autobahn-Sperrung beschert uns einen Umweg durch Rons neue Heimat Belgien, die in der Tat nicht allzu viele Auto-Minuten von Oirschot entfernt liegt. Vorbei geht es auf der belgischen Autobahn an Heusden-Zoldern, wo ich mehr als einmal für B-Wave oder Cosmic Nights abgefahren bin. Beides ist Vergangenheit und Erinnerung, aber im Hause Boots laufen mit Sicherheit schon die Planungen für den Mai. Was die Zukunft bringen wird, ist in unseren Zeiten eine unsichere Sache. Um so beruhigender ist es, dass es mit Ron Boots, seinem Groove-Label und den Events in Oirschot einen 'Fels in der Brandung' gibt, auf den man sich verlassen kann. Wir wünschen Ron und seinem Team von dieser Stelle aus, dass sie noch lange die Kraft und den Mut haben werden, diesen Weg fortzusetzen!
Alfred Arnold