Es ist der 21. Juni: Kalendarischer Sommer-Anfang, der längste Tag des Jahres, und vor allem eines: Der Tag, an dem das Team des Electronic Circus seine Sommer-Party steigen lässt. Seit einigen Jahren ist der Ort dafür ein Bauernhof bei Borgholzhausen, auf halbem Wege zwischen Bielefeld und Osnabrück gelegen.
![Electronic Circus Summer Edition 2025]()
Borgholzhausen hat eigentlich eine eigene Abfahrt an der Autobahn A33. Per E-Mail wurden die Besucher aber vorgewarnt, dass man diese wegen einer Straßensperrung nicht nehmen sollte. So komme ich ausnahmsweise einmal mit einem Event in Berührung, das immer zur gleichen Zeit wie die Party stattfindet: Das alljährliche Tennisturnier in Halle ist auch der Grund, weshalb man Hotel-oder Pensions-Zimmer frühzeitig reservieren sollte, so man übernachten will. Die Umleitungsstrecke führt an den Parkplätzen für Turnier-Besucher vorbei. Die lasse ich aber links liegen und folge den Schildern nach Borgholzhausen. Irgendwann geht es rechts ab, und am Straßenrand aufgehängte Wegweiser führen zum Parkplatz für Party-Besucher. Die Parkplätze am Hof selber sind knapp und den Aktiven vorbehalten. Wir Besucher lassen uns von Walter Adam einweisen, welcher der Silos am Nachbarhof heute nicht mehr vom Bauern gebraucht wird. Dort besteht kein Risiko, das eigene Gefährt vor der Rückfahrt erst wieder frei schaufeln zu müssen...
Vom Parkplatz sind es nur noch ein paar Schritte bis zum Ort der Party selber. Ein klein wenig Zeit wäre noch, bis der kleine Zeiger auf der Uhr die Eins erreicht und den offiziellen Beginn markiert. Aber der 'Check-In' ist auch jetzt schon möglich: Abhaken auf der Liste, das Armbändchen entgegen nehmen, und am besten gleich den ersten Schwung Plastik-Chips erwerben. Gegen diese 'Währung' werden wie immer Speis' und Trank ausgegeben. Wer will, kann hier auch gleich ein Ticket für den Electronic Circus im September in Lemgo erwerben.
Damit lasse ich mir aber noch ein wenig Zeit, denn angesichts der anderen Angebote ist nicht gesagt, dass das eingesteckte Geld dafür noch reichen wird: Im Hof, gleich neben der Anmeldung, reiht sich CD-Stand an CD-Stand. Kilians Syngate-Label wird Ende des Jahres zwar seine Tore schließen, aber heute hat er noch einmal alles mitgebracht, was auf CD noch vorhanden ist. Ein mindestens ebenso breites Angebot findet sich gegenüber bei Lamberts Spheric-Label. Einige der heute aufspielenden Musiker haben natürlich eigene Stände, und zusätzlich halten Johan Geens und Joost Egelie (beides Live-Performer im letzten Jahr) die belgische Fahne hoch. Stefan Erbe hat aktuelle und ältere Alben dabei, und berät auch gerne, wenn es darum geht, die Lücken in der eigenen Sammlung zu schließen.
Ein oder zwei der Tische sind noch leer, aber das wird sich sicher noch ändern. Also werfen wir einmal einen Blick aufs 'Catering': Der Grill wurde mittlerweile angeheizt und der Herr über Würstchen und Steaks hat sich eine stilechte Kochmütze mit EC-Logo zugelegt. Vegetarier und nicht nur die können sich gegenüber vom Elektro-Grill Gemüse und Kartoffeln holen. Die passenden Beilagen in Form von Salaten gibt es drinnen an der Theke, wo auch Brötchen, Kuchen und alle Getränke zu haben sind. Der erste Schwung Plastik-Chips ist auf diese Weise schnell ausgegeben, aber Nachschub kann jederzeit gegen Euros getauscht werden - die Chips wandern ja regelmäßig zurück zur Kasse.
Auch wenn dies quasi das nachgeholte Mittagessen ist, man sollte es nicht übertreiben, damit man nicht während des ersten Konzerts versehentlich in ein 'Verdauungs-Schläfchen' zu fallen. Denn gleich zu Beginn des Tages kann Frank Gerber mit "MiDi Bitch" einen Künstler ankündigen, der sich auf der Bühne bisher eher rar gemacht hat, und auch Bilder von sich eher sparsam veröffentlicht. Zumindest für mich ist es eine Premiere, Fredy Engel live zu erleben.
Von seinen Veröffentlichungen her kennt man MiDi Bitch eher als Anhänger der klassischen, von Sequenzen getragenen EM. Für den heutigen Auftritt verspricht uns Frank aber etwas anderes: Wir werden nur vier, aber lange Titel hören, und in denen wird Fredy sich von seiner ambienten Seite zeigen. Um diesen Teil des 'MiDi-Bitch-Universums' zu erreichen, ist ein kurzer Raumflug erforderlich. Und so beginnt das erste Konzert des Tages mit einem Countdown. Im Gegensatz zu den Raumschiffen eines US-Milliardärs besteht hier keine Explosionsgefahr, und eine Leuchtbrille sorgt dafür, dass 'Captain Fredy' auch im Halbdunkel den Kurs halten kann. Stimmen aus dem Kontrollzentrum koordinieren den Start, und nach dem Lärm des Starts haben wir die Stille und Weite des Universums erreicht. Wuchtige Flächen und gelegentliche Funksprüche füllen das Vakuum, und ab und an lässt Monsieur Jarre mit den Sounds grüßen, an denen man seine Klassiker erkennt.
Nach und nach füllt sich aber die Leere: Weitere Layer ergänzen das Klangbild, auch Chöre und zurückhaltende Sequenzen kommen hinzu. Sie erweitern die Stimmung aber nur und überlagern nicht. Wenn wir Stimmungswechsel erleben, dann nur ganz subtil und kontinuierlich. Sind wir eigentlich schon bei Titel Nummer zwei oder drei? Bisher habe ich keinen Schnitt bemerkt. Der kommt erst, als Fredy auf eine eher rhythmische Gangart wechselt. Das bleibt aber nur ein Intermezzo, und man darf sich wieder zurück lehnen und genießen. In dieser Passage fühle ich an "Ultra" von Baltes & Erbe erinnert, sowohl was die Weite als auch die Länge angeht.
Ganz zum Schluss werden die Sound noch einmal etwas druckvoller, so als wollte Fredy uns wieder auf den Erdboden zurück holen. Der Applaus zeigt es: Auch die Landung ist gelungen, und auf so eine Reise darf 'Captain MiDi Bitch' und gerne öfter mitnehmen. Frank schickt uns in seinen abschließenden Worten in die erste Pause, und dämpft ein wenig die Hoffnungen: Eis gibt es erst in der nächsten Pause! Aber der Tageszeit entsprechend wären jetzt eher Kaffee und Kuchen angesagt, und letzterer ist - wie immer - selbst gebacken und lecker.
Das Team um Frank und Hans-Hermann hat übrigens aus den Erfahrungen früherer Jahre gelernt und für den heutigen Tag nur vier Acts eingeladen. In der Vergangenheit konnten es schon einmal fast doppelt so viele sein. Das führte zu sehr kurzen Pausen, in denen dann vielleicht auch noch unter Zeitdruck umgebaut werden musste. Hat dabei auch nur eine Kleinigkeit nicht wie geplant funktioniert, war der ganze restliche Zeitplan nur noch Makulatur. Heute sind die Pausen mindestens 30 Minuten lang, und alle Musiker konnten schon vor Beginn aufbauen. Während die Besucher sich an Theke, Grill oder den CD-Ständen unterhalten, kann der nächste Act drinnen ganz entspannt einen allerletzten Soundcheck vornehmen. Und Frank darf uns ganz pünktlich zum zweiten Konzert rufen:
Das steht unter dem Motto "Düsseldorf is Calling". Roman Ridder hatte bereits im letzten Jahr hier in Borgholzhausen solo gespielt. Mit Lars Leonhard zusammen hat er das Projekt "Spectral Wanderer" gegründet, und genau dieses Duo wird das zweite Konzert des Tages bestreiten. Roman hatte ich bisher als einen Musiker erlebt, der etwas zur rhythmischen Seite der EM tendiert, während ich Lars im 'Spektrum' eher auf der atmosphärisch-ambienten Seite verortet hatte. Aber das sind alles nur Schubladen, und selten passt ein Musiker in eine solche hinein. Frank fasst die Zusammenarbeit der beiden so zusammen: "Melody and Sequences meet Dub and Rhythm!"
Und in der Tat, schon nach den ersten Takten merke ich, dass es gar nicht so einfach ist, das Ergebnis dieser Zusammenarbeit mit einem Wort zu beschreiben. Melodien und Rhythmen mischen auf souveräne und entspannte Weise miteinander und machen dem Namen des Projekts alle Ehre. Von Titel zu Titel legt das Tempo mal etwas zu, dann wird wieder einen Gang zurück geschaltet. Genauso selbstverständlich wird das Klangbild mal etwas voller, und mal wieder etwas minimalistischer. Mal bringt Roman seine Rhythmen in den Vordergrund, dann kann Lars wieder ein großes Panorama schaffen. Das alles geht so selbstverständlich und geschmeidig, als hätten die beiden noch nie etwas anderes getan!
Ein Nebeneffekt dieser perfekten musikalischen Kooperation: Man merkt als Zuhörer gar nicht, wie die Zeit vergeht. Das Ende ist fast schon ein wenig abrupt. Da muss doch noch etwas gehen? Ein kurzer Blick von Frank auf die Uhr verrät: Wir sind eine Viertelstunde vor dem Zeitplan. Habt Ihr vielleicht noch etwas? Lars bläst kurz die Backen auf, dann ein knappes "Ja". In der Zugabe sind die Rhythmen vielleicht noch etwas prägnanter, aber diese zusätzlichen fünfzehn Minuten werden genauso locker und entspannt gefüllt wie der 'geplante' Teil.
Dermaßen musikalisch 'gesättigt', können wir in eine längere Pause gehen. Im Saal stehen jetzt einige Umbauten an. Auch wenn der Bühnen-Bereich dieses Mal nicht ganz so voll ist wie in den Vorjahren, die Setups der ersten beiden Konzerte müssen jetzt abgebaut werden, um die Sicht auf das frei zu machen, was am Abend auf uns warten wird. Während im Saal also umgebaut wird, ist für die Besucher an der Theke jetzt das versprochene Eis im Angebot - sehr willkommen bei diesen Temperaturen. Mit dem Wetter hat man heute Glück gehabt: kein Regenwölkchen am Himmel. Es ist vielleicht schon wieder etwas zu warm, besonders für die Personen am Grill. Der läuft nämlich die ganze Zeit durch, so dass niemand lange auf etwas davon warten muss.
Draußen hat sich auch noch etwas anderes ereignet: Die bisher leeren Tische haben sich mit weiteren CDs gefüllt. die stammen von zwei Musikern, die man in der letzten Zeit eigentlich nur noch hier persönlich trifft: Stephen Parsick, unter anderem bekannt durch das Projekt "['ramp]", ist immer ein spannender Gesprächspartner, und das nicht nur, wenn es um elektronische Musik geht. Und Volker Flottmann ist natürlich ein ganz alter und bekannter Name in der Szene, der bei seinen Alben noch den Fokus auf physische Distribution legt. Hier ist eine der seltenen Gelegenheiten, sich über den aktuellen Stand quasi 'an der Quelle' zu informieren.
Bei so vielen interessanten Gesprächspartnern sind die knapp zwei Stunden der großen Pause auf einmal gar nicht mehr so lang, wie man denken könnte. Und was sie weiter verkürzt: Frank schnappt sich einen überraschenden Besucher für ein spontanes Interview. Harald Grosskopf wird im September auf dem Circus im Lemgo spielen, und ist heute auch nach Borgholzhausen gekommen. Der Plan, einfacher Besucher zu bleiben, geht aber nicht ganz auf, und so beantwortet er vor den dritten Konzert noch ein paar Fragen dazu, wie er Steve Baltes kennen gelernt hat. Mit Steve wird er der Haupt-Act in Lemgo sein, und die beiden sind schon seit vielen Jahren gute Freunde: Man erinnere sich an den Circus vor zwei Jahren, als Harald Steve nach dessen gelungenem Solo-Auftritt umarmt hatte! Die Ursprünge dieser Freundschaft liegen bei einer Ashra-Tour durc Japan. Für die kam Steve seinerzeit neu zu der 'Truppe' dazu, und sein Know-How hatte sich für das Gelingen der Tour als enorm wichtig erwiesen. Aber auch kompositorisch hat Steve ja einiges drauf, und so ist man seitdem in Kontakt geblieben - auch außerhalb von Ashra.
Harald ist eben immer ein Interview wert, so viel wie er schon erlebt hat. Das weiß man spätestens seit seiner Buch-Veröffentlichung im letzten Jahr. Nun aber zum dritten Act des Tages, und der kommt aus Kopenhagen und hat mit Abstand die weiteste Anreise gehabt: In diesem Jahr kann Björn Jeppesen das 30-jährige Jubiläum seines Projekts "Nattefrost" feiern. Aus diesem Anlass hat er eine schöne CD-Box heraus gegeben, die diese Zeit noch einmal Revue passieren lässt. Auf seiner Bandcamp-Seite ist diese Box aktuell 'sold out', hier und heute sind am CD-Stand aber noch ein paar der letzten Exemplare zu erwerben.
Das EC-Team wird angesichts dieses Jubiläums vielleicht auch einmal überlegt haben, wann sie Björn zum letzten Mal live auf der Bühne hatten, und dass es an der Zeit wäre, ihn einmal wieder einzuladen. Allzu vieler Überzeugungsarbeit dürfte es nicht bedurft haben, denn die Sommer-Party ist aufgrund ihrer intimen und lockeren Atmosphäre auch bei den Musikern beliebt. Wie nicht anders zu erwarten, wird Björn heute auch live eine kleine Zeitreise durch "30 Jahre Nattefrost" präsentieren. Mit dem eher minimalistischen 'Reise-Setup' wirkt er wie ein DJ. Und der Einstieg ist auch fast schon eine Techno-Nummer. Hat Björn auch so etwas in den letzten Jahren gemacht, daran erinnere ich mich ja gar nicht? So wird die Zeitreise auch zu einer Entdeckungsreise!
A propos Reise: Björn schaltet einen Gang zurück, und wir fahren per Zug weiter. Durchsagen verkünden die nächsten Stationen, und die Sequenz gibt den Takt vor, in dem die Räder über die Schienen rattern. Der Zug erreicht die nächste Station, aber eine Ruhepause gönnt Björn sich und uns nicht - es wird stattdessen bombastisch und melodisch, fast schon orchestral. Mich erstaunt es bei Björn ja immer wieder, wie er von Album zu Album auf einen anderen Stil umschalten kann, und das tut er auch hier auf der Party. An filmischen Bombast reiht sich mit "Futurized" kühler Techno-Pop. Björn spielt das alles mehr oder weniger durch, nur gelegentlich bleibt uns etwas Raum für einen Zwischen-Applaus. So auch vor dem nächsten Titel, und das ist einer von jenen, die ich sofort wieder erkenne: Er stammt von "From Distant Times", das er zusammen mit Matzumi eingespielt hat. Wie könnte es anders sein - jetzt wird es wieder bombastisch, das hätte der Soundtrack zu einem Fantasy-Film sein können. Uwe Reckzeh, wie immer der Herr übers Licht, lässt den Laser dazu wieder einen Sternenhimmel an die Decke werfen.
Noch einmal beamt Björn uns aus einer fernen Vergangenheit in die Zukunft, und zum Abschluss ist noch ein guter Schuss Funk und Soul dabei. Danach ein kurzer Blick auf die Liste - er ist mit seinem Set durch. Was Björn in der vergangenen Stunde hervor geholt hat, war ein schönes Zeugnis seiner Vielseitigkeit. Und ein Blick auf die Uhr verrät, dass die mit rhythmischem Klatschen geforderte Zugabe gewährt werden kann. In der zeigt Björn sich noch einmal von seiner poppigen Seite, dann ist Konzert Nummer Drei dieses Tages am Ende. Und - wie der Chronist gerne vermerkt - wir sind immer noch ganz pünktlich!
Ein gehaltener Zeitplan freut nicht nur die Organisatoren, sondern auch die beiden Musiker, die das letzte Konzert bestreiten werden. So haben Eric van der Heijden und René Splinter, die seit einigen Jahren als "UNI Sphere" zusammen spielen, noch einmal Zeit für ein paar finale Proben, während die Besucher sich noch einmal mit Erfrischungen versorgen können. Die allergrößte Nachmittagshitze ist zwar vorüber, aber man sollte nach wie vor nicht vergessen, genug zu trinken.
Die letzten Proben sind alle glatt gelaufen, und so kann Franks uns pünktlich zum letzten Konzert des Tages begrüßen. René und Eric lassen sich mit ihren Alben immer etwas mehr Zeit, umso erfreulicher ist es, dass sie heute einen Blick auf ein paar Titel ihres kommenden Albums gewähren wollen.
Den Einsteiger machen aber erste einmal vertraute Klänge: Während die Bühne sich in Nebel hüllt, liefert "Time" direkt einen bombastischen Einstieg. Auch wenn das von einem der bisherigen Alben stammt, Eric und René präsentieren die Titel live jedes Mal ein wenig anders, und verbinden einzelne zu einem ganzen. Dabei gehen immer wieder Blicke und kurze Gesten hin und her, welcher Wechsel als nächstes ansteht. Das Thema bleibt aber erst einmal die Zeit. Dieser Begriff ist bei "UNI Sphere" in vielen Titeln enthalten, aber man sollte das nicht immer wörtlich nehmen. Zum Beispiel "Running out of time" - wir stehen ja noch ganz am Anfang dieses Sets. Das soll jetzt mit einem der Titel vom kommenden Album fortgesetzt werden. Ein harter Stopp und die folgende Stille verheißen aber nichts Gutes. "Dem Computer ist warm", meint Eric, und der ist bei so vielschichtigen Kompositionen natürlich immer der stille dritte Mitspieler auf der Bühne. Die Software auf dem Rechner ist in der Hinsicht ein Neuzugang, nachdem just in dieser Woche ein anderer Controller in Erics Aufbau sein digitales Leben ausgehaucht hatte. Ein schlechtes Omen?
Die beiden lassen sich nicht aus der Ruhe bringen und tun das, was auch wir machen, wenn der heimische PC abgestürzt ist: Reset, Neustart, und einfach weiter machen. Und in der Tat, so ist die Technik wieder zur Mitarbeit zu überreden, und wir hören die erste Preview aufs kommende Album: Renés erstes Solo, dazu eine Sequenz, die wie das Ticken einer Uhr alles antreibt. Kurz darauf gesellen sich auch Chöre und Läufe hinzu. Das alles ist aber nur ein (langes) Vorspiel für den Hauptteil. Die Stimmung wird romantisch, die Sequenz immer barock-verspielter, und der Titel verströmt eine Kraft und Macht, dass man kaum glauben mag, er sei nur 'fast fertig', wie Eric danach meint. Sein aktueller Name ist "Opus May", in Anspielung auf den Entstehungs-Zeitpunkt. Ob es dabei bleibt, werden wir im Oktober erfahren, wenn das fertige Album auf dem E-Live Festival präsentiert werden soll - sowohl live als auch auf CD.
Nach diesem ersten emotionalen Höhepunkt dürfen wir uns wieder ein klein wenig entspannen, und dafür ist "Obviously Orbiting" wunderbar geeignet. Auch wenn es uns nicht gleich bis ins All trägt, man hat das Gefühl, wie auf Wolken dahin zu schweben und geborgen zu sein. Und es bereitet den Weg für "Le Temps", das ganz zart und sanft einsteigt, um sich zum Ende hin zu steigern - aber nicht so heftig, dass das darauf folgende "Contemplating Calmness" einen harten Schnitt bedeuten würde. Eric und René haben die Titel aus ihren bisherigen Alben sehr gekonnt neu zusammen gestellt, dass sich daraus ein neuer Spannungsbogen ergibt. Und der trägt uns jetzt zum zweiten Titel des kommenden neuen Albums. Eric geht kurz zu René herüber und zeigt ihm etwas. Ist das der Clou des Titels, oder eine bestimmte Einstellung? Darüber kann man als Zuhörer natürlich nur mutmaßen, aber das Zusammenspiel funktioniert in "Opus 3" reibungslos, und auch der Computer macht keine Fisimatenten mehr. Von Renés Solo-Alben wurde früher ja einmal gesagt, sie würden da weiter machen, wo Tangerine Dream 1985 nach dem Weggang von Johannes Schmoelling aufgehört hat. Den einen oder anderen Sound aus der Zeit erkennt man auch jetzt noch wieder, aber man hat längst einen eigenen Weg gefunden: Was wir jetzt hören, klingt selbstbewusst und eigenständig, und es ist so viel Neues darin, dass man gar nicht alles beim ersten Hören aufnehmen kann.
Mit der nächsten Rezeption werden noch bis Oktober warten müssen, wo "Opus 3" mit den anderen Titeln in der finalen Form vorliegen wird. Bis dahin müssen wir noch mit den bisherigen Alben vorlieb nehmen. Das die auch nach mehreren Jahren immer noch frisch und nicht angestaubt klingen, beweisen "Tunnel Vision" und "Jocular Jive", mit denen Eric und René dieses Konzert abschließen. Insbesondere bei "Jocular Jive" hält es keinen Fuß mehr still am Boden und mir kommen immer wieder Assoziationen zu Tangerine Dreams Klassiker "Dolphin Dance". Und natürlich kann danach nicht einfach Schluss sein, egal was die Uhr sagt. Die Frage "Wollt Ihr noch etwas" ist eine rein rhetorische, und natürlich geht da noch etwas. Zu gleich zwei Zugaben wird das Duo aus den Niederlanden genötigt, und eine davon ist "Eloquent Exposure", auch als "Colorful Fields of Summer" bekannt und Sylvia Sommerfeld gewidmet.
Mit so einem Schlusspunkt unter das letzte Konzert des heutigen Tages können wir alle leben. Frank dankt in seinen abschließenden Worten allen Aktiven des Tages. Da wären die vielen Helfer, die immer ein wenig 'unsichtbar' bleiben, wenn sie ihre Arbeit gut machen: Ton- und Lichttechnik, die Damen an der Theke, die Getränke, Eis, Kaffee und Kuchen ausgegeben haben, die Betreiber der beiden Grills, und auch das Personal am Empfang, das den ganzen Tag über Chips verkauft hat. Um eine offene Frage vom Anfang aufzulösen: Ja, die 'Barschaft' hat bei mir gereicht, um gleich hier ein Ticket für den Electronic Circus im September in Lemgo zu erwerben. Spätestens im Spätsommer wird man sich dort wieder sehen.
So nehme ich nicht nur schöne Erinnerungen an den längsten Tag des Jahres mit auf die knapp drei Stunden Heimfahrt, sondern auch den einen oder anderen Ausblick auf die Zukunft: Auf den Circus im September, UNI Sphere's Auftritt bei E-Live im Oktober, und - das sei mir als Schallwende-Mitglied gestattet - "Colorful Fields of Summer" erinnert daran, dass das nächste Grillfest mit elektronischer Musik schon in zwei Wochen in Ahlen folgen wird. Man kann dem Team um Frank und Hans-Hermann zu diesem Tag und dieser Party nur gratulieren, und ihnen wünschen, dass der Circus ähnlich gut laufen wird. Bis in drei Monaten in Lemgo!
Alfred Arnold
Update: In einer ersten Version wurde Eric van der Heijdens Name mit 'k' statt 'c' geschrieben. Dies wurde korrigiert und ich bitte um Verzeihung!