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Pfingstfreuden in Berlin - Flux and Pulse 2024

Seit vielen Jahren ist die Superbooth in Berlin ein fester Termin im Kalender der EM-Szene. Als 'Hands-On-Ausstellung' elektronischer Klangerzeuger jeglicher Form richtet sie sich natürlich in erste Linie an Musiker und weniger an den reinen Hörer und 'Konsumenten' der damit geschaffenen Werke. Musiker und Labels nutzen aber gerne die Gelegenheit, für die Besucher im Umfeld der Messe kleinere Konzerte zu veranstalten - wenn schon einmal so viel potentielles Publikum konzentriert vor Ort ist, sollte man das auch ausnutzen. Und dabei findet sich dann immer wieder etwas, das auch für den reinen Fan die Reise nach Berlin lohnt.

Flux and Pulse 17.5.2024

Mario Schönwälder, Chef des Manikin-Labels, hat vielleicht ähnliche Gedanken gehabt, als er plante, einmal alle aktuellen Projekte seines Labels an einem Abend auf die Bühne zu bringen.  Eine Lokation, die nicht weit vom FEZ Berlin liegt, wäre dafür nicht ungeschickt, so dass der Messebesucher nach einem langen Tag auf der Superbooth quasi 'im Vorbeigehen' noch Live-Musik genießen kann. Zum Betreiber eines solchen Orts konnte Wolfram Spyra, seit einigen Jahren Wahl-Berliner, den Kontakt herstellen.  Da bei ihm gerade auch eine Alben-Veröffentlichung anstand, war das Konzept komplett: Am Freitag-Abend vor Pfingsten, und unweit der Superbooth, steigt ein Konzert mit Spyra und allen Manikin-Aktiven.

Der Kreis schließt sich - Der E-Day 2024 im CKE Eindhoven

Ron Boots gelingt es immer wieder zwei Mal im Jahr, die EM-Szene zu einem großen Konzert-Event zu versammeln. Traditionell galt der E-Day im Frühjahr davon als das etwas 'kleinere', was Besucher und Acts angeht. In den letzten Jahren hat er sich seinem Herbst-Pendant aber immer weiter angeglichen, so dass er heutzutage gleichberechtigt neben E-Live im Herbst steht. Dass dem so ist, mag man schon daran ermessen, dass der E-Day 2024 bereits ein paar Wochen vorher ausverkauft war, und das ohne einen 'ganz großen Namen' wie Johannes Schmoelling, dessen Auftritt im vergangenen Herbst einen Run auf die Karten für E-Live 2023 ausgelöst hatte.

E-Day 2024 CKE Eindhoven

Das ist natürlich eine schöne Sache für Ron und sein Label, auch wenn er immer so kalkuliert, dass er auch mit einem nicht ganz ausverkauften Saal kein Minus macht. Aber auch das Lineup für diesen E-Day ist nicht zu verachten: Perge, Gert Emmens, und Sequentia Legenda sind allesamt Künstler, die nicht oft live zu sehen ist, und für Matzumi wird das heutige Konzert gar das erste seit einem guten Jahrzehnt sein.

Elektronisches Heimspiel

Martin Stürtzer, frisch gebackener Schallwelle-Preisträger, erzählt in Interviews gerne, dass die Corona-Krise und seine Home-Konzerte seiner Karriere einen besonderen Impuls gegeben haben. Erfreulich ist, das er für die Fans, die ihn gerne auch einmal auf einer realen Bühne sehen wollen, fast genauso aktiv ist. Gerade letzte Woche hat er in Berlin gespielt, und heute veranstaltet er in seiner Heimatstadt Wuppertal ein weiteres Konzert. Der Ort ist ein besonderer, nämlich das Zentrum Emmaus im Stadtteil Cronenberg. Dort ist Martin als Chorleiter und Kantor tätig. Nur zur Erinnerung: Martin macht nicht nur elektronische Musik, sondern ist auf einer Kirchenorgel genauso virtuos.

Martin Stürtzer Wuppertal 22.3.2024

Es ist ein Freitag, und Freitagskonzerte sind immer etwas  besonderes: Am Freitag-Abend hat man das ganze Wochenende vor sich, man fährt mit doppelter Vorfreude zum Event. Daran ändert auch das Wetter nichts: War es über die Woche frühlingshaft schön, hat der Wettergott sich heute entschieden, das in denn letzten Jahren aufgelaufene Minus an Niederschlägen ein wenig aufzuarbeiten. So bleibt es bei ein paar schnellen Totalen des Emmaus-Zentrums, bevor ich mir einen trockenen Unterstand suche.  Der Einlass ist erst für 18 Uhr angekündigt.

Gelungener Start ins Jubiläumsjahr - BK&S in Repelen

Es ist gerade einmal einen Monat her, dass uns der Weg nach Repelen geführt hat, und schon stehen wir wieder vor den Tor der hiesigen Dorfkirche und warten auf den Einlass. Im Februar hatten Filter-Kaffee hier ihr neues Album '106' präsentiert. Jetzt ist mit Broekhuis, Keller und Schönwälder der 'Klassiker' unter den Formationen im Manikin-Universum an der Reihe.  Für dieses Trio, das eigentlich ein Quartett ist (das Und-Zeichen steht für Frank Rothe), hat das aktuelle Jahr eine besondere Bedeutung: Anno 1994 hatten Bas, Detlef und Mario zum ersten Mal zusammen gespielt, und vermutlich hat damals niemand geahnt, dass sich daraus eine so dauerhafte Verbindung entwickeln würde.

BK&S Repelen 2024

Für das Bühnen-Jubiläum haben sich BK&S einiges vorgenommen: Seit Montag saßen sie in Detlef Kellers Studio in seinem neuen Gladbecker Heim zusammen und haben ausgetüftelt, was wir heute hören werden. Einen ganz kleinen Vorgeschmack darauf hatte es schon am Donnerstag in seiner Radiosendung 'Ad Libitum' gegeben.  Live, weiter ausgearbeitet und mit der Akustik einer Kirche wird das alles natürlich noch einmal ganz anders und besser klingen.

Zwei Kaffeetanten in der Kirche

Es muss irgendwann nach dem "BK&S-Wochenende" 2019 in Repelen gewesen sein, als Detlef Keller ankündigte, nach der 2020er-Ausgabe werde man eine 'Denkpause' einlegen. Ganz so ist es ja bekanntermaßen nicht gekommen: Repelen 2020 fiel als eines der ersten Konzerte dem Virus zu Opfer, und es sollte bis zum Frühjahr 2023 dauern, bis dieses 'letzte Mal'
nachgeholt werden konnte.

Filter-Kaffee Repelen 2024

Nun, es ist ein Jahr später, die Pandemie ist schon fast wieder vergessen, und wir können eine erfreuliche Feststellung machen. Das Überdenken hat nicht dazu geführt, dass unser Quintett rund ums Manikin Label seine Live-Aktivitäten in irgendeiner Weise einzuschränken gedenkt.  Nur zur Erinnerung: Frank Rothe, sowohl 'Und-Zeichen' als auch Tontechniker bei BK&S, ist mit Mario und Bas bei 'Filter-Kaffee' und 'Kontroll-Raum' auf der Bühne aktiv, und Michael Menze darf mittlerweile auch zu dieser Gruppe von Musikern rund ums Manikin-Label gerechnet werden, die in immer neuen Kombinationen unsere kleine, aber feine Szene bereichert.

Hello 2024 - Begrüßung auf Niederländisch

Die Bescherung ist vorüber, der Festtags-Braten vertilgt, und im Kühlschrank steht der Sekt bereit, um den Jahreswechsel zu feiern. Doch halt, zwischen Weihnachten und Neujahr ist noch eine Sache, die zumindest der EM-Fan nicht auslässt: Das Jahresabschluss-Konzert des Schallwende-Vereins im Bochumer Planetarium am 30. Dezember. Da der Blick an diesem Tag in die Zukunft geht, trägt dies den Namen 'Hello' und den des kommenden Jahres.

Hello 2024

Diesen klingenden Ausblick ins kommende Jahr wollten auch dieses Jahr knapp 300 Besucher nehmen - wie auch schon in früheren Jahren, war 'Hello 2024' Wochen vorher ausverkauft. Zwar gibt es auch hier kurzfristig stornierte Reservierungen, aber es ist natürlich ein Glücksspiel, auf so etwas zu spekulieren und nach
Bochum anzureisen.

Dub mit Ambient - Martin Stürtzer im Autonomen Zentrum

Wenn in den letzten Wochen in dieser Kolumne keine neuen Berichte erschienen sind, so lag das nicht daran, dass EM-live-technisch nichts Berichtenswertes passiert wäre - ganz im Gegenteil, es wurde regelmäßig und viel 'performt'.  Leider sind dem Schreiber einige persönliche Dinge in die Quere gekommen, die die Prioritäten  zwangsweise verschoben hatten.

Martin Stürtzer Wuppertal 2023-12-15

Irgendwann wird der Drang dann aber zu groß, doch wieder einmal die geliebte Musik live zu erleben und auch vom Erlebten zu berichten.  Und Martin Stürtzer, einem der fleißigsten und produktivstem Musiker in der EM/Ambient-Szene war es zu verdanken, dass dieses Bedürfnis sich noch vor den Feiertagen befriedigen ließ: Eine eher unauffällige Ankündigung auf Facebook, im Wuppertaler Autonomen Zentrum ein Set zu spielen. Das angekündigte Programm: Etwas Dub, etwas Ambient, und Tracks von seinem aktuellen Albums 'Aquatic Cosmos'.

Der Traum geht weiter - Tangerine Dream in der Lichtburg Essen

In den letzten Monaten war Tangerine Dream fast ununterbrochen auf Tour - man könnte meinen, es soll alles nachgeholt werden, was in den zwei Jahren Pandemie nicht besucht werden konnte. Die immer noch zahlreichen Fans in aller Welt danken es mit vollen Häusern. Nach einer Tournee durch die Vereinigten Staaten konnten in diesem Herbst auch wieder einmal die deutschen Fans ihre Lieblings-Band live sehen, ohne dafür ins Ausland reisen zu müssen.

Tangerine Dream Lichtburg Essen 2023

Zur aktuellen Besetzung gehört neben Thorsten Quaeschning und Hoshiko Yamane jetzt Paul Frick. Live gesehen hatte ich ihn zum ersten Mal 2019, auf dem Edgar Froese Memorial Event im Ballhaus Rixdorf in Berlin. Die Zusammenarbeit war offensichtlich so positiv, dass Paul seit 2020 festes Mitglied ist. Paul Frick ist ansonsten auch Teil des Trios 'Brand, Brauer, Frick', und auf dem letztjährigen, positiv angenommenen Studioalbum 'Raum' konnte man hören, in welche Richtung Tangerine Dream sich mit ihm entwickelt hat.

Nicht ins Wasser gefallen - Der Awakenings-Alldayer im Oktober

Unter den Awakenings-Events, die Phil Booth und Jez Creek mehrmals im Jahr veranstalten, sticht der 'All-Dayer' hervor. Dieser beginnt bereits am frühen Nachmittag und beinhaltet dementsprechend mehr Acts und Konzerte - trotz einer längeren Pause am Abend kommt man auf derer fünf und damit ähnlich viele wie bei E-Live oder dem Electronic Circus.

Awakenings All-Dayer 2023

Ich war in diesem Jahr zwar schon einmal im Frühjahr in Rugeley gewesen, doch das für diesen All-Dayer angekündigte Lineup war so reizvoll, dass ich es nicht nur 'virtuell' erleben wollte. Mit Jah Buddha und Radio Massacre International gleich zwei Projekte, die ich zwar kannte, aber noch nie oder schon sehr lange nicht mehr live gesehen hatte. Dazu - wie meistens bei 'Awakenings' - mit 'A Collection of Notes' ein Musiker, der mir neu war. Dazu noch ein Peter Dekker, der mit seinen Auftritten und Veröffentlichungen in den letzten Jahren deutlich an Bekanntheit und Profil gewonnen hat, und der auch dafür bekannt ist, sich für jedes Konzert etwas spezielles auszudenken - das war mir die lange Anfahrt wert.

Ausverkauft und spektakulär - E-Live 2023 in Eindhoven

Eine Sache steht ohne Frage fest: E-Day und E-Live gehören seit Jahren zu den absoluten Highlights des EM-Jahres. Ron Boots gelingt es zweimal im Jahr, mit einem gut zusammengestellten Programm Fans aus den Niederlanden, Belgien, Deutschland, England und wahrscheinlich noch ein paar Ländern mehr anzulocken. Seit Jahren ist ein nahezu ausverkaufter Saal eher die Regel als die Ausnahme.

E-Live 2023

Nachdem mit dem CKE in Eindhoven eine neue Location gefunden wurde, die dauerhaft Heimstatt für beide Events sein kann, konnte Ron sich dieses Mal wieder ganz auf das Lineup konzentrieren. Was er in seinen ersten Facebook-Postings nur andeutete, entpuppte sich als ein kleine Sensation: Zum wiederholten Male konnte Ron Boots Johannes Schmoelling als Haupt-Act verpflichten. Johannes ist nicht unbedingt bekannt dafür, gerne und häufig live zu spielen, aber mit Ron als Gastgeber und Organisator scheint er sich wohl und sicher zu fühlen. Schon in 'De Enck' hatte Johannes mit 'Loom' zweimal für ein ausverkauftes Haus gesorgt. Der für E-Live 2023 angekündigte Solo-Auftritt sollte dies aber noch einmal toppen: Bereits einen Monat vorher ging das letzte Ticket über den virtuellen Ladentisch. Das dürfte ein neuer Rekord sein!

Stimmen in der Luft - Premiere in Moers

Es ist an der Zeit, etwas nachzuholen, was ich schon einige Zeit vor mir herschiebe. Zwar habe ich schon einige Male auf Facebook kurz von Rike Casper und ihren Auftritten mit 'ZeitZuZeit' berichtet. Aber Postings in sozialen(?) Medien sind doch eher etwas Vergängliches, das irgendwann in den Tiefen einer Timeline verschwindet.  Aber gerade die Kunst-Form, die Rike zusammen mit Bärbel Schulz entwickelt hat, verdient einen Bericht hier an dieser Stelle, wo sich dauerhaft finden und nachlesen lässt: Die Verbindung von Musik und Lyrik. Poetische Texte aus den verschiedensten Jahrhunderten werden mit eigens dazu komponierter Musik verschmolzen. Komplettiert wird das Musik-poetische Projekt aktuell von Birte Schuler, die Rikes elektronische Klänge akustisch auf dem Cello begleitet.

Stimmen in der Luft Moers 2023

In diesem Jahr hat es schon die eine oder andere Aufführung dieser Kunst-Form gegeben, für die man sich die Wortschöpfung 'Müesie' - Musik und Poesie - ausgedacht hat. Rikes Album 'Stimmen in der Luft' trägt als erstes diesen Untertitel, und heute in Moers ist die offizielle Premieren-Präsentation dieses Albums.

Neustart in Hamm - der Electronic Circus 2023

Was die Garten-Party angeht, hatte das Team um Frank Gerber und Hans-Hermann Hess die "Nach-Corona-Zeit" mit neuem Spielort ja bereits im letzten Jahr eingeläutet. Mit dem Circus hat es ein Jahr länger gedauert. Das verwundert nicht, ist der Circus vom den eingeladenen Acts und der Finanzierung her doch der anspruchsvollere Termin. Gestiegene Kosten bei gleichzeitig bestenfalls stagnierenden Besucherzahlen ließen die bisherigen Spielorte in Detmold in nicht mehr finanzierbare Regionen rücken.

Electronic Circus 2023

Da steigt man doch lieber eine Nummer kleiner wieder ein und hält die Risiken in einem kalkulierbaren Rahmen. So kam es, dass der Electronic Circus 2023 vor einigen Monaten an einem neuen Ort angekündigt wurde, nämlich dem Vereinsheim des Schützenvereins Ostflierich in Hamm.

Beim Begriff 'Schützenverein' kamen dem einen oder anderen vielleicht Assoziationen von 70er-Jahre-Muff und mit Hirsch-Geweihen dekorierten, holzverkleideten Wänden. Ein paar im voraus gepostete Bilder konnten diese Befürchtungen aber schnell zerstreuen, und - mal ehrlich: Es war sowieso kaum vorstellbar, dass für den Electronic Circus die Wahl auf einen solchen Ort gefallen wäre. Schließlich nimmt man für sich in Anspruch, auch bei Auswahl der Acts nicht in der Vergangenheit zu leben.

Die Anfahrt nach Hamm-Drechen weckt Erinnerungen an den Bauernhof in Borgholzhausen: Das Vereinsheim liegt auf dem Land, einige der Straßen auf dem Weg dorthin werden schon recht eng, falls sich zwei Autos darauf begegnen. Hinweise zur Anfahrt und aktuelle Sperrungen hat es in Voraus gegeben, und auch hier weist ein Lotse den Weg zu den vorgesehenen Parkplätzen. Selbige sind zumindest im Moment noch etwas knapp, denn nebenan wird gerade noch eine Hochzeit gefeiert.  Wer sagt, auf dem Lande wäre nichts los?

Ein erster Blick auf das Gelände des Vereinsheims zeigt, dass hier auch schon so einiges los ist. Man kann sich kaum entscheiden, was man zuerst machen soll. Alte Bekannte begrüßen, von denen man bei kaum einem Festival so viele auf einmal sieht, das ist natürlich erst einmal das wichtigste. Direkt danach sollte der Weg aber zur Anmeldung führen. Dort erhält man nach Abhaken auf der Liste nicht nur das Bändchen, man kann auch gleich ein paar der Chips erwerben, gegen die hier wie auf der Sommerparty Getränke und Speisen verkauft werden. Genug zu trinken ist bei der spätsommerlichen Hitze sehr wichtig. Gleich danach kommt aber das Essen: Wer eine längere Anfahrt und bisher noch kein Mittagessen hatte, für den ist ein Teller von Tommy Betzlers selbst gemachtem, vegetarischen Chilli ideal. Nachwürzen darf man übrigens selber nach eigenem Geschmack.

Einen Grill für Würstchen und Steaks gibt es natürlich auch wieder, aber das hebe ich mir für später auf. Ein Blick in das Zelt mit den CD-Ständen ist mir für den Moment wichtiger. Mit Manikin, Spheric Music, Syngate und Groove Unlimited sind gleich vier der wichtigsten EM-Labels vertreten. Und es sind nicht nur die Neuerscheinungen, die man auch im Internet bestellen könnte: Mario Schönwälder hat noch einige Exemplare offiziell längst vergriffener Manikin-Alben mitgebracht. Hier in Hamm lassen sich Lücken in der eigenen Sammlung schließen.

Ein Blick auf die Uhr legt nahe, sich schon einmal Platz vor der Bühne zu suchen. Das erste Konzert des Tages wird eine Viertelstunde später als geplant beginnen, denn noch nicht alle Gäste haben den Weg hierher gefunden. Kein Problem - heute hat niemand noch etwas anderes vor und der Zeitplan ist ohnehin nur als grobe  Orientierung zu verstehen.

So tritt 'Zirkusdirektor' Frank Gerber erst ein paar Minuten nach 14 Uhr vor den gut gefüllten Veranstaltungsraum. Das ist auch eine positive Folge des kleineren Spielorts - die Stadthalle Detmold wäre für die zu erwartende Besucherzahl deutlich zu groß gewesen und in einem kleineren, aber dafür vollen Raum ist die Atmosphäre viel besser und direkter.

Als Einsteiger und "Eisbrecher" wird heute Wellenfeld fungieren. Seit dem Ausscheiden von Detlef Dominiczak wird dieses Projekt alleine von Andreas Braun fortgeführt. Heute wird er einen Mix aus den bisherigen CDs spielen, natürlich mit einem Fokus auf dem aktuellen Album "Eiswelten". So könnte man sich die Abkühlung wenigstens im Geiste vorstellen...

...in der Realität geht es aber eher heiß her, denn Andreas nutzt den typischen Wellenfeld-Sound, um die einzelnen Titel zu längeren Live-Mixes zu verarbeiten. Und die wären ohne weiteres tanzbar, wenn denn hier der Platz dafür wäre. Er agiert auch fast schon die ein DJ, und viele in Saal sind (angenehm) überrascht, was man mit so einem Ansatz erreichen kann.

Im letzten Drittel nimmt Andreas das Tempo ein wenig zurück und gibt uns vor dem Finale eine Verschnaufpause. Uwe Reckzehs Beleuchtung lässt Andreas danach wie eine Silhouette erscheinen, als er kurz und bündig erklärt, nun käme eine Umbaupause für den nächsten Act. Hat da jemand 'Zugabe' gerufen?  Ja, gerne, und 'zufällig' hätte er noch etwas auf Lager.  So geht der große Wellenfeld-Mix noch ein paar Minuten weiter und wir können uns alle sicher sein, dass Wellenfeld auch als Solo-Projekt auf absehbare Zeit weiter bestehen wird.

Wo gerade die Rede von 'Eiswelten' ist: Jetzt ist an der Theke nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Eis zu haben. Was diesen Punkt angeht, haben sich die Party und der Circus einander angenähert. Zwei, drei oder vier Kugeln? Sucht es Euch aus, es ist genug für Alle da!

Für Act Nummer zwei ist derweil gar nicht so viel umzubauen, denn das Setup von Andrii Symonovych, der als 'r.roo' auftritt, steht bereits. Andrii stammt aus der Ukraine und dürfte hier in der Szene noch ein völlig unbeschriebenes Blatt sein. Für die Einführung übergibt Frank an Ecki Stieg, der Andrii schon länger kennt und über den der Kontakt zustande kam. Andrii musste aus hinlänglich bekannten Gründen sein Heimatland verlassen und hat fürs Erste in Eckis Elternhaus eine Unterkunft gefunden. Und wer Eckis Radiosendung 'Grenzwellen' kennt, wird schon ahnen können, dass wir in der folgenden Stunde eine Performance erleben dürfen, die die Grenzbereiche der elektronischen Musik auslotet:

Und in der Tat, im Gegensatz zu Wellenfelds Konzert, wo man auch einfach nur in Rhythmen und Melodien abtauchen konnte, ist 'Nebenbei-Hören' hier nicht angebracht: Piano, klassische Versatzstücke, Chöre und experimentelle Sounds gehen eine Mischung ein, deren Konzept sich vielleicht nicht auf Anhieb erschließt. Tiefe und  Bedeutung hat es aber auf jeden Fall, und nach einer Weile habe ich Assoziationen zur Musik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, die auch einen Bruch mit dem Althergebrachtem gewagt hat. Hier ist ohne Frage ein Musiker viel Vorbildung am Werk, und der dieses Wissen in seine Kompositionen einfließen lässt. Dass dabei auch persönliche Erfahrungen und Eindrücke der jüngsten Zeit eingehen, das ist angesichts von Andriis jüngstem Lebensweg zu vermuten. Umso erfreulicher ist es, dass er in der zweiten Hälfte seines Konzerts ein wenig aus dem 'dunklen Keller' zu wärmeren und kräftigeren Klängen mit klarerer Struktur findet. Ohne Frage ist sein Auftritt der anspruchsvollste des Tages, und den Machern des Electronic Circus gebührt Respekt, dass auf ihrem Event auch für solche Konzerte Raum ist.

In der folgenden Pause muss der bisher aufgeschobene Umbau erfolgen - nicht dass der folgende Act allzu viele Instrumente bräuchte, den Platz braucht James Knights für seine Bühnenshow. Ich muss ehrlich gestehen: Mir hat dieser Name vor dem Festival ähnlich wenig gesagt wie der von r.roo, als dann aber das Stichwort 'Boytronic' fiel, wurden Erinnerungen an die 80er und Synthie-Pop wach - eben jene Zeit, in der Menschen meines Alters begannen, sich ernsthaft für Musik zu interessieren und ihre Vorlieben zu definieren. Die haben sich bei mir eher in Richtung klassischer EM verfestigt, aber der Synthpop der 80er-Jahre hat auch bei mir noch seinen Platz im Herzen. Irgendwo muss noch die Single von 'You' im Plattenregal stehen...

Boytronic hat über die Jahre einige Wandlungen durchlaufen; aktuell ist James Knights der Sänger in diesem Duo. James tritt aber auch solo auf, auch hier mit einem Programm, das seinen Schwerpunkt bei 80er-Jahre Synthpop mit Italo-Anleihen hat. Wem das zweite Konzert vielleicht ein wenig zu anspruchsvoll war, der kann in der folgenden knappen Stunde einfach mal völlig entspannen und loslassen. Denn was James und Eva Heilmann (ansonsten bekannt von 'Plasmaschwarz') hier zeigen, das ist einfach pure Lebensfreude uns Spaß an der Musik: Ein tanzbarer Titel reiht sich an den nächsten, während James seine Spiele mit Mikrofon-Ständer und Publikum vollführt. Das ist derart ansteckend, dass auch die Bedienung hinter der Theke begeistert mitgeht!

Neben eigenen Titeln sind natürlich auch Boytronic-Nummern dabei. Wie schon eingangs gesagt, weder von dem einen noch dem anderen kannte ich bisher allzu viel, aber das ist auch gar nicht notwendig, um an diesem Auftritt seinen Spaß zu haben. Da will der Fuß einfach mitwippen und selbstverständlich muss mehr als eine Zugabe sein. Falls darüber der Zeitplan weiter aus dem Ruder läuft - wen stört das schon!

Zwei Dinge möchte Frank in seiner Abmoderation noch los werden: Zum einen ist das Eis alle. Wir alle können uns zu gute halten, in dieser Hinsicht ganze Arbeit geleistet zu haben. Und da wäre noch eine wichtige Sache: Man hat neben Frank und Hans-Hermann sicher schon den Clown vermisst, verkörpert von Mike Niemann und immer bereit, den einen oder anderen kleinen Streich zu spielen. Mike geht es im Prinzip gut, aber die Füße muss er aktuell leider auf der Couch hochlegen. Im nächsten Jahr wird er wieder mit von der Partie sein. 'Aushilfsweise' lässt Frank heute den großen Hut mit den kostenlosen Süßigkeiten herum gehen.

Einen weiterer Programmpunkt verkürzt ebenfalls das Warten auf den nächsten Act: Ecki Stieg setzt seine Tradition der Interviews auf dem Circus fort. Heute hat er sich Tommy Betzler auf die Bühne geholt, anlässlich der Neu-Veröffentlichung der P'Cock-Alben. Original sind sie Anfang der 80er-Jahre auf Klaus Schulzes IC-Label erschienen, haben seinerzeit aber aus verschiedenen Gründen nicht die Resonanz bekommen, die sie verdient hätten. Zusammen mit vielen anderen IC-Veröffentlichungen sind sie dann lange Zeit in der in der Versenkung verschwunden, und waren bestenfalls gebraucht zu erhalten. Nun sind sie aber wieder veröffentlicht worden, und alle können sich einen Eindruck davon machen, wie gut die Musik die Jahrzehnte überdauert hat und heute noch klingt.

Als Act Nummer vier steht Steve Baltes auf dem Plan. Aufzubauen hat er in der Pause nicht mehr, denn sein Setup steht bereits fertig am rechten Rand der Bühne. Wie immer bei Steve, findet man kein 'ausgewachsenes', klassisches Keyboard - hier dominieren Notebook, Ableton, kleine Effektgeräte und ein analoger Dreadbox- Synthesizer. Es ist immer wieder bewundernswert, wie virtuos Steve nur mit seinen zwei Händen (und einen Blas-Controller) daraus seine Tracks kreiert. Vorgenommen hat er sich jedenfalls heute einiges, sein Konzert wird eines der längsten sein, plus jeweils noch erklärender Vorworte zu den Titeln, die dann folgen. Den Einstieg gestaltet Steve gleich mit einem eigenen und neuen Titel: 'Dark Gravity' zeigt mit dem Namen den Weg. Weite, dunkle und massive Flächen wecken bei mir das Bild einer Wüste, wo die Sonne erbarmungslos auf den Wandernden niederbrennt. Das ändert sich aber, als der Rhythmus einsetzt: Zuerst ganz fein und strukturiert, ähnlich wie auf der 'Bochum Sky', wird er immer mächtiger und fetter und drängt das das Bild einer Einöde in den Hintergrund. Das Sound-System im Saal geht dabei teilweise bis an seine Grenzen. Und obwohl diese beiden Titel über eine halbe Stunde dauern, wird es nicht langweilig, denn Steve versteht es, die Sounds kontinuierlich zu variieren, und gegen Ende das Tempo wieder herunter zu fahren, dass 'Dark Gravity' nicht mit einem harten Schnitt endet.

Womit dieser erste Track schon endet, ist der wohlverdiente Applaus - und andere Musiker hätten den Rest der Zeit in gleicher Art weiter gemacht. Das wäre  einen Steve Baltes aber zu wenig, und so folgen seine Versionen von zwei Baltes&Erbe-Titeln, nämlich 'Sepia' von der 's-thetic' und 'Gradient' von der 'Electric Garden'. Wenn Steve sie solo spielt, klingen sie deutlich wuchtiger und Beat-betonter und schließen sich auf diese Weise sehr gut an den ersten Doppel-Titel an. Ob es nicht noch besser gewesen wäre, wenn Stefan bei diesem Part live mitgespielt hätte, so wie vor anderthalb Jahren in Eindhoven? Ja sicher, aber Stefan Erbe ist heute wegen Hochzeitstag leider  verhindert. Wir freuen uns darauf, wenn Stefan und Steve wieder einmal zusammen arbeiten, egal ob live oder im Studio!

Auch wenn diese beiden Tracks in ihrer 'Extended Version' zusammen eine weitere knappe halbe Stunde füllen, Steve ist noch lange nicht fertig: Irgendwo ist er musikalisch ja auch ein 'Kind der 80er' und mit Synthpop aufgewachsen. Boytronic haben damals auch zu seinen Helden gehört, und so hat er sich eine kleine Zusammenarbeit mit James Knights überlegt: 'Stars' ist ein Titel von seinem Projekt 'Arctic Sunrise', von dem schon einmal ein Album mit einem Dutzend Remixen veröffentlicht wurde. Heute erleben wir die 'Boytronic-Version', mit James Knights als Sänger, der mit seiner Bühnenshow noch einmal alles gibt.

Ist es das denn jetzt gewesen? Nein, kann es nicht, denn heute ist noch ein besonderes Datum: Manuel Göttsching hätte heute seinen 71. Geburtstag gehabt. Leider ist Manuel im letzten Jahr überraschend verstorben, aber es ist nichtsdestotrotz ein Tag, sich daran zu erinnern, wie Steve zu Ashra gekommen ist. Er war damals noch fast ein Teenager, hatte Harald Grosskopf gerade vor vier Jahren kennen gelernt und durfte direkt mit ihm, Manuel und Lüül auf die große Japan-Tournee kommen - eine ziemlich einmalige Erfahrung. Für 2017 war eine Ashra-Tour nach Hongkong geplant, die leider nicht zustande kam. Steve hat aber beim 'Kramen auf der Festplatte' noch ein paar Loops gefunden, die Manuel dafür vorbereitet hatte. Der - wie bei Ashra oft - etwas abgedrehte Titel: 'Niemand lacht rückwärts'. Sei es aus Respekt vor Manuel, oder weil es hier besser passt: Steve hält sich mit seinen eigenen, massiven Sounds dieses Mal ein wenig zurück, so dass Manuels feine Handarbeit voll zur Geltung kommt. Es war ja immer faszinierend, wie Manuel seine 'Sequenzen' mit der Hand auf der Gitarre gespielt hat. Und Steve hat das auf feine Weise zu einem vollwertigen Track ergänzt - großer Schluss-Applaus und eine Umarmung von Harald Grosskopf sind der Lohn. Steve Baltes' Auftritt war ein echtes Highlight, sowohl was Qualität als auch Vielfalt angeht!

Die Pause vor Steves Auftritt hatten die Ströme bereits genutzt, um ihre modularen Systeme 'in Stellung' zu bringen. Mario Schönhofer und Chris Fakler, der Tobias Weber nicht zum ersten Mal vertritt, sind erst im Verlauf des Nachmittags aus München angereist und wer wollte, konnte ihnen beim 'Stöpseln' auf der Wiese zuschauen. Andere hätten ihre Modular-Systeme wohl fertig verkabelt mit gebracht. Das war hier aber nicht möglich, die Geräte wären in der Bahn zu sperrig geworden. Es ist aber genug Erfahrung und Routine vorhanden, dass das Verkabeln ohne Probleme und Verzögerungen vonstatten geht. So kann Frank den letzten Act und Höhepunkt des Abends ohne Verzögerung ansagen. Wer sich an den letzten Circus 2019 in Detmold erinnert - da waren Mario und Tobias bereits mit dabei, und sind so gut angekommen, dass man sie für den 'Circus-Reboot' nach vier Jahren noch einmal gebucht hat.

Und dieses Duo aus dem Süden der Republik liefert auch heute das, wofür man sie kennt: Energiegeladene, moderne elektronische Dance-Musik, live und garantiert handgemacht. Denn wenn hier am modularen System geschraubt wird, ist das keine wie vielleicht bei einen 'DJ', der zu Beginn den USB-Stick mit seinem Set ins Mischpult steckt und fortan pro forma die Regler einiger nicht angeschlossener Kanäle herauf- und herunterschiebt. Wie sie es dabei dann auch noch schaffen, so bei der Musik körperlich mitzugehen, ist schon ein mittleres Wunder.  Man ist fast versucht, nach dem Kabel zu suchen, mit dem sie mit an den Synthesizer angeschlossenen sind, denn anders mag man sich das kaum erklären.

Auftritte der Ströme bestehen üblicherweise aus einem einzigen, durchgehenden Track, so auch heute. Es wird aber niemals langweilig, denn alles, was auf dem Rhythmus liegt, wird ständig variiert. Niemand verlässt vorzeitig den Saal, auch wenn der kleine Zeiger der Uhr sich der Elf schon merklich nähert hat. Erst ein anderes Ereignis läutet das Ende ein: Mario gibt ein kurzes Handzeichen, ein Dreh an einem der vielen Regler, und der Takt wird langsamer, bis die Maschine zum Stillstand kommt. Durchatmen, Verbeugung und langer Applaus: Das war es!

Natürlich löst sich so ein Event nach der letzten Abmoderation nicht sofort auf: Die Reste an Grill und Theke gehen zu Sonderpreisen, ein letzter Kaffee vor der (Nacht-)Fahrt ist nicht verkehrt. CDs wollen noch signiert und Absprachen gemacht werden. Wann sieht man sich zum nächsten Mal? E-Live in Eindhoven wird vermutlich die meisten der hier anwesenden auch wieder unter einen Dach versammeln. Aber eines ist sicher: Im kommenden Jahr wird es wieder eine Party und einen Circus geben. Gerne auch wieder hier in Hamm, wo man an einem Tag so viel unterschiedliche Musik geboten bekommt. Liebes EC-Team, macht so weiter und bleibt so wie Ihr seid!

Text: Alfred Arnold

Bilder: Stefan Schulz & Alfred Arnold

 

 

Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.