Rezensionen

StsteAzureDass die Elektronikmusik so viele Facetten hat ist ja nichts Neues. Dass die Traditionalisten oder Retro-Freaks auf der Sequenzerlokomotive mit dem vergilbten Aufdruck „Berliner Schule“ immer noch auf dem Abstellgleis rauf und runter fahren und sich auch noch wohlfühlen sei Ihnen gegönnt. Dass jedoch auf der anderen Seite des Bahnhofs längst ein frischer Wind weht, bleibt manchem offenbar stets verborgen - mir aber nicht und offensichtlich vielen anderen Electronicfans auch nicht.

Diese kurze Rezension beschäftigt sich mit einem Keyboarder aus England, der unter dem Pseudonym „State Azure“ agiert. Inspiriert durch die alten Tangerine-Dream-Sachen hat er im Laufe der Jahre seinen eigenen Stil entwickelt. Eine Symbiose aus Ambient, Downbeat, Space. Heute bietet „State Azure“ Downloads auf diversen Kanälen an. Insbesonders jedoch ein gigantisches Output unter dem Arbeitstitel „Modular Works, Part I – III“. Sagenhafte 25 Tracks mit einer Dauer von 5 bis 17 Minuten bietet allein „Teil 3“ und dürfte explizit den Hardcore-Elektroniker faszinieren. Es ist ausgefeilte, experimentierfreudige, wohltemperierte, spannungsvolle Ambientmusik zum genießen. Eine schier endlose Goldmine voller kostbarer Electro-Sounds. Einen Anspieltipp hervorzuheben fällt schwer, denn selbst diese unfassbare Menge an Musik könnte man in einem Guss durchziehen. Alle Tracks wurden live und ohne Unterbrechung in einem Take aufgenommen. Respekt!

Hörbeispiele:

https://stateazure.bandcamp.com/album/modular-works-iii

Will Lücken

bertrandloreau eternalsorrowsWas macht ein Musiker mit alten Aufnahmen, die ihn emotional auch heute noch stark emotionalisieren? Man restauriert und mastert sie neu für die Veröffentlichung. So geschehen mit den Stücken auf Eternal Sorrows von Bertrand Loreau. Aufgenommen in 1981 mit einem einfachen Kassettenrekorder und entsprechender Qualität. Herausgekommen ist eine CD mit durchweg hörbarer früherer elektronischer Musik, der man die Einflüsse der damals großen Namen sicherlich anhört. Glücklicherweise hat sich Bertrand dafür entschieden, die originale Klangwelt zu erhalten und die Stücke nicht neu aufzunehmen. Somit bleibt das gesamte Klanggebilde auch auf dem ursprünglichen Gefühlsstand der Aufnahmen und mutiert nicht zu nachgespielter traditioneller EM. Die wenigen hinzugenommen Sounds passen sich kaum abhebend in das Gesamtwerk ein.

Die Stücke sind eher harmonisch gestrickt, wirken keinesfalls überladen und fokussieren sich auf wenige zentrale Elemente, die jedes für sich die Songs vorantreiben. An einigen Stellen spürt man auch die Experimentierfreudigkeit des Franzosen, so dass leicht zugängliche Parts von etwas anspruchsvolleren abgelöst werden. Ab und an scheinen dabei Konstrukte und Ideen durch, die mich an spätere Werke anderer Künstler erinnern.

Anspieltipps: Flying Mind, Chemin d'Enfer (part 1), Eternal Sorrows (part 2)

Künstler: Bertrand Loreau
Bezug: Spheric Music Online-Shop

Stefan Schulz

mlBernd Michael Land, der Rodgauer Synthsammler und umtriebige Komponist gehört auch 2019 wieder zu den fleißigen Musikern des Genres und veröffentlichte zum 50er Jubiläum der Mondlandung (s)ein gleichnamiges Album. Wie bereits auf den vorherigen Alben wirft der Hesse seinen montrösen Fuhrpark ins Rund der universalen Tonerzeugung und serviert uns eine kontroverse Sequenzerschlacht, die alle Stadien der Reise zum Erdtrabanten würdig musikalisch dokumentiert. Dabei verzichtet er weitgehend auf die historischen NASA-Samples und interpretiert die markanten Mond-Meeres-Punkte mit seiner eigenen synthtetischen Sichtweise. Es zirrpt und blurrpt, es triggert und knarzt, ganz so, wie man es sich von einer 69er Jahres-Rück-Betrachtung erwarten würde. Stilecht und narrativ.

www.bernd-michael-land.com

Stefan Erbe

mgEin neues Martins-Garden-Album ist wie ein spannender Science-Fiction-Kinofilm. Man weiß nur, dass Regisseur, Darsteller und auch das Cover vom Allerfeinsten sind. Das ist schon mal eine gute Ausgangsbasis. 11 Tracks bedeuten 11 unterschiedliche Episoden. „Elysium – Tales Of Devotion“ begleitet den Hörer zunächst mit paradiesischem Vogelgezwitscher in einen japanischen Garten und man ahnt schon die geballte Energie in den auftürmenden Klanggewölben, die zum "Olymp" und zur "Unsterblichkeit" führt. Auch in seinem neuesten Werk beweist der Schweizer Martins Garden wie kaum ein anderer Künstler auf diesem Planeten wie man zeitgemäße Electronica einem Publikum präsentiert, das wirklich was total Neues hören will. Er mixt Dubstep und fette Downbeats, streut seine einzigartigen Effekte hinzu und verfeinert mit ätherischem Gesang von weiblichen oder männlichen Stimmen die imposante Atmosphäre – und doch klingt alles harmonisch und leicht. „Elysium“ ist ein intelligentes, tanzbares, herausragendes Electronic-Spektakel, das trotz aller Progressivität auch das Herz erwärmt. 

https://merkabamusic1.bandcamp.com/album/elysium?fbclid=IwAR2vQoC3V7ALDxBbnF6wNjAcYQdAMVHNyNhcPhOZB_rm_MGaXeJKM8yeD54

Will Lücken

dreamanddesire2019

Eigentlich ist diese Rubrik ja eher Alben-Neuerscheinungen gewidmet. Wenn ein Album eine so bewegte Geschichte wie Manuel Göttschings "Dream & Desire" hat, dann machen wir aber auch gerne mal eine Ausnahme. Das Album enthält Aufnahmen von 1977, die Manuel Göttsching eigentlich nur für eine Radiosendung des RIAS produziert hatte. Moderatoren genossen seinerzeit noch eine viel größere Freiheit und konnte "einfach mal" dieser neuartigen Musik eine Stunde Sendezeit freiräumen.

Was leider seinerzeit auch schon so war: Nicht alles, was es verdient hätte, schaffte es auch auf einen Tonträger, und so mussten Fans außerhalb der "Reichweite" des Senders die nächsten vierzehn Jahre mit privat kursierenden Tonband-Mitschnitten der Radiosendung vorlieb nehmen. Erst 1991 erschien "Dream & Desire" auf CD, und die ist auch schon lange wieder aus den Katalogen verschwunden.

Erfreulicherweise hat Manuel sich entschieden, "Dream & Desire" noch einmal aufzupolieren und auf seinem eigenen Label wiederzuveröffentlichen. Wer dieses Schätzchen klassischer elektronischer Musik in der Sammlung haben möchte, muss sich nicht mehr bei Sammler-Börsen oder nicht ganz so legalen Quellen umsehen. Es lohnt sich, denn es ist ein Beispiel für Manuels einzigartige und fokussierte Spieltechnik: Was wie ein Sequenzer klingt, ist in Wirklichkeit seine Gitarre - eine echten Sequenzer hatte Manuel seinerzeit überhaupt nicht, nur einen EMS-Synthie und eine Farfisa-Orgel. Ist es gerade diese Reduktion im Instrumentarium, die zu zeitlosen Meisterwerken führt? Eine Frage, über die es sich lohnt nachzudenken, während man zuhört.

Die Neuveröffentlichung enthält auch den Bonus-Track "Despair", der nicht Teil der originalen Radiosendung war, aber aus gleicher Zeit stammt und sehr gut zu "Dream" und "Desire" passt.  Sie wird von einem Kommentar von Olaf Leitner begleitet, der beim RIAS seinerzeit die Radiosendung initiierte und noch ein wenig mehr "von alten Zeiten" erzählt. Die waren zwar nicht immer besser, aber für kreative Musiker und Radio-Moderatoren müssen sie genial gewesen sein...

http://www.manuelgoettsching.com/

 Alfred Arnold

 

a11

2019 ist das Jahr, in dem die erste Mondlandung sich zum fünfzigsten Mal jährt. A-11 ist bei weitem nicht das erste Album, das dieses Event als Aufhänger nimmt, und es wird mit Sicherheit auch nicht das letzte bleiben. Umso größer dürfte bei Baltes und Erbe der Anspruch gewesen sein, den Reflexionen über dieses Jubiläum den ganz eigenen, unverwechselbaren Charakter zu geben. Ihre eigene Sound-Synthese haben Steve und Stefan ja bereits in zwei Alben entwickelt, und jedes der beiden hatte seinen eigenen Schwerpunkt. Dass sie Bekanntes nicht einfach wiederholen wollten, das war mir schon vor den ersten Hören klar.  Und in der Tat: Natürlich hat das "spacige" seinen Platz auf "A-11", aber wir hören hier keine endlosen Flächen, die uns die Weiten des Raumes nahe bringen wollen, und auch nicht zum soundsovielten Male den Countdown des Saturn V-Starts oder Neil Armstrongs erste Worte auf dem Mond im O-Ton.

Stattdessen durchzieht das Album in weiten Teilen ein solides Rhythmus-Fundament.  Selbiges fällt im "Studio-Edit" etwas weniger wuchtig aus, als man es in den Aufnahme-Sessions in Hagen und Essen erlebt hat. Und das ist gut so, denn so kommt der ganz eigene Baltes&Erbe-Sound noch besser zur Geltung. Auch was die Namen der Titel angeht, setzt "A-11" eigene Schwerpunkte: Anstatt die ohnehin anerkannte historische Bedeutung zu unterstreichen, machen sie uns dezent auf Details der hinter der Apollo-Mission stehenden Technik aufmerksam, die der geneigte Hörer ruhig einmmal er-googeln sollte - der Flug zum Mond war das Resultat tausender kluger Köpfe und nicht nur einiger weniger Visionäre.

A-11 ist in zweierlei Hinsicht ein würdiges Album: dem historischen Anlaß, und dem durch die ersten beiden Alben gesetzten Anspruch. Die "kreative Pause" nach "Electric Garden" hat dem Duo die Ideen und die Energie gegeben, im Jubiläumsjahr wieder richtig "durchzustarten". Daumen hoch und Startfreigabe!

https://www.erbemusic.com/

 Alfred Arnold

 

Murinsel2Also fleißig ist er ja, der Österreicher Stan Dart. Kaum hat man das letzte, grandiose Doppelalbum „Seaside“ zur Seite gelegt, kommt schon ein halbes Jahr später die nächste CD des Elektronikers auf den Markt. Es ist der zweite Teil seiner Hommage an das Cafe auf der Murinsel in Graz.
Also, ich muss schon sagen, so moll-betonte Chillout-Musik hat was, es ist ein besonderer Charme. Ich denke da in erster Linie an die Titel „Daydreamer“ oder besonders „Blue“: Ein super-smoothiger, tiefenentspannter Laidback-Track zum Genießen, bis ins kleinste Detail genial durchdacht und mit einem besonderen Sahnehäubchen versehen: Ein exzellentes Saxophon-Solo. Doch auch alle anderen Titel zeigen eine deutliche Tendenz: Der zweite Teil der „MurInsel“-Serie ist der Bessere und nicht nur das, Stan Dart zeigt eine kontinuierliche Steigerung seiner Arbeit. Auch wenn es „nur“ Chilloutmusic ist, der interessierte  Hörer kann sich auf klangvolle Electronic freuen (Anspieltipp: „Nachtflug“). Alle Songs wirken super-relaxed und harmonisch-rhythmisch. Ein gehobenes Niveau ist mittlerweile Standard bei Stan Dart.

http://www.stan-dart.com

will Lücken

Einlass16Eigentlich hätte die Einlassmusik von Christopher von Deylen aufgrund ihrer immensen Kreativität einen würdigeren Titel verdient ... wie etwa „Avatar“ oder „Interstellar“ oder so ähnlich. Egal, es ist auf jeden Fall ein Zeichen der unendlichen Fülle an Ideen, die der Künstler so ganz nebenbei seiner offiziellen CD-Veröffentlichung „Morgenstund“ scheinbar mühelos aus dem Ärmel schüttelt. Von den drei allesamt hervorragenden Alben „Einlassmusik 15, 16, 17“ mit knapp 3 Stunden Länge möchte ich speziell die „16“  hervorheben. Die hier präsentierte instrumentale Ambient/Space-Music ist ein extrem aufregender Trip durch eine surreale Landschaft wie die des Malers Salvador Dali, wo Klänge wie Objekte durch die Gegend purzeln, wo Elefanten auf Stelzen durch utopische  Landschaften stapfen. Immer wieder wechseln die abstrusen Klangszenen. Stillstand ist keine Option. Immer tiefer in die entlegensten Refugien geht die endlose Reise der Musik. Aus vermeintlich bedrohlichen, wabernden Tönen entwickeln sich zauberhafte Klangstrukturen, warme Rhythmen, unfassbare Soundeffekte, edles Klavierspiel - alles in sensationellem Dolby-Surround. Das ist eine enorm inspirierende Klangreise, die das Kopfkino belebt und seines Gleichen sucht. In meiner langjährigen Recherche der Elektronischen Musik bin ich selten so geflasht von einer Ambientmusik wie die „Einlassmusik Teil 16“. Wie kann ein Künstler ein Album für die Charts veröffentlichen und nebenbei so etwas prätentiös Geniales produzieren? Ganz großen Respekt vor Christopher von Deylen! Wer im Besitz dieser, leider seltenen CD ist, hat wahrhaftig einen Schatz.

http://www.schillermusic.com

Will Lücken

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