Rezensionen

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Es gibt Alben-Projekte, an die von Anfang an mit einem festen Plan heran gegangen wurde. Umgekehrt entstehen manche Alben ganz spontan aus der Situation des Musik-Machens heraus. Jörg Dankerts neues Album "Between the meantime" liegt auf ungewöhnliche Weise irgendwo zwischen diesen beiden Extremen: Die Titel sind über längere Zeit aus der jeweiligen Situation heraus entstanden, ohne einen übergeordneten Plan zu verfolgen. Das Ergebnis ist ein musikalisches Tagebuch der letzten Monate und ein Dokument, wie die aktuellen Zeiten einen kreativen Geist beeinflussen.

Wer in diesem Tagebuch lesen will, dem macht Jörg Dankert es nicht leicht: Auf erklärende Namen wird verzichtet, die Tracks sind einfach  durchnummeriert. Es obliegt dem Hörer, den Bezug zu Ereignissen auf unserem Planeten oder persönlichen Stimmungen herzustellen. Dabei weiß man nie, welche Wendung der nächste Track bereit hält. Der rhythmische Einsteiger könnte zum Beispiel in einem heiteren Moment entstanden sein, aber genauso gut auch marschierenden Soldaten den Takt vorgeben.

Sofern man die weltpolitische Lage und die Tagesnachrichten nicht völlig aus dem eigenen Leben ausblendet, wird es auch nicht überraschen, dass melancholische oder nach gerade düstere Momente über weite Teile die Stimmung vorgeben - das wird auch durch das in Sepia-Tönen gehaltene Cover unterstrichen. Um so erfreulicher ist es, dass Jörg Dankert uns mit mit dem letzten Track einen nicht ganz so pessimistischen Ausblick in die Zukunft anbietet.

"Between the meantime" ist kein einfach zu konsumierendes Album, genauso wie es für den Schöpfer keine einfache Geburt gewesen sein wird. Aber die  Auseinandersetzung lohnt sich, denn Jörg Dankert hat die Situation genutzt, um uns seine ganze stilistische Varietät zu präsentieren. Es ist ein Album, das auf seine Weise notwendig war und in unsere vertrackten Zeiten passt. Auch in dieser Hinsicht gebührt Jörg Dankert grosse Lob für "Between the meantime"!

 https://joerg-dankert.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

Spectral Tune Perspectivia Perspectivia Cover FrontCoral Cave-Mitglied Erik Matheisen, gehört zu der Gattung Musiker, die uns bereits einige Jahrzehnte begleiten und sowohl Solo als auch in verschiedenen anderen Konstellationen in Erscheinung getreten sind. In seinem aktuellen Projekt „Spectral Tune“ wird seine langjährige Schaffenszeit erneut deutlich, denn seine Tracks sprühen voller nostalgischer Elemente aus den 80er und 90er Jahren. Die Bandbreite der Stilistik reicht von „TD-Exit-Fortführung“, über pianoreske Klangmalereien bis hin zur emotionalen orchestralen Synth-Variation und leben von der ambitionierten Idee, viele verschiedene Gangarten zu vereinen. Eriks musikalische Perspektive folgt dabei aber keinen Mainstreammechanismen, sondern zeigt seine Sicht auf vergangene Zeiten. Mal Kantig, aber auch sehr emotional.
Schickes Retroalbum mit Anleihen aus geschichtlichen Tagen.

https://spectraltune.bandcamp.com/releases

Stefan Erbe

sine einklangWenn Thomas Hauser unter seinem Pseudonym „Sine“ ein neues Album veröffentlicht ist eines ziemlich sicher, es offeriert einen entspannten coolen Sound zwischen vokalen Relaxnummern und chilligen Beats! So auch auf der aktuellen VÖ „Einklang“.
Wie im Titel zur erahnen, „legt“ sich die Musik von Hauser einmal mehr um das innere Ich und folgt der Maßgabe, die Stücke als seelischen Tiefenfinder zur verwenden. Die Anwendungsintensität, bestenfalls in Dauerrotation eingestellt, beschert uns nicht nur eine gute Zeit, sondern möglichweise einen ergiebigen akustischen Ausgleich zu den aktuell komplizierten Tagen und Wochen. Wer in Kürze sogar den Flieger gen Sünden besteigt, kann „Einklang“ als ideale Strand-Urlaubs-Begleitung mitnehmen und darf sich auf einen tollen Trip mit toller Musik freuen. Lässiger Sitz-am-Meer--und-mir-ist-alles-egal-Soundtrack!

www.sine-music.com

Stefan Erbe

manikin 3rdWer so lang wie Mario Schönwälder Alben, Musik, Events und viele verschiedene Projekte realisiert hat, darf natürlich auch in regelmässigen Abschnitten auf das Geleistete zurückblicken. Allerdings nicht via Bestof-Album, sondern ganz Mario-Like mit bisher unveröffentlichten Material seiner vielen Wegbegleiter. Die Dritte Decade seiner Wirkungszeit ist dabei geprägt von den Kooperationen mit „den“ üblichen Verdächtigen, zeigt uns aber auf eine deutliche Weise, wie man konsequent sein gewähltes Musikgenre nicht nur am Leben hält, sondern deutsches Kulturgut auch nach 30 Jahren auf sehr hohem Niveau in die Welt distributiert. Alle Tracks vereinen den Manikin-Spirit, der schon eine gefühlte Ewigkeit ein bedeutsamer Teil der hiesigen EM-Welt darstellt. Auch wenn die aktuellen Tracks grundsätzlich moderner und etwas zeitgerechter klingen, haben sie eben immer noch die Leichtigkeit ihres ursprünglichen Erfolgsprinzips und zeigen uns wie vielfältig die elektronische Musik sein kann. Schön, dass alle Beteiligten darüber hinaus auch sonst noch sehr aktiv sind. Nachdenklich und Traurig wird man an einer Stelle, nämlich dann wenn Musik aus der Feder von Thomas Fanger zu hören ist. Aber auch dieser Verlust steht für die lange Zeit, die uns die Musik begleitet und der Tatsache, dass wir bereits einige der tollen Künstler verloren haben und weitere verlieren werden. Geschichte schreibt sich eben nicht nur mit positiven Ereignissen. Die Musik des dritten Manikin-Jahrzehnts hilft aber, die aktuellen Zeiten für einen Moment positiver werden zu lassen.

https://manikinrecords.bandcamp.com/album/manikin-records-third-decade-2012-2022-2

Stefan Erbe

ns 150Das Tolle an der Arbeit als Empulsiv-Redakteur ist die vielfältige Auswahl an Alben die uns erreichen und dabei immer wieder ganz neue Rezi-Schubladen entstehen lassen. So geschehen, auch mit dem aktuell virtuellen Nerissa Schwarz-Silberling, der für uns nun die musikalische Referenz hinsichtlich der Kategorie fiktiver Filmmusiken darstellt. Auch wenn diese Zuordnung eigentlich ihrem vorherigen Album zusteht, so entsteht auch beim Zuhören der aktuellen VÖ der Eindruck, dass hier erneut eine Geschichte erzählt wird.
Nerissa Schwarz futureskes, cineastisches und imaginäres Thema schwankt über das gesamte Album zwischen dunklen Abgründen, zweifelnden Erwartungen und möglicher Glücksseligkeit. Ihr Sound bietet extreme Kontraste und ist bestem Willen keine Hilfe für die dauerhafte Verfestigung der eigenen Gefühlslage, sondern liefert eine unüberschaubare Anzahl an höhenunterschiedliche Kanten und Ecken für eine tonale Achterbahnfahrt der subjektiven Befindlichkeiten. „New Eyes for Laika“ ist immer dann am stärksten wenn die Musik auf melodiös-reduzierte Elemente zurückgreift. Viele ihrer musikalischen Gedanken sind Abstrakt und erzeugen dennoch Stimmungen, denen wir unweigerlich mit geschlossenen Augen eigene Kino-Bilder zuordnen.
Die Wahl der instrumentierten Tonerzeuger ist spannend und bietet sehr viel Facettenreichtum, aber es braucht auch das Fallenlassen in die Musik und die Bereitschaft alle Sinne und Emotionen dafür herzugeben. Schade, dass es keinen "echten" Film dazu gibt, verdient hätte es die Musik allemal.

www.nerissaschwarz.com

Stefan Erbe    

coversing150Axel Stupplich gehört zu der Gattung der sehr umtriebigen Musiker in der NRW-EM-Musikerszene und bietet gleich in drei verschiedenen Projekten seine Künste an. Doch anders als bei Pyramaxx und Pyramid Peak klingen seine Solo-Werke, die er unter dem Alias Axxess erzeugt, deutlich defensiver. Was auf seinem Album- Vorgänger „ZEN“ begonnen hat, erklimmt nun die nächste Stufe der komponierten Perfektion, denn die Tracks auf „Singularity“  öffnen das Tor zu (s)einem Subgenre, welches vorher so noch nicht im heimischen Umfeld der bekannten EM-Erzeuger zu hören war. Die Musik vermengt sehr melodiöse Dreamdance-Chill-Muster mit traditionellen Elementen sequenzierter Pattern-Strukturen und schafft es, endlose und loopbasierte Glanzstücke zu erzeugen, die über das gesamte Album eine sehr faszinierende Stimmung erzeugen. Die klug verstrickten Beats, die emotionale Tiefe der Hooklines und der fluffige Sound machen das Album schon jetzt zu einem der EM-Highlights des Jahres 2022 und verbleibt bis auf weiteres in der Rotationschleife des Rezensenten. Anspieltipp: Track 2 Time Lapse.

www.axess-music.de

Stefan Erbe                   

Tosca CoverRichard Dorfmeister und Rupert Huber haben als Avantgarde-Elektroniker schon viele musikalische Leben gelebt. Das neue Album „Osam“ ist die Übersetzung der Zahl „Acht“ ins Serbische, fungiert aber auch als mittelalterliches Symbol für einen Neuanfang. Für die beiden Wiener Künstler bedeutet es auch eine Art Wiedergeburt ihrer früheren elektronischen Experimente, mit denen TOSCA seit Mitte der 90er Jahre einen guten Ruf in der Downbeat/Ambientszene erlangte. 

Die einzelnen Tracks beginnen allesamt kurios und man fragt sich: bin ich im falschen Film? Die Musik klingt so verschwommen wie das Cover des Albums aussieht. Doch kontinuierlich lichtet sich der Schleier, es kristallisiert sich ein raumfüllender Klang, der sogar manchmal einen Sog entwickelt, gepaart mit stimulierenden Beats und du sagst dir: der Film ist gut! Der TOSCA-Sound ist zweifellos gewöhnungsbedürftig, doch wer aufgeschlossen genug ist, in ein musikalisches Nomansland einzutauchen, wo Dunkelheit und Sinnlichkeit, witzige Effekte und tanzbare Beats die Balance halten, ist mit dem neuem Prachtwerk vorzüglich bedient. Die Musik ist totally strange - hat dennoch was Warmes.

https://toscak7.bandcamp.com/album/osam

Will Lücken

zgubaAuch wenn Empulsiv redaktionell nicht allzuhäufig in die Ambient-Fraktion reist, so gesellen sich zeitweise doch immer mal wieder ein paar Perlen in die Rezenensionsreihen unseres Webzines. So auch mit der aktuellen VÖ. "Znój" stammt aus Sofia, Bulgarien und der Feder des Musikers Zguba. Es hinterlies beim Redakteur einen bemerkenswerten Eindruck, denn die Kombination aus choralen und teils pastoralem Soundteppichen erzeugt bereits nach wenigen Minuten ein Gefühl aus friedlicher Ausgeglichenheit, schaltete den Körper in einen Zustand von meditativer Tiefe und verdichtete die Gedanken in eine sensüchtige Entspannung. Dabei erscheinen die ersten Takte der 9 Tracks eher simple im Machart und Struktur zu sein, und wer nur mal eben durch die Tracks durchklickt, wird nicht die Komplexität der Kompositionen erkennen. Dabei ist es hier die große Kunst, mit wenigen Dingen, viel zu erzählen. Das Album hat eine ungeahnte Wirkungskraft und lohnt, des sehr genauen Zuhörens und Erfahrens.
 
 
Stefan Erbe

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