Rezensionen

UndersenseSeit einigen Jahren schon hat der Electronic-Künstler Oleg Byonic aus Russland eine enorme Fangemeinde hinter sich gescharrt. Seine spartanischen Videoclips erreichen Dimensionen, wo andere EM-Musiker nur von träumen. Liegt es am Wandel der Zeit oder am Publikum, dass die emotionale Ambientmusik des 35jährigen medial so erfolgreich ist? Das aktuelle Album „Undersense“ ist das Resultat einer gereiften Persönlichkeit. Wo früher noch süßliche Klänge dominierten, ist heute eine mehr düstere Facette seines Ambient-Stils zu erkennen. Manchmal spürt man seine Vergangenheit als Gitarrist einer Rockband, wenn seine Klangteppiche wie warme Gitarrenakkorde klingen. Erst seit ca. 10 Jahren hat Oleg Byonic die Leidenschaft für die Keyboards entdeckt und mit diesen Instrumenten seine musikalische Handschrift intensiviert. Kernaussage ist immer wieder die gefühlsbetonte Einsamkeit. Keine traurige Einsamkeit sondern mehr das Frei sein. Der Künstler zeichnet mit weiten Synthieflächen, sparsamen Pianotupfern und dezenten Gitarrenlicks ominöse Bilder in dunklen Farbtönen. Die Musik schwebt über ödes Land oder dichte Wolken oder fühlt sich an wie Segeln im Regen – ruhig und spannend zugleich.

https://olegbyonic.bandcamp.com/album/undersense

Will Lücken

Cover SamSaraMartins Garden, einer der kreativsten Electronic-Musiker der Gegenwart, lädt den anspruchsvollen Hörer in eine neue verzauberte Klangwelt ein. „Samsara“ - das bedeutet soviel wie der ewige Kreislauf der Wiedergeburten im Hinduismus. Doch der Künstler wohnt in der Schweiz, wo auch andere renommierte Kollegen wie z. B. Andreas Vollenweider oder Boris Blank (Yello) ihr Domizil haben. Und irgendwo in der Mitte der eben genannten liegt auch die künstlerische Kraft des Marcel Umberg.

In seinem neuesten Werk hat er sich für eine chillige, homogene Variante seiner exorbitanten Klangergüsse entschieden. Dennoch bleibt die Musik wie immer jenseits aller Konventionen: völlig abgefahren. Der Reiz liegt dieses Mal in der Verknüpfung fernöstlicher Elemente mit starken Beats, spritzige Electronic mit warmen Melodien, Dschungelgeräusche und wellenreitende Chorgesänge. Wo hat man so was jemals gehört? Das bietet weltweit nur Martins Garden! Denn der Rezensent dieses Albums, der seit Jahrzehnten die breitgefächerte Musikszene bis ins Detail verfolgt, kann das nur bestätigen. Selbstverständlich muss ein Martins Garden-Album, obwohl es „nur“ zum Download angeboten wird, auch soundtechnisch vom Allerfeinsten sein. Somit wirkt selbst der Gesangstitel „Wandering Spirits“ mit Natalie Lain sehr außergewöhnlich. Doch die Höhepunkte, das pfeilschnelle „The Second Arrow“, das geheimnisvoll-trippige „Samsara“, „Touch of Inspirations“ und ganz besonders der finale Track „All Is Silent All Is Still“ klingen so überirdisch – im Himmel kann's nicht schöner sein.

https://merkabamusic1.bandcamp.com/album/samsara

Will Lücken

a11

Lockdowns und Reisebeschränkungen, wie man sie in den letzten zwölf Monaten kennenlernen durfte, werden uns wohl noch einige Zeit begleiten. Bernd-Michael Land hat auf seinem neuesten Album aus der Not eine Tugend gemacht: Für "Rodgau Field" ist er einfach vor die Tür gegangen und hat Klangideen und -samples in der nächsten Umgebung gesammelt. Diese einfach auf CD zu pressen, wäre dem Rodgauer Klangtüftler natürlich zu simpel gewesen, und so dienten die gesammelten Klänge den über zwei CDs verteilten, fast dreißig Tracks nur als auditive Grundlage und sind mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar. In das Gesamtkonzept integriert, nicht auf epische Längen ausgedehnt, und mit den variierenden Stimmungen ergibt sich daraus ein abwechslungsreicher Mix

Es macht einfach Spaß, erst einmal selber zu erraten, welches Klangereignis denn welchem Titel als Ausgangspunkt diente, und nicht direkt auf die Track-Liste zu schauen. Bei dem  vorbeifahrendem Zug oder dem Bienenstock ist das einfach, bei anderen Stücken wird sich das "Aha"-Erlebnis dann doch erst nach Studium des Booklets einstellen. Selbiges ist - wie immer bei Werken aus dem Hause Land - mit Liebe zum Detail gestaltet und hebt sich wohltuend von Faltblättern ab, die man in den letzten Jahren öfters gesehen hat und bei denen noch nicht einmal die Innenseite bedruckt war.

Selbst die Geokoordinaten der Aufnahmeorte sind dokumentiert worden. Wer will, kann sich also irgendwann einmal zu den Entstehungsorten der Klänge begeben. Das muss man natürlich nicht: "Rodgau Fields" ist auch ohne eine Vertiefung in das dahinter stehende Projekt ein gelungenes Stück atmosphärisch/ambienter bis experimenteller elektronischer Musik, das nach dem Genuss dazu einlädt, die eigene nähere Umgebung auch einmal mit offenen Ohren zu erkunden. Es muss ja nicht gleich ein eigenes Doppelalbum dabei herauskommen...

 https://bernd-michael-land.com/

Alfred Arnold

 

cover150Die Crew die der leitende Hauptsequenzer Mario Schönwälder im aktuellen Kontroll-Raum-Projekt um sich schart, ist tatsächlich bisher so noch nicht zusammen gereist und ist uns trotzdem wohl bekannt. Frank Rothe und Bas Broekhuis sind in den diversen Flugkonstellationen die das Label Manikin bisher offerierte, gern gesehene Mitstreiter und es scheint gar so, als ob auch dieses virtuelle Teambuildingmaßnahme von Dauer sein könnte. Die sieben Tracks sind deutlich perkussiver und weniger sequenziell und begleiten den Erste-Klasse-Zuhörer auf einer Route durch diverse cineastische Zukunftswelten. Auch wenn das Artwork eher auf geschichtliche Vergangenheitselemente blickt, so ist die Musik futuresk angelegt und zeigt, dass es je nach Musiker-Zusammenstellung auch neuerliche Aspekte zu entdecken gibt. Trotzdem, wo Manikin drauf steht ist auch Manikin drin. Bedeutet, Liebhaber von Schönwälder und Friends-Musik werden sich schnell heimisch fühlen und den Check in zeitnah hinter sich gelassen haben, um sich ganz und gar dem schicken Trip hinzugeben. Wir sind gespannt, welche Elektroniker sich zum nächsten Ausflugsziel zusammen finden werden und genießen einfach den Ausblick.

www.manikin.de

Stefan Erbe

cover101Die beiden Berliner Sequenzerbaristen Mario Schönwälder und Frank Rothe servieren mit ihrem aktuellen Angebot geachtelter Röstaromen eine sehr hübsche Auswahl handgekochter Retrotracks, die sowohl zum morgendlich gereichten Frühstücksbuffet, als auch zum Nachmittagshefeteilchen taugen. Natürlich ist die regionale Herkunft des lang gereiften Produktes nicht zu verleugnen und wir erleben auch keine grundsätzliche Geschmacksveränderungen bewährter Herstellungsprozeduren, aber dennoch sind die Cup-Variationen sehr unterschiedlich. Hier mal ein Schuss mehr Spacemilch, dort ein bisschen mehr Zuckervariation und manchmal eben auch ein etwas kräftigeres Aroma, alle acht Tassen schlürfen sich damit „gut hineinander weg“. Dazu noch einen Berliner Krapfen und das Glück ist vollkommen. Gut gebrüht!

www.manikin.de

Stefan Erbe

BasilicaWenn Stan Dart alle paar Jahre ein Doppelalbum vom Kaliber „Ecclesia“ oder „Seaside“ veröffentlicht, dann darf der Musik-Konsument sich freuen. Denn das neue Werk „Basilica“ ist ebenfalls so ein Hörgenuss. Dass der Ruf des Österreichers Stan Dart immer noch nicht bis in die Domäne gewisser deutscher Elektronik-Vereine durchgedrungen ist, bleibt dem Rezensenten unerklärlich. Obwohl sich auch in seiner neuen Musik eine Linie des Traditionellen durch das gesamte Werk zieht. Egal, in 13 Songs beschreibt Stan Dart seine Eindrücke von der Stadt Barcelona und seines genialen Architekten Gaudi. Die Schönheit der Kathedrale „La Sagrada Familia“ oder die von Gaudi gestaltete Parkanlage „Güell“.

Mit einem treibenden Beat nebst sakraler Atmosphäre wie in „Sunrise“ das Album zu starten ist gar nicht verkehrt. Die Musik ist prall gefüllt mit Leben. Es geht bärenstark rhythmisch ab in Tracks wie „Park Guell“ oder „Krypta“. Songs wie „Apsis“ oder „Journey to the Sea“ klingen super gechillt und wenn wir schon dabei sind: Der achtminütige Track „Floating“ kommt so schlicht und schwerelos daher - entwickelt jedoch eine enorme Intensität – phänomenal. Wie schon in früheren Aufnahmen ist auch dieses Mal wieder die großartige Sängerin Petra Bonmassar mit einem Gastauftritt dabei. Ein warmer, reizender Song „Waiting“ ist ihr Beitrag. Neu im Produktionsteam ist der Sohn von Richard Hasiba, der das Mastering übernahm. Doch kommen wir zum Höhepunkt des außergewöhnlichen Albums: Der 30minütige Megatrack "La Sagrada Familia". Er beschreibt in fünf Zyklen wie sehr diese Kirche den Komponisten in seinen Bann gezogen hatte: Part I: Entering The Basilica - Part II: Whispers And Voices - Part III: Past And Present - Part IV: Bells Of The Future - Part V: Leaving The Basilica. Mich erinnert dieses konstant-spannende, fantastische Werk an die ganz Großen in der Rock- und Electronic-Musik, dennoch trägt der Song die Handschrift eines Stan Dart. Also, die Latte ist recht hoch gelegt. Da darf sie ruhig bleiben - denn der Rezensent hört gerne Meisterwerke.

https://standartmusicbox.bandcamp.com/album/basilica

Will Lücken

a11

Wer in den letzten Jahren auch nur halbwegs regelmässig Konzerte der EM-Szene beigewohnt hat, der hat Ansgar Stock kennen gelernt, den wohl jüngsten Musiker der EM-Szene, der je mit seien Kompositionen auf der Bühne gestanden hat. Ansgars Begeisterung für elektronische Musik kommt nicht von irgendwo her: Auch sein Vater Matthias ist in diesen Metier kreativ unterwegs und legt mit "Hunters and Revolutions" ein neues eigenes Album vor. Als prominenten Mitwirkenden konnte er Carlos Peron gewinnen, der sowohl einen der Titel remixt als auch das Mastering übernommen hat.

Das martialisch anmutende Cover übertreibt ein wenig, denn was Vater Stock hier in sechs Tracks präsentiert, ist nicht ausschliesslich für den hartgesottenen Industrial/Metal-Fan geeignet. Zu Anfang und Ende findet sich auf dem Album auch Material, mit dem sich auch der Anhänger "klassischer", von Melodien und Sequenzen getragener EM anfreunden kann. Zum Wegträumen und -schweben ist "Hunters and Revolutions" dann aber doch nicht geeignet: Im Hauptteil mischen orchestrale Teile sich mit harten und monotonen Beats, besonders auf dem mit 22 Minuten längsten Track "Steel Cast Procedure". Das ganze könnte ein Film-Soundtrack sein. Vielleicht eine Doku über die industrielle Revolution und den Wechsel von Agrarwirtschaft zur Schwerindustrie?

"Hunters and Revolutions" ist für mich ein Album, das eine Synthese aus klassischer EM und harten, modernen Rhythmen wagt. Mit solchen Grenzüberschreitungen macht man sich meist in keinem der beiden "Lager" Freunde, aber dem Musiker gebührt Respekt dafür, einmal die Grenzen auszuloten. Das dürfen auch gerne die Hörer tun: Wer den nicht unbedingt bequemen, aber lohnenswerten Weg mitgeht, wird mit einem versöhnlichen Ausklang belohnt.

https://mattstock.bandcamp.com

Alfred Arnold

 

a11

Bei Vulkanologen ist ein "pyroklastischer Strom" ein Strom aus heisser Luft und Asche, der einen Hang herunter rollt und alles auf seinem Weg zerstört. Ähnliche Risiken muß man nicht befürchten, schiebt man das neueste Werk des Aacheners Robert Schroeder in den heimischen Player. Zum einen können nur Klänge statt Lava und Asche aus den heimischen Boxen fließen, zum anderen geht Robert das Thema "Vulkanausbruch" in eher gemäßigtem Tempo an.

Das ergibt auch Sinn, denn für einen Ausbruch muß erst einmal Druck aufgebaut werden. So erleben wir im Einsteiger "Pressure" klassische EM-Sounds und -Sequenzen, die an Schulze-Alben vergangener Jahrzehnte erinnern. In den folgenden Tracks zeigt Robert Schroeder seine kompositorischen Fähigkeiten und seinen Perfektionismus, wenn er den Hörer kontinuierlich und ohne harte Brüche bis zum Höhepunkt in den letzten beiden Tracks führt.

"Pyroclast" bietet, wie von Schroeder-Alben bekannt, eine Reise quer durch die Tempi klassischer elektronischer Musik, von Ambient bis Beat-lastig, und das in einem durchgängigen Rahmen eingepasst. Wer spontane und unerwartete musikalische "Ausbrüche" erwartet, könnte von diesem Album ein wenig enttäuscht sein. Aber auch Vulkanausbrüche gibt es in der Natur in der mehr oder weniger explosiven Sorte - der auf "Pyroclast" ausgemalte ist einer der kontrollierten Art. Ob man sich von diesem "pyroklanglichen" Strom einhüllen läßt, oder ihn von der Warte des Beobachters aus bewusst beobachtet, das bleibt dem Hörer überlassen. Ein Hörvergnügen ist "Pyroclast" auf jeden Fall.

https://www.news-music.de/

http://www.sphericmusic-shop.de/

Alfred Arnold

 

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.