Rezensionen

a11

Selten findet man in der Zeitung Hinweise auf Musikalben, die in "unsere EM-Ecke" passen könnten - dazu ist sie doch zu sehr eine Nische. Ab und zu passiert es aber dann doch: Gaspard Augé ist die eine Hälfte des französischen Elektronik-Duos 'Justice' und legt mit 'Escapades' sein erstes Solo-Album vor.

Ohne Zweifel, das ist moderne Elektronik, gemacht für die "Generation Streaming": Ein Dutzend Tracks, keiner mit mehr als fünf Minuten Spielzeit, und keiner davon hält sich mit irgendwelchen langen Intros auf - es geht immer direkt zur Sache. Und bei aller Modernität meint das EM-geschulte Ohr doch den einen oder anderen Sound zu entdecken, hinter dem man einen anderen großen Franzosen vermuten könnte. Was man auf diesem Album präsentiert wird, ist doch gar nicht so weit von der Weise entfernt, auf die Jean-Michel Jarre seine "Klassiker" aktuell auf Konzerten präsentiert.

Wenn die gefallen haben, und auch die Klangfeuerwerke Kebus nicht auf spontane Ablehnung gestoßen sind, dann sind auch diese Eskapaden einen Versuch wert. Danach darf es zur  Entspannung ja gerne wieder etwas "klassischeres" sein...

 https://gaspardauge.com/

Alfred Arnold

 

a11

Hatte ich bei meiner Rezension von Monika Freerks letztem Album geschrieben, da hätte jemand seinen Stil gefunden? Nun, so kann man sich irren und auf angenehme Weise überrascht werden. IcingWolf's neuestes Werk ist für mich ein reinrassiges Ambient-Album, das den Blick ganz tief ins All gehen lässt. Nur gelegentliche Funksprüche von Astronauten dringen in die Atmosphäre, die in den neun Tracks von ganz weiten Klangflächen aufgespannt wird.

Dabei gelingt IcingWolf das Kunststück, das All in seinen Weiten nicht als kalt und leer darzustellen. Besonders in der frisch erschienenen, überarbeiteten Version ist der Grundton ein warmer, mächtiger und zugleich umschmeichelnder - kam die erste Version stellenweise noch ein wenig zurückhaltend daher, ist die "reloaded" Version jetzt deutlich wuchtiger und massiver. Gerade beim Hören mit Kopfhörern ergibt das ein Sound-Umfeld, in das sich noch tiefer eintauchen lässt.

Wer mit IcingWolf's bisherigen Alben nicht so ganz "warm geworden" ist, und eine Vorliebe für ambiente Klänge hat, der sollte auf jeden Fall einmal bei "DesertSpace" reinhören. Die ursprünglich abgemischte Version ist übrigens auf Bandcamp weiterhin verfügbar - falls man Vergleiche anstellen möchte, wie ein Album durch so einen Reload gewinnen kann.

 https://icingwolf.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

ssmissionDie 6 Nasa-Missionen die das Duo Seifert/Steinbüchel auf ihrem aktuellen Album musikalisch beleuchten, stehen nicht nur für die vergangene Raumfahrtgeschichte, sondern vielmehr auch für die Ambivalenz in ihrer heutigen Betrachtung. Dies scheint auch eine kompositorische Grundlage des Duos gewesen zu sein, denn fast alle Stücke bedienen sich dem Klang-Kontrast der langsamen ambienten Entwicklung zu einem Übergang in schnellere Sequenzen und eindringlicheren Beats. Vertieft wird der historische Hintergrund und die Musik durch die typischen Funkkontakte zwischen den Beteiligten und alles erzeugt damit eine suggestive Stimmung, für die es keine echten Bilder mehr braucht. Wer genau hinhört, wird auch musikalische Adjektive finden, die der Zeit der Missionen zuzuordnen sind. Der Sound des Alls den Seifert und Steinbüchel hier erzeugen ist endlos, und besetzt mit besonderen Ereignissen, eben genauso wie es die Missionen auch erlebt haben.

https://seifertsteinbuechel.bandcamp.com

Stefan Erbe

ao6Sonntag Nachnmittag. Die Sonne lacht. 24 Grad und keine Wolke am Himmel. So oder unter ähnlichen Umständen müssen die 3 Protagonisten der 6. Dosis analoger Tonerzeuger zum Cabriolet-Ausflug gestartet sein. Denn nicht anders ist es zu erklären, dass sich beinahe in jeder erzeugten Note, die fortbewegende Leichtigkeit der Aufnahme von vorbeiberauschenden Brandenburgischen Landschaftsbilder wiederspiegelt und man schon nach den ersten Takten das Gefühl ermittelt, mit im offenen 50er-Jahre Oldtimer zu sitzen. Auch wenn ab und zu mal eine kleine schattenspendende Wolke über das Trio zieht, so sind beinahe alle 12 Tracks aus der sonnigen Guten-Laune-Kategorie entsprungen und erzählen von Kreuzungen an langen Alleen, dichten und großen Bäumen und endlosen Grasfeldern. Die Betonierten Zwischenstopps an Berliner Hinterhöfen, unkonventionellen Brückenbauten und verbogenen Straßenschilder zeigt nur wie vielfältig der Sound der 76 minütigen Reise ist und wie sehr wir uns bei der Heimkehr auf den nächsten wolkenfreien Sonntag freuen sollten.

www.manikin.de

UndersenseSeit einigen Jahren schon hat der Electronic-Künstler Oleg Byonic aus Russland eine enorme Fangemeinde hinter sich gescharrt. Seine spartanischen Videoclips erreichen Dimensionen, wo andere EM-Musiker nur von träumen. Liegt es am Wandel der Zeit oder am Publikum, dass die emotionale Ambientmusik des 35jährigen medial so erfolgreich ist? Das aktuelle Album „Undersense“ ist das Resultat einer gereiften Persönlichkeit. Wo früher noch süßliche Klänge dominierten, ist heute eine mehr düstere Facette seines Ambient-Stils zu erkennen. Manchmal spürt man seine Vergangenheit als Gitarrist einer Rockband, wenn seine Klangteppiche wie warme Gitarrenakkorde klingen. Erst seit ca. 10 Jahren hat Oleg Byonic die Leidenschaft für die Keyboards entdeckt und mit diesen Instrumenten seine musikalische Handschrift intensiviert. Kernaussage ist immer wieder die gefühlsbetonte Einsamkeit. Keine traurige Einsamkeit sondern mehr das Frei sein. Der Künstler zeichnet mit weiten Synthieflächen, sparsamen Pianotupfern und dezenten Gitarrenlicks ominöse Bilder in dunklen Farbtönen. Die Musik schwebt über ödes Land oder dichte Wolken oder fühlt sich an wie Segeln im Regen – ruhig und spannend zugleich.

https://olegbyonic.bandcamp.com/album/undersense

Will Lücken

Cover SamSaraMartins Garden, einer der kreativsten Electronic-Musiker der Gegenwart, lädt den anspruchsvollen Hörer in eine neue verzauberte Klangwelt ein. „Samsara“ - das bedeutet soviel wie der ewige Kreislauf der Wiedergeburten im Hinduismus. Doch der Künstler wohnt in der Schweiz, wo auch andere renommierte Kollegen wie z. B. Andreas Vollenweider oder Boris Blank (Yello) ihr Domizil haben. Und irgendwo in der Mitte der eben genannten liegt auch die künstlerische Kraft des Marcel Umberg.

In seinem neuesten Werk hat er sich für eine chillige, homogene Variante seiner exorbitanten Klangergüsse entschieden. Dennoch bleibt die Musik wie immer jenseits aller Konventionen: völlig abgefahren. Der Reiz liegt dieses Mal in der Verknüpfung fernöstlicher Elemente mit starken Beats, spritzige Electronic mit warmen Melodien, Dschungelgeräusche und wellenreitende Chorgesänge. Wo hat man so was jemals gehört? Das bietet weltweit nur Martins Garden! Denn der Rezensent dieses Albums, der seit Jahrzehnten die breitgefächerte Musikszene bis ins Detail verfolgt, kann das nur bestätigen. Selbstverständlich muss ein Martins Garden-Album, obwohl es „nur“ zum Download angeboten wird, auch soundtechnisch vom Allerfeinsten sein. Somit wirkt selbst der Gesangstitel „Wandering Spirits“ mit Natalie Lain sehr außergewöhnlich. Doch die Höhepunkte, das pfeilschnelle „The Second Arrow“, das geheimnisvoll-trippige „Samsara“, „Touch of Inspirations“ und ganz besonders der finale Track „All Is Silent All Is Still“ klingen so überirdisch – im Himmel kann's nicht schöner sein.

https://merkabamusic1.bandcamp.com/album/samsara

Will Lücken

a11

Lockdowns und Reisebeschränkungen, wie man sie in den letzten zwölf Monaten kennenlernen durfte, werden uns wohl noch einige Zeit begleiten. Bernd-Michael Land hat auf seinem neuesten Album aus der Not eine Tugend gemacht: Für "Rodgau Field" ist er einfach vor die Tür gegangen und hat Klangideen und -samples in der nächsten Umgebung gesammelt. Diese einfach auf CD zu pressen, wäre dem Rodgauer Klangtüftler natürlich zu simpel gewesen, und so dienten die gesammelten Klänge den über zwei CDs verteilten, fast dreißig Tracks nur als auditive Grundlage und sind mal mehr, mal weniger deutlich erkennbar. In das Gesamtkonzept integriert, nicht auf epische Längen ausgedehnt, und mit den variierenden Stimmungen ergibt sich daraus ein abwechslungsreicher Mix

Es macht einfach Spaß, erst einmal selber zu erraten, welches Klangereignis denn welchem Titel als Ausgangspunkt diente, und nicht direkt auf die Track-Liste zu schauen. Bei dem  vorbeifahrendem Zug oder dem Bienenstock ist das einfach, bei anderen Stücken wird sich das "Aha"-Erlebnis dann doch erst nach Studium des Booklets einstellen. Selbiges ist - wie immer bei Werken aus dem Hause Land - mit Liebe zum Detail gestaltet und hebt sich wohltuend von Faltblättern ab, die man in den letzten Jahren öfters gesehen hat und bei denen noch nicht einmal die Innenseite bedruckt war.

Selbst die Geokoordinaten der Aufnahmeorte sind dokumentiert worden. Wer will, kann sich also irgendwann einmal zu den Entstehungsorten der Klänge begeben. Das muss man natürlich nicht: "Rodgau Fields" ist auch ohne eine Vertiefung in das dahinter stehende Projekt ein gelungenes Stück atmosphärisch/ambienter bis experimenteller elektronischer Musik, das nach dem Genuss dazu einlädt, die eigene nähere Umgebung auch einmal mit offenen Ohren zu erkunden. Es muss ja nicht gleich ein eigenes Doppelalbum dabei herauskommen...

 https://bernd-michael-land.com/

Alfred Arnold

 

cover150Die Crew die der leitende Hauptsequenzer Mario Schönwälder im aktuellen Kontroll-Raum-Projekt um sich schart, ist tatsächlich bisher so noch nicht zusammen gereist und ist uns trotzdem wohl bekannt. Frank Rothe und Bas Broekhuis sind in den diversen Flugkonstellationen die das Label Manikin bisher offerierte, gern gesehene Mitstreiter und es scheint gar so, als ob auch dieses virtuelle Teambuildingmaßnahme von Dauer sein könnte. Die sieben Tracks sind deutlich perkussiver und weniger sequenziell und begleiten den Erste-Klasse-Zuhörer auf einer Route durch diverse cineastische Zukunftswelten. Auch wenn das Artwork eher auf geschichtliche Vergangenheitselemente blickt, so ist die Musik futuresk angelegt und zeigt, dass es je nach Musiker-Zusammenstellung auch neuerliche Aspekte zu entdecken gibt. Trotzdem, wo Manikin drauf steht ist auch Manikin drin. Bedeutet, Liebhaber von Schönwälder und Friends-Musik werden sich schnell heimisch fühlen und den Check in zeitnah hinter sich gelassen haben, um sich ganz und gar dem schicken Trip hinzugeben. Wir sind gespannt, welche Elektroniker sich zum nächsten Ausflugsziel zusammen finden werden und genießen einfach den Ausblick.

www.manikin.de

Stefan Erbe

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