Rezensionen

a11

Obwohl die elektronische Musik in ihrer Geschichte immer wieder als geistlose Maschinenmusik verunglimpft worden ist, ist es auch bei ihr immer noch der kreative Mensch vor dem Keyboard, der die Idee zu dem musikalischen Konzept hatte, das einem Album zu Grunde liegt. Und die Selbst-Reflexion über diesen ist die Grundidee von Bernd-Michael Lands neuem Album "Humano:Id".  Wie viel "Mensch" steckt noch in der Musik, die man schafft, oder wie viel von der Technik, derer man sich dabei bedient, hat doch schon vom eigenen Ich Besitz ergriffen?

Die Antwort kann keine einfache sein, dafür ist das Verhältnis von Mensch und Maschine ein zu kompliziertes, auch und gerade in der elektronischen Musik. Genauso vielschichtig und variabel ist das, was auf "Humano:Id" geboten wird: Selbstverständlich gibt es die eher experimentellen Titel, für die Bernd-Michael Land bekannt ist und wo man meinen könnte, eine der vielen Klangmaschinen in seinem riesigen Studio wollte einen Einblick in ihre Eingeweide geben. Aber da sind auch sphärisch/melodische und von Sequenzen getragene Tracks, die in die Zeit zurück verweisen, wo der EM-Musiker wirklich noch jeden einzelnen Klang "per Hand" erzeugen musste.

Auf "Humano:Id" lotet Bernd-Michael Land die menschliche Existenz mit all ihren Facetten und Widersprüchen aus. Anspielungen darauf finden sich in den Namen der Titel und dem - wie immer mit viel Liebe und Aufwand gestalteten - Booklet zur CD: Der Mensch erschafft zum Beispiel nicht nur, er zerstört leider auch. Wie auch schon seine Vorgänger ist "Humano:Id" kein einfaches Album zum Nebenbei-Hören, sondern ein Anstoß zur bewussten Beschäftigung mit einem Thema - und damit auch ein Statement gegen die Art, wie Musik heutzutage im Mainstream konsumiert wird.

Im Begleittext erwähnt Bernd, dass er mittlerweile auf die 70 zugeht - ein Alter, in dem sich Andere zur Ruhe setzen würden.  Erfreulich, dass er immer noch den Antrieb hat, mit solchen Werken bewusst gegen den Strom zu schwimmen. Wir wünschen ihm von dieser Stelle aus die Energie, dass das noch eine Weile so bleibt!

https://bernd-michael-land.com/

Alfred Arnold

 

NavigatingState Azure aus England ist mittlerweile nicht zu übersehen, wenn es sich um die interessantesten Electronic-Musiker der Gegenwart handelt. Sein aktuelles Album besteht aus nur einem einzelnen Track von über 99 Minuten Länge, der durch Inspiration von früheren Brian Eno Werken entstanden ist. Der Mastermind hinter dem Pseudonym State Azure hat sein ein paar Monaten ein neues Studio südlich von London, sowie neues Equipment. Atmosphäre ist, wie der Künstler sagt, nicht nur in seiner Musik wichtig, auch seine Working Area soll davon profitieren. Schön für uns, die wir an den neuen Klangergüssen teilnehmen dürfen. Daher wundert es nicht, dass der Sound-Workaholic fast Tag und Nacht im Studio arbeitet und ständig neue Veröffentlichungen präsentiert. Seine Kreativität scheint unaufhaltsam zu sein.

„Navigating a Latent Space“ ist ein gigantischer Space-Trip – ohne Rhythmus, klingt düster-spannend und meditativ-beruhigend zugleich. Vor allem keine Sekunde Langeweile. Kein Kitsch, kein böses Erwachen, einfach nur grandiose, reife Spacemusic zum Abdriften und Schweben durch eine fantastische Klangwelt ... jenseits vom Sternentor.

https://stateazure.bandcamp.com/album/navigating-a-latent-space

Will Luecken

Cover TroelsVielleicht ist das hier das falsche Klientel, doch Troels Hammer ist Keyboarder und einfach zu gut um nicht mit ein paar Zeilen gewürdigt zu werden. Der 58jährige Däne hat jetzt sein 4. Album in der Kategorie Ambient veröffentlicht und wie war das nochmal mit dem reifen Wein? Dieses Album dürfte wohl sein Bestes sein! Es startet mit dem Titel „Vendetta“. Bei diesem Song komme ich mir vor wie Aladin und die Wunderlampe - denn es beginnt geheimnisvoll, hypnotisch und zauberhaft mit Flächensound und Pianotupfer - bis schließlich der Dschinn aufsteigt und der Song jetzt richtig Fahrt aufnimmt und der Dschinn sich immer mächtiger entwickelt und zum Reggae tanzt und schließlich noch zur Leadgitarre greift! Der Track hat nun das Potential die ganze Welt zu umarmen. Was für ein Hammer! Dennoch liegt die Stärke von Troels Hammer in den leisen, feinen Klängen wie im Titelstück „House Of Memories“. Er glänzt mit einer eigenwilligen Verschmelzung aus Electronic, Jazz und Chillout. Jeder Song ist eine Wundertüte, jeder Song ein Prachtstück. Diverse Gastmusiker verdichten die Kunstwerke an den entsprechenden Stellen wohldosiert mit Saxophon, Violine, Handpan oder Schlagzeug. Diese Musik ist warm und menschlich und manchmal verziert mit einer atmosphärisch-femininen Gesangseinlage. Mutig experimentiert der Künstler in dem obskuren Track „Memorial Mountains“. Unterm Strich ist das gesamte Album ein kleines, feines Meisterwerk - unaufdringlich, geschmackvoll - ein Querschnitt moderner, anspruchsvoller Weltmusik, Electronic und Chillout.

https://troelshammer.bandcamp.com/album/house-of-memories

Will Luecken

ee roger universEs existieren in der EM-Szene Veröffentlichungen, bei denen man als Hörer denkt, dass sie vielleicht doch besser im Heimstudio des Musikers verblieben wären. Und es gibt die CDs, bei denen man froh ist, dass sie doch noch das Ohr des EM-Liebhabers erreichen.

Eine solche befindet sich gerade im CD-Player und dreht fröhlich ihre Runden. Geschaffen hat die Musik ein gewisser Ulrich Mühl, unter dem Künstlernamen Roger Universe wurde sie veröffentlicht. Das Album „Earth Express“ ist leider aber auch vermutlich das einzige, das wir je hören werden, denn Ulrich Mühl ist bereits im Januar 2022 verstorben. Seinem Freund Gerald Arend, der selbst unter dem Namen „Klangwelt“ in der EM-Szene bekannt ist, verdanken wir die Veröffentlichung des Roger-Universe-Albums. Einzelnen Titeln, dem Cover und dem Künstlernamen nach würde man vielleicht durchgängig kosmische Musik, schwebende Klänge und Soundscapes erwarten. Als Spacemusik lässt sich das Album möglicherweise auch einsortieren, aber dann gleich zu Beginn eher von der Art voller Power, kräftigen Rhythmen, flottem Tempo und dahinfliegenden Melodien. Deshalb sticht der „Express“ im Albumtitel zunächst hervor. Doch auch die Klangflächen und ambiente Sounds fehlen hier nicht. Abwechslung ohne Beliebigkeit ist das Motto.
Es gibt durchaus Anklänge an Jean Michel Jarre, wie es auch in der Pressemitteilung aus dem Hause Spheric Music heißt. Beispielsweise könnte der Track „Electrogravity“ unmittelbar von dem französischen EM-Pionier stammen. „Infinite Potential“ kommt ebenfalls im Laufe der Zeit in Jarre-ähnliche Sphären. Und wenn man schon gerade bei Jean Michel Jarre ist - der hat es fertig gebracht, den Walzer in der Elektronischen Musik zu etablieren. Und ein Walzer findet sich auf Ulrich Mühls Album im Track „Memories Of Past Future“ (schönes Wortspiel!), wenn auch mit leicht verschobenem Rhythmus. 
Die schwebenden und ruhigen Klänge sind vor allem in den Tracks 4 und 5, „Far Away“ und „Mariana Trench“ zu hören. Vom herrlich ausschweifenden Trip durchs All taucht man in den Marianengraben, die tiefsten Tiefen der Weltmeere, ein. Sowohl der Kosmos, als auch die Tiefsee unserer Erde sind nach wie vor unbekannte Welten, und die Musik vermittelt sehr passend das Gefühl, als würde man sich durch den Weltraum oder eben durch das Meer treiben lassen. Obwohl die einzelnen Musikstücke des Albums sehr unterschiedlich sind, passen sie doch gut zusammen; die Übergänge sind prima gestaltet. Man höre sich nur einmal „Sacrifice“ und „Infinite Potential“ an: die Klänge vom Ende des einen und vom Anfang des anderen passen bestens zueinander, die Stücke entwickeln sich aber doch deutlich different. Ungewöhnlich sind, wie es auch schon von Spheric Music erwähnt wird, in der Tat einige Harmoniewechsel. Derartige „Kapriolen“ wie z. B. bei „Awakening“ höre ich in der EM nicht sonderlich häufig. Überraschend ist zudem der Track „Under Ground Over Unity“, denn dieses Stück vermittelt leicht karibisches Flair. Mit dem „Epilogue (Far In)“ findet das Album einen sehr schönen Ausklang.

„Earth Express“ von Roger Universe ist es definitiv wert, in Ehren gehalten zu werden. Ich bin Gerald Arend dankbar, dass er die Veröffentlichung des Albums mit auf den Weg gebracht hat und Freunden elektronischer Musik dieses Werk nicht vorenthalten bleibt. Ich werde das Album sicherlich immer wieder hervorholen und seine Runden im CD-Player drehen lassen.

www.spheric-music.de

Andreas Pawlowski

a11

Es gibt Alben-Projekte, an die von Anfang an mit einem festen Plan heran gegangen wurde. Umgekehrt entstehen manche Alben ganz spontan aus der Situation des Musik-Machens heraus. Jörg Dankerts neues Album "Between the meantime" liegt auf ungewöhnliche Weise irgendwo zwischen diesen beiden Extremen: Die Titel sind über längere Zeit aus der jeweiligen Situation heraus entstanden, ohne einen übergeordneten Plan zu verfolgen. Das Ergebnis ist ein musikalisches Tagebuch der letzten Monate und ein Dokument, wie die aktuellen Zeiten einen kreativen Geist beeinflussen.

Wer in diesem Tagebuch lesen will, dem macht Jörg Dankert es nicht leicht: Auf erklärende Namen wird verzichtet, die Tracks sind einfach  durchnummeriert. Es obliegt dem Hörer, den Bezug zu Ereignissen auf unserem Planeten oder persönlichen Stimmungen herzustellen. Dabei weiß man nie, welche Wendung der nächste Track bereit hält. Der rhythmische Einsteiger könnte zum Beispiel in einem heiteren Moment entstanden sein, aber genauso gut auch marschierenden Soldaten den Takt vorgeben.

Sofern man die weltpolitische Lage und die Tagesnachrichten nicht völlig aus dem eigenen Leben ausblendet, wird es auch nicht überraschen, dass melancholische oder nach gerade düstere Momente über weite Teile die Stimmung vorgeben - das wird auch durch das in Sepia-Tönen gehaltene Cover unterstrichen. Um so erfreulicher ist es, dass Jörg Dankert uns mit mit dem letzten Track einen nicht ganz so pessimistischen Ausblick in die Zukunft anbietet.

"Between the meantime" ist kein einfach zu konsumierendes Album, genauso wie es für den Schöpfer keine einfache Geburt gewesen sein wird. Aber die  Auseinandersetzung lohnt sich, denn Jörg Dankert hat die Situation genutzt, um uns seine ganze stilistische Varietät zu präsentieren. Es ist ein Album, das auf seine Weise notwendig war und in unsere vertrackten Zeiten passt. Auch in dieser Hinsicht gebührt Jörg Dankert grosse Lob für "Between the meantime"!

 https://joerg-dankert.bandcamp.com/

Alfred Arnold

 

Spectral Tune Perspectivia Perspectivia Cover FrontCoral Cave-Mitglied Erik Matheisen, gehört zu der Gattung Musiker, die uns bereits einige Jahrzehnte begleiten und sowohl Solo als auch in verschiedenen anderen Konstellationen in Erscheinung getreten sind. In seinem aktuellen Projekt „Spectral Tune“ wird seine langjährige Schaffenszeit erneut deutlich, denn seine Tracks sprühen voller nostalgischer Elemente aus den 80er und 90er Jahren. Die Bandbreite der Stilistik reicht von „TD-Exit-Fortführung“, über pianoreske Klangmalereien bis hin zur emotionalen orchestralen Synth-Variation und leben von der ambitionierten Idee, viele verschiedene Gangarten zu vereinen. Eriks musikalische Perspektive folgt dabei aber keinen Mainstreammechanismen, sondern zeigt seine Sicht auf vergangene Zeiten. Mal Kantig, aber auch sehr emotional.
Schickes Retroalbum mit Anleihen aus geschichtlichen Tagen.

https://spectraltune.bandcamp.com/releases

Stefan Erbe

sine einklangWenn Thomas Hauser unter seinem Pseudonym „Sine“ ein neues Album veröffentlicht ist eines ziemlich sicher, es offeriert einen entspannten coolen Sound zwischen vokalen Relaxnummern und chilligen Beats! So auch auf der aktuellen VÖ „Einklang“.
Wie im Titel zur erahnen, „legt“ sich die Musik von Hauser einmal mehr um das innere Ich und folgt der Maßgabe, die Stücke als seelischen Tiefenfinder zur verwenden. Die Anwendungsintensität, bestenfalls in Dauerrotation eingestellt, beschert uns nicht nur eine gute Zeit, sondern möglichweise einen ergiebigen akustischen Ausgleich zu den aktuell komplizierten Tagen und Wochen. Wer in Kürze sogar den Flieger gen Sünden besteigt, kann „Einklang“ als ideale Strand-Urlaubs-Begleitung mitnehmen und darf sich auf einen tollen Trip mit toller Musik freuen. Lässiger Sitz-am-Meer--und-mir-ist-alles-egal-Soundtrack!

www.sine-music.com

Stefan Erbe

manikin 3rdWer so lang wie Mario Schönwälder Alben, Musik, Events und viele verschiedene Projekte realisiert hat, darf natürlich auch in regelmässigen Abschnitten auf das Geleistete zurückblicken. Allerdings nicht via Bestof-Album, sondern ganz Mario-Like mit bisher unveröffentlichten Material seiner vielen Wegbegleiter. Die Dritte Decade seiner Wirkungszeit ist dabei geprägt von den Kooperationen mit „den“ üblichen Verdächtigen, zeigt uns aber auf eine deutliche Weise, wie man konsequent sein gewähltes Musikgenre nicht nur am Leben hält, sondern deutsches Kulturgut auch nach 30 Jahren auf sehr hohem Niveau in die Welt distributiert. Alle Tracks vereinen den Manikin-Spirit, der schon eine gefühlte Ewigkeit ein bedeutsamer Teil der hiesigen EM-Welt darstellt. Auch wenn die aktuellen Tracks grundsätzlich moderner und etwas zeitgerechter klingen, haben sie eben immer noch die Leichtigkeit ihres ursprünglichen Erfolgsprinzips und zeigen uns wie vielfältig die elektronische Musik sein kann. Schön, dass alle Beteiligten darüber hinaus auch sonst noch sehr aktiv sind. Nachdenklich und Traurig wird man an einer Stelle, nämlich dann wenn Musik aus der Feder von Thomas Fanger zu hören ist. Aber auch dieser Verlust steht für die lange Zeit, die uns die Musik begleitet und der Tatsache, dass wir bereits einige der tollen Künstler verloren haben und weitere verlieren werden. Geschichte schreibt sich eben nicht nur mit positiven Ereignissen. Die Musik des dritten Manikin-Jahrzehnts hilft aber, die aktuellen Zeiten für einen Moment positiver werden zu lassen.

https://manikinrecords.bandcamp.com/album/manikin-records-third-decade-2012-2022-2

Stefan Erbe

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