Berichte

Es ist der 30. Dezember dieses Jahres, und wie alle Jahre mache ich mich auf den Weg nach Bochum zum Planetarium. Wann bin ich eigentlich das letzte Mal dort gewesen? Es ist schon einige Monate her. Stefan Erbe hat dieses Jahr eine kleine Kreativpause mit Sound of Sky eingelegt, und auch die Konzerte, die der Schallwende-Verein regelmäßig organisiert, sind etwas seltener gewesen. "Hello" bleibt aber ein Eckstein im PlaBo-Terminkalender, nicht nur für den Verein, auch für die Szene - das Planetarium ist ausverkauft. Angesagt sind für heute Ron Boots und Freunde. Ron Boots Freunde, das sind heute Frank Dorittke, Harold van der Heijden und Stephen Whitlan. Vier Musiker aus drei Ländern, das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Musik über alle Grenzen hinweg verbindet, Brexit hin oder her.

Ron ist nicht nur Musiker, sondern hat mit Groove Unlimited auch sein eigenes CD-Label mit Vertrieb. Wenn so viele Zuschauer da sind, dann wird auch der eine oder andere etwas Geld von den Feiertagen in der Tasche haben. Grooves CD-Stand, betreut von Rons Frau Monique, bietet Gelegenheit, dieses gleich wieder auszugeben. Zwei kleinere CD-Stände von Frank Dorittke und Stefan Erbe komplettieren das Angebot. Gerade Stefan wird von seinem neuen Album Genesys (bitte als 'Gene-Sys' aussprechen!) fast alle mitgebrachten Exemplare unters Volk bringen. Und überhaupt, CD-Segen: jeder Besucher bekommt heute als Bonus eine CD, darauf eine Auswahl von Titeln, die heute gespielt werden.

Auch ansonsten hat man keine Probleme, sich die Zeit bis zum Einlass zu vertreiben. So vollständig sieht sich die "EM-Familie" nur selten, und gerade nach den Feiertagen hat man sich das eine oder andere zu erzählen. Aus der Kuppel schallt schon der eine oder andere satte Bass ins Foyer, dort laufen gerade die letzten Proben und soweit man hören kann, wird es ein kurzweiliger Abend werden.

Pünktlich um halb neun wird die Tür geöffnet und das Rund um den Sternenprojektor füllt sich. Nicht nur die Sitz-Reihen werden randvoll sein, auch die kleine Bühne des Planetariums platzt beinahe aus allen Nähten. Der große Flügel, der dort sonst steht, musste natürlich weichen, aber auch so nutzen zwei Keyboard-Arbeitsplätze, ein komplettes Schlagzeug und diverse Gitarren den vorhandenen Platz komplett aus - es sieht ähnlich gedrängt aus wie im Sommer, als Ron in ähnlicher Begleitung auf Winnies Terrasse in Hamm gespielt hat. Stephen Whitlan ist heute neu dabei, und sein "Arbeitsplatz" ist immer einen Blick wert. Stephen legt nämlich Wert darauf, sich individuell auf der Bühne einzurichten. Die Dose Guinness-Bier ist Standard, auch wenn ich sie nicht auf den ersten Blick entdecken kann, wird sie doch irgendwo sein. Die Nachttischlampe, die er neulich in Oirschot hatte, verbietet sich aber aufgrund der Location. Damit die Projektionen an der Kuppel wirken, muss es im Raum so dunkel wie möglich sein und die Musiker müssen mit einem Minimum an Licht auskommen. Dafür hat Stephen heute eine Extra-Hand mitgebracht, angesichts der vielen Keyboards sicher keine falsche Idee.

Nachdem ich meinen "Stammplatz" im Block B nahe bei Klaus-Dieter Ungers eingenommen habe, höre ich in den Reihen auch den einen oder anderen holländischen Wortfetzen. Ron ist es also gelungen, auch einige "seiner Fans" mit nach Bochum zu ziehen. Frau Professor Hüttemeister ergreift als Erste das Mikrofon und erklärt die obligatorischen "Spielregeln" im Planetarium. Vermutlich könnte ich sie inzwischen auch auswendig dahersagen, so oft bin ich in den letzten Jahren an diesem Ort gewesen: Gespräche bitte auf die Pause nachher verschieben, alles ausschalten, was Geräusche oder Störlicht machen könnte, und anderweitige "Geschäfte" bitte vorher erledigen, denn wer während der Vorstellung raus muss, darf erst nach der Pause wieder hinein. Es ist gut, dass ich seit ein paar Monaten ein neueres Modell meiner kleinen Sony-Kamera habe, dank Sucher kann das große und helle Display ausgeschaltet bleiben.

Also bringen wir unsere Sitze in eine - nein nicht aufrechte, sondern - liegende Position und ... es geht noch nicht sofort los. Sylvia Sommerfeld möchte natürlich auch noch ein paar Worte sagen, und sie hat auch noch eine traurige Pflicht zu erfüllen: Klaus "Cosmic" Hoffmann-Hoock ist ja vor einigen Monaten recht überraschend verstorben, und da er den Beinamen "Cosmic Hoffmann" hatte, lag es nahe, ihn ähnlich wie seinerzeit Edgar Froese mit einer Sternenpatenschaft zu ehren. In einer Sammelaktion des Schallwende-Vereins sind dafür 600 Euro zusammen gekommen. Klaus-Dieter Unger zeigt zuerst an der Kuppel den Stern, der künftig Cosmic Hoffmann gewidmet sein wird, und danach nimmt Klaus' Ehefrau Birgit die Urkunde entgegen. Sie hat eine alte Kladde ihres Mannes mit Songtexten mitgebracht, daraus trägt sie einen vor, der sich auch mit dem Thema "Abschied" beschäftigt. Man merkt, dass der Tod ihr immer noch sehr nahe geht, und es fällt ihr schwer, den Text bis zum Ende zu verlesen. Aber dann ist es geschafft und die vier Herren aus Holland, Deutschland und England, die geduldig am Rande gewartet haben, gehen auf die Bühne und können los legen.

Es beginnt so wie in Hamm - ganz entspannt und chillig. Über der mediterranen Landschaft, die man sich dabei wieder vorstellen kann, spannt Klaus-Dieter Unger erst einmal einen nächtlichen Sternenhimmel, bis er die Sonne über einer Wüsten- und Fels-Landschaft aufgehen lässt. Die Playlist und Studioversionen der Titel hat er im voraus bekommen, um zu der Musik passende Bilder auswählen zu können. So ändern auch die Projektionen ihre Dynamik, als Frank für eines von seinen eigenen Stücken die akustische mit der vertrauten E-Gitarre tauscht. Ich muss wirklich einige Zeit nicht hier gewesen sein, denn fast alles an Bildern, was ich an diesem Abend sehe, ist für mich neu: Der virtuelle Flug durch die Kuppel eines Teleskops ist ein echtes Highlight und man hat gar nicht mehr das Gefühl, festen Boden unter den Füßen zu haben. Nach Frank darf Stephen mit einem seiner eigenen Stücke übernehmen. Sein Markenzeichen sind für mich die melodisch-leichten, fast frühlingshaften Sequenzen, die einen die aktuellen Außentemperaturen vergessen lassen. Titel Nummer vier stammt wiederum von "Seven Days", das Ron zusammen mit Stephen aufgenommen und in diesem Jahr veröffentlicht hat.

Den Abschluss des ersten Teils machen zwei Klassiker: "Oceans of Emotions" und "Acoustic Shadows", in Versionen, die live noch einmal deutlich druckvoller daherkommen als von der CD. Ron meint sogar, diese Version von "Acoustic Shadows" wäre die beste, die er bisher gemacht hat. Eigentlich wäre das schon eines Schluss- und Höhepunkts würdig gewesen, aber wir haben ja gerade einmal Halbzeit! Haben die vier all ihr Pulver jetzt schon verschossen? Bestimmt nicht, man darf gespannt sein auf das, was im zweiten Teil folgt. Jetzt ist erst einmal eine halbe Stunde Pause und Zeit für das, was während des Konzerts nicht geht: Essen, Trinken, Reden, CDs kaufen.

Nach der Pause und vor Beginn des zweiten Teils möchte Sylvia noch die eine oder andere Information loswerden. Schon in einer Woche ist in Best das erste Konzert des neuen Jahres, quasi bei Ron Boots um die Ecke wird David Wright spielen. Anfang Februar werden wieder die Güterhallen in Solingen bespielt. Mit Spyra, VoLt und Ron Boots ist das Lineup dieses Mal wirklich exquisit. Und last, but not least: Zwei Wochen später findet die Schallwelle-Preisverleihung an neuem Ort in der Rohrmeisterei in Schwerte statt.

Der zweite Teil beginnt ähnlich sanft wie der erste, nach wenigen Momenten übernehmen aber rockige Teile, in denen nicht nur Frank sich auf seiner Gitarre austoben kann. Passend dazu die Visuals an der Kuppeldecke: Flüge durch virtuelle, dreidimensionale Landschaften, bei denen es einem schwindlig werden kann - Klaus-Dieter Unger übertrifft sich selber und wenn er so weitermacht, wird das Personal des Planetariums noch Tüten ans Publikum verteilen müssen.

Auch Ron Boots hatte dieses Jahr einen Verlust zu beklagen, ein guter Freund, der in Oirschot auch immer am Groove-Stand mit geholfen hat, ist mit 58 Jahren leider viel zu früh gestorben. Genauso wie Klaus-Hoffmann-Hoock war dieser ein Fan von Pink Floyd, "Franky's Floyd" ist ein passender Abschluss der zweiten Hälfte, und wieder einmal ein Beweis dafür, was für ein virtuoser Gitarrist in diesem Quartett mitspielt.

Ohne Zugabe kommen die vier natürlich nicht von der Bühne, und es wird das gespielt, was für mich schon in Hamm die Überraschung war: eine Cover-Version vom "Purple Rain", natürlich in Franks ganz eigenem Gitarren-Stil. Die Kuppel wird passend dazu in lilanes Licht getaucht, Auf dem die Musiker ihre Schatten werfen.

Die zweite Zugabe, die das Konzert beschließt, war - wie Ron erzählt - ein Produkt der gemeinsamen Proben in seinem Wohnzimmer. Sie schließt den Kreis und kehrt zur entspannten Atmosphäre des Einsteigers zurück. Das kombiniert Klaus-Dieter Unger wieder mit einem Sternenhimmel und der am Horizont aufgehenden Erdkugel, die in keiner Show fehlen darf.

Und dann ist es geschafft, das (EM-)Jahr 2017 ist vorbei, ein Jahr, das nicht nur schone Ereignisse gebracht hat, aber so wechselhaft ist eben das Leben. Der Blick geht nach vorne, nicht umsonst sollte ja an diese Abend das neue Jahr begrüßt werden. Ich weiß nicht, wie es bei Euch Lesern aussieht, aber ich habe für 2018 schon das eine oder andere Ticket am schwarzen Brett hängen, und auf dem großen 2018er-Wandkalender, den ich gleich in meiner Küche aufhängen werde, hat schon die eine oder andere Eintragung. Das neue Jahr kann kommen!

Alfred Arnold

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