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Es gibt Musiker die begleiten uns schon ein Leben lang und haben mit ihrer Musik nicht nur Geschichte geschrieben sondern waren und sind Anlass für etliche Millionen von Menschen, ein Fan der elektronischen Musik zu werden. Jean-Michel Jarre ist wohl auch für viele Künstler die sich mit stromgeladenen Tasteninstrumenten beschäftigt haben nicht nur Einstiegsdroge sondern auch Vorbild gewesen, selbst Musiker zu werden. Seine Aura und seine Bedeutung hat er auch nach 50 Jahren aktiven musizierens nicht verloren und veröffentlicht nach dem Electronica Doppelset, der dritten Oxygene, einer weiteren Best-of Rückschau mit Planet Jarre, nun noch eine weitere vermeintliche Fortsetzung. Equinox Infinity erschien zum Jahresende 2018 und führt die Geschichte der bzw. des Watcher/s fort, die/der uns schon vor exakt 40 Jahren so faszinierend durch ein zukunftsweisendes Album blicken lies. Aber wer das neue Album in den Händen hält, sieht sofort, dass es dann doch kein typisches Sequel ist, sondern vielmehr nur den Gedanken der Beobachtung neu aufgreift.  Jarre beschreibt damit (s)eine Vorstellungen wie sich das Thema wohl über die lange Zeit verändern würde und wie man sich heutzutage mit der Technik, der Überwachung und den medialen sowie umweltzerstörenden Missständen auseinandersetzen sollte.
Natürlich ist die Musik zu Equinoxe Infinity sehr Jarresque und wird die meisten Hörer nicht komplett überraschen. Das was hier anders als bei seinen vorherigen Produktionen ist, ist die Tiefe einiger Stücke, die deutlich mehr Soundtrack-Charakter besitzen. Das Album ist variabler und auch kontrastreicher als Oxygene 3 und lässt erkennen, dass Jean-Michel Jarre mit 70 noch Veränderungen in seiner Musik zulässt. Natürlich wirft das aktuelle Album die Frage auf warum er wieder ein vermeintlich altes Thema verwendet. Ist es eine Marketingstrategie? Ist es die ewige Suche nach Perfektionismus und ein Zwang die Vergangenheit musikalisch nochmal bewältigen zu müssen? Oder sogar der Drang kompositorisch die heutigen Erfahrungen und Möglichkeiten der Technik nochmal in das Ende der 70er zurückzuschicken? Vielleicht etwas von allem. Eines ist aber sicher, Jarre scheint permanent an seiner Musik zu arbeiten, reflektiert sie und lebt dafür. Er ist viel mehr Musiker als alles andere. Das merkt sofort, wenn er von seinen Ideen und der Musik erzählt. Natürlich ist es hilfreich, wenn man als Fragesteller selbst Musiker ist und man sich eben auch über den typischen Musikerkram unterhalten kann.
Für ein ausführliches Gespräch traf ich Jarre in Düsseldorf und sprach mit ihm über Menschliches, Maschinen und Möglichkeiten. Er ist nicht nur mit seiner Musik ein ganz Großer in der Welt der Syntheasten sondern auch noch eine äußerst sympathische Person, denn selten begegnet man bei Weltstars seines Kalibers, einen so freundlichen, zuvorkommenden und interessierten Menschen. Mein Eindruck war, dass Jarre nichts von seinem Spirit verloren hat, auch wenn er sich gerne mal produktiv (wie oben beschrieben) in die Vergangenheit seiner ersten Alben zurückarbeitet.
Manche mögen es als konsumfreudiges Namedropping-Konzept erachtet haben, als Jarre über den Globus tingelte um die Electronica-Alben zu machen. Mit einigem Abstand möchte ich dieses Vorurteil nach unserem Gespräch revidieren. Wenn Jarre vom Zusammenkommen mit den anderen Künstlern zu Electronica 1 & 2 erzählt, die 5jährige Arbeit beschreibt und man sich vorstellt wieviel Energie es geskostet haben muss, immer wieder einen musikalischen Konsens zu finden, dann erscheint ein rein wirtschaftlicher Grund dafür sehr abwägig. Er ist sehr glaubwürdig wenn er von der Zeit erzählt in dem es ihm schlecht ging, engste Menschen starben und er sich selbst hinterfragte, was Musik für einen Sinn macht. Der logische Weg scheint dann zu sein, seine sieben Musik-Sachen zu packen, viele interessante Musiker zu besuchen und festzustellen, dass jeder von Ihnen ziemlich viel Lust hat mit ihm etwas zu produzieren. Dass dies viel Energie freisetzen konnte und Jarre heute noch immer davon profitiert, hat ihn wohl selbst am meisten überrascht. Das Gespräch war nicht nur mich als Fragensteller sehr ergiebig, sondern zeigte vielmehr, dass Alter keine Rolle spielt, solange man Inspiration zulässt. Auch für seine langjährige Genre-Vorreiterrolle kann und sollte man ihm dankbar sein, denn wenn auch unfreiwillig, hat er mit seiner etwas kommerzielleren Elektro-Pop-Ausrichtung auch vielen anderen Künstlern eine große multifunktionale Stilrichtungsschublade geschaffen, die sie für ihre eigene Arbeit verwenden konnten. Ich bin sicher, dass es vielleicht auch in Deutschland ein paar Traditionalisten weniger gäbe, wenn Jarre mit seiner Musik nicht so populär geworden wäre. Natürlich hat sich das E-Genre über die Jahrzehnte sehr verändert und Jarre scheint dabei irgendwie auf seinem eigenen Planeten geblieben zu sein. Aber sind das nicht Künstler wie Kraftwerk, Vangelis, Yello und TD auch? Ist es eben nicht genau das was auch den Erfolg dieser Pioniere ausmacht? Grund genug dies einmal genauer zu hinterfragen.

Jean-Michel, wenn man Equinox Infinity das erste Mal hört, fällt auf dass es sich vom Anfang zum Ende als Soundtrack zu einem virtuellen Film entwickelt. War das von Anfang an so gedacht?
Ja, Equinox Infinity ist ein Album in dem es um zwei Seiten einer möglichen Zukunft geht. Zum einen die dunkle Seite die von Maschinen gesteuert wird und von Zerstörung handelt und zum anderen die positive Seite, in der wir eine harmonische Einheit mit der Natur und der Technik sind. Ich hatte von Anfang an die Idee das Ende offen zu lassen und den Hörer zwei Möglichkeiten anzubieten.
Wie kam es zu der Idee des Albums?
Mich hat das Bild des Watchers (Anmerkung: Fernglas-Figur von Michel Granger) immer wahnsinnig faszinierend und irgendwann dachte ich darüber nach, wie man die Geschichte und die Bedeutung nach 40 Jahren  weiterführen kann. Ich habe dann mit einem Künstler aus Prag (Filip Hodas) verschiedene grafische Ideen umgesetzt und dann begonnen die Musik zu komponieren. Dies ist tatsächlich das erste mal, dass zuerst das Visuelle vorhanden war. (Anmerkung: Es gibt zwei verschiedene CD-Covergrafik-Versionen die man kaufen kann)

Warum hast Du Dich nicht für eine konkrete dunkle bzw. positive Seite entschieden?
Zum einen weiß ich nicht, wie die Zukunft wirklich wird und zum anderen möchte ich dem Hörer eine eigene Entscheidung überlassen, wie er die Zukunft sieht und vielleicht auch beeinflussen kann.

Jean Michel Jarre Equinoxe Project Box all PX1000

Was hat der Begriff Infinity für eine Bedeutung?
Er steht für eine mögliche endlose Zukunft, in der wir vielleicht von diesem Planeten verschwinden werden und alles zurücklassen müssen. Natürlich ist es auch die Frage wie wir mit all dieser Technik umgehen werden, wie wir von ihr beinflusst werden und wie man mit Veränderungen umgehen sollte.
Du selbts nutzt eine Menge Technik, sowohl alte und neue, wie bekommst du diese für Dich in Einklang? Nun, ich mag beides. Ich schätze sehr den typischen Sound und die Klangoptionen alter Geräte und interessiere mich aber auch für neue Sachen, natürlich auch Plugins und andere Softwaretools. Aktuell arbeite ich viel mit Abeleton und habe viele der vergangenen Projekte damit umgesetzt. Es ist so praktisch ohne viel Hardware zu reisen und die Technik auch unterwegs zu nutzen. Das war zum Beispiel auch sehr nützlich bei den beiden Electronica-Alben. Ich arbeite natürlich weiterhin auch mit Pro Tools, stelle aber immer mehr fest, dass ich damit eingeschränkter bin. Ableton hat eine fantastische Ausgabe- bzw. Render-Qualität, die mir sogar bessere Ergebnisse als Pro-Tools geliefert hat. Aktuell setzen wir Ableton auch für den Einsatz auf der Bühne ein und müssen es noch mit der Technik für die Visuals verbinden. Das ist allerdings nicht ganz so einfach.

Ist die Reihenfolge der Tracks eigentlich wichtig für Dich und wie legst Du sie fest?
Die Auswahl der Trackfolge lege ich bereits recht früh fest. Ebenso wie das finale Mixing welches schon oft direkt beim Komponieren entsteht. Mittlerweile sind solche Abläufe schon Bestandteil im Prozess der Erstellung der Songs. Grundsätzlich arbeite ich aber immer auch mit anderen Produktionsbeteiligten zusammen. Wir beraten uns nicht nur und sondern finalisieren dann auch das Album.

Ist dieser Prozess zeitlich sehr eng getaktet?
Ja es gibt eigentlich immer Zeitdruck. Dieses Mal hatte ich aber das Glück noch ein paar Wochen Zusatzzeit zu bekommen, da der Abgabetermin des Albums um ein paar Wochen geschoben wurde. Ich konnte endlich einmal ohne den üblichen Zeitdruck, noch ein paar Feinarbeiten machen, ohne dabei allerdings eine Note zu verändern. Es ist einfach toll, wenn man ein bisschen Zeit geschenkt bekommt. Normalerweise bin ich immer zu spät (lacht). Grundsätzlich finde ich es immer sehr hilfreich, wenn Zeit bleibt um Stücke mit ein bisschen Distanz nochmal betrachten zu können. Damit beantwortet sich häufig die Frage: Ist es auch wirklich gut oder war es nur die Stimmung in der ich es produziert bzw. komponiert habe.

Hat Dich im Besonderen die vergangene Arbeit mit den anderen Electronica-Künstler auch für das aktuelle Album inspiriert?
Ja ganz besonders sogar. Ich habe sehr viel gelernt und meinen persönlichen Horizont erweitern können. Es war nach einer Zeit in der es mir nicht immer besonders gut ging. Ich hatte einige persönliche Rückschläge durch den Verlust nahestehender Personen zu verarbeiten und war nicht in der Lage auch nur eine Note zu produzieren. Die Electronica Alben haben mir auch durch das viele Reisen und die direkte Zusammenarbeit mit den anderen Musiker sehr geholfen. Natürlich nimmt man aus jeder Erfahrung etwas für die kommenden Projekte mit.

Du bist in den letzten Jahren äußerst Produktiv. Was war der Auslöser dafür?
Ja das stimmt, 5 Alben in 3 Jahren sind doch ziemlich außergewöhnlich. Ich hatte nach der langen Auszeit viel aufzuholen und habe festgestellt, dass sehr viele Ideen und eine Menge Kreativität in mir steckt. Die Electronica Alben waren beinahe wie eine Frischzellenkur für mich und haben mich sehr motiviert, in diesem Tempo weiter zu machen.

Wie war damals die Zusammenarbeit mit Tangerine Dream?
Sie war sehr besonders. Ich liebe die Musik von Tangerine Dream und war sehr traurig als ich vom Tod von Edgar erfahren habe. Es war eines seiner letzten Stücke. Ich hoffe sehr und bin mir aber ziemlich sicher, dass die jetzige Bandzusammenstellung weiterhin so erfolgreich sein wird und seine Ideen fortsetzen kann. Sie sind eine der wichtigsten Bands der deutschen Pionierzeit, ohne die es viele elektronische Musikrichtungen heute vermutlich nicht geben würde. Es war vergleichbar wie in Frankreich, wo es in den  70er und 80er auch ähnliche Entwicklungen gab. Für mich ist das heute immer noch ein besonderes Privileg ein Bestandteil davon zu sein.

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Hast du manchmal Angst, dass Du die gewonnene Energie auch wieder verlieren könntest?
Natürlich, ich bin wie jeder andere Mensch und habe einen begrenzten Zeitrahmen. Im Moment fühle ich mich besser denn je und freue mich über die vielen guten Dinge die passieren.

Ist es geplant die Electronica Serie fortzuführen?
Ja ich werde dies als ein paralleles Projekt, so wie es auch bei den anderen beiden CDs war, weiter führen. Aktuell haben die ersten Planungen dazu begonnen und hoffe wieder auf eine sehr konstruktive und tolle Zusammenarbeit mit verschiedensten Künstlern.

Wie wäre es z.B. mit Jon Hopkins oder Imogen Heap?
Das wäre sicher sehr spannend, ich sehe wir haben einen ähnlichen Geschmack (lacht)

Du hast ebenso geäussert, dass Du an einem Buch arbeitest und eine Tour ansteht?
Ja das ist richtig, es wird aber keine reine Biografie sein. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten. Eine Tour steht auch in der Planung. Darauf freue ich mich natürlich auch.

Mir scheint, Du wirst in naher Zukunft nicht in Rente gehen?!
Nein (lacht), Musik ist wie Sport für mich und warum aufhören, in so spannenden Zeiten wie diesen. Es gibt noch soviel zu erzählen und soviele Dinge die ich noch musikalisch umsetzen möchte.

Stefan Erbe

Liebe empulsiv-Leser,

natürlich freuen wir uns über Reaktionen und Rückmeldungen von euch! Noch mehr freuen wir uns, wenn ihr uns schreibt, welche CD ihr gerade im CD Player in der Rotation habt, welches Elektronik-Event ein echtes Ereignis war und welche Band oder Künstler gerade richtig "steil" geht. Ok, genug mit dem reißerischem Marketing...aber immer wenn ihr den Hinweis "Gast-Beitrag" vor einer CD Besprechung, einem Konzertartikel oder etwas anderem lest, wisst ihr nun, dass ein empulsiv-Leser ihn eingereicht hat. Gerne wollen wir auch euren geschriebenden Output, Gedanken oder Meinung zu einem EM-Anlass hier veröffentlichen. Und nein, wir erwarten keine Pulitzer-Preis-verdächtige Artikel, aber eben auch keine reine Beschreibung der Platte oder des Konzertes, sondern vielmehr interessiert uns: Warum findet ihr /fandet ihr es gut oder eben aussergewöhnlich, eher schlecht oder ganz mies.

Deshalb hier noch ein paar Tipps, wie man am besten von einer Sache berichtet und seine Meinung dazu formuliert:
- Eine kurze Einleitung mit wer macht (e) was, wo und wie
- Struktur: Einleitung, Meinung und ein Fazit. 
- Wie findet ihr es und warum 
- Keine Musikbeschreibung wie "Das Album fängt so an...und geht so und so weiter. Besser mit Attributen erklären so: Die Stücke sind Dynamisch, gut erzählt, zu lang oder zu kurz, 
- Bei Konzerten/Events : Highlights, Besonderheiten, was passte, was nicht. Auch hier zählt der persönliche Eindruck
- Nicht extrem verreißen aber auch keine extreme Lobhudelei. Pro und Contra.
- Weniger ist mehr. Wenn Artikel viel Text enthalten, wirds manchmal schwierig. Deshalb kurz und knapp ist manchmal besser als zu viel
- Nicht den Promo/Presseinhalt abschreiben oder in rauhen Mengen zitieren.
- Artikel nochmal lesen und sich fragen, wäre er nicht von mir, würde ich ihn gut finden? 

Ok, und nun her mit dem Content. Ach und nochwas. Sollte etwas mal tatsächlich nicht veröffentlicht werden können, dann liegt es vielleicht doch daran, dass keiner der obigen Tipps sich tatsächlich im Beitrag wiedergefunden hat, jemand den Bogen doch etwas in seiner Formulierung überspannt hat oder die Art der Kritik übers Ziel hinausgeschossen ist (von wegen Beleidigend oder ähnliches). Aber wir glauben an Euch und die EM-Gemeinde und freuen uns über viele Gastberichte! 

Wohin? An Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!

 

 

Das "Schiff" Tangerine Dream, wie es Edgar Froese in seinen Memoiren einmal bezeichnet hat, ist nun schon seit einigen Jahren ohne ihn unterwegs, ohne dabei untergegangen zu sein. Nichtsdestotrotz stehen seine Ideen und Grundsätze immer noch unsichtbar hinter all dem, was Bianca sowie Thorsten, Hoshiko und Ulrich unter diesem "Markenzeichen" tun - Grund genug, die Tradition einer Gedenkveranstaltung um seinen Todestag herum fortzuführen.

banner froese 2019

In diesem Jahr jährt sich Edgars Tod zum vierten Mal. War es vor zwei Jahren noch das Foyer des Berliner Schauspielhauses, in dem Edgar mit einer Ausstellung, Konzerten und einer Lesung aus seinen (damals noch nicht erschienenen) Erinnerungen gedacht wurde, geht der Weg dieses Mal zwar auch nach Berlin, aber nach Kreuzberg, genauer gesagt ins "Ballhaus Rixdorf". Diese Location hatte Tangerine Dream schon früher für Veranstaltungen genutzt, ich bin heute aber zum ersten Mal hier. Der Ort ist unauffällig: Würde nicht ein großes Schild über den Eingang zu einem Innenhof darauf hinweisen, man würde es wohl kaum finden. Auf die Veranstaltung selber weist zur Straße hin nur ein DIN A4-Poster hin, und auch das ist nach kurzer Zeit wieder verschwunden - hier hat wohl ein Fan und Poster-Sammler zugegriffen.

Eine großartige Werbung vor Ort ist aber auch gar nicht erforderlich: Die 150 Tickets waren lange im Vorfeld ausverkauft. Der Einlass ist für 19 Uhr vorgesehen, schon eine Weile davor bildet sich vor dem Eingang eine Traube. Das Januar-Wetter ist kalt und regnerisch und lädt nicht dazu ein, noch einen kurzen Spaziergang durch den "Kiez" zu machen. Besser wartet man unter dem Vordach und tauscht sich währenddessen ein wenig aus.

Ganz pünktlich ist der Einlass nicht, weil die eingeladenen Musiker wohl noch in Ruhe zu Ende proben wollen - Thorsten und Hoshiko sind erst kurz nach 18 Uhr mit dem Taxi gekommen. Direkt auf den ersten Blick bemerkt man, warum die Gäste-Zahl so limitiert war: Ort der Feier ist nicht der große Ballsaal selber, sondern eine Cocktail-Lounge im Erdgeschoss. Die hat zwar eine großzügige Bar, und Dank belegter Brötchen in größeren Mengen wird auch niemand an diesem Abend hungern, aber viele werden Speise, Trank, Musik und Kunst im Stehen genießen müssen - die aufgestellten Stühle reichen vielleicht für die Hälfte der Besucher.

Diese "Verdichtung" ist gewünscht, man erfährt während des Abends, dass dieses Mal bewusst ein intimerer Rahmen gewählt wurde. Die Kunstausstellung fällt dementsprechend bescheidener aus, es reicht aber noch für zwei Stellwände mit Fotos der 2018er-Tour. Ein Merchandise-Stand darf ebenso nicht fehlen, neben CDs, T-Shirts und Edgars Buch ist der Kaffeebecher mit Tangerine Dream-Logo die Neuheit des Abends.

Ebenso dicht gepackt wie der Saal ist das Programm: Bianca kündigt in ihrer Begrüßung neben vier Konzerten und einer Lesung auch wieder eine Tombola an. Jeder zahlende Gast hat beim Einlass eines der Lose bekommen - die haben vor zwei Jahren noch Geld gekostet, dafür war der Eintritt frei.

Etwas Zeit wird den Besuchern noch gelassen, bis das erste Konzert beginnt. Für den Opener des Abends hat man Paul Frick eingeladen. Wer diesen Namen bisher noch nicht kennt (das schließt den Autor mit ein): Paul Frick kann einerseits eine klassische Musikausbildung vorweisen, andererseits ist er aber auch als DJ "unterwegs". Und diese Vielseitigkeit spielt er in der folgenden halben Stunde auch aus. Paul beginnt mit einem Solo an Klavier - zwar rein akustisch, in seinem improvisierten Stil aber doch an das erinnernd, was TD in den 70ern gemacht hat. Danach wechselt er nahtlos an seine elektronischen Effektgeräte und baut sich im Stile eines Live-Loopings eine Sequenz zusammen. Nachdem die einmal läuft, verwendet er sie als Basis für weitere Improvisationen am Klavier - um schlussendlich das gesampelte Piano in die elektronischen Klänge mit einzubauen. Dieser Mix wandelt sich im Finale von "70er-Jahre-Klängen" zu einem respektablen Dance-Track. Eine solche Spannweite an Klängen und Stilen erlebt man nicht oft, und als Einsteiger war das für die Hörer sicher nicht die leichteste Kost. Edgar hätte daran aber sicher seinen Spaß gehabt, das Publikum auf diese Weise von den ausgetretenen Pfaden wegzuleiten. Es ist den Weg bereitwillig mitgegangen, niemand hat den Raum verlassen, und Paul Frick bekommt reichlich Applaus für diese Leistung.

Auf Konzert Nummer eins folgt nach einer Pause Nummer zwei: jetzt ist Thorsten Quaeschning an der Reihe, und zwar solo, weder als Tangerine Dream noch als Picture Palace music. Er hat an diesem Abend mit Abstand den größten Instrumenten-Park mitgebracht: das große modulare Doepfer-System ist ebenso am Start wie der Moog und diverse weitere Keyboards. Gleich zu Beginn schnallt Thorsten sich die Gitarre um. Es wird aber nicht rockig, der Einstieg ist sphärisch. Solche Passagen sind meist kühl und minimalistisch angelegt. Thorsten zeigt aber, dass es auch anders geht: warm und dicht, keine Spur von einer Winterlandschaft. Das trägt natürlich nicht ewig, und so wandeln sich die Flächen nach und nach zu einem Sequenzen- und Rhythmus-Gewitter, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat. Thorsten wirkt dabei wie ein Dirigent oder Maschinist, der ständig zwischen den Geräten hin- und herspringt: ab und zu wird ein klassischer TD-Sound eingeflochten, und Thorsten scheint gelegentlich selber überrascht zu sein, was dabei herauskommt.

Überrascht oder nicht, das Ergebnis ist auf jeden Fall mitreißend bis fantastisch - Thorsten erhält stehende Ovationen, und Bianca muss die Forderungen nach einer Zugabe mit dem Hinweis beantworten, es würde ja noch mehr kommen - Thorsten wird im Finale noch einmal mitspielen. Hätte man einen Mitschnitt dieses Konzerts im Anschluss auf USB-Stick angeboten, er hätte wohl reißenden Absatz gefunden. Eine Aufnahme existiert zwar, sie wird auf absehbare Zeit aber erst einmal ins Archiv wandern - wer hier und heute nicht da war, hat's eben nicht erlebt.

Ein wichtiger Grund, dass die Zugabe ausfällt: das dicht gepackte Programm. Nach einer Pause ist Zeit für die Lesung aus Edgars Autobiographie "Force Majeure", die an so einem Abend nicht fehlen darf. Die Erinnerungen an ein ganz besonderes Konzert stehen auf dem Programm: Das berühmt-berüchtigte Konzert in der Kathedrale zu Reims. Die Band hatte 1974 gerade den Durchbruch geschafft und lockte über 5000 Besucher in den Sakralbau. Dumm nur, wenn dieser eigentlich nur für ein Drittel davon ausgelegt ist. Die Zustände waren chaotisch, die Luft Cannabis-geschwängert und der Veranstalter war ob der Überforderung mehr oder weniger "auf Tauchstation" gegangen. Was also tun? Das Konzert abzusagen, hätte vermutlich einen Tumult und eine Katastrophe ausgelöst, also musste es durchgezogen werden. Der Zustand, in dem die Kirche danach war, wurde der Band und nicht dem Veranstalter angelastet, und Papst Paul VI. erließ einen Bann, der es TD auf ewig verbot, jemals wieder in einem katholischen Gotteshaus zu spielen. Dieser Bann gilt wohl bis heute, hinderte aber zum Beispiel die anglikanische Kirche nicht daran, gleich darauf Tangerine Dream zu einer England-Tour einzuladen. So wurde die Band unversehens Objekt eines Jahrhunderte alten Kirchenstreits.

Das Pult bleibt für den nächsten Programmpunkt im Fokus, jetzt steht darauf der Zylinder mit den Losen. Drei Preise sind zu verteilen, darunter als Hauptgewinn ein großformatiges, von Edgar geschaffenes Gemälde. Fortuna zeigt sich an diesem Abend salomonisch: die Preise gehen nach England, Dänemark und Deutschland. Ein kleiner Haken bei dem Hauptgewinn: Für den Transport muss der Gewinner selber sorgen. Wünschen wir ihm, dass das einen Meter im Quadrat messende Gemälde die Reise mit der U-Bahn wohlbehalten übersteht.

Jetzt ist die Zeit für den ganz besonderen Gast des Abends gekommen: bevor Hans-Joachim Roedelius sich an Klavier und Tablet setzt, hat auch er noch eine kleine Rede vorbereitet. So wie Bianca zu Anfang ihre Worte an Edgar gerichtet hatte, so tut er es jetzt auch: Er erinnert an die "Anfangszeit" der späten 60er-Jahre und die gemeinsame Zeit im und um den Zodiak-Club. Edgar und er gingen danach musikalisch unterschiedliche Wege, und er war um so erfreuter, dass Edgar noch zu Lebzeiten die Weichen dafür gestellt hatte, dass TD musikalisch jetzt wieder zu den alten Ideen und Wurzeln zurückgekehrt ist - gerade für diesen Satz erntet er spontanen Applaus.

Sein Konzert wird so, wie ich ihn schon in Bochum oder Detmold erlebt hatte. Von der "Opulenz" her ist es das genaue Gegenteil zu Thorstens Auftritt: absolut reduziert und minimalistisch. Einzelne Klänge werden isoliert in den Raum gestellt und entfalten ihre Wirkung. Es ist schon beeindruckend, wie man mit so wenig eine solche Intensität erreichen kann. Der ganze Saal ist sich dieser Intensität bewusst: es herrscht eine schon fast andächtige Stille - so versunken, dass Hans-Joachim Roedelius das Ende der Performance explizit ansagen muss, um den Beifall entgegenzunehmen und die letzte Pause einzuleiten.

Danach steht nämlich das letzte Konzert des Abends an, und dafür kommt Hoshiko Yamane auf die Bühne, die fast den ganzen Abend gewartet hat. Das große Finale steht an, in dem sie mit Thorsten, Hans-Joachim und Paul Frick austesten wird, was sich zu viert entwickeln lässt. Kurzer Zuruf von Thorsten an Hans-Joachim: "Du gibst die Tonart vor!" Was dann aber als Ton zurück kommt, findet er "schwer zu erkennen". Also überlässt man vielleicht ganz galant der Dame die Führung? So wird der gewohnt-sphärische Einstieg von Hoshikos Violine getragen. Und wie man es auch sonst von Tangerine Dreams Improvisationen kennt, nimmt die Sache nach wenigen Minuten Fahrt auf: Mal stören sirenenhafte Sounds die Harmonie, mal greift Thorsten mit verzerrten Gitarrensounds ein. Auch Hans-Joachim bekommt für seine Klangobjekte Raum, er bleibt seinem Stil treu und geht dabei nicht unter.

Mehrmals glaubt man in der folgenden Stunde, die Improvisation hätte ihr Ende gefunden, aber dann hat doch wieder jemand eine Idee, auf deren Basis sich das ganze fortführen lässt. Das eigentlich geplante Ende um 23 Uhr ist lange überschritten, als dieses letzte Konzert des Abends endet und Bianca ihre Schlussworte spricht. Wer weiß, vielleicht entwickelt sich ein Event zu Ehren Edgar Froeses um diese Jahreszeit zu einer Dauereinrichtung - mit den Jahren weniger, um seines Todes zu gedenken, als der Dinge, die er für die Entwicklung der elektronischen Musik geleistet hat. Edgar selber hat immer den musikalischen Stillstand gehasst und darüber nachgedacht, was man an neuen Dingen tun könnte; eine Art Mini-Festival, auf dem auch jüngere EM-Musiker eine Plattform finden und das Brücken zu Philosophie und anderen Kunstformen schlägt, wäre absolut in seinem Sinne gewesen.

Alfred Arnold

Was wäre ein Jahresende ohne das "Hello"-Konzert am Vortag im Planetarium Bochum? Für mich nur eine halbe Sache, und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Das in Zusammenarbeit mit den Schallwende-Verein veranstaltete Jahresabschluss-Konzert hat noch nie unter schlechtem Zuspruch gelitten - ganz im Gegenteil, ein ausverkauftes Kuppelrund am 30. Dezember ist der Normalfall. Für "Hello 2019" konnte Sylvia Sommerfeld aber einen ganz besonderen Coup landen und Tangerine Dream verpflichten. Die Resonanz war entsprechend: Gleich zwei Konzerte wurden für diesen Abend angekündigt, und beide waren nach wenigen Tagen ausverkauft.

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Schiller Morgenstund Live 07 Fotocredit SCHILLER px1600

Das Musikprojekt Schiller wird 20 Jahre und unter dem Titel "Es werde Licht" geht Christopher ab Mai 2019 auf große Arena-Tour. Das neue Album "Morgenstund" soll bereits im März erscheinen. Vorab erschienen ist bereits ein Interview des Klangkünstlers.

B-Wave ist von den "großen" EM-Festivals mit mehreren Konzerten traditionell immer das letzte im Jahr, mit einem Termin Anfang Dezember. Nicht immer schaffe ich es dorthin, stehen in der Adventszeit für mich (und vermutlich auch für andere) noch diverse andere, nicht EM-bezogene Termine an. Diese Jahr hat es aber gepasst, und ich mache mich kurz nach Mittag auf den Weg zum Kulturzentrum "De Muze" in Heusden-Zoldern.

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Wir schreiben das Jahr 1985: Helmut Kohl ist gerade einmal seit drei Jahren Bundeskanzler, ich bin von meinem Abitur noch zwei Jahre entfernt, und Johannes Schmoelling verlässt Tangerine Dream, um eine Solo-Karriere zu beginnen. Man sollte es nicht für möglich halten, aber in den 33 Jahren, die seitdem vergangen sind, ist eine lange und beeindruckende Liste von Studioalben zusammengekommen, aber noch kein einziges Solo-Konzert. Das soll sich an diesem Abend ändern. "Zeit - From Wuivent Riet to The Immortal Tourist" ist der ambitionierte Titel des Konzerts, ein Brückenschlag von seinem ersten Solo-Album bis zum aktuellen CD mit Robert Waters. Selbiger wird ihn heute auch auf der Bühne unterstützen.

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Zur Veröffentlichung seines neuen Albums startet Native Instruments einen Remix-Wettbewerb. Zum Angebot stehen Stems von zwei Tracks: Infinity und Robots Don't Cry. Zugriff erhält man über die Metapop Community. Eigene Versionen der Tracks können bis 13. Dezember eingereicht werden.

Wettbewerbs-Website: https://blog.native-instruments.com/remix-jean-michel-jarre-with-metapop/

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