Kolumne

Einige der Leser dieses Nachrufes werden sich sicher fragen, wer ist bzw. war Bertold Heinze? Ist er ein Musiker, ein Künstler oder vielleicht ein Medienmacher? Nichts von Alledem. Bertold war in erster Linie einfach „nur ein“ Mensch und ein Musikliebhaber (nicht nur) der elektronischen Musik.
Warum also ein Nachruf für jemanden, den viele der Leser hier nicht einmal kannten?

Bertold Heinze ist als mitverantwortlicher Macher des Bochumer Schallwende e.v. viele Jahre sehr aktiv gewesen und war im besonderen Maße eine Stütze des Vereines. Seine unvergleichliche Art, sehr genau und detailliert, aber immer mit rheinländischer Frohnatur die Dinge voran zu treiben, hat über die Jahrzehnte nicht nur Eindruck hinterlassen, nein es hat vielen Musikern, im besonderen den Newcomern geholfen, sich und ihre Musik ein wenig populärer zu machen. Bertold war als Finanzverantwortlicher immer darauf bedacht, die wirtschaftlichen Förderungen des Vereines sinnvoll und nachhaltig zu investieren und ist mit seiner besonderen Weitsicht verantwortlich dafür, dass die Schallwende e.v. kontinuierlich ihre Aufgabe zur Förderung der elektronischen Musik ausführen kann und konnte.

Die obigen Zeilen mögen den sachlichen Teil des Nachrufes in kurzer Form umfassen, doch der viel wichtigere Part beinhaltet die Art und Weise, wie Bertold mit den Menschen umging. Seine Form der Kommunikation war im besonderen Maße herzlich und uneigennützig, und sich für andere einzusetzen ist sicher nicht nur durch seinen medizinischen Hintergrund zu erklären, sondern vielmehr durch seine philanthropische Grundhaltung zu erklären. Bertold war eine wirklich besondere Persönlichkeit in der Welt der vielen Einheitsdenkenden. Er traute sich Grenzen zu überschreiten und Menschen von seinen richtigen Ideen zu überzeugen. Es war ihm auch egal ob er damit manchmal Widerstände zu überbrücken hatte, er für eine Sache kämpfen musste oder er sich auch mal „Feinde“ machte. Er war stets von einem besonderen Gerechtigkeitsdenken motiviert und gab dies uneigennützig in die Gemeinschaften denen er angehörte.
Seine Tugenden sind mittlerweile selten zu finden. Viel zu oft gewichtet sich der persönliche Egoismus stärker, als der weitsichtige Blick in das Wohl anderer Menschen und Vereinigungen. Bertold stellte sich nie in den Vordergrund, sondern unterwarf sich immer der Sache um die es ging. 

Dass er dem Verein fehlen wird, wäre vielleicht noch zu verschmerzen. Vielmehr ist es die besondere Lichtgestalt, der Mensch und das was er alles noch hätte bewegen können, was fehlen wird.
Ich verneige mich vor dieser, seiner Lebensleistung und komme nochmal zum Anfang dieses Nachrufes. Mögen diese Zeilen ihn ein wenig „bekannter“ gemacht haben, seine Hinterlassenschaften sind in jedem Fall nicht weniger bedeutend als die der meisten Musiker, Künstler oder sonstige berühmte Persönlichkeit.

Stefan Erbe

Nun, die doch kleine Welt der musizierende EM-Traditionalisten ist und bleibt auch heute noch immer sehr überschaubar. Ist so! Denn nur ein paar tausend Fans hören, konsumieren sowie pilgern zu ein paar hundert Bands und Künstlern durch die Republik, die von TD, KS, Schiller, Kraftwerk und Jarre angeführt werden und erfreuen sich der Individualität eines Genres, das wohl immer Insider-Mukke bleiben wird. 

Ist aber auch nicht schlimm, denn diese Szene hat eine besondere Qualität und eine sehr zusammenführende Eigenschaft für alle „ex-Schwingungianer“ und deren Nachfolge-Institutionen. Sie bildet eine Form der Gemeinschaft, die seit den 80er Jahren Bestand hat und etwas realisiert, was andere kommerziellen Trends und Stilrichtungen synthetischer Popart nie geschafft haben. Sie vereint die Liebe zu einer Musik, die eben nicht den kommerziellen Zwängen unterliegt oder sie so maßgeblich beeinflusst hat, dass Musiker wegen wirtschaftlichen Misserfolgen oder den Wahnsinnsfantasien ihrer Label oder AR-Manager aufgeben mussten. Nein, viele der Macher (zu denen sich auch der Autor zählt) sind unabhängig, Publikumsnah und sehr oft auch innovativ.
Natürlich kann man sagen, was bleibt ihnen auch anderes übrig, so ohne Massenmarkt und wenig Medien und TV-Präsenz. Aber wollen wir das wirklich? Ist denn nicht gerade die Nähe zwischen Konsument und Erzeuger ein wesentliches Element? Wo ist es möglich, sich nach einem Konzert mit den Musikern zu unterhalten, einen wesentlich bedeutsameren Einblick in deren Kreativität zu bekommen und direktes Feedback zu geben?
Wie oft ertappen wir uns dabei, dass wir in der medialen Musikwelt kaum noch Dinge finden, die uns begeistern, zu denen wir uns bekennen können sie als Meilensteine zu bezeichnen oder sie mit persönlichen Lebenssituationen verbunden zu haben!
Deshalb ist auch das Kleinod der sogenannten EM so wertvoll und einzigartig. Sie bietet vielen ihrer Liebhaber eben genau das, was wir an vielen anderen Stellen so sehr vermissen. Eine Kombination aus positiven Errungenschaften, die sich in den Festivals zwischen Holland, dem Ruhrgebiet und Ostwestfalen wiederspiegeln. Es sind die Leute die sich oft bis alljährlich auf den kleinen Konzerten in Freizeiteinrichtungen, Kirchen, Sternwarten und Planetarien oder an anderen individuellen Orten präsentieren und deren Macher, die ihre Freizeit (und auch oft eigenes Geld) opfern, um diesen EM-Topf am köcheln zu halten.
Wer nun glaubt, es würde aber immer alles so automatisch weitergehen, der sollte nicht vergessen, dass dies nur klappt, wenn es Menschen gibt, die regelmäßig zu den Veranstaltungen gehen. Wer jedes Jahr ein Festivalangebot möchte, muss auch jedes Jahr dorthin gehen. Ansonsten geht die Rechnung nicht auf. Die EM-Gemeinde braucht seine Fans und Freunde dringlicher denn je, denn es gibt keinen externen Sponsor, Sender oder Geldgeber, der das Planungs-Risiko übernehmen wird.

Ich schlucke immer regelmäßig, wenn mir Konzert- oder Festivalbesucher von den Preisen der „großen“ Kommerzevents berichten. Da werden mal locker nur für 90 Minuten Konzerte 150-200 Euro ausgegeben. Dagegen sind 30-40 Euro für ein Festival in NL oder Detmold sicher ein Taschengeld. Trotzdem hört man häufiger von Besuchern, dass es viel Geld sei. Zugegeben, nicht jedes EM-Event bietet Pyro, Dreckzelten und Alkoholleichen in der Nachbarschaft, kann dafür aber mit guter Musik, guten Gesprächen unter Freunden und mit „Anfassen“ des Künstlers punkten.
Möge jeder dahin tingeln und seine Kohle darin investieren, was in seinen Augen den höchsten Mehrwert bietet, eines scheint mir aber sicher, wer noch viele Jahre regionale, unabhängige und gute elektronische Musik erfahren möchte, muss eben auch regelmäßig dorthin reisen, wo sie ist.

Stefan Erbe

Viele der Empulsiv-Leser sind sicher auch oft als Besucher unterwegs und genießen neben den üblichen Festivals, immer wieder auch mal dass eine oder andere kostenlose Event, die es allerdings (mittlerweile) immer seltener zu finden gibt. Ausnahmen waren in der Vergangenheit beispielsweise einige Schallwende Konzerte (www.schallwen.de), Einladungen des Künstlerateliers Güterhallen oder eine überschaubare Menge an kleinen Veranstaltungen, die oft durch die handelnden Musiker beworben und umgesetzt wurden. Der Trend, nicht mehr ausschließlich für "Umme" aufzutreten, scheint sich immer mehr zu etablieren, obwohl nichts dagegen spricht, auch mal Konzerte gegen freien Eintritt zu organisieren. Die lohnen sich zumeist dann, wenn die Aussicht auf umfangreiche Besucherzahlen ausbleiben könnte oder es einen Sponsor gibt, der das Salär für die Musiker aufbringen kann. So wohl geschehen am 19.5. im Planetarium in Brüssel, zu dem über 200 Besucher freien Eintritt hatten und u.a. zu Ron Boots und Galactic Underground lauschen konnten, ohne einen Euro dafür bezahlen zu müssen.
Die Prognose, dass nun zukünftig kein Besucher mehr für ein Konzert unterm belgischen Sternenhimmel zahlen werden wird, ist ebenso unwahrscheinlich, wie die Vermutung, dass nun alles dort umsonst zu bekommen ist. Dies gilt im Übrigen auch für alle anderen Musikevents die demnächst noch umgesetzt werden oder ihre Fortführung finden, egal ob in NRW, Belgien oder sonstwo in Europa. Das Angebot von guten Veranstaltungen hat sich nicht nur etabliert, sondern auch in ihrer Qualität stetig verbessert. Die Besucherzahlen (ja, leider noch nicht überall) sind stabil und der Querschnitt der Fans ist mit der gebotenen Kunst wohl auch zufrieden.
Freuen wir uns also in Gänze über das aktuelle Angebot und den vielschichtigen Optionen, seine Lieblingsmusik live frönen zu können, egal ob gegen Zutrittskohle oder mit freier Admission. Überlassen wir es doch den handelnden Personen selbst zu entscheiden, wie sie es kalkulieren wollen. Wichtig ist doch, dass sich weiterhin ein adäquates Angebot realisieren lässt und sich die Reisenden danach gut Unterhalten gefühlt haben. Ach, und wer den Eintritt eingespart hat, kann ja vielleicht eine Extra-CD am Merch-Stand mitnehmen. Damit unterstützt man sowieso die Künstler.

Stefan Erbe

Nach den vielen Schallwelle-Jahren im Bochumer Planetarium zeichnete sich bereits 2016 schon ab, dass ein Auszug bzw. ein Umzug der Veranstaltung in eine neue Lokation nicht nur Sinn machen würde, sondern wichtig und richtig war. Zugegeben, das Planetarium ist ein toller Veranstaltungsort. Auch für die Schallwelle, denn die Mischung aus Örtlichkeit gepaart mit der tollen Kuppeltechnik, vermengt mit der netten Athmosphäre im Kuppelrund hat(te) etwas Besonderes. Dennoch schlich sich mit den Jahren auch ein Verschleiß ein, der die Individualität von Jahr zu Jahr leicht reduzierte und aus Freude an der Veranstaltung ein eher routiniertes Event machen lies. Gut also, sich auf die Suche nach Veränderung zu machen. 
Die Rohrmeisterei in Schwerte als neuen Ort der Preisverleihung zu wählen, war eine gute Entscheidung. Die Kombination aus echter Eventlokation mit Bühne, verändertem Catering und Sitzvariante hat der Veranstaltung gut getan. Die Möglichkeiten der Konzerte und der Präsentation vergleichen sich ähnlich positiv wie schon zu Zeiten im Ledigenheim zu Dinslaken.

In unsere schnelllebigen Zeit gibt es mittlerweile wenige Augenblicke in denen wir wirklich inne halten um den einen Moment besonders zu reflektieren. Ich gestehe auch, dass eine Info vom Vortag (zum Beispiel der Tod einer öffentlichen Person) schon oft am nächsten Tag, kaum noch eine Rolle spielt. Viel zu schnell gehen wir zu Tagesordnung über und investieren kaum noch Zeit in die Betrachtung des Verstorbenen. Bei Klaus Hoffmann-Hoock sollte es und wird es anders sein. Wir, seine Freunde und Musikerkollegen werden uns viel länger an ihn erinnern können, den Klaus umgaben viele Besonderheiten, die selten zu finden waren. Sein Art mit anderen Menschen umzugehen war immer geprägt von echtem Interesse an dem Gegenüber, sie umgab eine soziale Verbundenheit die wir alle als überaus sympathisch empfanden und die einen permanenten Respekt beinhaltete. Seine besondere Eigenschaft Dinge in Worte zu fassen, etwas Humoriges in seinen Ausführungen zu verstecken und mit seinen Erzählungen ganze Abende zu etwas Besonderem werden zu lassen, waren seine Form eines gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Die Liebe zur Musik uneigennützig mit anderen zu teilen gehörte ebenso zu seiner großen Kunst. Er blieb stets unaufgeregt, unterwarf sich dem Ziel sich einzubringen aber eben nicht dem Streben, sich dabei in den Vordergrund zu stellen. Dabei hätte er, rückblickend auf sein musikalisches Schaffen, oft viel mehr einfordern können. Auch er gehörte in die Riege der Pioniere, die wir heute gerne als eigene Motivationsgrundlage benennen. Dabei erscheint seine persönliche Vorstellung vom Ruhm und Ehre oft ganz anders, als die vieler anderer Künstler. Seine Erkenntnisse aus der Zeit von Mind over Matter oder Cosmic Hoffmann hinterließen einen Typ der eher Gedanken teilte, als sich über Erfolge zu definieren. Klaus hatte diese besondere Eigenschaft wirklich zuzuhören und Dir das Gefühl zu geben, dass Du immer auf einer gemeinsamen Augenhöhe mit ihm kommunizierst. 

Mir wird seine Stimme, sein Wesen und seine Art Menschen zu verbinden, besonders in Erinnerung bleiben. Vermissen werden wir ihn immer dann, wenn seine Qualitäten benötigt werden, wenn wir seine Musik hören und wenn wir jemand brauchen, der uns einen ehrlichen Rat geben kann, der frei von eigenen Interessen bleibt. Vielleicht können wir in Zukunft einen Teil davon auch zu unseren eigenen Stärken zählen. Ein Versuch wäre es wert.

Stefan Erbe

Erinnern Sie sich noch daran, wie Sie früher an (elektronische) Musik gekommen sind? Also ich mich noch ziemlich gut.

So Mitte der 80er Jahre, als ich Winfrid Trenkler's 'Schwingungen' gerade entdeckt hatte, war ich noch Schüler und wohnte in einer kleinen Stadt im Bergischen Land.  Es gab einen kleinen Radioladen, der hatte auch ein Plattenregal, und es störte den Händler nicht allzusehr, wenn sich die Teenager auf den ausgestellten Stereoanlagen die eine oder andere Platte auf Kassette überspielten - solange er die Kassetten verkaufte.  Das Plattenregal war naturgemäß nicht allzu groß, und EM-mäßig war dort nicht allzuviel zu finden.  Zum nächsten echten Plattenladen in der nächst-größeren Stadt war es eine Stunde mit dem Bus, und die richtig große Auswahl gab's erst im Saturn in Köln.  Fehlende Motorisierung und begrenzte finanzielle Mittel setzten solchen Ausflügen natürliche Grenzen, so hat man sich bestenfalls alle zwei oder drei Wochen ein neues Stück Vinyl geleistet.  CD-Player gab es zwar auch schon, aber für die wurden damals noch vierstellige Preise aufgerufen.

Nun ist auch die 2015er (2016) Schallwelle-Preisverleihung Geschichte. Selten zuvor hat sie soviele Diskussionen, (teils sehr polemische) Kritik und Meinungen aushalten müssen, wie in diesem Jahr. Sei es die Konstellation der Lokation, die Zusammenstellung der Jury oder des Wahlverfahrens, nahezu alle Punkte wurden mit Aussagen überhäuft, mit Spekulationen und Vermutungen in Frage gestellt. 

Dabei gilt eines festzuhalten; die grundsätzlichen Parameter haben sich zu den Vorjahren nicht geändert und hatten sich über die letzten Jahre eigentlich immer bewährt. Doch warum regt sich neuerdings soviel Wiederstand über das Ergebnis der Wahlen und warum formuliert sich die Kritik auch noch ungewöhnlich aggressiv und antipathisch?

Ein wesentliches Problem ist die Tatsache, dass die große Internetgemeinde in ihrer Abstimmung die Großen der Zunft zu wählen scheint und scheinbar auch die Jury in der Gunst der Auswahl, diesen Künstlern, zumindest ein Teil seiner Stimmen gegeben hat. Dazu muss man wissen, dass aus beiden Wahlen (Jury und Internet) der Sieger gekürt wird, in dem die Stimmen aus beiden Lagern addiert werden. Dies ergab immer eine sinnvolle Schnittmenge, die dafür Sorge trug,

Ja liebe Empulsiv-Leser, die Einschläge kommen näher und auch wir müssen uns mit der Endlichkeit unserer musikalischen Heroen abfinden. Froese, Frey, Bowie und Co werden auch in Zukunft noch von diversen ablebenden Künstlern ergänzt werden. That´s Life!

Aber die Frage die sich dennoch stellt ist, warum empfinden wir den Verlust selbst so intensiv? Es kann nicht nur die musikalische Begleitung des eigenen Lebens sein, die uns mit den Musikern verbindet. Auch die Besonderheit ihrer Kunst und ihren Möglichkeiten, sich in jungen Jahren eine Einmaligkeit erarbeitet zu haben, ist wohl nicht der Auslöser zur eigenen gesteigerten Emotionalität bei Kenntnisnahme des Versterbens. Vielmehr scheint es eher der virtuelle Spiegel zu sein, der tributierende Künstler und die Fans an die eigene Sterblichkeit erinnert. Der eine mag es als berechnende Natürlichkeit betrachten, dass C-Promi-Musiker die Wichtigkeit des Einflusses der/des Verstorbenen auf die eigene Schaffensgrundlage äußern, die anderen nutzen die Gunst der Stunde, um alle versammelten Werke noch mal durch die hiesigen Charts zu treiben. Geschenkt.

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