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Was wäre ein Jahresende ohne das "Hello"-Konzert am Vortag im Planetarium Bochum? Für mich nur eine halbe Sache, und mit dieser Meinung stehe ich nicht alleine da. Das in Zusammenarbeit mit den Schallwende-Verein veranstaltete Jahresabschluss-Konzert hat noch nie unter schlechtem Zuspruch gelitten - ganz im Gegenteil, ein ausverkauftes Kuppelrund am 30. Dezember ist der Normalfall. Für "Hello 2019" konnte Sylvia Sommerfeld aber einen ganz besonderen Coup landen und Tangerine Dream verpflichten. Die Resonanz war entsprechend: Gleich zwei Konzerte wurden für diesen Abend angekündigt, und beide waren nach wenigen Tagen ausverkauft.

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Das Interesse an einem Tangerine Dream-Konzert plus Klaus-Dieter Ungers Projektionen war offensichtlich so groß, dass einige an diesem Tag ohne Ticket angereist sind, in der Hoffnung, dass noch die eine oder andere Karte kurzfristig zurückgegeben wird. An der Kasse des Planetariums wird dafür eine "Nachrückerliste" geführt: Wer Glück hat, dessen Name wird irgendwann kurz vor der Vorstellung im Foyer ausgerufen. Die Wartezeit kann man sich mit den dort ausgestellten Exponaten vertreiben. Auf dem großen Globus den eigenen Heimatort zu suchen, ist ein beliebtes Spiel. Es hat dazu geführt, dass einige Stellen auf dem Globus vom vielen Anfassen schon ganz abgenutzt sind. Neueren Datums ist die mannshohe Astronauten-Figur, in deren Helm man seinen Kopf stecken kann. Wer noch nichts gegessen hat: Der Förderverein des Planetarium macht auch heute wieder das traditionelle Waffelbacken - Frische Waffeln, solange der Teig reicht.

Tangerine Dream hat am Vorabend nicht nur ihr ganzes Equipment herangeschafft. Im Transporter war auch noch Platz für CDs, T-Shirts, und andere Fan-Artikel. Die liegen jetzt ausgebreitet auf einem Tisch neben dem Eingang zur Kuppel, wo sonst das Planetarium seinen Shop betreibt. Ein netter Zug: man hat an diesem Abend keinen Anspruch auf das "Verkaufs-Monopol" erhoben. Stephan Erbe, Spheric Music und Groove Unlimited dürfen heute Abend auch noch CDs unter das Volk bringen. Als prominenten Kunden am Groove-Stand sieht man Ulrich Schnauss.

Vor dem ersten Konzert um 20 Uhr steht noch ein Extra an, das auch schon eine Tradition hat: eine Lesung aus Edgar Froeses Biographie "Force Majeure". Bianca Froese sucht sich dafür immer zwei oder drei Kapitel aus dem Buch heraus. Ein Rednerpult ist nicht vorhanden, die Theke muss ersatzweise herhalten. Vor ihr werden alle im Foyer vorhandenen Stühle aufgestellt. Knapp vierzig Sitzplätze kommen auf diese Weise zusammen, nach den Erfahrungen mit der Lesung in Duisburg sollte das eigentlich reichen.

Nun ja, es hat nicht ganz gereicht. Auch die noch herumstehenden Stehtische sind in Benutzung, als Bianca mit dem ersten Kapitel beginnt - ein Kapitel, das ich bisher noch nicht live gehört hatte. Man schreibt das Jahr 1980 und Tangerine Dream spielt ihr erstes Konzert in der damaligen DDR. Wie in der DDR üblich, wurde der Großteil der Karten an Partei-treue Kader verteilt. Das "gemeine Volk" hatte kaum eine Chance, an eine Karte zu kommen und versuchte jetzt auf andere Weise in den Palast der Republik zu gelangen. Die Situation wurde gefährlich, und die einzige Möglichkeit, sie zu entschärfen, war den Massen doch noch Einlass zu gewähren. So musste Johannes Schmoelling direkt sein erstes Konzert in einem übervollen Saal spielen, in dem auch die letzte Treppenstufe noch besetzt war.

Kapitel Nummer zwei ist eines, das Bianca schon öfters gelesen hat, es geht um Edgars Begegnung mit Salvador Dali. Tangerine Dream gab es zu dieser Zeit noch nicht, mit seiner damaligen Band "The Ones" durfte Edgar auf einer der von Dali veranstalteten Parties spielen. Bei dieser Gelegenheit konnte er einen Blick in das Atelier des Meisters werfen, und ihm Fragen zu seiner Arbeitsweise stellen. Ob die Antworten erschöpfend waren oder eher neue Fragen aufgeworfen haben? Das mag jeder selber beurteilen. Beeindruckend ist auf jeden Fall Biancas Lesestil. Sie versteht es, mit Betonung und ihrer Gestik die Geschichten lebendig zu machen, und der Applaus ist wohlverdient.

Ein wenig Zeit bis zum ersten Konzert bleibt noch: Während man drinnen schon den Soundcheck hört, kommt ein drittes Kapitel zum Vortrag. 1983 waren Edgar, Christoph und Johannes auf Tour durch Japan. Die Erfahrungen in diesem Land, dessen Kultur für Europäer in so vielerlei Hinsicht fremd und anders wirkt, müssen Edgars Denken nachhaltig geprägt haben, besonders was eventuelle Urteile über andere Kulturen angeht.

Jetzt ist es aber an der Zeit, sich Richtung Kuppel zu begeben. Das Gedränge vor dem Eingang ist zwar nicht so groß wie seinerzeit in Ost-Berlin, aber spätestens hier wird einem klar, dass der Saal bis auf den letzten Platz ausverkauft ist - und leider auch darüber hinaus. Übermittlungsprobleme beim Kartenvorverkauf haben dazu geführt, dass einige Plätze mehrfach verkauft wurden. Sollten also auch hier einige Besucher auf der Treppe Platz nehmen müssen? Das wäre aus Sicherheitsgründen nicht erlaubt. Stattdessen werden eilends noch einige Stühle von draußen geholt und dort aufgestellt, wo es gerade noch vertretbar ist. Irgendwie klappt es, dass jeder einen Sitzplatz bekommt und Frau Professor Hüttemeister mit der Einführung beginnen kann. Die obligatorischen Hinweise, alles auszuschalten, was störendes Licht oder Geräusche verursachen könnte, dürfen nicht fehlen. Dann gibt sie das Mikrofon an Sylvia Sommerfeld vom Schallwende-Verein weiter. Sylvia erzählt, wie dieses Konzert überhaupt zustande gekommen ist. Zuguterletzt werden Hoshiko, Thorsten und Ulrich auf die Bühne gebeten - das erste Konzert kann beginnen.

Wer in den letzten ein oder zwei Jahren Tangerine Dream einmal live gesehen hat, der weiß schon, welchen Ablauf es in ungefähr nehmen wird. An einen bunten Mix bekannter TD-Titel aus den letzten Jahrzehnten schließt sich eine etwa halbstündige frei gespielte "Session" an. Der Titel-Mix springt wie üblich frei zwischen den Jahrzehnten hin und her. 70er-Jahre-Klassiker wie "Cloudburst Flight" oder "Stratosfear" wechseln einander ab mit Titeln vom aktuellen Album "Quantum Gate". Die Playlist hatte Klaus-Dieter Unger, der Herr über die Projektoren, übrigens im voraus enthalten, so dass er "seine Show" darauf abstimmen konnte. Die Bilder reichen von einem schlichten Sternenhimmel über Himmelskörper bis zu kleinen Filmen, die Raketenstarts und Apollo-Astronauten auf dem Mond zeigen - der fünfzigste Jahrestag der ersten Mondlandung liegt ja nicht mehr in allzu weiter Ferne.

Mein Sitzplatz erlaubt es mir ausnahmsweise, auch einmal während des Konzerts nach vorne zu gehen und ein paar Fotos zu schießen. Dabei stelle ich ein ums andere Mal fest, dass das Fotografieren in einem Planetarium zur "Königs-Klasse" gehört, wie sich einer der mitgereisten Techniker von TD vorher ausgedrückt hatte. Blitzen verbietet sich natürlich von selber, weil es die Projektionen stören würde, also muss man einen Moment mit einer einigermaßen hellen Projektion an der Kuppel abwarten. Dann hat man die Chance, ein Foto zu machen, das nicht völlig unterbelichtet und/oder verwackelt ist. Leider war während der Vorstellung gelegentlich zu beobachten, dass Klaus-Dieter Ungers Projektionen an der Kuppel von einem roten Hilfsblitz überlagert waren - der sollte an so einem Ort ausgeschaltet bleiben.

Die freie Improvisation war gleichzeitig die Zugabe und beschließt das erste Konzert. Für eine weitere Zugabe wäre auch gar keine Zeit mehr - die eigentlich halbstündig geplante Pause zwischen den beiden Konzerten soll bereits auf eine Viertelstunde verkürzt werden. Für ein Schlusswort von Sylvia Sommerfeld ist aber noch Zeit - und Standing Ovations werden im Planetarium auch nicht allzu häufig gewährt.

Aus der geplanten Viertelstunde wird dann doch wieder eine halbe. Langweilig wird es nicht, denn jetzt sind neue Besucher da, die nur für das zweite Konzert eine Karte gekauft haben (oder nur dafür eine ergattern konnten...). Auch diese bekommen ein vollständiges Programm zu sehen: Das zweite Konzert ist keine bloße Ergänzung des ersten, sondern bietet den gleichen Mix aus aktuellen und klassischen Tracks, gefolgt von einer freien Improvisation. Wenn man einen Unterschied ausmachen möchte: die "Klassiker" kommen dieses Mal eher aus den 80er-Jahren. Das Set beginnt mit "Tangram" und "White Eagle" und schließt mit "Poland". An die 80er angelehnte Sounds finden auch ihren Eingang in die Improvisation; diese ist (gefühlt) länger als im ersten Konzert und hat durch zwei oder drei Stilwechsel ihren eigenen Spannungsbogen. Nach dem Konzert wird es noch angeregte Diskussionen geben, ob sie nun besser oder schlechter war als die im ersten Konzert.

Über eines sind sich aber alle Anwesenden einig: Dieses Event zum Jahresabschluss war ein echter "Kracher". Auch am Ende des zweiten Konzerts bekommen Hoshiko, Thorsten und Ulrich stehenden Applaus. Wen die "ungesunde" Gesichtsfarbe des Trios in diesem Moment wundert: Klaus-Dieter Unger hatte als Abschluss seiner Projektionen noch eine virtuelle Winterlandschaft samt Nordlichtern geschaffen, was den Saal in grünes Licht tauchte.

Das Schlusswort von Sylvia Sommerfeld: Dies war ein Doppelkonzert, das nicht mehr zu übertreffen ist. Wobei sie sich mit dem Nebensatz "in diesem Jahr" noch ein Hintertürchen offen lässt. Unabhängig von dieser Einschränkung war "Hello 2019" eines der Highlights dieses Jahres, und es könnte den einen oder anderen dazu motivieren, seine Wahl für die kommende Schallwelle noch einmal zu überdenken. "Hello 2020" für den 30.12.2019 dürfte auf jeden Fall gesichert sein.

Alfred Arnold

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