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Ein Zirkus ist eigentlich dadurch gekennzeichnet, dass er von Ort zu Ort weiter zieht und nicht ständig an einem Ort bleibt. Gemessen daran hat der Electronic Circus schon recht viele Vorstellungen im Detmolder Sommertheater gegeben. Für 2019 stand jedoch ein Umzug an, wenn auch nur innerhalb der Stadt - die Detmolder Stadthalle ist keine 15 Geh-Minuten vom Sommertheater entfernt, so dass seit Jahren gepflegte Hotelpräferenzen nicht geändert werden müssen. Man lenkt die Schritte einfach in eine andere Richtung. Hat man einem überdimensionalen Fuß erreicht, dann ist die Stadthalle auch schon in Sichtweite. Ein Schild informiert darüber, dass Füße wie dieser jeder etwa 12 Tonnen des unweit stehenden Herrmansdenkmals tragen. Eine nicht viel kleinere Last dürfte in den letzten Wochen auf den Schultern der Organisatoren gelegen haben, war der diesjährige Circus doch alles andere als ein Selbstläufer. Gerade einmal vor drei Wochen kam der Hilferuf, dass die schlechten Vorverkaufszahlen die Veranstaltung insgesamt in Frage stellen würden. Besucher, die Tickets immer kurzfristiger kaufen, sind nicht erst seit diesem Jahr ein Problem, zusammen mit der Absage von B-Wave haben sie aber der Szene in diesem Jahr ein neues Diskussionsthema beschert.

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Zu was diese Diskussionen auch immer führen werden, im Falle des Circus hat der "Weckruf" in die Szene gerade noch gereicht, die Finanzen des Festivals in einen realisierbaren Bereich zu rücken. Selbige sollen auch der Hauptgrund für den Umzug in die Stadthalle gewesen sein. Der erste Eindruck der neuen Location: nicht minder gediegen als das Sommertheater, wenn man eine ähnliche Qualität für weniger Geld bekommen kann, war der Wechsel eine gute Entscheidung. Etwas ungewohnt ist nur die Verteilung des "Foyers" über zwei Etagen: Der Bereich direkt hinter dem Haupteingang liegt ebenerdig. Genutzt hat man ihn zum einen mit Ausstellungsflächen für Synthesizer. Michael Menze hat dieses Mal keine Roland-Hardware mitgebracht, anstelle dessen sind mehrere Tisch-Meter mit Geräten von Arturia ausgebreitet, natürlich alle betriebsbereit und "zum Anfassen". Selbiges gilt auch für den Stand von Gerhard Mayrhofer und SYNTH-WERK. Eines dieser Geräte wird am Abend noch eine besondere Rolle einnehmen, aber dazu später mehr.

Gegenüber von den Hardware-Ständen hat die Interview-Ecke von EMpulsiv ihren Platz gefunden. Heute ist sie besonders bequem, ein Sofa aus dem Mobiliar der Stadthalle dient den Gästen als Sitzgelegenheit. Wie schon in den vergangenen Jahren wird Ecki Stieg aus Hannover nach Dortmund kommen und einige längere Interviews in den Pause führen.

Eine Treppe führt hinunter zum zweiten Foyer-Bereich mit Bar und Garderobe. Konnte man oben "Hardware" sehen, findet sich hier "Software", in Form der CD-Stände. Neben den Labels Groove und Spheric hat auch Volker Rapp mit seinem Portfolio nach Detmold gefunden, diverse der heute auftretenden Künstler haben auch ihr "Plätzchen". Erfahrungsgemäß verkaufen sich CDs immer im Anschluss an das jeweilige Konzert besonders gut.

Apropos Konzerte: Neben den CD-Ständen war auch noch Platz für ein "Konzert vor dem Konzert". Einerseits hatte Ansgar Stock ja schon im letzten Jahr auf dem Circus ein Pausenkonzert gegeben und wollte sich in diesem Jahr eine kleine Auszeit bis zu E-Live nehmen. Andererseits hat er gerade sein erstes Album veröffentlicht, und wenigstens ein Mini-Konzert bei den Machern der Schwingungen-Party, wo Ansgar im letzten Jahr seine Bühnen-Premiere hatte, sollte doch schon "drin" sein. So präsentiert er heute drei Titel von "Episode 1" - genug, um die CD-Verkäufe anzukurbeln, und nicht zu viel, als dass der pünktliche Beginn des ersten Konzerts im Saal in Frage stünde.

Das Programm ist nämlich mit fünf Acts dieses Mal eng gepackt, und schon laut Plan soll der letzte davon erst um kurz vor Mitternacht enden. Da ist es dringend geboten, nicht direkt zu Beginn mit einer Verspätung zu starten. Beim Einlass läuft im Saal "Barfuß oder Lackschuh" von Harald Juhnke - was die Macher uns damit sagen wollen? Vielleicht ein "Alles oder Nichts" als Motto, trotz der Probleme im Vorfeld fahren wir ein volles Programm auf. Bekleidungsmäßig ist es weder das eine noch das andere, Frank Gerber und Hans-Herrmann Hess sagen die ersten Musiker des Tages ganz traditionell im Zirkusdirektor-Kostüm an. "Elektronik weltweit" ist das Motto, und der Opener des Tages kommt schon von einer äußersten Ecke unseres Kontinents, nämlich aus Portugal: "RSFP" besteht aus Rui Santana und Filipe Pilar, ein Duo, das nicht nur mir bisher noch unbekannt sein dürfte. Aber das ist ein Markenzeichen des Circus, bisher noch unbekannte Namen in das Licht der EM-Szene zu rücken. Frank verspricht auch direkt noch eine Überraschung während des Auftritts.

Das Konzert beginnt nicht mit Musik, sondern mit schabenden Geräuschen. Auf der Leinwand kratzt eine Hand mysteriöse Symbole in Stein: Unter anderem ein Kreuz, und etwas, was wie eine Leiter aussieht, ist das eine Geheimschrift? Die dazu einsetzende Musik ist eher düster und unterstreicht die geheimnisvolle Stimmung. Steine werden jetzt auch live zum Klingen gebracht: eine Platte und zwei Schlegel dienen als Perkussionsinstrument, im Wechsel mit einer Schreibmaschine (!). Zusammen mit einigen fetten Basslinien ergibt das einen sehr rhythmischen Einstieg, an dem aber auch Fans der Berliner Schule ihre Freude haben dürften: Fast eine halbe Stunde läuft der erste Track, an dessen Ende der Titel "2500 Years of Writing" steht. Nunja, die Erfindung von Schrift ist definitiv älter, das wirft eher neue Fragen aus, als dass es sie beantwortet. Mit denen werden wird der Zuschauer einstweilen alleine gelassen. Die nächsten Titel sind kürzer und widmen sich Themen wie der Eisenzeit, dem Meer oder den Grundlagen der modernen Zivilisation: Handel, Kultur, Kommunikation. Natürlich wäre das alles ohne Schrift nicht möglich, und so kehren Rui und Filipe am Ende des Konzerts zum Eingangsthema zurück. Das Rätsel um die 2500 Jahre wird aufgelöst: so alt ist die iberische Schrift, und die Zahl von 2500 Jahren passt gut zu den 25 Jahren, die dieses Duo mittlerweile zusammen Musik macht. Das wollen die beiden natürlich noch ein wenig feiern, und so gerät der letzte Titel "Alphabet" sehr poppig, schon fast zu einer Disco-Nummer. Tanzfläche wäre vor der Bühne jedenfalls genug! Man könnte sagen, das erste Konzert war ein "Circus im Kleinen": etwas experimentell und ungewohnt, ein guter Schuss Berliner Schule, aber auch mit modernen und kommerziellen Anteilen - eben von jedem etwas. Wer angesichts des Line-ups im Vorfeld befürchtet hatte, der Circus würde die Fans klassischer elektronischer Klänge außen vor lassen, der ist direkt zu Anfang bereits aufs Angenehmste enttäuscht worden.

Dieser Eindruck wird sich nach der Pause fortsetzen. Frank schickt ein "Seid Ihr alle da?" in die Runde, und die Antwort ist ein kräftiges "Ja". Der Saal ist merklich besser gefüllt als noch vorhin. Offensichtlich hat es der eine oder andere nicht rechtzeitig nach Detmold geschafft, oder er hat schlicht nicht damit gerechnet, dass es pünktlich losgeht. Den folgenden Auftritt werden sie jedenfalls komplett erleben. Martin Stürtzer hatte bereits auf der Schwingungen-Party gespielt und ein fast reinrassiges Techno-Set hingelegt: Eine Stunde lang nur einen einzigen Rhythmus zu variieren, ohne langweilig zu werden, zeugt zwar auch von Können, nimmt aber auch nicht jeden Hörer "mit". So ist der Fahrplan für die heutige Dreiviertelstunde ein anderer: Die Sequenz und die warmen Klänge im ersten Track sind ein Trip in die 70er, danach wird es immer dunkler und dräuender. Martin zeigt eine Auswahl dessen, was er einmal in Jahr auf dem Phobos-Festival in Wuppertal spielt. Er "kann" eben nicht nur Techno, unter verschiedenen Projektnamen praktiziert er ganz verschiedene Stile, von Dark Ambient über klassische Sequenzen bis zu harten Techno-Beats.

Apropos Wuppertal: der Begriff "Fahrplan" ist treffend, zu der Musik laufen Bilder einer Fahrt mit der Schwebebahn. Die schafft eine Tour von einem Ende zum anderen in weniger als 45 Minuten, die Bilder sind von mehreren Touren zusammen geschnitten und unterstreichen mit dem Wetter während der Fahrt auch die jeweilige musikalische Stimmung. Endstation nach einer Dreiviertel Stunde erreicht? "Da ich das kürzeste Set habe, darf ich noch einen spielen", wendet Martin ein, und die kleine Extratour wird gerne gewährt. Welche Stimmung hatten wir noch nicht? Richtig, Chillout hat noch gefehlt, ein runder Abschluss für eine Tour durch Wuppertal und die elektronischen Stile.

Solche Ausflüge machen hungrig, passenderweise ist in der großen Pause nach dem zweiten Konzert genug Zeit für ein (frühes) Abendessen. Ist das schnell genug erledigt, kann man noch die Gegend um die Stadthalle erkunden. Am Schlossteich bietet sich zum Beispiel die seltene Gelegenheit, ein Pärchen schwarzer Schwäne zu beobachten und im Bilde festzuhalten. Es ist ein netter Zufall, dass "SCHWARZ" der nächste Act des Tages sein wird. Bis der beginnt, kommt aber noch einmal Martin Stürtzer zu Wort, Ecki Stieg hat ihn für ein Interview aufs Sofa geholt. Beruflich ist Martin Kirchenorganist, womit sich auch erklärt, wie er an eine Kirche als Spielort für das Phobos-Festival gekommen ist. Dark Ambient, so wie es dort gespielt wird, kann man zwar öfters auch auf anderen Konzerten hören, aber immer nur zwischen anderen Musikrichtungen. Er wollte daher dieser Stilrichtung der EM einen exklusiven Raum geben, im dem sie ihre volle Wirkung entfalten kann. Und Martin geht auch noch einmal auf seine verschiedenen Projekte ein, und dass er heute einen Querschnitt davon geben wollte. Auch bei den Distributions-Medien probiert Martin Ungewöhnliches aus: "Seven Pieces for Synthesizer" ist physisch nur auf Kassette erhältlich, nicht auf CD oder LP. Nachdem die LP schon fast wieder "Mainstream" geworden ist, haben einige Musiker die MC als analoges Medium wiederentdeckt - wer Digitales haben will, für den gibt es immer noch den Download als "perfektes" FLAC oder WAV.

Während das Interview läuft, taucht immer noch der eine oder andere späte Gast an der Abendkasse auf. Auch wenn die Veranstalter am Ende nicht restlos über die Besucherzahlen glücklich sein können, so hellt sich Hans-Herrmanns Miene doch etwas auf, als eine dreistellige Zahl erreicht ist. Veranstalter müssen sich wohl zu einem gewissen Grad damit abfinden, dass Tickets heutzutage kurzfristiger gekauft werden als früher, und man die Flinte nicht zu früh ins Korn werfen darf.

Wie dem auch sei, die neu hinzugekommenen Besucher drängen sich mit den aus der Stadt zurück gekehrten im Foyer und warten auf Einlass. Es dauert eine Viertelstunde länger, bis die Tür sich öffnet und ein frisches Lüftchen ins Foyer weht. Die Instrumente der ersten beiden Acts sind fortgeräumt, es ist Platz für Roland Meyer de Voltaire und sein Projekt "SCHWARZ". Passend dazu hat Frank sich eher dezent mit einem schwarzen Hemd kostümiert. Der "Synthpop-Act" mit Stimme hat ja auch seine Tradition auf dem Circus, und diese Sparte wird von SCHWARZ mit einem Hochkaräter gefüllt - Roland ist zusammen mit Schiller auf Tour gewesen, einen seiner Titel hat Christopher von Deylen sogar zu einer eigenen Version verarbeitet. Den hat man heute (leider) nicht geschafft dazuzuholen, aber auch so bringt Roland Meyer ein kurzweiliges und berührendes Set auf die Bühne. Mal singt er einfach nur und überlässt Linda den Rest, mal nimmt er die Gitarre zur Hand oder setzt sich selber an die Tasten. Letzteres zum Beispiel bei einem Titel zum Thema "Heimat", der ihm das unerwartete Gefühl einer Klick-Flut auf YouTube beschert hatte. Vielleicht ist das Gebotene dem einen oder anderen EM-Fan zu kommerziell, dafür darf man hoffen, dass solche Konzerte auch neue Besucher anziehen. Es ist ja auch völlig in Ordnung, wenn man einmal "aussetzt" und sich stattdessen draußen im Foyer unterhält.

Den (beinahe) letzten Titel des Abends, "Get Up", hat Roland für eine Dokumentation über Borussia Dortmund geschrieben, er läuft in deren Abspann. Sehen kann man sie leider nur im Streaming-Abo. Vielleicht bringt er nächstes Mal ein paar Bilder daraus für die Leinwand mit? Das dritte Konzert des Tages ist nämlich komplett ohne Visuals gelaufen, was Roland schon fast ein wenig unangenehm ist - "Nächstes Mal bringen wir welche mit". Ein Extra-Applaus für Linda, die die ganze Zeit eher im Hintergrund geblieben ist, und für die Zugabe darf sie Pause machen, die bestreitet Roland alleine - das rhythmische Klatschen der extra für ihn angereisten Fans lässt er nicht unbelohnt.

Martin Stürtzer durfte sein Interview nach dem Konzert geben. Da Thorsten Quaeschning und Paul Frick den Abend beschließen werden, müssen sie zwangsweise vorher auf Sofa und vor die Kamera. Auch dieses Mal kommen die Fragen von Ecki Stieg. Da dieses Projekt noch recht neu ist, ist die erste Frage natürlich: Wie seid Ihr zusammengekommen und was macht den Reiz aus? Paul Frick ist ansonsten Teil des Trios "Brandt Brauer Frick", das sich der Idee verschrieben hat, Klänge von klassischen Instrumenten mit Formen aktueller Elektronischer Musik zu vereinen. Thorsten erzählt, hier hätten sich prinzipiell zwei Pianisten gefunden, aber eine Zusammenarbeit würde nur funktionieren, wenn musikalische "Funktionen" darin nicht redundant besetzt wären. Was Paul Frick in diese Kooperation einbringt, ist die Erfahrung mit Musikrichtungen außerhalb der Elektronik - Thorsten spricht in diesem Zusammenhang von "elektronischem Jazz". Dem Jazz-Prinzip entsprechend, entsteht die Musik spontan und aus dem klanglichen Dialog heraus. Die erste CD "The Seaside Stage Session", gerade frisch erschienen, ist mehr oder weniger die Aufnahme einer solchen Improvisation auf der letzten Superbooth-Messe in Berlin. Was heute Abend ab 22 Uhr passieren wird, steht deshalb auch noch in den Sternen.

Vorher jedoch dürfen noch zwei andere Herren auf der Bühne herumtoben, und weil Mario Schönhofer und Tobi Weber aka "Die Ströme" aus dem tiefsten Süden der Republik angereist sind, hat sich Frank für die Ansage zur Abwechslung in Lederhose, Wanderschuhe und Karohemd geschwungen. Auch wenn der Platz vor der Bühne offiziell zum Tanzen freigegeben ist - Schuhplatteln wäre nicht passend zu dem, was und in der folgenden Stunde erwartet. Obwohl insgesamt drei große modulare Racks bereitstehen - davon eines eine Leihgabe des heute ausstellenden SYNTH-WERK - werden wir jetzt alles andere als endlose Sequenzen hören. Ich hatte "Die Ströme" schon vor zwei Jahren in Düsseldorf live gesehen, und das Dance-Feuerwerk, was dieses Duo aus den randvollen Doepfer-Racks herausgeholt hat, war schlicht und ergreifend atemberaubend. Mario und Tobi brauchen nur wenige Minuten, bis sie "Betriebstemperatur" erreicht haben und die Post abgeht. Atempausen gibt es nur wenige und kurze, danach geht der Beat wieder mit voller Power weiter. Es ist einer der Fälle, wo ich es bedaure, dass in einem EMpulsiv-Bericht nur Standbilder gezeigt werden: Mario und Toni gehen den Rhythmus auch körperlich mit, alleine das ist schon eine Show für sich. Wie sie es dabei noch schaffen, das eine oder andere Patchkabel unfallfrei zu stecken, ist mir ein Rätsel. Beeindruckend ist das Durchhaltevermögen dabei, und nicht nur das: nach einer dreiviertel Stunde schalten sie noch einmal einen Gang hoch. Wie schaffen die beiden das bloß, es ist ja schon für das Publikum eine Anstrengung, eine gute Stunde mit Kopf und Füßen mitzuwippen?

So gebührt Den Strömen denn auch einer der längsten Beifälle des Tages, nicht nur für die Musik, sondern auch für die körperliche Leistung, die sie auf der Bühne gezeigt haben. Ob uns gerade mal eine halbe Stunde Pause reichen wird, sich für das nächste und letzte Konzert zu erholen?

Aus der halben Stunde Pause wird deutlich mehr, die Umbauarbeiten und letzten Soundchecks auf der Bühne dauern länger als geplant und schon jetzt ist abzuschätzen, dass der diesjährige Circus doch wieder deutlich nach Mitternacht enden wird. Spätabendlich-nächtliche Stimmung verbreiten dutzende Kerzen, die um die Plätze von Thorsten und Paul aufgebaut sind. Wie zwei Gegenpole werden sie am linken und rechten Rand der Bühne spielen. Dazwischen sind die Doepfer-Racks von Mario und Tobi stehen geblieben - mit denen hat man wohl noch etwas vor.

Ecki Stieg hat Thorsten und Paul bereits interviewt, und Frank überlässt es ihm auch, den Höhepunkt des heutigen Tages anzukündigen. Der Klang von rauschendem Wasser ist bereits die ganze Zeit aus den Lautsprechern gedrungen, und als dieses verklingt, erleben wir einen gänzlich anderen Thorsten: viele Flächen, Piano-Linien, fast vergeistigt. Das ist nicht Tangerine Dream und auch nicht Picture Palace music, das ist eine für mich ganz neue Seite. Sequenzen, wie man sie von TD kennt, tauchen eine ganze Weile nur als entfernte Zitate auf. Erst nach einer Viertelstunde rücken sie in den Vordergrund und kommen in Fahrt, ohne gänzlich zu übernehmen. Die Anteile von Thorsten und Paul sind gut ausbalanciert und der "musikalische Ball" geht hin und her. Mal liefert auch Paul eine Art "handgespielter Sequenz", die Thorsten um Mellotron-Sounds ergänzt. Mittendrin geht ein Gewitter nieder und läutet eine neue Phase ein, in der auch das Piano mal wieder die Oberhand bekommt.

Nach einer guten Stunde bespricht sich Thorsten kurz mit Paul und deutet auf die beiden Doepfer-Racks: Nicht nur "Die Ströme" mögen bitte noch einmal auf die Bühne kommen, auch Roland Meyer de Voltaire und Linda kommen dazu. Die Ströme fahren wieder ihre Rhythmen hoch, Linda gesellt sich zu Paul, und Roland greift sich Thorstens Gitarre.

Solche "Wir spielen alle noch einmal zusammen"-Finales können auch schief gehen, wenn die einzelnen Musiker einfach nur "nebeneinander" spielen und nicht zu einer gemeinsamen Idee finden. Heute Abend (Nacht?) in Detmold klappt es aber, die letzte Viertel- bis halbe Stunde wird ein furioses Finale. Kontemplativ-verträumt kann es natürlich nicht mehr werden, wenn die Ströme dabei sind, stattdessen bilden sie den Motor für das, was die anderen vier improvisieren. Auch Harald Großkopf, eigentlich heute nur als Zuschauer dabei, hält es nicht mehr auf dem Platz: Wäre ein Schlagzeug auf der Bühne, er würde es besetzen, aber so bleibt es bei einem begeisterten Mitgehen auf der Treppe. Man fragt sich, ob dieses Finale je ein Ende finden wird.

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Irgendwann kommt aber doch das Zeichen von Thorsten, dass es an der Zeit ist, ein Ende zu finden. Die Musik verebbt, lang anhaltender Applaus, und die restlichen Musiker des Tages werden noch einmal für das große Gruppenfoto auf die Bühne geholt: was für ein Schlusspunkt! Es ist einer, mit dem vorher niemand gerechnet hat, weder die Musiker, noch das Publikum, und wohl ganz besonders die Veranstalter nicht. Nachdem der diesjährige Electronic Circus beinahe ausgefallen wäre, ist es doch noch gelungen, ihn zu einer musikalischen Sternstunde zu führen - eben "per aspera ad astra". Er wird in den Diskussionen in der Szene sicher noch eine ganze Weile ein Nachecho finden. Trotz des guten Endes kommen auf die Veranstalter Aufgaben zu: Wie legt man in Zukunft so ein Festival an, ohne dass es zu einem wirtschaftlichen Fiasko wird? Wie behält man den Blick auf die Zukunft, ohne die zurückzulassen, die das Vertraute schätzen? Schon immer ist der Electronic Circus ein Event gewesen, auf dem Neues gewagt wird, und er braucht ein Publikum, das bereit ist, Neues zumindest mit offenen Augen und Ohren aufzunehmen. Nicht alles wird dabei Allen gefallen, aber das muss es ja auch gar nicht. Hoffen wir, dass dieser Spagat auch in den nächsten Jahren gelingen wird. Dann sehen wir uns wieder im Circus, an welchem Ort auch immer: im Sommertheater, in der Detmolder Stadthalle, oder an einem ganz anderen Platz, von dem wir alle noch nichts ahnen.

Bericht: Alfred Arnold
Fotos: Alfred Arnold und Stefan Schulz

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