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Es soll Menschen geben, die die Tage zwischen Weihnachten und Neujahr eher als "Feier-Stress" denn als besinnlichen Ausklang des Jahres empfinden. Nicht nur für solche Zeitgenossen empfiehlt es sich, ein Ticket für das traditionelle "Hello"-Konzert im Bochumer Planetarium zu erwerben. Hier kann man sich einen Tag vor den Silvester-Feiern einmal richtig verwöhnen lassen: Einfach den Sessel im Kuppelrund in einen bequeme Position bringen und das genießen, was sich vor Auge und Ohr ausbreitet. Für die Bilder zeichnet wie immer Klaus-Dieter Unger verantwortlich, und das, was von der Bühne erklingt, organisiert der Schallwende-Verein.

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Comebacks von Musikern, die eine Weile Bühnen-abstinent waren, sind dabei eine besondere Kategorie - man erinnere sich nur an das Konzert von John Kerr vor ein paar Jahren. Ganz so lange ist Uni-Spheres letzter Live-Auftritt noch nicht her, aber in der gut zweijährigen Pause wurden Eric van der Heijden und Rene Splinter mit ihrer melodischen und mitreißenden Interpretation elektronischer Musik doch schmerzlich vermisst. Diese Pause soll heute ein Ende haben.

Ein wenig müssen wir uns nach der Ankunft an der Castroper Straße noch gedulden, denn "Hello" ist traditionell der "Rausschmeißer" und damit natürlich das letzte Konzert des Abends. Während drinnen noch eine der regulären Shows läuft, werden draußen schon einmal CD-Stände aufgebaut: Ebenfalls aus Holland ist Groove-Chef Ron Boots mit seiner Frau Monique gekommen. Wer das eine oder andere Geldgeschenk unter dem Weihnachtsbaum liegen hatte - hier gibt es sowohl Neuheiten als auch "Schnäppchen". Direkt daneben hat Stefan Erbe neben seinem eigenen Vertriebsprogramm und den beliebten USB-Lampen in Astronauten-Form einen neuen Merchandise-Artikel: Schlüsselanhänger mit dem "Sound of Sky" Schriftzug. Lieber Stefan, du weißt aber schon, dass die Bühne heute Eric und Rene gehört?

Sowohl für Ron als auch für Stefan dürfte sich der Aufwand am heutigen Abend gelohnt haben, denn "Hello 2020" ist bis auf wenige Plätze ausverkauft. Die Besucher bevölkern nach und nach das Foyer und garantieren für Kundschaft an den beiden Ständen, ebenso wie nebenan, wo das Team des Planetariums Speisen und Getränke verkauft. Beides ist in der Kuppel selber ja nicht erlaubt, also ist jetzt noch Gelegenheit. Eine Bude mit echt holländischen Fritten hat man dieses Mal zwar nicht organisiert, aber die traditionellen Brezeln sind ja auch nicht zu verachten. Ein nettes Detail am Rande: Der Münzautomat der Kaffeemaschine hat sich einen außerplanmäßigen Urlaub gegönnt. Anderenorts würde man die ganze Maschine außer Betrieb nehmen, hier jedoch geht es mit einem Schälchen und Bezahlung auf Vertrauensbasis weiter. Man kennt sich halt.

In das rege Treiben hinein ertönt auf einmal die Stimme von Frau Professor Hüttemeister. Regelmäßige Besucher des Planetariums wissen, dass sie die "Spielregeln" üblicherweise direkt vor der Vorstellung im Saal verkündet. Da die Musiker dieses Mal direkt beginnen wollen, hören wir heute auf diesem Wege, dass Handys doch bitte leise gestellt und in der Taschen bleiben sollten, und dass erst wieder nach der Pause hinein darf, wer während der Vorstellung hinaus muss.

So laufen denn schon die ersten Takte von Uni-Spheres neuer Musik, während wir unsere Plätze suchen und finden. Rene und Eric sind noch nicht auf der Bühne, dieser Track ist also vorproduziert und in fertiger Form erhältlich - dazu am Ende mehr. Jetzt machen sich erst einmal Eric und Rene an das, was für sie hoffentlich mehr als nur Arbeit ist. Sie haben sich ja nicht weniger vorgenommen, als die Geschichte des Universums in einem Konzert nachzuzeichnen - und die fing ja nach heutigem Wissensstand mit dem Urknall an. Dementsprechend dramatisch und bombastisch ist der Einstieg. Klaus-Dieter Ungers Bilder setzen einen Moment später ein und geben einen Eindruck, wie es in der "Kinderstube" des Universums zugegangen sein muss - heiß und wirr, erst nach und nach ballt sich Materie zu größeren Objekten zusammen, und hat eines davon die notwendige Masse erreicht, setzt die Kernfusion ein - Sterne leuchten auf. Planeten beginnen die Sterne zu umkreisen, und das Universum ordnet sich zu der Form, wie wir es heute kennen. Passend dazu werden die Klänge sanfter, und eine Frauenstimme verkündet "We're running out of time!" Da sitzt Eric wohl mal wieder der Schalk im Nacken, wir stehen doch noch ganz am Anfang, sowohl beim Universum als auch diesem Konzert?

Zeit ist auf jeden Fall noch, jetzt nämlich für ein paar Ansagen. Frau Professor Hüttemeister hatte sich schon im Hintergrund bereit gehalten und darf jetzt verkünden, dass man in 2019 eine "Schallmauer" geknackt hat - die Zuschauerzahl hat in diesem Jahr die Marke von 300.000 überschritten. Dazu haben auch EM-Veranstaltungen wie diese beigetragen. Für die Vorstellung von Uni-Sphere reicht sie natürlich das Mikrofon an Sylvia Sommerfeld weiter. Wir erfahren, dass Eric und Rene während ihrer Bühnenpause nicht untätig waren. Der eine oder andere Titel wird uns heute vertraut vorkommen, aber in erster Linie werden wir neues Material hören. Damit geht es auch direkt weiter: Chöre und Sequenzen vermitteln die Weite und Leere des größtenteils unbelebten Weltalls. Nur von einem Ort weiß man sicher, dass es dort anders ist, und in einem großen Sprung geht es dort hin: Sirenen setzen ein, das Piepsen des ersten Sputnik und Präsident Kennedys berühmte Rede, in der er das Apollo-Programm verkündet. Die Menschheit macht ihre ersten zaghaften Schritte in das Weltall, und an der Mondlandung, die im Juli ihr fünfzigstes Jubiläum hatte, kommt auch Uni-Sphere nicht vorbei. Das Duo aus den Niederlanden tut das auf die Art, die es während seiner Pause nicht verlernt hat: voll Energie und Dramatik, und ein guter Schuss TD-Sounds der 80er-Jahre darf nicht fehlen. Für den zeichnet Rene Splinter verantwortlich, gerade in seinen Melodie-Parts. Denen lässt Eric immer wieder ihren Platz, zum Beispiel im letzten Track der ersten Hälfte, der uns eine Verschnaufpause gibt, nachdem die junge Erde gerade mit Theia kollidiert ist.

Diese Episode aus der Geschichte des Universums beschließt den ersten Teil des Konzerts - Pause! Die Ansage, man wolle sich um halb Elf wieder im Saal treffen, ist dann aber doch ein wenig optimistisch, wenn Jede und Jeder noch etwas essen und trinken möchte, plus ein kurzer Abstecher zur Toilette. Auf selbiger läuft heute übrigens auch EM in Hintergund, nämlich Jean-Michel Jarres "Waiting for Cousteau".

So ist es doch eher viertel vor Elf, als die zweite Hälfte beginnt. Dass weder Eric und Rene noch Klaus-Dieter Unger vorhaben, die Geschichte des Universums streng chronologisch auszuerzählen, das hatte ja schon der erste Teil gezeigt, und so wird auch jetzt mal bei dem einen, mal bei dem anderen Ereignis im Weltall Station gemacht. Mal finden wir uns zu melodisch-sanften Passagen in der Fels-Landschaft eines fernen Planeten wieder, dann wieder wird es dramatisch, wenn Klaus-Dieter Unger die Verzerrung der Raumzeit durch ein schwarzes Loch an der Kuppel visualisiert. Wieder und wieder geht auch der Blick der beiden Musiker an die Kuppeldecke - auch sie spüren wohl, dass die Geschichte der Menschheit im Vergleich dazu nur ein unbedeutender "Wimpernschlag" ist.

Kannte man im ersten Teil noch den einige der gespielten Tracks, so hören wir in der zweiten Hälfte fast nur noch neues Material. Einen Bruch macht das aber nicht, Uni-Sphere ist ihrem melodisch-rhythmischen Stil treu geblieben, der mit seinem Spannungsbogen auch als Soundtrack zu einem Film funktionieren würde. Genauso bombastisch wie die Performance fällt denn auch der Applaus aus: Standing Ovations bei "Hello" hat es in all den Jahren bisher nur ein einziges Mal gegeben. Die Frage nach der Zugabe erübrigt sich dabei fast - mit "Jocular Jive" geben Rene und Eric noch einmal richtig Gas. Und auch Klaus-Dieter Unger hat sich noch einen interessanten Effekt einfallen lassen: die Projektionskuppel wirkt auf einmal transparent, er hat das Licht für dem Wartungsgang zwischen Kuppel und Dach eingeschaltet. Das scheint jetzt durch die aus feinem Lochblech bestehende Fläche hindurch und vermittelt den Eindruck einer offenen Kuppel.

Dazu spielen bunte Lichteffekte an der Decke. Klaus-Dieter wusste wohl Bescheid, was der letzte Titel des Abends sein wird: "Colorful Fields of Summer" ist das musikalische Dankeschön an Sylvia Sommerfeld, die diesen Abend "eingefädelt" hat.

Nach der dafür fälligen Umarmung haben Eric und Rene auch noch ein "Dankeschön" fürs ganze Publikum: Die heute gespielte Musik, einschließlich dessen, was während des Einlasses gelaufen ist, wird es als kostenlosen Download geben. Ein wenig werden wir uns noch gedulden müssen: Eric hat schon bei den Titeln eine Vorliebe für Alliterationen, das Release-Datum für den Download wird also der 2.2.2020 sein.

Für einen guten Monat müssen wir also die Erinnerung an die Musik alleine in unseren Köpfen wach halten. Was bleibt nach dem letzten Konzert des Jahres noch zu sagen? Das Programm für die nächsten Monate ("Space" in Solingen, die Schallwelle-Preisverleihung und den "Phase 3"-Restart im März) hatte Sylvia schon nach der Pause verkündet. Ein Konzert - das wohl noch etwas weiter in der Zukunft liegt - hat sie dabei ausgelassen. Solange der Besucherzuspruch so bleibt wie heute, wird es natürlich auch ein "Hello 2021" am 30. Dezember 2020 geben.

Alfred Arnold

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