Berichte

Auch wenn zwei Jahre Corona-Auszeit für die ganze EM-Szene eine schwierige Phase war, so hat sie das Team um Hans-Hermann Hess und Frank Gerber, das hinter dem Electronic Circus und der Garten-Party steht, besonders hart getroffen - seit dem letzten Circus in Detmold im Herbst 2019 war völlige "Funkstille", und Versuche, im letzten Jahr wenigstens eine Gartenparty auf die Beine zu stellen, mussten wegen der nächsten Welle (die wievielte war es eigentlich?) wieder abgesagt werden.

Schallwende Grillfest 2022 Inf Banner

Aber 2022 ist auch hier das Jahr des Neuanfangs, und der Ort ist auch ein neuer: Ein Bauernhof in Borgholzhausen, irgendwo zwischen Bielefeld und Osnabrück ist der Ort für die erste Party seit drei Jahren, die jetzt unter dem Namen "Electronic Circus Summer Edition" läuft. Dass auch in 2022 so ein Projekt alles andere als ein risikoloser Selbstläufer ist, konnte man am Donnerstag davor sehen: Detlef Keller, der für zwei der fünf Konzerte eingeplant war, musste wegen Erkrankung kurzfristig absagen. Was nun? Die rettende Idee: Ein Anruf in Best, bei Ron Boots, ob er vielleicht kurzfristig einspringen könnte. Er konnte, und er kam nicht alleine. "Skoulaman" Hans van Kroonenburg wird heute auch noch mit von der Partie sein.

Gemessen an den Hürden, die die Organisatoren in den letzten Wochen zu überwinden hatten, ist die den Besuchern gestellte eine Kleinigkeit: Das Finden des Veranstaltungsortes, bzw. des für Besucher vorgesehenen Parkplatzes. Eine Wegbeschreibung mit Fotos wurde im voraus verschickt, mitsamt dem Hinweis auf die Parkfläche auf einem Nachbarhof. In der Realität hat der "Stadtmensch" aber dann doch leichte Probleme, sich auf den Nebenstraßen durch die Felder zu orientieren. Nach Eingabe der Zielstraße für den Parkplatz führt das Navi uns stattdessen direkt zum Veranstaltungsort, dessen beschränkter Parkraum eigentlich den Aktiven des Tages vorbehalten ist...also schalten wir die elektronische Orientierungshilfe einfach mal aus. Mit mündlichen Anweisungen und Folgen der kleinen Schilder landen wir dann doch bei einem mit gelber Warnweste ausgerüsteten Platzanweiser. Die Parkfläche ist übrigens das sogenannte "Silo" einer Biogasanlage, wenige Meter weiter türmt sich meterhoch das Heu. Der Vorteil dieses Parkplatzes: Wer den Rat, für den Rückweg von Hof eine Taschenlampe mitzubringen, missachtet hat, muss einfach nur der Nase folgen...

Aber genug gelästert über die kleinen Überraschungen des Landlebens. Wie schon beim Schallwende-Grillfest in der vorigen Woche hat ein Bauernhof als Spielort einen nicht zu unterschätzenden Vorteil: Beliebig viel Platz und so viel Abstand zu den Nachbarn, dass es garantiert keine Beschwerden wegen nächtlicher Ruhestörung geben wird. Die Wiesen hat das Circus-Team für Zelte und Bänke genutzt, im Innenhof finden sich CD-Stände, Grill und "Rezeption": Der Name wird auf der Liste abgehakt, im Gegenzug wird ein rotes  Bändchen ausgegeben.  Kurz Entschlossene entrichten gleich hier noch ihren Eintritt. Nächste Station: Kauf von Plastik-Chips, die "Währung" des heutigen Tages. Jetzt noch kurz vorbei an der Bar, und der "Konzertsaal" kann in Augenschein genommen werden. Wie auf einem Hof zu erwarten, ist das Ambiente eher rustikal, aber sehr urig und gemütlich.

Ein großes Plus dieses Raums: Es ist genügend Platz, dass alle Musiker des Tages ihr Equipment im Voraus aufbauen konnten. Ab- und Aufbauphasen zwischen den Konzerten, die sich in der Vergangenheit als Quelle von Problemen und Verzögerungen erwiesen haben, entfallen damit. Um den Ereignissen vorzugreifen: Der ausgehängte Zeitplan, der bis 21.45 Uhr reicht, wird halten.

So greift Frank denn auch pünktlich um 14 Uhr zum Mikrofon und begrüßt uns alle zur ersten Ausgabe der "Electronic Circus Summer Edition". Die drei Jahre waren eine Durststrecke, aber jetzt haben wir sie überwunden, und - ganz wichtig - das machen wir alles für Euch, also habt viel Vergnügen in den folgenden Stunden!

Mit dem Opener-Act führt das Circus-Team die gute Tradition weiter, auch Namen auf die Bühne zu bringen, die in der "EM-Szene" bisher vielleicht noch nicht so bekannt sind. Im Nachhinein stellt sich aber immer heraus, dass hier jemand ein gutes Näschen für Entdeckungen hat. Martin Herbst könnte man mit ein wenig gutem Willen auch als "Lokalmatador" des Tages bezeichnen, denn er kommt aus Bielefeld und hatte von allen Musikern die kürzeste Anreise. Bekannt ist er als Keyboarder der Band "Univerve", er ist aber auch solo unterwegs, zum Beispiel mit seinem 2021er-Album "Mosaic". Tracks aus diesem Album werden auch Inhalt seines heutigen Konzerts sein.

Wenn ich an ein Mosaik denke, dann habe ich etwas Buntes vor Augen, mit Steinchen in Farben, die zu einander kontrastieren. Und das passt auch zu den Titeln, die Martin heute präsentiert: Ein warmes und chilliges Stück zum Einstieg, ohne einen überraschenden "Ausbruch". Erst danach richtet Martin selber ein paar Worte an uns: Er möchte mit seiner Musik Bilder wecken, und Verzeihung im voraus für die kurzen Unterbrechungen zwischen den Titeln - er muss jedes Mal ein paar Sachen umstellen. Nach einem kurzen "Tuning" geht es weiter mit Sounds, die an einen Dudelsack erinnern - sind wir im schottischen Hochland angekommen? Gleich darauf wird es ein wenig jazzig und rockig, als säßen wir im Keller eines Clubs. Und wo immer die Reise hingeht: Man merkt, dass Martin nicht nur "Knöpfchen-Drücker" oder "Sound-Tüftler" ist, sondern auch jederzeit einfach mal 'frei Hand' eine Melodie spielen kann. Sei es auf einem der Keyboards oder Instrumenten, die eine ungewöhnliche Kreuzung zwischen Gitarre und Elektronik zu sein scheinen. Nach dem letzten Track "Sentimental Gravity" eine weitere Anmerkung von Martin: Er wäre im Vorfeld gefragt worden, ob es seine Musik auch auf CDs gäbe. Silberlinge als Tonträger haben in unserer Szene - im Gegensatz zum allgemeinen Musik-Business - ja noch eine große Bedeutung. Da musste er erst einmal passen, einfach weil er kein CD-Laufwerk mehr hat...er wird sich aber bemühen, die Freunde physischer Tonträger noch mit ein paar CDRs zu versorgen. Dann kann er sich der klar und deutlich verlangten Zugabe zuwenden: Es geht noch einmal quer Beet durch die Stimmungen und Stile, so wie schon in der ganzen Dreiviertel Stunde davor. Eben ein Mosaik, kurzweilig und ein prima Einstieg in den Tag!

Zu einem gelungenen Grillfest gehört natürlich auch das gute Catering. Auch wenn alle Instrumente bereits aufgebaut sind und der nächste Act des Tages gleich loslegen könnte, ist eine kleine Pause angeraten: Es ist heiß und so ist es wichtig, genug zu trinken - also schnell zur Bar und die Chips reichen auch noch für ein Stück selbst gebackenen Kuchens, der in mannigfaltiger Ausführung bereit steht. Den Besuch am Grill hebe ich mir für die nächste Pause auf.

Für Einen müssen Kuchen und Grill natürlich noch etwas warten: Michael Menze richtet es sich gerade in seiner Keyboard-Burg ein. Michael ist kein Unbekannter, man hat ihn schon auf dem einen oder anderen Circus gesehen, aber als Aussteller und nicht als Musiker. Michael ist im Vertrieb von Synthesizern aktiv, aktuell vertritt und vertreibt er die französische Firma Arturia.  Dementsprechend besteht sein Aufbau auch durchweg aus Geräten, die das stilisierte grosse "A" tragen - selbst der Korg Wavestate wurde kurzerhand "umgelabelt" und sorgt für einige verwirrte Blicke.

Seit ein paar Jahren macht Michael aber als "Menzmann" auch selber Musik, und arbeitet oft mit Detlef Keller und Mario Schönwälder zusammen - sein erstes eigenes Album "Insights" ist auch bei Marios Manikin-Label erschienen. Zwei Jahre Pandemie haben es verhindert, dass er seine Musik auch mal live einem Publikum präsentieren kann, aber die Wartezeit ist für uns und ihn heute vorbei: Frank stellt in seiner Anmoderation das Motto "Berliner Ambient" in den Raum, und wenn man berücksichtigt, dass Michael bei Detlef und Mario die "Berliner Schulbank" gedrückt hat, dann ist der Kurs für die folgenden 50 Minuten klar: Schauen und hören wir einmal, ob Michael ein gelehriger Schüler war.

Der Einstieg passt schon einmal: Lange Flächen, um die Atmosphäre aufzubauen, nichts überstürzen. Diese Art der Musik verträgt keine Hektik, eine Sequenz will Stück für Stück entwickelt werden, soll sie den gewünschten "hypnotischen" Effekt auf das Publikum haben. Und das hat sie, auch wenn das erste Stück vielleicht noch nicht ganz die Länge hat, wie man sie von einem "Berliner Schüler" vielleicht erwarten würde.

Aber was hier läuft, ist ja auch "Menzmann" und nicht BK&S, und auch Michael hat seinen Stil entwickelt und spielt nicht einfach das nach, was andere vor ihm kreiert haben. Track Nummer 2 steigt direkt rhythmisch ein, indes - irgendwo ist der Wurm drin, auch nach zwei Anläufen bricht er nach wenigen Takten ab. Michael behält aber die Ruhe und Nerven, wenn das nicht klappt, lassen wir diesen Titel heute halt aus - schieben wir es einfach auf die Technik, die bei diesen hochsommerlichen Temperaturen an ihre Grenzen kommt. Und Titel Nummer drei macht die Probleme vergessen, dichte Sequenzen und Melodien lassen uns abtauchen. Und auch Michael hat jetzt seinen Flow, Nummer vier folgt ohne Unterbrechung und ergänzt den dicht gewobenen Klangteppich mit Improvisationen. Da darf der nächste Titel auch gerne mal etwas länger laufen als geplant, seine Sequenzen füllen mal so eben den
Rest der geplanten Zeit aus. Technik-seitig sind keine weiteren Ausfälle mehr zu verzeichnen, nur der Musikant selber greift einige Male zum Handtuch...

Trotz der Probleme zu Anfang hat Michael es geschafft, hier auf der Party ganz großes Kino abzuliefern. Rhythmisches Klatschen verlangt eine Fortsetzung. Die will Michael gerne gewähren, zuvor aber noch einige Worte: Zum einen geht sein Dank an die unterstützende Technik, die heute im Hintergrund für Ton und Licht sorgt, zum anderen erinnert Michael an eine Person, mit der er eigentlich heute das nächste Konzert bestreiten wollte: Detlef Keller musste vor zwei Tagen wegen Erkrankung kurzfristig absagen. Michael lässt von Detlef grüßen, und unsere Wünsche zur schnellstmöglichen Genesung wird er seinerseits mitnehmen. Was die Zugabe angeht: "Eigentlich bin ich schon fast über die Zeit".  Aber lieber Michael, Zeitpläne sind auf dieser Party doch nur eine unverbindliche Absichtserklärung und können jederzeit geändert werden, wenn es gefällt, und wir haben heute sowieso nichts anderes mehr vor. Also darf der "Menzmann" noch ein paar Minuten dranhängen, dieses Mal mit Gitarren-Sounds aus dem Keyboard.

Die folgende Pause ist fast eine Stunde lang, es ist damit nicht nur Zeit für Grillwurst und Steak, sondern auch für den Nachtisch, den Frank stolz in der Abmoderation ankündigt: Eis für
alle, und mit nur einem Chip pro Kugel auch so bepreist, dass man gerne mehr als einmal zugreift. Da bleibt noch genug Bars in der Brieftasche, was sich an den CD-Ständen in  Tonträger umsetzen lässt - bei Lamberts Spheric-Label, bei Projekt Gamma, oder bei Groove Unlimited. An letzterem bedient Monique Boots, denn ihr Mann ist drinnen mit den Vorbereitungen für das nächste Konzert beschäftigt.

Ron hatte sich nämlich ganz kurzfristig bereit erklärt, für den erkrankten Detlef Keller einzuspringen. In seiner Anmoderation erzählt Frank, wie am Donnerstag klar war, dass Detlef nicht auftreten konnte, und ein Ersatz her musste. Also rief man am Vormittag des selben Tages in Best an und bekam einen noch nicht ganz wachen Ron Boots an den Apparat. Der sagte spontan zu, nur wurde ihm vielleicht nach dem ersten morgendlichen Kaffee bewusst, dass er ja nicht nur für ein Konzert zugesagt hatte: Detlef sollte heute ja nicht nur mit Michael zusammen spielen, sondern im Anschluss noch einmal solo. Uns so fing Ron seinerseits an zu telefonieren: Hans van Kroonenburg aka "Skoulaman" hatte ja gerade vor einer Woche auf dem Schallwende-Grillfest gespielt, also müsste er ja noch "im Stoff" stehen. Und in der Tat, hier zeigt sich einmal wieder, warum holländische EM-Musiker in der Szene so beliebt sind: Unkompliziert, zugänglich, und jederzeit zu jeder "Schandtat" bereit. Hans und Ron werden heute zum ersten Mal zusammen spielen, wir erleben also auch noch eine kleine Premiere. Das Konzert wird in zwei Teile mit einer Pause dazwischen aufgeteilt sein. Teil eins soll der ruhigere werden, in Teil zwei soll dann so richtig die Post abgehen.

Nicht nur in den Vorbereitungen sind Ron und Hans unkompliziert gewesen, auch das Zusammenspiel - obgleich es das erste Mal ist - funktioniert vom Start weg. Das kann man bei Ron immer daran erkennen, dass er die Augen schließt und in das eintaucht, was er selber spielt. Lange Flächen und meditative Sounds eröffnen das Konzert, so ähnlich wie vorhin bei Michael, nur wirken sie hier wärmer und strahlen Rons spezifischen "Sound" aus. Würde er solo spielen, würde er nach wenigen Minuten das Tempo aufdrehen, aber heute nicht. Es muss ja auch noch Raum für die feine Sequenzen-Arbeit von Hans sein. Was ich hier gerade erlebe, erinnert mich spontan an "Crystal Lake": Es zieht uns immer tiefer hinein. Wenn das hier wirklich improvisiert und ungeprobt ist, dann bin ich tief beeindruckt, wie gut die Zusammenarbeit klappt und wie Ron und Hans sich "mal eben" auf einander einstellen können. Das Ergebnis trägt uns locker durch die vierzig Minuten, die für den ersten Teil angesetzt sind, und eigentlich wäre es uns am liebsten, wenn es ohne Unterbrechung weiter gehen würde - aber wie schon eben bei Menzmann, schwitzen die Akteure auf der Bühne noch ein gutes Stück mehr als das Publikum und können die Pause gut gebrauchen. Es geht gleich weiter, und wer mag - es ist auch noch reichlich Eis vorhanden!

Man darf aber auch gerne im Saal sitzen bleiben, und nach zwanzig Minuten erleben, wie Hans und Ron im zweiten Teil den Faden problemlos wieder aufnehmen: Dieses Mal darf Ron ein bisschen weiter aufdrehen, und die von ihm bekannten Improvisationen heraus lassen. Aber auch jetzt so, dass Hans nicht "überfahren" wird, und den Raum behält, um seine Stärken auszuspielen. Habe ich schon erwähnt, dass es faszinierend ist, wie gut die beiden mit einander harmonieren? Ich bin mit meiner Meinung nicht alleine, denn im Anschluss wird gefragt, ob das Gespielte in irgendeiner Form für die Nachwelt konserviert worden ist. Die Antwort ist positiv, beide Teile wurden aufgenommen, und ein für seine spitze Zunge und seinen feinen Humor bekannter Gast aus aus dem Vereinigten Königreich hat auch schon einen Titel bereit: "The Substitutes II", in Anspielung auf das, was Ron mit Harold van der Heijden und Stephan Whitlan vor ein paar Jahren spontan in Oirschot gezaubert hat, als Ulrich Schnauss' Equipment seinen Flieger verpasst hatte. Auch das hatte ja seinen Weg auf einen Silberling gefunden.

Für den Moment möchte Ron aber noch seine Version davon los werden, wie Franks "Überfall" am Donnerstag abgelaufen ist, und wie er angeblich Hans zur Mitarbeit 'überredet' hat: Du willst doch gerne weiter auf meinem Label CDs veröffentlichen? Das ist die Art von 'Angeboten', die man einfach nicht ablehnen kann...aber so ist es bestimmt nicht gelaufen und Hans wird aus freien Stücken zugesagt haben. Ansonsten würde auch die Zugabe nicht so gut funktionieren, in der es Hans und Ron jetzt endlich so krachen lassen, wie Frank es zu Anfang versprochen hat - eine wahre Donnersequenz bildet den Abschluss dieses zweigeteilen Auftritts, und auf seine Weise auch den Vorgeschmack auf das, was nach einer längeren Pause der finale Act des Tages zeigen wird.

Den Tag wird die "Elektronische Maschine", auch aus unserem Nachbarland im Westen, abschließen und den Höhepunkt aufsetzen. Vorher ist jedoch noch einiges an Arbeit zu leisten, was auch die wieder etwas längere Pause erklärt. Zwar sind die Gerätschaften Von Richard de Boer und seinen Mitstreitern bereits aufgebaut und verkabelt, davon ist jedoch noch nicht allzu viel zu sehen - die Geräte der vorherigen Konzerte müssen abgekabelt und abgebaut werden, und da heute durchweg viel "Hardware" im Einsatz war, braucht das seine Zeit.

Zum anderen benötigt die "Elektronische Maschine" den frei werdenden Platz auch für den Auftritt selber, denn wie man von früheren Auftritten weiß, werden hier nicht nur vier Musiker einfach statisch hinter ihren Keyboards und Drums stehen, sie werden auch eine fein ausgearbeitete Show davor bieten. Alleine deswegen schon greift der Vergleich mit einer Düsseldorfer Elektropop-Band viel zu kurz. Zwar finden sich in den Vocals, die mehr Satzfetzen als komplette Texte sind und auf Deutsch gesungen werden, und in der einen oder anderen Melodielinie Anleihen bei Kraftwerk, aber die stellten anstelle ihrer selbst auch mal gerne ein paar Puppen auf die Bühne - bei "Elektronische Maschine" völlig undenkbar. Und natürlich die Musik: Die ist seit der Gründung in den 90ern konsequent in Richtung Dance und EBM weiter entwickelt worden und absolut tanzbar. Das sorgt dafür, dass Titel aus diesen Jahren immer noch im aktuellen Programm sind und in keiner Weise angestaubt wirken. Seit dieses Quartett wieder auf live auftritt, stehen diverse Auftritte an Orten auf der Liste, wo durchweg jüngeres Publikum verkehrt - auch das kann sich für den Sound der elektronischen Maschine begeistern.

Also schauen wir einmal, wie weit die Begeisterung an diesem Abend getrieben werden kann: Die Bühne ist eingenebelt, die bunte Lightshow gibt alles. Das macht die Arbeit des Fotografen nicht unbedingt einfacher, aber die Show soll natürlich in erster Linie auf das Live-Publikum wirken - mit Fotos muss man eben einen guten Moment abpassen, um die Dynamik und Kraft dieses Auftritts auch nur halbwegs in statischen Bildern einzufangen. Gleich der Einsteiger ist von der fetzigen Sorte, wie man es nie aus den KlingKlang-Studios gehört hätte. Und so hält es auch die Musiker nicht lange hinter den Keyboards: Von Titel zu Titel geht mal der Sänger aufs Publikum zu und erschreckt ein wenig mit seinem alarmierenden Fingerzeig, mal tritt das ganze Quartett nach vorne und liefert eine perfekt choreographierte Show aus "Musik-Robotern" ab, deren Feinabstimmung sich in den statischen Bildern dieses Artikels leider nicht abbilden lässt - das muss man selber gesehen haben. Und immer wieder kreisen die Texte um das, was in der Bühnen-Performance zum Ausdruck kommt: Kraft, Energie und Dynamik, sei es beim Sport, in der Technik oder auch im Kampf. Wie unangenehm muss es da sein, wenn man zu Hause eingesperrt und isoliert ist, der aktuelle Titel "Die Pandemie" schlägt die Brücke in die Gegenwart - passend präsentiert mit Masken.

Obwohl das letzte Konzert mit 75 Minuten als das längste geplant war, geht die Zeit doch wie im Fluge herum - "Tanzen mit Computer" ist der letzte Track, bevor von Frank und dem Publikum nachdrücklich eine Zugabe gefordert wird. Und bei "Kampfmaschine" geben Richard de Boer und seine Mitstreiter dann noch einmal alles, was sie noch können - eine zweite Zugabe ist beim besten Willen nicht mehr drin, beim Schlagzeuger wäre schlicht "die Batterie leer".

Ein kurzer Blick auf die Uhr offenbart: Es ist etwa zehn Uhr, der Zeitplan wurde weitgehend eingehalten! Das hat man in früheren Jahren schon ganz anders erlebt. Das Konzept, alles vorher aufzubauen, wie man es auch von anderen Events mit mehreren Acts kennt, und im Zweifelsfall lieber eine etwas längere Pause einzuplanen, hat sich bewährt. Ob wir jetzt traurig sind, dass die Party nicht bis in die tiefe Nacht hineingeht? Es wird ja niemand sofort hinaus geworfen, für ein letztes Bierchen, einen Smalltalk mit den sichtlich entspannten Organisatoren oder eine Absprache, wo man sich demnächst sehen wird, ist noch genug Zeit. Und an der Bar gibt es jetzt auch gerne mal zum letzten Stück Kuchen noch ein zweites mit auf den Weg dazu - weder von den Getränken noch den Speisen ist heute irgend etwas knapp geworden. Auch in dieser Hinsicht muss man den EC-Team um Frank und Hans-Hermann zu einem gelungenen Comeback nach drei Jahren Zwangspause gratulieren. Zu einem großen "Electronic Circus" wird es frühestens wieder in 2023 reichen. Aber alles spricht dafür, dass der Circus auch im kommenden Jahr wieder ein Sommergastspiel geben wird - gerne wieder hier in Borgholzhausen, wo man so gastfreundlich empfangen wurde.

Alfred Arnold

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