Interviews

Im nächsten Interview der 10 Fragen-Serie bewegen wir uns im Dark-Ambient-Musik-Umfeld von Stephen Parsick, der vielen auch als [`ramp]-Mastermind bekannt sein dürfte. Hinsichtlich seines kommenden Konzertes am 7.7. im Bochumer Planetarium, führte empulsiv dieses Gespräch.  



1. Was waren Deine ersten Begegnungen mit elektronischer Musik?

Ich hatte meine ersten Berührungen mit elektronischer Musik, als ich im Kindergartenalter war und das erste Mal Wendy Carlos´ "A Clockwork Orange" hörte. Zur selben Zeit kamen Kraftwerk mit "Autobahn" und "Kometenmelodie" und dudelten im Sommer 1975 im Radio rauf und runter. Als dann 1976 Jarres "Oxygene 2" durch "Mondbasis Alpha Eins" bekannt wurde, war das für mich die Initialzündung und ich wollte auch einen Synthesiser haben, denn irgendwas an diesen Klangfarben haute mich einfach um. Daß die ganz was Anderes waren als die normalen Klangfarben aus Rock, Pop und Klassik, war mir sogar als kleinem Kind bewußt. Meine Eltern fanden das ganz putzig, aber ich wußte, daß ich auch irgendwann so eine Musik machen wollte, weil ich die Klänge einfach magisch fand. . Deshalb habe ich dann auch im Mai 1983 mit Musikunterricht angefangen, als meine Eltern mir die Möglichkeit dazu boten.

2. Was hat Dich dazu veranlasst selbst Musik zu machen?

Musik hat schon immer eine Rolle in meinem Leben gespielt, solange ich denken kann. Mich hat es schon als Kind fasziniert, Leute mit "Synthesisern" auf der Bühne zu sehen, zumal keiner mir erklären konnte, was diese Geräte eigentlich genau machen, geschweige denn, wie sowas überhaupt funktioniert. Ich kann mich an eine Weihnachtssendung im Fernsehen erinnern -- das muß so 1977 gewesen sein --, in der Heinz Funk "Jingle Bells" auf einem großen Moog-System spielte. Das hat mich völlig geplättet, "So sieht also ein Synthesiser aus!". Da war Heiligabend für mich gelaufen. Diesem Klang, der in den großen Kästen mit den vielen Knöpfen und Kabeln wohnte, wollte ich auch auf die Spur kommen. Zu dem Zeitpunkt gab es Synthesiser ja nicht in dem Maße im Laden zu kaufen wie heute, da war es schon etwas Besonderes, wenn mal irgendwo ein Gerät auftauchte, auf dessen Rückseite "Oberheim" oder "Prophet" oder "PPG" stand. Als ich dann irgendwann die Musik von erst Klaus Schulze und später von Tangerine Dream hörte, merkte ich, daß es auch etwas anderes außer Jarre, Carlos, Tomita oder Kraftwerk und Vangelis gab, was mich von der Haltung her viel eher ansprach und mir gefühlsmäßig viel näher war. Gerade Schulze fand ich als 15-, 16-Jähriger sehr befreiend. Das war wohl am ehesten mit einem Punkerlebnis zu vergleichen im Sinne von "Das kann ich auch! Her mit dem Synthi!"

3. Deine Musik hat zum Teil einen recht "düsteren" Charakter und ist keine "traditionelle EM". Woher stammen diese Einflüsse?

Meine Musik ist sicherlich nicht in erster Linie traditionelle EM, das stimmt. Damit konnte ich schon zu Schwingungen-Zeiten immer weniger anfangen. Ich habe im Laufe der Jahre durch die Musik viele Menschen und Musiker kennengelernt, die alle irgendwie ihre Spuren bei mir hinterlassen haben. Ich bin vor Jahren durch meine damalige Freundin über die Musik von Suicide, Throbbing Gristle und den Einstürzenden Neubauten mit dem frühen Industrial, der ja im Prinzip nichts anderes als Punk mit Synthesisern war, in Berührung gekommen. Daraus ergaben sich irgendwann persönliche Verbindungen z. B. zu Coil, einer Nachfolgeband von Psychic TV und TG. Daß meine Musik von vielen als "finster" und "sperrig" wahrgenommen wird, hängt sicherlich damit zusammen, daß ich kein Interesse an grellbunten und vordergründigen Klangfarben oder simpel-poppigen Rhythmen habe, sondern eher schattige und gedecktere Farbtöne bevorzuge und lieber versuche, komplexe Strukturen zu entwickeln, statt oberflächlich zu bleiben. Ich habe es lieber, wenn die Maschinen schwitzen und klingen, als fielen sie gleich auseinander, alles insgesamt etwas gefährlicher und aggressiver. Es muß knallen, es muß rappeln im Karton. Das entspricht mir eher, privat höre ich auch lieber Iggy Pop als Schiller. Ich bin außerdem an der Grenze zum Ruhrgebiet großgeworden, und alles, was mit industrieller Ästhetik zu tun hat, war schon seit Kindertagen an prägend für mich. Wenn Du auf dem Land groß wirst, aber nachts der Himmel rot glüht, weil in Rheinhausen Stahl gestochen wird, dann bleibt dieser Kontrast hängen. Daß meine Musik von manchen als ziemlich unfreundlich und unerfreulich wahrgenommen wird, hängt damit zusammen, daß meine Musik aus der Welt, in der wir leben, gespeist wird. Das, was mich bewegt, versuche ich, künstlerisch zu brechen und zu transformieren, und mich bewegen nunmal keine Gänseblümchen oder rosa Wölkchen.

4. Du verwendest Deine Zeit (zumindest früher) auch häufiger mit anderen Musikern, um gemeinsames Entstehen zu lassen. Was ist Deine Motivation dafür?

Das war sicherlich ein Teil meiner eigenen musikalischen Entwicklung, der für mich aber weitestgehend abgeschlossen ist. Heute kann ich sehr gut für mich alleine arbeiten, da ich genau weiß, wie ich das, was ich umsetzen will, erreichen kann. Für mich geht es sehr stark um das Hinzulernen, und zwar im Sinne von "Wie macht man das?" und nicht im Sinne von "Wie macht man das besser nicht?".-- und darauf lief es öfter hinaus, als mir lieb ist. Dazu kommt, daß ich mir über die Jahre eine sehr spezielle Arbeitsweise angeeignet habe, die nur sehr begrenzt kompatibel mit der Arbeitsweise anderer Leute ist und ich keine Lust habe, erst mich und dann meine Methodik erklären zu müssen. Wenn dieses intuitive Verständnis für die Arbeitsweise des anderen nicht sofort da ist, dann wird das schwierig. Ich habe heute auch keine große Lust mehr auf Gemeinschaftsarbeiten, weil so etwas für mich nur dann von Interesse ist, wenn sich diejenigen, mit denen ich zusammenarbeite, in die Sache genauso reinhängen wie ich und etwas zu sagen haben, das ich alleine nicht besser ausdrücken kann. Ich sehe mittlerweile keinen Sinn mehr darin, für andere Leute und deren Eitelkeit ein Vehikel bereitzustellen oder anderen Leuten auf meine Kosten zuzuarbeiten, damit sie sich mit den Früchten meiner Arbeit schmücken können. Ich fand es irgendwann nur noch frustrierend, ständig unterschiedliche Ansprüche an die eigentlich gemeinsame Sache ausgleichen zu müssen oder mich mit mangelnder Disziplin und fehlender Einsatzbereitschaft seitens meiner Mitmusiker rumzuschlagen. Dafür bin ich mittlerweile einfach zu alt und meine Zeit ist mir dafür zu schade. Die Leute, mit denen ich heute zusammenarbeite, geben genauso konsequent wie ich 100 Prozent, haben denselben Anspruch an die Sache und räumen ihrer musikalischen Arbeit denselben Stellenwert ein wie ich, sonst würde das nicht funktionieren. Wer meint, Musik mal so ein bißchen zwischendurch machen zu können im Sinne von "Ich bin jetzt mal so ein bißchen kreativ und Künstler", so am Wochenende, wenn mal kein Fußball im Fernsehen läuft oder die Familie ihr Recht einfordert, der kann gerne sein schönes Hobby pflegen, als musikalischer Partner kommt er für mich nicht infrage.

5. Welches Equipment bevorzugst Du in Deinen Produktionen? Eher Analoges oder Digitales?

Das hängt von der Art der Musik ab, die ich machen möchte. Wenn ich unter meinem eigenen Namen ambiente, drone-basierte Musik mache, ziehe ich digitale Synthesiser und Sampling vor, weil digitale Synthesiser komplexere Klangspektren erzeugen können, die sich hervorragend mit Sampling verdichten lassen. Ich arbeite auch gerne mit Field Recordings, die ich mit elektronischen Mitteln verfremde. Gerade im Dark Ambient-Sektor finde ich es äußerst wichtig, daß die Klangfarben komplex und organisch sind, denn sonst wird es sehr schnell sehr langweilig. Deshalb bin ich auch kein Freund vieler Arbeiten aus dem Sektor "Dark Ambient". Wenn ich unter ['ramp] eher rhythmische und sequenzerorientierte Musik mache, stehen die analogen Klangerzeuger wegen ihrer Unmittelbarkeit deutlicher im Vordergrund, werden aber je nach musikalischer Ausrichtung auch mit digitalen Synthesisern kombiniert.. Da bin ich nicht mehr dogmatisch, sondern verwende ganz pragmatisch das Instrument, das in diesem Augenblick genau das macht, was ich brauche. Heute interessiert es mich primär, ob ein Instrument einen interessanten Charakter hat, der mir hilft, meine Ideen zu realisieren und nicht, ob die Oszillatoren und Filter mit diesen oder jenen Bausteinen aufgebaut sind. Ich finde es oft auch viel spannender, mit nur ein paar wenigen, sehr limitierten Geräten zu arbeiten und die Begrenzungen, die mir die Technik auferlegt, auszutricksen. Im Idealfall halten analoge und digitale Klangerzeuger die Balance und ergänzen einander um die Facetten, die das jeweils andere Instrument nicht hat. Der Vorteil, den ich bei analogen Synthesisern für mich und meine Arbeit sehe, ist, daß ich jeden analogen Synthesiser intuitiv und blind bedienen kann. Bei digitalen Instrumenten gibt es nur sehr wenige, die sich einigermaßen bedienen lassen und dann auch noch interessant genug sind, um die Mühe wert zu sein -- das gilt allerdings auch für manche analoge Synthesiser.

6. Mir scheint, dass Deine Live-Ambitionen in den vergangenen Jahren rückläufig waren. Woran lag das?

An diversen Faktoren. Zum einen nimmt mich mein Brotberuf, den ich neben der Musikproduktion ausübe, sehr in Beschlag, sodaß ich froh bin, wenn ich an Wochenenden nirgendwo hinfahren muß oder mich mit der Organisation und Durchführung von Konzerten zu beschäftigen brauche. Zum anderen habe ich kein großes Interesse an Konzerten an herkömmlichen Veranstaltungsorten, da ich bei einem Konzert immer gerne die Örtlichkeit und ihre Besonderheiten mit einbeziehe. Ich bin auch noch nie besonders erpicht auf Liveauftritte nur um der Auftritte willen gewesen -- Konzerte sind für mich in erster Linie harte Arbeit, kein Mittel zur Selbstdarstellung. Ich glaube auch nicht, daß man durch ständige Präsenz irgendwas erreicht, außer, daß man sich selbst auslaugt und redundant macht. Deshalb mache ich mich lieber rar. Außerdem sind viele der Instrumente, die ich verwende, nur begrenzt für den Bühnenalltag geeignet. Das ist ein bißchen so wie ein Rennen mit alten Autos auf dem Nürburgring, nur mit dem Unterschied, daß die Leute dort allesamt richtig viel Geld und Sponsoren im Rücken haben und zig Techniker, die etwas ersetzen können, wenn irgendwas kaputtgeht. Ich finanziere meine Arbeit mit meiner Arbeit und sponsore mich selbst mit den Erträgen meiner Arbeit, und wenn mal ein Gerät beim Liveeinsatz leidet, stehe ich erstmal auf dem Schlauch. Der logistische Aufwand ist ebenfalls enorm, denn die Zwickmühle ist, daß ich Konzerte, bei denen bloß ein Laptop aufgeklappt wird, nicht wirklich als konzertante Darbietung ernstnehmen kann. Da kann man genauso gut eine CD im Beisein des Künstlers abdudeln, was soll der Quatsch also? Aus diesem Grunde nehme ich meist viel Hardware mit, was zwangsläufig mit großem logistischem Aufwand verbunden ist -- von der Arbeit, die vorher in die Vorbereitung fließt ganz zu schweigen. Das kann mir niemand angemessen bezahlen, daher muß der Rahmen, in dem ich auftrete, die Mühe mehr als wettmachen. Der finanzielle Aspekt ist mittlerweile für mich nicht mehr zu unterschätzen, da bin ich ganz ehrlich: Ich stecke sehr viel Zeit und Energie in Konzerte, weil ich der Meinung bin, daß das Publikum für seine Zeit und sein Eintrittsgeld auch etwas Entsprechendes verdient hat, bringe richtiges Equipment mit auf die Bühne und sehe aus diesem Grunde nicht ein, für ein Taschengeld hunderte Kilometer in der Weltgeschichte herumzueiern. Das deckt zum Teil noch nicht einmal meine laufenden Kosten. Sowas konnte ich mir vor zehn, fünfzehn Jahren erlauben, weil ich anderweitig keine großartigen Verpflichtungen hatte. Heute muß ich sehen, daß am Ende Geld übrigbleibt, damit der Laden weiterläuft -- und Geld hat in der Regel keiner zu verschenken, zumindest nicht an mich. Unter dieser Prämisse kann ich genausogut im Studio bleiben und an einem Album arbeiten. Das ist für mich effektiver, weil meine Instrumente da schon aufgebaut und angeschlossen sind.

7. Gibt es für Dich musikalische Vorbilder, die Deine Musik in irgendeiner Form beeinflussen?

Aus dem Alter, in dem man Vorbilder vor allem zur musikalischen Selbstfindung braucht, bin ich mittlerweile raus. Wer sich ein bißchen in mit elektronischen Mitteln erzeugter Musik auskennt, wird meine wichtigsten Einflüsse bestimmt heraushören können. Für mich haben heute die Kollegen Vorbildcharakter, die sich selbst treu geblieben sind und sich ihre künstlerische Integrität, ihre Liebe zu ihrer Arbeit und ihr Arbeitsethos bewahrt haben -- diejenigen, die früher für mich Vorbilder waren, gehören da heute meist nicht mehr zu. Es gibt nach wie vor Leute, deren Arbeiten, deren Herangehensweise an Musik und Klang oder deren Instrumentierung für mich inspirierend sind und deren Arbeit mir im Idealfall Impulse für meine eigene Musik gibt, aber das werden leider immer weniger.

8. Was sind Deine kommenden Projekte?

Als erstes möchte ich natürlich das Bochumer Konzert einigermaßen pannenfrei hinter mich bringen und das dort aufgenommene Material als CD-Produktion veröffentlichen, vorausgesetzt, es ist veröffentlichungstauglich und wird meinen Ansprüchen gerecht. Dann habe ich hier noch Material für zwei, drei sequenzerlastige ['ramp]-Alben liegen, das ich fertigproduzieren möchte, ebenso ambientes Rohmaterial, das ich im Winter 2010 bei Minusgraden im Gasometer Oberhausen für ein neues Soloalbum aufgenommen habe. Ferner steht demnächst die Veröffentlichung einer neuen CD in Zusammenarbeit mit Markus Reuter an, die ausnahmsweise nicht bei doombient.music, sondern bei Gterma, einem kleinen schwedischen Label, erscheinen wird. Mathias Grassow und ich haben auch vor einer Weile mal angefangen, gemeinsame Aufnahmen zu realisieren, was aber durch das Gewicht unserer jeweils eigenen Arbeiten in den letzten Jahren ein wenig ins Hintertreffen geraten ist. Mittel- bis langfristig möchte ich mit David Morley zusammenarbeiten, dessen Soloalben ich sehr schätze, ebenso die Alben, die er mit Andrea Parker gemacht hat. Wir wollen das schon seit Jahren in die Tat umsetzen, aber unsere Leben sind mit anderen Aufgaben und Alltäglichkeiten reich gefüllt, schätze ich. Außerdem möchte ich gerne mit Robert Rich zusammenarbeiten, bevor ich ein alter Mann werde.

9. Gibt es noch musikalische Ziele, die Du Dir bisher noch nicht erfüllt hast?

Ich möchte noch besser werden und mein Handwerk noch besser beherrschen. Technisch würde ich gerne analoges Outboard Equipment zum besseren Mastering ergänzen, und ich würde mir gerne irgendwann ein modulares Synthesisersystem kaufen, vorzugsweise eines von Serge Modular. Ansonsten habe ich viele der Ziele, die ich mir musikalisch und technisch gesteckt habe, erreicht, sodaß ich mich immer wieder auf die Suche nach neuen Herausforderungen begeben kann. Nichts ist schlimmer als Stillstand und Zufriedenheit mit dem Erreichten -- oder eben dem Nicht-Erreichten.

10. Abschliessend noch die Frage, welche 3 CD´s / Alben Du auf eine einsame Insel mitnehmen würdest?

Drei Alben sind einfach zu wenig, fürchte ich. Außerdem ändert sich mein Bedarf an Musik mit meinen Stimmungslagen. Ich würde wahrscheinlich auf jeden Fall "Below Zero" von Robert Rich einpacken, ebenso "Phaedra" von Tangerine Dream und "return" von ['ramp]. Vielleicht aber auch stattdessen die "oughtibridge", oder doch lieber Redshifts "Oblivion"? Oder "Raw Power" von Iggy Pop, oder doch lieber "Silence is sexy" von den Neubauten? Ich weiß es nicht...

Das Interview führte Stefan Schulz

 

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