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Siegfried Brückner und sein Mega-Formant

Viele halten die 70er-Jahre ja für die goldene Zeit der elektronischen Musik.  Es war die Zeit der modularen Synthesizer, sie bestanden aus (Schrank)wänden von Modulen, die untereinander mit Patchkabeln verbunden wurden.  Das ganze sah einer alten Telefonvermittlung nicht unähnlich, und Einstellungen für bestimmte Sounds hat man nicht auf Diskette oder USB-Stick, sondern mit Bleistift und Papier oder einem Polaroid-Foto abgespeichert.

Aber auch in anderer Hinsicht waren die 70er Jahre anders - Elektronikbasteln war noch viel verbreiteter als heute.  Zum einen waren die Bauteile damals noch 'bastlerfreundlicher', zum anderen gab es viele Geräte noch nicht fertig oder sie waren für den Hobbyisten unerschwinglich teuer.  Man musste sie selber bauen, entweder aus einem Bausatz (altgediente Funker und Elektroniker erinnern sich sicher noch an Firmen wie Heathkit und ihre Bausätze), ganz nach eigenen Ideen oder nach einer Bauanleitung aus einer Elektronik-Zeitschrift.  Von solchen Zeitschriften gab es damals bald ein Dutzend im deutschen Sprachraum. Leider sind sie in den 80/90er-Jahren alle nach und nach aus den Regalen verschwunden, in dem Maße wie Elektronik-Basteln aus der Mode kam.

Für Synthesizer galt in den 70ern das Gleiche wie für Funk- und Messgeräte - fertige Geräte waren teuer, teurer als es sich viele leisten konnten.  Sich seinen ersten Synthie selber zu bauen, lag also nahe, sofern man wusste, wo bei einem Lötkolben das heiße Ende war und auch ansonsten etwas handwerkliches Geschick mitbrachte.

Der bekannteste Selbstbau-Synthesizer war seinerzeit der Formant, ab 1977 in der Elektronik-Zeitschrift Elektor vorgestellt. Elektor ist übrigens eine der wenigen Zeitschriften, die bis heute überlebt haben, und ihre deutsche Redaktion ist immer noch in der Süsterfeldstraße in Aachen, ungefähr 300 Meter Luftlinie entfernt von meiner 'Studentenbude' in den 90ern.  Aber ich schweife ab...

...der Formant ist nämlich bis heute nicht vergessen.  Die originale Artikelserie lief über ein Jahr und wurde auch in Buchform veröffentlicht.  Noch Jahre später hat Elektor dazu Artikel gebracht, zum Beispiel, wie man einzelne Module verbessern kann oder inzwischen nicht mehr erhältliche Bauteile durch andere ersetzt.  Wer heute noch einen Formant besitzt, hegt und pflegt ihn wie andere Geräte aus dieser Zeit.  Nicht zuletzt, weil der Formant ein modularer Synthesizer war, für den man so viele Module gebaut hat, wie man brauchte oder sich gerade leisten konnte, ist jedes Gerät ein Unikat.

So ein Unikat, genauer den größten Formant, der je gebaut wurde, hat man vielleicht schon einmal auf dem ein oder anderen Event gesehen - sein Erbauer, Siegfried Brückner, ist damit regelmäßig 'on tour'.  Er hat ihn schon auf dem Electronic Circus in Detmold, auf dem Schwingungen Festival in Windeck, oder dem Synthesizer-Dinosauriertreffen in Bocholt gezeigt und gespielt. Auf der letzten Schwingungen-Party in Hamm kamen wir ins Gespräch und er hat mich eingeladen, ihn doch einmal in Düsseldorf zu besuchen.  Von Aachen ist das nicht einmal eine (Auto-)Stunde entfernt, ich habe die Gelegenheit natürlich wahrgenommen, die Person hinter dem Mega-Formant einmal näher kennenzulernen.

In der EM-Szene ist Siegfried bisher als der Erbauer wahrgenommen worden, also als Techniker und weniger als Musiker.  Das wird ihm aber nicht gerecht, er hat eine lange musikalische Vergangenheit.  In den 70er/80er-Jahren hat er schon Konzerte mit elektronischer Musik gegeben, hat es auf Radio Luxemburg geschafft und dabei viele damalige Show- und Schlagergrößen wie Hans Rosenthal oder Roy Black getroffen.  Neben diversen anderen Keyboards war auch damals schon ein Formant sein ständiger Begleiter auf der Bühne, wenn auch ein kleineres Exemplar (72 Module, der Mega-Formant besteht aus 165).  Bei ihm kommen die technischen mit den spielerischen und musikalischen Fähigkeiten zusammen.

Ende der 80er-Jahre veränderte sich die Elektronik-Szene, ein Synthesizer war nichts besonderes mehr, und Siegfried hatte seine eigene kleine Firma, die ihm nicht mehr die Zeit für Auftritte ließ.  Die Synthesizer wurden verkauft, bis auf den Formant, von dem er sich nicht trennen konnte.  Der wanderte in den Keller.

Springen wir ins Jahr 2006.  Es wieder etwas mehr Zeit da und der alte Formant wird aus dem Keller geholt.  Leider sind ihm die anderthalb Jahrzehnte Lagerung nicht gut bekommen.  Das Holzgehäuse stinkt vom Schimmel und kann nur noch entsorgt werden.  Die Platinen haben an vielen Stellen Grünspan angesetzt und werden auch nicht mehr funktionieren.  Nach einer ehrlichen Bestandsaufnahme bleibt nur noch eine Handvoll an Teilen übrig, die noch verwendbar sind - ein trauriger und ernüchternder Moment, aber kein Grund aufzugeben.  Ein neuer Formant soll entstehen, größer und schöner als der alte.

Das ist fast 30 Jahre nach den Original-Artikeln kein leichtes Unterfangen.  Die Planungsphase dauert ein Jahr.  Alleine die Beschaffung der vielfach nicht mehr hergestellten Bauteile ist eine Jagd rund um die Welt, manche Teile treibt er in Australien auf, andere in den USA.  Platinen müssen nach den alten Vorlagen neu geätzt, gebohrt und bestückt werden.  Einige Komponenten sind gar nicht mehr zu bekommen und müssen durch Eigenkonstrukte ersetzt werden.  In den VCOs stecken zum Beispiel Doppeltransistoren, die in einem Gehäuse sitzen und dadurch thermisch gut gekoppelt sind.  Der Ersatz besteht aus einzelnen Transistoren, die man zusammenklebt.

Die Mechanik ist mindestens ein ebenso große Herausforderung wie die Elektronik.  Frontplatten kann man heutzutage am PC designen und sich von einem Dienstleister fräsen lassen.  Das gab es seinerzeit natürlich noch nicht, und auch heute ist das bei einer dreistelligen Anzahl von Modulen noch ein teures Vergnügen. Stattdessen werden die alten Vorlagen kopiert, auf Alubleche aufgeklebt und zum Schluss mit einem speziellen Klarlack überzogen.

Anno 2012 ist es dann geschafft, der Mega-Formant ist fertig. Wenn er nicht gerade 'on tour' ist, nimmt er einen zentralen Platz in Siegfrieds Wohn-Studio ein - ein Musik machender Kollege hat ihn einmal als 'Altar' bezeichnet.  Mit den Modulen, die sich auf drei Racks verteilen, erinnert das Ganze wirklich entfernt an das Triptychon eines Altars.

Bei genauerem Hinsehen finden sich nicht nur Formant-Module in den Racks, sondern auch einige mit 'Moog' beschriftete.  Auch diese sind selbst gebaut, ihre Schaltung basiert auf den originalen Moog-Oszillatoren, die etwas anders klingen als die Formant-VCOs.

Obwohl schon das Herz des ganzen Aufbaus, ist der Formant alles andere als alleine: neben einigen weiteren, modernen Keyboards finden sich diverse Racks mit Expandern, Mischpulten, Sequencern, ein Drumcomputer und MIDI-Steuergeräte.  Auch der Formant ist 'midifiziert'.  Also durchaus nicht der Aufbau eines reinen 'Modular-Fetischisten'.  Ein PC oder eine digitale Workstation ist aber nicht dabei, die Musik wird live eingespielt und landet bei Bedarf auf einer Bandmaschine.

Racks und Synthesizer sind über extra für diesen Zweck gebaute, vielpolige Kabel verbunden.  Das hält den Aufwand beim (Wieder-) Aufbau in Grenzen, wenn der Mega-Format auf Reisen ist.  Zuletzt hat er auf der Musikmesse in Frankfurt gestanden, am Stand des Synmag-Magazins.  Eine schöne Totale von dem Aufbau damals hängt an der Wand, Siegfried hat mehrmals am Tag Live-Performances oder Interviews gegeben.  Einige dieser Interviews finden sich als Videos im Internet.

Nach all den Bestaunen bekomme ich natürlich auch meinen privaten Gottesdienst - pardon, meine private Live-Performance.  Ich gebe gerne zu, mein Verständnis von modularen Synthesizern ist eher oberflächlich, aber Siegfried erklärt mir alles, während er mit den Reglern spielt, 'mal eben' eine kleine Sequenz programmiert und dazu eine Melodielinie spielt.  Alles wirkt so einfach und selbstverständlich, und ich habe schon deutlich 'simpler gestrickte' EM als fertiges Produkt von Silberlingen gehört.

Dazu kommen dann noch ein paar früher aufgenommene Spuren vom Band - mit zwei Händen kann man ja nicht alles auf einmal spielen.  Man meint, er kann gar nicht aufhören, und ich stehe einfach nur daneben und genieße...

Wie Siegfrieds weitere Pläne aussehen?  Das lässt er ganz ruhig angehen.  Das Projekt 'Mega-Formant' ist abgeschlossen, ein Platz in der 'Synthesizer Hall of Fame' dürfte ihm sicher sein. Ob der Mega-Formant einmal in einem Museum landet, so wie andere legendäre Einzelstücke, mir fällt z. B. Tonto ein?  Wer weiß das schon, jetzt ist die Gegenwart.  Weitere Ausbauten sind nicht geplant, das Gerät wird jetzt genutzt, um Musik zu machen.  Ob das irgendwann einmal in einer CD münden wird?  Kann schon sein, aber konkrete Pläne gibt's nicht.  Dass Siegfried Brückner das Zeug dazu hat und Synthesizer nicht nur bauen, sondern auch spielen kann, das hat er mir an diesem Tag bewiesen.

Alfred Arnold

Über Empulsiv

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