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Die Sequenz ist bekanntermaßen einer der Grund-Bausteine elektronischer Musik. So ist es auch nicht verwunderlich, dass das Künstlerpack irgendwann diesen Begriff als Motto für sein jährliches Konzert- und Kunst-Event in den Solinger Güterhallen wählen würde. "Sequenz" st aber auch ein Begriff, der sich in anderen Kunstformen interpretieren lässt, und die Künstlerateliers und Galerien in den Güterhallen bieten dafür einen idealen Ort.

Ob es diesem schönen Thema zu verdanken ist, dass das Künstlerpack - wie immer in Zusammenarbeit mit dem Schallwende-Verein - mit Spyra, Ron Boots und VoLt ein besonders exquisites Line-up einladen konnte? Wer weiß, vielleicht haben sich dieses Jahr auch einfach ein paar Dinge günstig gefügt. Spyra ist zum Beispiel nicht nur Musiker, einige seiner Installationen werden noch den ganzen Monat in der Galerie Südpark zu sehen sein.

Der Spyra wird zusammen mit seiner Partnerin Roksana auch den heutigen Konzertreigen eröffnen. Sein Auftritt ist für 15 Uhr angekündigt, die restlichen Galerien sind aber bereits eine Stunde vorher geöffnet. In Gleis 3 kann man zum Beispiel noch Ron Boots und Harold van der Heijden bei den letzten Proben zuhören. Die fallen wohl zufriedenstellend aus, und es ist für Ron und Harold noch Zeit, eine Kleinigkeit zu essen. Für die Künstler wurde wie immer in einer der Werkstätten ein reichhaltiges Buffet aufgebaut.

Noch nicht herein darf man hingegen in die Galerie Südpark, Spyra und Roksana wollen die letzten Arbeiten ungestört machen. Worin die genau bestehen, kann ich nicht genau erkennen, aber das neben einem Schminkkoffer ausgebreitet liegende und zum Teil eher grobe Werkzeug macht schon einen skurrilen Eindruck. Es ist in den letzten Tagen wieder kälter geworden, so wie man es vom Winter eigentlich erwartet, und es hat gerade wieder angefangen zu schneien. Die meisten Besucher, die nach und nach eintreffen, machen lieber noch einen Rundgang durch den anderen Ateliers, anstatt vor der Tür zu warten und dabei kalte Füße zu bekommen.

Etwa zehn Minuten vor drei Uhr hat man ein Einsehen und lässt uns herein. Die Künstler werden wohl noch einen Moment länger brauchen, bis sie bereit sind. Es verspricht heute voll zu werden, und damit Spyra und Roksana überhaupt ihre Instrumente sinnvoll aufbauen konnten, musste der ansonsten rechts stehende Tresen heraus geräumt werden. Im vorderen Bereich ist noch Platz für einen kleinen CD-Stand von Spheric Music, sowie für eine von Spyras Installationen, aber der Rest des Raumes mit Stühlen gefüllt. Sie werden nicht für alle Besucher ausreichen, und für diejenigen, die etwas später kommen, gibt es nur noch Stehplätze.

Norbert Sarrazin als Vertreter des Künstlerpacks und Mit-Organisator hält wie immer eine kleine Einführung. Er erwähnt, dass die Musiker dieses Mal die Reihenfolge der Auftritte selber festgelegt haben. Dafür sei er recht dankbar, hat es ihm doch die Qual der Wahl erspart, selber entscheiden zu müssen, wer den Tag eröffnet und wer den Schlusspunkt setzt. Ein anderer, wie immer wichtiger Hinweis: auch wenn der Eintritt an sich frei ist, so wird doch um einen kleinen Unkostenbeitrag gebeten. Dieses Mal ist es ein mit dem Logo der Veranstaltung bedruckter Stoffbeutel, der während des Konzerts durch die Reihen wandert. Und etwas augenzwinkernd wird darauf hingewiesen, dass Scheine nicht nur die angemessenere Vergütung wären, im Gegensatz zu Münzen mit ihrem Geklimper im Beutel würden sie die Musik auch nicht stören.

Nun aber genug der Worte, die Musik soll beginnen. Ob es ein Viervierteltakt werden würde, fragt Norbert, und Spyra antwortet, "auf jeden Fall C-Moll". Sehr getragen beginnt es dann auch, und man könnte fast meinen, dass Spyra der Sequenz gleich zu Beginn eines der anderen Grundelemente klassischer elektronischer Musik entgegenstellen will: die Fläche. Nach wenigen Minuten gesellt sich die erste Sequenz dazu, und dann auch noch eine zweite, die auf ihre Weise mit der ersten kontrastiert. Dazu dann noch eine angedeutete Melodie, und das musikalische Gemälde ist vollständig. Aber ein Gemälde wie jenes, das hinter Spyra und Roksana hängt und das mit seinen Lagen eine bildhafte Analogie zu dieser Musik ist, ist statisch - in der Musik werden die einzelnen Teile über die Zeit variiert und sie ändert seinen Charakter. Man tut sich schwer, die Intensität dieses Erlebnisses in Worte zu fassen. Zu alledem kommt dann noch Roksana mit ihren Vokaleinlagen und einer Mimik, die den Betrachter förmlich hypnotisieren könnte.

Die Dramaturgie eines Konzerts verlangt es, dass dem Hörer nach so einem Erlebnis erst einmal wieder Zeit zum Verschnaufen gegeben werden muss, und so ist es dann auch: Nach dem ersten Titel geht es in ruhigere Gewässer, zusammen mit dem Pianospiel von Roksana. Im dritten (und auch schon letzten) Teil wird wieder Gas gegeben, dessen Rhythmus könnte auch in eine Disko passen. Roksana setzt mit ihrer Stimme und einem Volkslied einen Kontrast, der kaum größer sein könnte. Ob das jetzt noch elektronische Musik ist, darüber mag man streiten, genauso wie darüber gestritten wird, wieviel Stimme dabei überhaupt gestattet sei. Einig ist man sich nach dem Konzert, dass Roksana ihr Fach versteht, und dass man mehr davon hören möchte. Zugabe? Einer geht noch, dieses Mal ein etwas älterer Titel mit progressiv-jazziger Grundstimmung.

Ach ja, und da ist ja auch noch der Beutel, der herum gegangen ist und den Norbert jetzt an die "Finanzministerin" übergeben kann. An den Hinweis vom Anfang hat sich das Publikum übrigens gehalten, es klimpern keine Münzen darin und angesichts des randvollen Ateliers dürfte der Beutel einen stattlichen dreistelligen Betrag enthalten. Wolfram ist mittlerweile schon wieder anderweitig beschäftigt: Nach dem Konzert ziehen die Klang-Installationen die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich, und er erklärt geduldig, was es mit ihnen auf sich hat und was man damit anstellen kann.

Nach Zeitplan sollte jetzt eine halbe Stunde Pause sein, durch die Zugabe ist aber gar nicht mehr so viel Zeit bis zum nächsten Konzert. Der direkte Weg nach "Gleis 3" ist empfehlenswert, will man dort noch einen der vorderen Plätze ergattern. Bei mir klappt das so gerade eben noch, nach Wegrücken einer Pflanze sitze ich ganz rechts am Rand. Dass mein Blick auf Ron und Harold dadurch etwas "Ron-lastig" ist, macht übrigens nichts. Stefan Erbe ist heute auch da und ergänzt mit den passenden Nahaufnahmen auf Harold.

Kaum dass ich es mir bequem gemacht und den Schreibblock gegriffen habe, beginnt auch Norbert mit seiner Einführung. Übrigens tragen nicht nur die "Klingelbeutel" heute das Sequenzen-Logo, auch sein T-Shirt ist damit bedruckt. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass es recycelt wurde: schwach ist noch das Rondo-Logo vom letzten Jahr zu erkennen. Norberts Kommentar dazu: das Bleichen hat nicht so 100%ig funktioniert.

Die Frage an Ron, ob Harold und er bereit wären, wird mit einem knappen "müsste funktionieren" beantwortet. Also ehrlich, ich habe es bei Ron eigentlich noch nie erlebt, dass es nicht funktioniert hätte. Und eine gewisse Routine müsste er in den letzten Monaten entwickelt haben. Mit Harold van der Heijden und Frank Dorittke war er schon in Hamm und in Bochum auf der Bühne. Einzig Frank Dorittke als dritten Mann hat er dieses Mal zu Hause gelassen - Gitarren-Riffe passen vielleicht nicht ganz zum heutigen Sequenzen-Thema. So kündigt Ron auch an, dass es heute etwas ruhiger werden wird.

... aber was heißt bei Ron und Harold schon "ruhig"? Alleine Harolds Schlagzeug ist eine Garantie dafür, dass niemand wegdöst. Nur wenn Harold mal Pause macht oder einen Gang herunterschaltet, wird es richtig sphärisch. Die meiste Zeit hat man aber den Eindruck, Harold möchte das Fehlen von Frank wett machen. So auch im dritten Track, den man schon in Bochum hören konnte, ohne Frank vielleicht mit etwas weniger Drive, aber immer noch mit genug Dampf. Aus dem Publikum wird gefordert, Harold sollte doch den "Hacker" machen, und er gibt sich alle Mühe, seinem Beinnamen gerecht zu werden.

Eigentlich wäre mit diesen drei (langen) Tracks das "geplante" Programm schon durch, eine Zugabe brauchen wir aber noch, alleine schon um wieder etwas herunterzukommen. Die kann geliefert werden, Ron hat auf dem Notebook genug Material dabei. Am Ende der Zugabe hat auch der Beutel seine Runde durchs Publikum gemacht und den gewünschten Füllgrad erreicht, so dass Norbert ihn überreichen kann. Man erzählt sich ja, dass eine gut gefüllte Tüte in Holland immer gerne gesehen ist.

Die Pause bis zum dritten und letzten Konzert ist eine längere und würde zum Beispiel reichen, ein Abendessen im Restaurant "Stückgut" direkt neben den Güterhallen einzunehmen. Das ist am Samstag aber stark frequentiert, eine Tischreservierung im Voraus ist angeraten. Als Alternative bietet sich das eigentlich für die Künstler vorgesehen Buffet an - Norbert lässt durchblicken, dass dieses gegen einen kleinen Obulus auch von Besuchern genutzt werden kann. Aber auch für die nicht Hungrigen muss es keinen Leerlauf geben: Wer es in der ersten Pause nicht in die anderen Galerien geschafft hat, kann das jetzt nachholen. Passend zum Thema haben sich hier Maler und Zeichner Gedanken zum Begriff "Sequenzen" gemacht. Das kann eine ganze Gruppe von sich ähnelnden Bildern sein, oder auch ein einzelnes. Die Grundidee ist die gleiche: man nehme wie in der Musik ein bestimmtes Motiv und variiere es, während man es wiederholt. Falls eines der Werke besonders gefällt: die Preisschilder hängen gleich daneben.

Eine Galerie ist aber auch Spielort für ein kleines Pausenkonzert, das unter dem Titel "Hausmusik" läuft. Der Titel ist passend, denn hier greift Norbert Sarrazin selber in die Saiten und zeigt, das beim Künstlerpack nicht nur gemalt und modelliert, sondern auch komponiert wird. Wer nicht zu 100% auf elektronische Musik festgelegt ist, kann beim Betrachten der Bilder Gitarrenrock in der Tradition von Hendrix & Co. lauschen.

Mit Ende der Pause kurz vor 20 Uhr ist es dann Zeit für das abschließende Konzert in der Galerie von Peter Amann. VoLt aus England haben den weitesten Weg nach Solingen gehabt, insofern ist es nur konsequent, ihren Auftritt als Höhepunkt ans Ende dieses Tages zu legen. Dabei hatten sie bei weitem nicht die weiteste Anreise: Im Publikum sitzt eine Person, die 5000 Kilometer weit aus Jekaterinenburg angereist ist - und morgen auch wieder dahin zurück muss!

Ansonsten verliert Norbert aber keine großen Worte, die kann man sich noch fürs Ende aufheben. Jetzt heißt es erst einmal: "Auf die Plätze - fertig - VoLt"!

Von meinem ersten VoLt-Konzert (als der Electronic Circus noch in Gütersloh gastierte) erinnere ich mich noch an das Grundkonzept, das Michael Shipway und Steve Smith verfolgen: Berliner Schule für das 21. Jahrhundert. Also lange Titel und Sequenzen, aber in einem frischen Stil und mit einem Drive, der mehr zum Mitwippen als zum Wegträumen anregt. Das gilt auch für den Einsteiger-Track "Nucleosynthesis", und das darauf folgende "Escape Velocity". Gelegentliche Pausen zum Ausruhen gibt es natürlich auch, zum Beispiel an Anfang von Titel Nummer drei, aber die halten nicht lange an. Es wird im Publikum gemutmaßt, man hätte den beiden vorher irgend etwas in den Kaffee getan, denn so aufgedreht habe ich das Duo noch nie auf der Bühne erlebt. Das gilt besonders für die Solo-Parts von Steve, bei denen in einer Weise aus sich herausgeht, wie ich es bisher noch nicht erlebt habe. Gelegentlich "laden" sich die beiden wieder an den Blitzkugeln auf, die sie neben ihren Keyboards stehen haben.

"Dark Matter" ist auch so ein Titel, der - wie der Name schon sagt - eher dunkel beginnt und in einem furiosen Finale mündet. Und ja, das war eigentlich schon das Finale, aber zwei (!) Zugaben müssen die beiden Engländer gewähren, bis man sie von der Bühne lässt und der Tag in Solingen sein Ende findet.

Für dieses versammelt Norbert noch einmal alle Akteure zu einem Gruppenfoto, auch von den Musikern sind alle bis zum Schluss geblieben. Der ist mit 22 Uhr eigentlich noch recht früh, aber niemand hat das Gefühl, hier um irgend etwas betrogen worden zu sein - ganz im Gegenteil. Dieses Solinger Event wird eines sein, dass mir noch lange ein Erinnerung bleiben wird, und an ihm werden sich folgende messen lassen müssen. "Flächen" wäre vielleicht ein Name für 2019, um auf den Anfang zurückzukommen. Ich bin aber sicher, dass Norbert Sarrazin und seine Mitstreiter sich etwas Originielleres dafür einfallen lassen werden.

Alfred Arnold