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Mit Tangerine Dream über den Dächern Hamburgs

Nach dem Tod von Tangerine Dream-Gründer Edgar Froese wurde viel gemutmaßt, wie lange es diese Gruppe noch geben würde - wären Thorsten Quaeschning, Hoshiko Yamane und Ulrich Schnauss in der Lage, sein Vermächtnis wirklich weiterzuführen, ohne sich zu einer "Cover-Band" zu entwickeln, die einfach nur das Vergangene wiederholt? Mit einem seit Anfang letzten Jahres verfolgten Konzert-Konzept, das Titel aus der TD-Vergangenheit und -Gegenwart mit einem langen, improvisierten Teil am Ende kombiniert, hat das Trio auf seine Weise eine Antwort darauf gegeben. Als dann auch noch Mitte letzten Jahres die Meldung herumging, Tangerine Dream würde Anfang 2018 auch ein solches Konzert in der Hamburger Elbphilharmonie geben, war das nicht nur aufgrund der besonderen Location bemerkenswert, sondern auch eine Bestätigung für das Konzept: Ohne sich sicher zu sein, einen so exklusiven (und teuren) Spielort angemessen füllen zu können, wäre man das Risiko sicher nicht eingegangen.

Die Rechnung ging auf: Trotz Ticket-Preisen von 60 bis 90 Euro, zu denen man ja immer ehrlicherweise noch die Anreise und mindestens eine Nacht im Hotel hinzurechnen muss, waren die Karten für die 2100 Plätze des großen Saals in kurzer Zeit ausverkauft. Viele Fans dürften dies als einmalige Gelegenheit begriffen haben, "ihre Musik" einmal an einem solchen Ort zu hören. Mit ihrer herausragenden Akustik und ihrer prägnanten Silhouette ist die Elbphilharmonie inzwischen weit über Hamburg hinaus bekannt, aber auch für die Pannen, Verzögerungen und Kostensteigerungen während der Bauphase. Immerhin kann man den Hamburgern zugute halten, dass die Elbphilharmonie seit anderthalb Jahren fertig ist und funktioniert - im Gegensatz zu gewissen anderen Großbauprojekten in diesem Lande.

Der siebte Februar, an dem das Konzert stattfinden wird, beginnt für mich früh - kurz vor 6 Uhr auf dem Aachener Bahnhof. Von Aachen nach Hamburg wäre es doch schon eine lange Fahrt mit dem Auto, und Anfang Februar sind die Straßenverhältnisse öfters so, dass man den Wagen lieber stehen lässt. Gerade erst am Vortag hatte es in Aachen einige Zentimeter geschneit, und auch der Bahn sagt man ja nach, der Winter wäre (neben Sommer, Frühling und Herbst) ihr größter Feind. Die Härteprüfung bleibt heute aber aus, der Mittwoch bleibt Schnee-frei und ich bin pünktlich kurz nach Mittag am Bahnhof Hamburg-Altona. Jetzt noch kurz ins Hotel einchecken, und nach drei weiteren Stationen mit der S-Bahn bin ich an den Landungsbrücken, von denen aus man die Elbphilharmonie bereits in der Ferne sehen kann.

Man könnte noch eine Station mit der Linie 3 fahren, alternativ kann man das Stück am Wasser aber auch Fuß zurücklegen. Warme Kleidung ist um diese Jahreszeit dafür angeraten, mein Vater hatte mir noch den wohlmeinenden Hinweis mitgegeben, im Hamburg würden wegen des feuchten und kalten Klimas selbst Skandinavier frieren. Der Februar ist auch nicht gerade die Hochsaison für Touristen, und die Anbieter von Hafenrundfahrten haben alle Mühe, die wenigen Passanten auf ihre Schiffe zu locken. Ich lasse mich dazu verleiten, auch weil sich die Elbphilharmonie von ihrer "Schokoladenseite" nur vom Wasser aus aufnehmen lässt. Die Guides auf den Hafenrundfahrten sind ja durchaus für ihre launischen Kommentare bekannt und berüchtigt, zum Beispiel über einen Stückgut-Bananendampfer, der just dann fertig wurde, als der Boom von Containerschiffen einsetzte. Was man dann aber so über die Elbphilharmonie am Ende der Rundfahrt erzählt bekommt, lässt einen dann schon etwas zweifeln, ob die Hamburger ihre "Elbphi" in der Zeit seit der Eröffnung in ihr Herz geschlossen haben. Er erzählt, die Tourismusbehörde hätte es den Führern inzwischen untersagt, schlecht über die Elbphilharmonie zu reden. Aber dass die angeblich selbstreinigenden Fenster doch regelmäßig geputzt werden müssen und die Hälfte von ihnen nach dem ersten Winter ersetzt werden mussten, das möchte er schon einmal anbringen. Und dass eine Toilettenbürste umgerechnet 300 Euro gekostet haben soll, wird dem kaufmännisch veranlagten Hanseaten wohl noch eine ganze Weile sauer aufstoßen.

Ich denke, wenn das Gebäude "funktioniert", werden diese Pannen aus der Anfangszeit in ein paar Jahren vergessen sein. Der eigentliche Neubau ist auf einem Speicher aus den 60er-Jahren aufgesetzt, der nach der Umstellung auf Containerverkehr seine Funktion als Lager für Kaffee und Kakao verloren hatte. Auf das Dach des Speichers - und damit an den unteren Rand des "Glaskastens" - gelangt man über eine endlos lang wirkende Rollteppe. Dieser Bereich wird auch "Plaza" genannt und ist mit einem Ticket zugänglich, das im Moment noch kostenlos verteilt wird. Im Außenbereich der Plaza hat man einen wunderschönen Ausblick, wahlweise auf die Stadt oder den Hafen. Noch mehr am Boden gilt hier in luftiger Höhe, dass man sich warm anziehen muss. Auch der Innenbereich der Plaza ist nicht geheizt, mit Ausnahme des Restaurants, des Cafes und eines Souvenir-Shops. In letzterem kann man fast alles mit der markanten Silhouette der Elbphilharmonie darauf kaufen, von T-Shirts und Buttons bis hin zu Kaffeetassen mit Platinbeschichtung auf der Innenseite. Was ich mitgenommen habe? Der Ingenieur in mir hat sich für etwas Praktisches entschieden, nämlich einen kleinen Zollstock als Schlüsselanhänger.

Die Besuchertickets für die Plaza gelten offiziell bis 18 Uhr, was vom Personal aber nicht wirklich kontrolliert wird. So oder so sieht man um diese Zeit immer mehr Besucher, die ein Ticket für das frühere Konzert im kleinen Saal oder das TD-Konzert um halb Neun in den Händen halten. Es sind viele Bekannte dabei, die von ähnlich weit angereist sind wie ich. Direkt nach dem Konzert wieder abfahren wird niemand, so eine Tortur will sich doch keiner antun. Bei der Unterbringung gibt es die ganze Spannbreite, angefangen bei Camping bis hin zu einem Zimmer hier im Haus selber. Die Elbphilharmonie beherbergt nämlich neben den beiden Sälen und einigen Luxusappartments auch ein eigenes Hotel. Den kürzestmöglichen Weg zum Bett lässt man sich dann auch einen merklich dreistelligen Betrag pro Nacht kosten.

Das Cafe auf der Plaza macht gute Geschäfte mit den Besuchern, bis der Aufgang zum großen Saal geöffnet wird. Ab dieser Ebene wird dann auch geheizt, es wird förmlich mit jeder Treppenstufe behaglicher. Der Mantel darf (und muss übrigens auch) an der Garderobe im Foyer bleiben, genauso wie Taschen und Rucksäcke. Die Dinge, von denen icj mich nicht trennen will, wie Brieftasche, Handy und Kamera, landen in meinen Hosentaschen oder am Gürtel.

Wo das Thema gerade aufs Fotografieren kommt - wie sieht es heute damit aus? Auf den kleineren Events, die ich ansonsten so besuche, darf üblicherweise soviel geknipst und gefilmt werden, wie man mag, solange es die Musiker nicht stört. Auf größeren Events, wo auch mehr Geld im Spiel ist, kann das erfahrungsgemäß anders sein. Auch wenn die Veranstalter den Kampf gegen Smartphone-Kameras längst aufgegeben haben, wird immer noch versucht, große Spiegelreflex-Kameras herauszuhalten und so die Kontrolle über professionell verwertbare Aufnahmen zu behalten. Am Vortag hatte Bianca in einer Hamburger Buchhandlung aus Edgars Autobiographie gelesen, und dabei hatte sie auch erwähnt, dass man am heutigen Abend bestenfalls während der ersten zwei oder drei Titel fotografieren dürfte. So streng wird es dann aber doch nicht ablaufen, ich kann jedenfalls keinen Fall beobachten, wo das Personal eingreift. Es bleiben aber auch alle Besucher auf ihren Plätzen, niemand kommt während des Konzerts nach vorne, um doch noch eine gute Nahaufnahme zu bekommen - mich eingeschlossen.

Das wäre in diesem Saal auch gar nicht so einfach, denn hier gibt es keine einfache Tribüne vor der Bühne, sondern diverse Blöcke, die im Saal an verschiedenen Orten und Höhen verteilt sind. Je nachdem wo man sitzt, müsste man erst einmal wieder herausgehen, ein oder zwei Etagen zum Foyer heruntersteigen und dort wieder in den Saal hinein, um zur Bühne zu gelangen. Manche Sitzreihen befinden sich hinter der Bühne, andere in luftiger Höhe fast fünfzehn Meter oberhalb davon. Die Akustik des Saals soll aber so sein, dass man von jedem Platz aus das gleiche (gute) Hörerlebnis hat. Dutzende von Lautsprechern stehen dafür im Kreis auf der Bühne, und an der Decke hängen mindestens noch einmal so viele.

Vor Konzertbeginn spricht Bianca noch ein paar einführende Worte. Auch für sie ist dieses Konzert natürlich ein ganz besonderes, und die TD-Gründer und -Übervater Edgar Froese darf in der kurzen Rede auch nicht fehlen - ihm ist dieser Abend gewidmet.

Das Konzert beginnt, wie man es von den TD-Konzerten der letzten kennt, mit einem bunten Streifzug durch die Alben der letzten Jahrzehnte. "Klassiker" wie 'Dolphin Dance', 'Sorcerer' oder 'Love On A Real Train' sind in diesem Programm dabei, im Vergleich zu den 2017er-Konzerten wurde aber auch einiges ausgewechselt. 'Horizon' von der 'Poland' hatte ich in den letzten Jahren zum Beispiel nicht live gehört. Selbstverständlich sind dazwischen auch diverse Titel des aktuellen Albums 'Quantum Gate' eingebaut. Ob die Akustik des Saals dem Ruf gerecht geworden ist, der ihr voreilt? Ich finde den Klang deutlich 'analytischer' als sonst, in dem Sinne, dass die einzelnen Elemente der Songs nicht so ineinander verschmieren, so wie das sonst bei den hohen Lautstärken eines Tangerine Dream-Konzerts leicht passieren kann. Einige Besucher meinen nach dem Konzert, es wäre deutlich leiser gewesen als sonst. Ich meine eher, durch die gute Akustik, und auch die exzellente Sound-Anlage wirkt der gleiche Lautstärkepegel weniger schrill und subjektiv leiser.

Die letzten Tracks des regulären Programmes werden auf der Leinwand, die mitten im Saal über der Bühne schwebt, von Bildern Edgar Froeses begleitet. Die Verbeugungen von Thorsten, Hoshiko und Ulrich gehen dieses Mal in alle Richtungen - so sehen alle Zuschauer die drei einmal von vorne. Aber das ist natürlich noch nicht das Ende des heutigen Konzerts, wie bei den letzten TD-Konzerten auch schon wird eine freie Improvisation von 30 bis 45 Minuten als Zugabe folgen. Doch bevor die beginnt, muss Uli einmal kurz von der Bühne. Nein, nicht für das, was man denken könnte, er kommt mit einem halben Dutzend Wasserflaschen zurück. Im vollbesetzten und gut geheizten Saal ist es mollig warm, eine Erfrischung vor der Zugabe dürfte hochwillkommen sein.

Die Improvisation als Zugabe ist natürlich immer eine Wundertüte, und man weiß nie, wie gut sie heute funktionieren wird. Man kann aber ganz klar sagen, dass das Zusammenspiel von Thorsten, Hoshiko und Ulrich seit den ersten Versuchen Anfang 2017 immer besser klappt, und für viele TD-Fans, die die langen Stücke der 70er-Jahre schätzen, ist sie inzwischen der eigentlich Höhepunkt eines Konzerts, und jede Improvisation ist ein nicht wiederholbares Unikat. Einige von ihnen haben es auf eigene CDs geschafft, so zum Beispiel die Improvisationen aus Budapest und Hongkong auf "The Sessions I".

Nach der Zugabe folgt noch - inzwischen auch eine kleine Tradition - das Meet & Greet mit den Musikern und Bianca im Foyer des Saals. Hier kann sich seine Eintrittskarte oder die gerade frisch erworbene "Sessions II" mit den Zugaben aus Oirschot signieren lassen. Unterschriften von Thorsten und Hoshiko ergattere ich noch, bei Ulrich schaffe ich das leider nicht mehr. Er ist am dichtesten umlagert und das Personal macht uns darauf aufmerksam, dass die Elbphilharmonie um 23.30 Uhr schließt - wir müssen leider das Haus verlassen. Das Konzert hatte erst um 20.30 Uhr begonnen, und zusammen mit der Zugabe ist es ein langer Abend über den Dächern Hamburgs geworden.

Das fehlende Autogramm hole ich mir vielleicht auf dem E-Day, wo Ulrich solo spielen wird, oder auch im Mai in Duisburg. So bleibt uns allen erstmal nur, uns zu verabschieden und den Weg ins Hotel anzutreten. Spät wird es im Hotel doch noch, nach diesem Abend muss ich erst einmal wieder etwas "herunterkommen" und die ersten Gedanken niederschreiben. Das Frühstück am nächsten Tag ist dementsprechend spät. Mein Zug nach Köln fährt aber erst um halb Elf, und es sind ja nur paar Schritte bis zum Bahnhof. Wie die Rückreise lief? Nun ja, nicht ganz so glatt wie der Hinweg. Und wer an Karnevals-Donnerstag in Köln umsteigen muss, kann auch das eine oder andere erleben. Aber das ist eine Geschichte für sich ...

Alfred Arnold

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