Berichte

Mitten im eher ereignisarmen August tauchte auf dem Event-Kalender von EMpulsiv "Controled Voltage" auf. Hinter diesem Titel versteckte sich ein Konzert von Uwe Rotluff alias WellenVorm. Uwe wohnt und arbeitet aus Chemnitz, ein Konzert hier bei uns "im Westen" ist für ihn also schon mit einer größeren Anreise verbunden und etwas besonderes. Durch sein zweites Album "Petrified Forest" war ich auf seinen ganz eigenen Stil aufmerksam geworden, live hatte ich ihn bisher aber noch nicht gesehen - das war jetzt die Gelegenheit.

Die zweite Überraschung war der Veranstaltungsort: Das Konzert sollte in Ahlen stattfinden, aber nicht wie die Scheunenparty bei Bernd Glanemann auf dem Bauernhof, sondern in der ehemaligen Maschinenhalle der Zeche Westfalen. Auch in dieser Gegend gibt es Bergwerke, deren Gebäude nach Ende des Bergbaus nicht dem Erdboden gleichgemacht wurden, sondern mit neuen Inhalten gefüllt wurden.

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Die Anfahrt lässt einen Moment lang ernste Zweifel aufkommen, ob hier wirklich irgendwo ein stillgelegtes Zechengelände sein soll. Ausgehend von der Autobahn, werden die Straßen immer kleiner und holpriger, irgendwann geht es in einen Wald hinein und über eine schmale Brücke. Ich sehe mich vor meinen geistigen Augen doch wieder auf einem Bauernhof landen, das Navi behauptet aber weiter hartnäckig, hinter der nächsten Biegung würde sich das Ziel "Zeche Westfalen" befinden. Und in der Tat: der Wald endet, und öffnet den Blick auf die beiden Fördertürme. Wie auch bei anderen stillgelegten Zechen sind sie weithin sichtbares Wahrzeichen der Anlage. Die ist zwar deutlich kleiner als vergleichbare Zechen im Ruhrgebiet oder die "Luchtfabriek" in Zolder, das Ambiente und die Atmosphäre stimmen aber auch hier. In eines der Gebäude ist ein Restaurant eingezogen, in einem anderen werden Fliesen hergestellt und vertrieben, und unter anderen Hausnummern haben sich Handwerksbetriebe eingemietet.

Mein Ziel ist die Hausnummer 15, die ehemalige Maschinenhalle der Zeche. Der Treppen-Aufgang ist beleuchtet und weist den Weg zum Einlass. Unter der Treppe aufgestellte Toiletten-Häuschen zeigen an, dass an diesem Ort noch das eine oder andere Provisorium genutzt wird. Es soll eine echte "Spätvorstellung" werden, mit Beginn um 22 Uhr und dem Einlass eine Viertelstunde vorher. Wer eher da ist, kann sich zwar schon sein Ticket scannen lassen und bekommt den obligatorischen Stempel auf die Hand, die verbleibende Zeit muss man sich aber mit einem Rundgang über das Gelände vertreiben, gepaart mit dem Versuch, die Anlagen fototechnisch einzufangen. Im spärlichen Abendlicht wirken sie dabei mehr wie schwarze Gerippe.

Nach Eintritt in die ehemalige Maschinenhalle wird man von Dunkelheit umfangen, denn die Halle ist nur schwach beleuchtet. Knapp einhundert locker in der Halle verteilte Klappstühle weisen darauf hin, dass dieser Abend ein eher intimer werden wird. Oder sollte man besser von einer "Nachtmusik" sprechen? Das Ende ist immerhin für 2 Uhr angekündigt. Eine improvisierte Bar direkt neben dem Eingang wird dafür sorgen, dass die Besucher weder verdursten noch verhungern werden - neben Getränken werden auch Brezeln verkauft. In der Luft liegt der Duft von Räucherkerzen, während Uwe Rotluff noch letzte Einstellungen an seinen Keyboards und Synthesizern vornimmt. Sein Aufbau steht auf einem Gitterrost, der von unten angestrahlt wird.

Uwe wird aber nicht sofort mit seinem Konzert beginnen. Den Anfang macht Dirk Mense aka "[tu:rende´]", der auch noch einige allgemeine "Spielregeln" für diesen Abend zu verkünden hat. Der Betrieb in der Maschinenhalle wurde 2000 eingestellt, und seitdem verfiel sie. Ein Ruine ist sie auch heute noch. Herumliegende Pläne und Geräte, auf denen dicker Staub liegt, zeugen davon, dass die Zeit seitdem stehen geblieben ist und es noch ein weiter Weg bis zu einem heraus geputzten Industriedenkmal sein wird. Aber vielleicht will man das auch gar nicht? Auf jeden Fall werden die Besucher eindringlich gebeten, der Suche nach "Lost Places" nicht nachzugehen, das könnte an diesem Ort wirklich gefährlich werden, so sehr das auch reizt. Was würde zum Beispiel passieren, wenn er einen Schalter umlegt, an dem ein großes Schild vor seiner Betätigung warnt? Das Licht wird noch dunkler, stattdessen leuchten pulsierende Lichter hinter der ehemaligen großen Kontrolltafel auf. Es ist so, als würden die Maschinen wieder zum Leben erweckt, und eine gute Viertelstunde hören wir ihren Puls: eine minimalistische Komposition, die eigentlich nur aus verfremdeten Brumm- und Theremin-artigen Klängen besteht. Zusammen mit dem Oszillogramm auf dem einen Beamer und technischen Bildern auf dem anderen wirkt das wie eine frühe Kraftwerk-Performance, so wie Töne aus einer Zukunft, die auch schon längst zur Vergangenheit gehört.

Irgendwann verlässt Dirk sein elektronisches Spielbrett, das auf einem merkwürdigen rollbaren Gerät steht, dessen Sinn und Zweck wohl nur noch diejenigen kennen, die hier einst gearbeitet haben. Die Maschinerie scheint sich selber überlassen, aber die Klänge laufen einfach weiter, bis zu dem Punkt, an dem Uwe seinen Platz einnimmt und beginnt, die Halle mit seinen Klängen zu füllen.

Und dieses "Füllen" darf man durchaus wörtlich nehmen, es ist ein wahres Klang-Gewitter, das jetzt seinen Lauf nimmt. Das ist aber auch völlig richtig so, an so einem Ort sollte man klotzen und nicht kleckern. Was in den folgenden anderthalb Stunden geboten wird, ist äußerst variabel: Durchaus melodisch-rhythmische Teile wechseln sich mit solchen ab, wo einfach nur ein paar akustische Klötze in den Raum geworfen werden. Stellenweise wird es auch dramatisch, so wie in einem Film, oder gar sakral. Zu all dem bewegt sich Uwe mit einer Hingabe und Energie zwischen seinen Instrumenten, die ich so selten bisher auf einer Bühne gesehen habe. Er wirkt dabei fast wie der Organist in einer Kirche, der von seinen eigenen Klängen ergriffen wird. Der Unterschied ist nur, dass wir hier in einer ehemaligen Maschinenhalle stehen. Aber die hat man ja früher auch schon als "Kathedralen" eines neuen Zeitalters bezeichnet? Uwe gehört dabei auch zu den Künstlern, die beim Spiel dem Publikum eher den Rücken zukehren. Das macht heute aber nichts, der Aufbau steht weit genug im Raum, dass man um ihn herum gehen und auch den einen oder anderen "frontalen" Schnappschuss machen kann.

Obwohl die größte Sommerhitze vorbei ist und draußen um diese Uhrzeit ein kühles Lüftchen weht, stehen Uwe bei diesem Auftritt die Schweißperlen auf der Stirn. Hier ist wirklich jemand mit vollem Einsatz bei der Sache, und wie er mir nach dem Konzert versichert, versucht er auch immer der Atmosphäre des jeweiligen Ortes gerecht zu werden. Ausgetretene Pfade der elektronischen Musik sind nicht seine Sache, er legt es nicht darauf an, dem Sound großer Namen der Szene nachzueifern. Was dabei herauskommt, mag für das eine oder andere Ohr sperrig klingen, es ist aber auf jeden Fall neu und originell.

Um kurz vor Mitternacht tritt Uwe vor seine Geräte und verneigt sich im Dunkel der Halle in Richtung Publikum; dabei bleibt er fast genauso ein Schattenriss wie die Gebäude der Zeche im Abendlicht. Dirk Mense als Mit-Organisator und Mit-Spieler kommt auch noch einmal dazu. Der Ruf nach einer Zugabe bleibt unerfüllt, Uwe hat an diesem Abend einfach alles gegeben, was er dabei hatte. Das Publikum darf aber gerne noch etwas länger bleiben. Zum einen ist die Bar noch geöffnet und es ist natürlich leichter, leere Getränke-Kisten wieder herunter zu tragen. Zum anderen hat man jetzt noch die Gelegenheit, die zugänglichen Teile der Halle sich etwas genauer anzusehen oder sich eines von Uwes Alben signieren zu lassen. Wann Album Nummer drei kommt? Das wird wohl noch eine Weile auf sich warten lassen, gut Ding will bei ihm Weile haben. Vielleicht finden noch andere Künstler Gefallen an diesem neuen Spielort. Ich würde mir wünschen, dass dies nicht das letzte Mal ist, dass ich die "Zeche hinter dem Wald" gesucht und gefunden habe.

Alfred Arnold

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