Berichte

Ein Jahr Live-Pause hatten Steve Baltes und Stefan Erbe sich verordnet, und bis auf einen kurzfristig eingeschobenen Gig auf E-Live haben sie das auch durchgehalten. Wer in Oirschot dabei war und den ersten Track ihres Konzerts nicht erkannt hat: konnte man gar nicht, das war bereits eine Idee, wie das kommende Album aussehen könnte.

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"Könnte" deshalb, weil "A-11" auf gleiche Weise entstehen wird wie der Vorgänger "Electric Garden": live und vor Publikum. Auch der Ort ist der gleiche: die Sternwarte Hagen, quasi bei Stefan "um die Ecke". Vor dem Musikgenuss ist etwas Schwitzen angesagt, denn wie es sich für eine Sternwarte gehört, liegen Kuppel und Gebäude auf einem Berg, etwas außerhalb der Stadt. Die Parkplätze direkt auf dem Gipfel sind beschränkt und für Personal und diejenigen reserviert, die die zwanzig Minuten Fußweg bergauf vom großen Parkplatz aus gesundheitlichen Gründen nicht schaffen. Wie immer hatte Stefan an alle Besucher eine Info-Mail verschickt, in der unter anderem das Mitbringen von Taschenlampen angeraten wird, denn spätestens auf dem Rückweg wird man durch den dunklen Wald laufen.

Als ich auf den Parkplatz ankomme, ergänze ich die Liste mitzubringender Utensilien in Gedanken um einen Regenschirm und wetterfeste Kleidung, denn der Mai zeigt an diesem Tag, wieviel April noch in ihm steckt - strahlender Sonnenschein und heftige Regenschauer wechseln sich fast halb-stündlich ab. Eine Weile warte ich im Auto auf besseres Wetter, und just als es etwas aufklart, kommt auch Frau Erbe mit ihrem Flitzer angefahren. Olivia ist dabei, und so geht es zu dritt und auf acht Beinen los. Der eine oder andere Zwischenstop ist dabei, im Wald gibt es für Hunde viel zu schnüffeln.

Weder das Wetter noch der Fußweg haben die Besucher heute abgeschreckt, zu groß ist die Spannung, was Steve und Stefan dieses Mal ausgeheckt haben. Der Veranstaltungssaal der Sternwarte bietet nur für gut 50 Zuschauer Platz, und die Tickets sind bereits seit zwei Wochen ausverkauft. Seitdem konnte man sich nur noch auf eine Nachrückerliste setzen lassen und hoffen.

An der Sternwarte angekommen, kann man sich für die aufgewendete Mühe gleich mit einem Würstchen oder selbstgemachtem Kartoffel- oder Nudelsalat entlohnen. Ein Kaffee ist angesichts des frischen Wetters natürlich auch heiß begehrt. Bis das Konzert um 19 Uhr beginnt, verbleibt noch ein wenig Zeit, um noch ein paar Stufen höher zu steigen: Entweder auf den Eugen-Richter-Turm gleich nebenan, oder in die Kuppel der Sternwarte. Von den Mitarbeitern der Sternwarte kann man sich die Funktion des großen Teleskops erläutern lassen, und man erfährt, dass Freizeit-Astronomen auch heute noch eine Chance haben, ein Himmelsobjekt erstmalig zu entdecken.

Für einen Blick durchs Fernrohr ist es noch zu früh und zu hell ("Astronomers do it at night"), das wird man nach dem Konzert tun können. Aus dem Saal dringen bereits kräftige Beats der Proben. Ob "A-11" ein eher rhythmisches Album werden könnte? "Das wissen die beiden erst am Ende, was es ist", ist der Kommentar von Frau Erbe. Wie immer macht sie die "Kasse", die eigentlich gar keine ist, weil ja alle Karten bereits im Vorverkauf weggegangen sind. Geld kann man trotzdem für CDs oder einen leuchtenden Astronauten mit USB-Anschluss ausgeben. Die Preise sind Erbe-typisch zivil: zehn Euro pro Album, noch zwei Euro weniger für einen Astronauten.

Mit einem "Im Prinzip könnt Ihr Euch ein Plätzchen suchen" öffnet Stefan den Saal. Fast wirkt es auf mich so, als wäre er noch voller mit Stühlen gestellt als beim letzten Mal - von der ersten Reihe aus kann man die Tische fast mit Händen greifen. Stefan erzählt in seiner Einführung, Steve und er würden das Publikum heute in ihr Studio einladen, wofür sie selbiges leer geräumt und hierher verfrachtet hätten. Bei Stefan ist man geneigt das zu glauben, denn er hat sich in den letzten Jahren wieder zu einem Fan von Hardware-Keyboards auf der Bühne entwickelt: mussten vor ein paar Jahren vielleicht zwei davon reichen, ist es inzwischen eine kleine "Burg" von einem halben Dutzend. Ein günstig erworbener Roland EG-101 hat heute übrigens Premiere. Bei Steve ist das größte Keyboard ein kleiner Yamaha, der bequem mit in den Koffer passt; seine Haupt-Werkzeuge sind Ableton und eine Reihe kleinerer Analog-Synthies und Effektgeräte.

Das Konzert - oder die Aufnahme-Session, ganz wie man will - ist in zwei Abschnitten geplant. In der ersten Hälfte werden Steve und Stefan Titel einzeln einspielen, und nach jedem davon Fragen aus dem Publikum zu ihrer Arbeitsweise beantworten. Auf der Leinwand im Hintergrund werden Nahaufnahmen ihrer "Arbeit" zu sehen sein, wie man das von Baltes&Erbe-Konzerten bereits kennt. Den zweiten Teil wollen sie in einem Stück einspielen, dabei werden dann die neuen Visuals ausgetestet.

Beginnen wir mit dem ersten Titel: eine spacige Basis, darauf die kräftigen Rhythmen, die man schon von den Proben erahnen konnte. Stefan probiert dazu gleich einmal die Neuerwerbung aus: Die Klänge, die er herausholt, sind schon fast ein wenig funkig. Das gibt die Richtung für den Rest des Abends vor, und Stefan findet das völlig "Okay", wie er mit seinem kurzen Kommentar am Ende des Stücks anmerkt. Das läuft übrigens noch unter dem Arbeitstitel "Luna 3".

Bevor es mit Titel zwei weitergeht, wollen Fragen beantwortet werden. Steve zeigt, wie er die einzelnen, vorbereiteten Spuren live und nach Gefühl einsetzen kann, und merkt noch an, dass er in diesem Duo ja eher für Base und Drums zuständig wäre, während Stefan am Keyboard die Melodien liefert. Dann zeigt er noch, wie er die Klänge seines kleinen Yamaha-Keyboards durch Ableton leitet und "aufpeppt". A propos Spuren: Aufgenommen wird auf einem 16-Spur-Rekorder, damit bleibt noch Raum, um die einzelnen Anteile für die CD passend abzumischen, oder einen nicht ganz sauberen Live-Part zu ersetzen.

Jetzt aber weiter im Programm, "A11-7" heißt (bisher) der nächste Titel. Der Einstieg ist dunkel und beinahe dräuend, darüber legt Steve dieses Mal ein deutlich komplizierteres Rhythmus-Pattern. Dass dies wirklich live passiert und nicht fertig "aus der Dose" kommt, sieht man immer wieder schön daran, wie er sich verrenkt und zwischen den Knöpfen seiner vielen Geräte(chen) hin- und herspringt. Steve ist jetzt "angekommen", er geht bei dem Rhythmus mit - gut für die Musik und das Publikum, weniger gut für den Fotografen, der sich schon anstrengen muss, mal ein unverwackeltes Bild in den Kasten zu bekommen. Stefans Kommentar am Ende: "Wie cool war das denn?" Bei dieser Nummer wäre er sich unsicher gewesen, bis jetzt eben. Den Schwung muss man ausnutzen, die nächste Fragerunde wird auf später verschoben. Der dritte Track beginnt zur Abwechslung mal ohne Beat, das gibt Stefan Raum für eine der Piano-Strecken, für die er bekannt ist. Dazu liefert Steve eine eher subtile Sequenz, die erst im Verlaufe des Titels wächst und übernimmt. Mit einem Rauschteppich klingt Titel Nummer drei aus, und der will gar nicht enden - wo ist er der richtige Knopf? Auf die Frage, ob das alles auf die CD kommt, lautet die Antwort: "Gerne, wenn es passt". Eine CD hat ja leider eine begrenzte Spielzeit und man wird im Studio noch die eine oder andere Länge passend kürzen.

"Auffi", zu "A11-12", "was auch immer das sein mag". Die Basslinie ist jetzt richtig dick und vielschichtig und - nicht zuletzt - laut. Jetzt grooved auch Stefan zu der Sequencer-Loop mit, und der schlichte Kommentar am Ende lautet "Sehr geil!" Wie man so etwas konstruiert, das zeigt Steve im Anschluss: Er spielt die Basslinie in ihrer Rohform an, so wie er sie von Stefan bekommen hat, und zeigt, wie man Stück für Stück darauf ein Pattern aufbaut. Wie eingangs erwähnt, ist "Ableton Live" dabei sein Werkzeug der Wahl, während Stefan "Studio One" für die Arbeit zu Hause bevorzugt.

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"A11-9" ist schon das letzte Stück des ersten Teils, dessen geplante Dauer von einer knappen Stunde wohl locker überzogen werden wird. Noch einmal dringt ein anderer Rhythmus aus den Lautsprechern. Der ist dynamisch und vorwärts-strebend, genauso wie man in den 60er-Jahren noch über den technischen Fortschritt gedacht hat. Mit einer guten Portion Wagemut kulminierte das vor 50 Jahren in der ersten Mondlandung. Wer es noch nicht verstanden hat: "A-11" steht natürlich für die erste Mondlandung, und dieser geschichtliche Aufhänger wird im zweiten Teil in den Vordergrund treten. Einstweilen machen Musiker und Zuhörer aber Pause, sei es für ein Bierchen oder um selbiges wieder loszuwerden. Die Sternwarte hat nur eine Toilette, dementsprechend bildet sich eine kleine Schlange. Die Pause ist aber lang genug, so dass niemand den Anfang des zweiten Teils versäumt.

In seiner Einführung zur zweiten Hälfte erklärt Stefan noch einmal, dass jetzt ohne Pause und "Fragerunde" durchgespielt wird, man möchte jetzt auch einmal durchtesten, wie die Visuals "im Flow" zu der Musik passen. Die drehen sich natürlich alle um das Apollo-Programm. Originale Funksprüche untermalen den Einstieg in den zweiten Teil, dazu sieht man die Apollo-Kapsel in der Mond-Umlaufbahn. Fangen wir also mittendrin in der Mission an? Nein, wir beginnen ein wenig davor. Die in der Computeranimation aufgehende Erde zeigt, dass dies noch Apollo 8 ist, und auf das berühmte Foto vom "Earthrise" angespielt wird.

Dann wechseln die Bilder zur Saturn-Rakete, wie sie an der Startrampe steht. Der Start wird aus der Sicht der Astronauten in der Kapsel gezeigt. Im Orbit angekommen, schießt eine weitere Zündung der dritten Stufe sie auf Kurs zum Mond. Das Licht im Saal ist deutlich gedimmter als in der ersten Hälfte, und die Musik kommt jetzt sphärischer und weniger rhythmisch daher. Das gibt Stefans Piano-Spiel mehr Raum - in der ersten Hälfte war sein Part dem einen oder anderen Besucher etwas zu kurz gekommen. Die Visuals geben währenddessen weitere Episoden der Mission wieder: die Landung, aus dem Inneren der Mondfähre gesehen, den Start von der Mond-Oberfläche und nach dem Rückflug den feurigen Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Den Rest der zweiten Hälfte, die gefühlt wie im Flug vergeht, füllen verfremdete Real-Aufnahmen und Zeichentrickfilme, mit denen man in den 60er-Jahren gezeigt hat, wie die Landung funktionieren soll. Stefan hatte in der Einführung erwähnt, dass ein Schwerpunkt die nach heutigen Maßstäben primitive Technik sein soll, mit der Menschen damals zum Mond geflogen sind.

Eine Zugabe muss natürlich sein, auch wenn der kleine Zeiger auf der Uhr sich schon bedrohlich der Zehn nähert. Ausnahmsweise ist es dieses Mal nicht "s-thetic", ein Track der neuen CD wäre noch einzuspielen. In der Zugabe ist dann wieder der Rhythmus da, mit dem die erste Hälfte endete - und der nötigt Stefan ein "Respekt" als Kommentar ab, bevor er den Besuchern einen guten Weg nach Hause wünscht. Vielleicht sieht man sich ja in zwei Wochen auf dem ATT in Essen wieder? All jene, die dieses Mal keine Karte ergattert haben, haben dort die Chance, eine weitere Aufnahme-Session live mitzuerleben. Aus dem Publikum kommt die Bitte, doch einfach alles, was man heute gehört hat, auf CD zu bringen, und wenn es deshalb ein Doppel-Album wird, wäre das ja auch in Ordnung. Nun, man wird am 20. Juli im Planetarium Bochum sehen, was daraus geworden ist. Alle, die an diesem Abend live dabei waren, müssen nicht ganz so lange warten. Sie bekommen einen Download-Link, sobald "A-11" fertig geschnitten und abgemischt ist. Eines steht jedenfalls fest: das Weltall grooved bei Baltes und Erbe! Was für einen Umfang "A-11" auch immer haben wird, es wird ein würdiger Nachfolger von "s-thetic" und "Electric Garden" sein. Das Warten hat sich gelohnt!

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Bericht: Alfred Arnold
Fotos: Alfred Arnold & Stefan Schulz

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