Berichte

Die erste Aufnahme-Session für das kommende Album "A-11" von Baltes und Erbe ist gerade zwei Wochen her. Vieles ist dabei schon gut gelaufen, aber das eine oder andere möchte man noch einmal versuchen, und wer weiß, vielleicht läuft es beim zweiten Mal noch besser? Dazu bietet sich heute die Gelegenheit, denn in Essen öffnet der ATT seine Türen, Europas größte Börse für alles, was der Hobbyastronom braucht - von Sternenkarten über Fernrohre bis zur kompletten Kuppel. Neben Fachvorträgen gibt es auch immer ein "Begleitprogramm", in dem zwei Konzerte von Stefan Erbe einen festen Platz haben. Es liegt auf der Hand, dass in diesem Jahr wieder Steve Baltes mit von der Partie ist, um weiteres Material für das kommende Baltes & Erbe-Album zu sammeln. Da Steve und Stefan nicht gerade "Tür an Tür" wohnen, müsste einer der beiden für Aufnahmen immer seine Geräte ins Studio des anderen verfrachten. Ein Live-Auftritt ist daher eine günstige Gelegenheit, das Nützliche mit dem Angenehmen zu verbinden.

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Der Nachteil so eines Konzepts: für eine Aufnahme muss man wirklich alles auf die Bühne verfrachten, was man ansonsten im Studio genutzt hätte, nicht nur die Untermenge für einen reinen Live-Auftritt. Stefan hat seinen Teil schon am Vorabend aufgebaut, plus die restliche "Raumausstattung": Eine Leinwand verdeckt die komplette hintere Wand des Raumes, in dem sich Schüler ansonsten künstlerisch betätigen. Benutzte Paletten und ein Brennofen in der Ecke zeugen davon. Heute bleibt der Ofen aber aus, stattdessen steht eine mittelgroße Keyboard-Burg vor der einen Hälfte der Leinwand, und zwei schwarz verhüllte Tische stehen für das bereit, was Steve in seinem großen Reisekoffer mitbringt. Notebook, Mini-Keyboard, ein kleiner analoger Synthi und Effektgeräte sind schnell aufgebaut. Da Steve beruflich Instrumenten handelt und Workshops leitet, hat er auch immer ein neues Gerät(chen) dabei. Heute ist es ein Controller-Pad, dessen Bedienelemente sich man selber zusammenstellen kann. Dazu legt man eine beliebige Kombination von Gummi-Matten mit (virtuellen) Köpfen und Reglern auf das große Touchpad, und fertig ist der Custom-Controller. Können wir dann Soundcheck machen? Fünf Minuten noch, meint Steve, aber so lange dauert es nicht, bis die ersten Sounds durch den Raum wabern und Neugierige in den Raum locken. Der eine oder andere fragt irritiert, ob das hier der Vortragsraum wäre. Nein, hier gibt es zwar auch etwas für die Ohren, aber mehr für die Sinne als den Verstand.

Alles funktioniert, und es ist noch ein wenig Zeit. Der erste Teil ist für 12.30 Uhr angesetzt, Zeit genug, um neben der Tür noch ein spontan gemaltes Plakat aufzuhängen und ein paar weitere Stühle aufzustellen. Erfahrungsgemäß wird es im ersten Teil immer recht voll, und so ist es auch heute. Fünf Minuten vor Beginn sind fast alle Plätze belegt, plus ein paar Besucher, die es vorziehen, hinten am Eingang zu stehen. Das ist gar nicht unpraktisch, einer von ihnen wird von Stefan kurzerhand zum Lichttechniker befördert.

Bis der seines Amtes waltet und den Raum durch Betätigen des Lichtschalters in die passende Stimmung versetzt, gibt Stefan noch eine kurze Einführung. Wer schon in Hagen dabei war, dem wird der Ablauf bekannt vorkommen: einzelne Tracks und dazwischen Zeit für Fragen im ersten Teil, ein Mini-Konzert "am Stück" im zweiten Teil. Dass "A-11" für die erste Mondlandung steht, die kommenden Juli ein halbes Jahrhundert her ist, dürfte sich inzwischen herumgesprochen haben. Das Kürzel für "Apollo 11" ist aber keine neue Kreation: Die NASA hat solche Abkürzungen (wie auch bei den folgenden Missionen) auf Mondkarten benutzt, um die Landeplätze zu kennzeichnen. Eine solche Karte soll sich übrigens auch im Booklet der CD finden.

In seine Einführung platzt die Lautsprecherdurchsage hinein, dass jetzt das erste Konzert beginnen soll. Also dann, das Licht bitte aus und der erste der geplanten fünf Titel beginnt. Wie es sich beim Thema "Weltall" gehört, mit einem sphärischen Einstieg, um die Weite des Universums anzudeuten. Früher als in Hagen steigen Sequenz und Rhythmus ein, die auf "A-11" eine tragende Rolle spielen werden. Auf jeden Fall cool, so Stefans kurzer und trockener Kommentar, mit dem er danach die Fragerunde eröffnet. In der geht es dieses Mal mehr um die Technik, mit der die Leinwand befeuert wird. Wie immer schauen ein paar kleine Kameras Steve und Stefan "auf die Finger".

In Titel Nummer zwei geht es richtig zur Sache: Steve zaubert mit seinem Ableton ein komplexes Rhythmus-Pattern herbei - genial, fast noch besser als in Hagen. War das der Start der Apollo? Vielleicht, in dritten Stück geht es deutlich sanfter weiter, lieblichere Klänge und traditionelle Sequenzen begleiten die Mission im Weltraum. Im Vergleich zu Hagen haben Stefan und Steve also auch schon am Spannungsbogen gearbeitet - in dieser Reihenfolge könnten die Titel auch auf die CD passen.

Track Nummer vier beginnt dramatisch, wir nähern uns dem Mond. Stilistisch ist das für mich ein kleiner Rückgriff auf die "s-thetic", der gut an dieser Stelle passt. Lange währt er nicht, ein tiefer Bass führt uns wieder auf den bisher gegangenen Pfad zurück. Jetzt hat Stefan mit seinen Melodien einen deutlicher hörbaren Anteil, und er zeigt, dass es auch mal mit anderen als den bekannten Piano-Sounds geht. Ein wenig schräg ist das schon, was er aus dem EG-101 herausholt, und ein Abwinken deutet an, dass es vielleicht nicht gaaaanz so geplant war ... aber was soll's, die Spuren werden einzeln aufgenommen und einzelne Unsauberheiten können später im Studio noch korrigiert werden.

Titel Nummer fünf ist wieder der gleiche wie in Hagen, mit dem Rhythmus, der mich gefühlt in die 60er zurückversetzt: optimistisch und vorantreibend. Das muss auf jeden Fall auf die CD! Ein Versprechen gibt Stefan: sie wird volle Länge haben, jede verfügbare Sekunde der möglichen Spielzeit wird ausgenutzt werden.

Der erste Teil war richtig gut, und Steve und Stefan haben sich die Pause bis zum zweiten wohl verdient. Bis 16.30 Uhr ist - so glaubt man - noch eine Menge Zeit, sowohl fürs Mittagessen, als auch für einen Rundgang über den ATT. Das Mini-Planetarium vermisse ich übrigens dieses Mal, dafür findet man im Untergeschoss dieses Mal ein interessante Kuppel-Konstruktion - aus Holz im norischen Stil - noch mehr Stände mit gebrauchten Objektiven und anderen "Schnäppchen". Stefan meint schmunzelnd, er hätte sich extra nicht allzuviel Geld eingepackt.

Die Frage, wie man denn den Rest der Zeit bis halb fünf Uhr verbringt, löst sich überraschend einfach: Steve und Stefan haben kurzfristig beschlossen, noch eine "Extraschicht" zu machen und zwei Tracks noch einmal aufzunehmen, die in der ersten Session nicht ganz optimal gelaufen sind. Natürlich ist Publikum auch dieses Mal zugelassen, und weil keine Visuals laufen, bleibt das Licht Mal an - ein Segen für den Fotografen, der jetzt mit kürzerer Belichtungszeit arbeiten und auch mal ein paar Schnappschüsse aus der Bewegung heraus machen kann.

Für das zweite Konzert wird das Licht aber wieder ausgeschaltet, denn jetzt gibt es wieder etwas für Augen und Ohren. Bereits in Hagen hatten einige Zuschauer gefragt, warum computeranimierte Bilder der Apollo-Mission anstelle von Originalaufnahmen der NASA laufen würden, letzteres wäre doch viel schöner und authentischer. Der Grund ist technischer Natur: letzten Endes sollen die Visuals im Juli auf der Kuppel in Bochum wirken, und historische Aufnahmen aus der Zeit sehen einfach nicht mehr gut aus, wenn sie auf die Auflösung der dort installierten Beamer hoch gerechnet werden.

Nicht nur die Visuals im zweiten Teil sind die gleichen wie in Hagen, auch heute wird ohne Pause durchgespielt, während auf der Leinwand eine virtuelle Saturn V die Apollo 11 auf Kurs zum Erdtrabanten bringt, das Kopplungs-Manöver im All abläuft wird und schlussendlich die "Eagle" auf dem Mond aufsetzt. Gefühlt gerät dieser Teil etwas kürzer als in Hagen. Die Straffung tut der aber gut: Jetzt stimmt der Spannungsbogen, und passend zu den letzten Takten steigt die Fähre von der Mondoberfläche wieder auf.

Noch eine Zugabe? Ja, aber sicher doch. 's-thetic' bleibt auch dieses Mal auf der Platte, denn ein letzter Track des kommenden Albums wäre noch aufzunehmen. Er hat den gleichen treibenden Rhythmus wie der letzte Titel des ersten Teils, und zum Schluss kommen doch historische Aufnahmen auf die Leinwand: nicht vom Flug selber, sondern eine Dokumentation aus der Zeit über den "Apollo Guidance Computer", von dem je ein Exemplar in der Kapsel als auch der Mondfähre steckte. Auch auf der CD würde er sich nicht schlecht als Schlusstitel machen, ein echter "Rausschmeißer".

Nach zwei Konzerten (und einem halben) bleibt ein sehr befriedigender Eindruck zurück. Wer gemeint hat, er müsste nicht nach Essen kommen, weil ja schon alles in Hagen gespielt wurde, dem muss gesagt werden: er hat etwas verpasst. Sowohl von Länge als auch Zusammenstellung her haben die Titel noch einmal deutlich an Reife gewonnen, streckenweise war es wirklich ein "anderes Konzert". Andere Künstler würden vielleicht beide Aufnahmen auf CD pressen und als "Live in Hagen" und "Live in Essen" veröffentlichen, und sie würden sicher ihre Abnehmer finden. Nicht so bei Baltes und Erbe: "A-11" wird das ausgefeilte Kondensat beider Konzerte werden. Bis zur Veröffentlichung sind es noch recht genau zwei Monate, aber der Eindruck ist, alle Lampen für den Start stehen auf grün. "Sound of Sky goes A-11" kann kommen, und wie jedes andere "Sound of Sky" wird es ein einmaliges Event werden - wer's nicht gesehen hat, dem wird keine zweite Gelegenheit geboten.

Alfred Arnold

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