Berichte

Im letzten Jahr hatte sich das Solinger Künstlerpack eine kleine Auszeit genommen - ausnahmsweise einmal keines jener Festivals, die elektronische Musik mit Kunstausstellungen verbinden. Auch das Doppelkonzert mit Michael Brückner und Sequentia Legenda im letzten Herbst musste ich auslassen, man kann leider nicht an einem Abend gleichzeitig an zwei Orten sein. So wurde 2019 zu einem eher ungewöhnlichen Jahre, in denen mich der Weg nicht zu den Güterhallen am Solinger Westpark geführt hat. So wie der Zufall spielt, führt mich aber in 2020 der erste Weg ausgerechnet zu einem Konzert genau an diesen Ort - "Space" heißt das Motto in den Solinger Güterhallen. Wie steht es um sie? Sie sind immer noch da, aber weil gerade in der Kunst Veränderung die einzige Konstante ist, gestalten sie sich immer neu: Hier und dort hat eine Galerie ihren Namen geändert, und die draußen ausgestellten Kunstwerke, die man vielleicht bewusst der Witterung und damit dem Verfall aussetzt, sind andere. Es ist eben ein Ort für Kreative Köpfe, wo immer neues ausprobiert wird.

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In diesem Sinne möchte Norbert Sarrazin den Titel des heutigen Events auch verstanden wissen: "Space" steht für (Frei-)Raum. Als EM-Fan hätte man vielleicht als erstes an die Weiten des Weltraums gedacht, die vielen Musikern in der Szene als Inspiration dienen. Das darf heute gerne so sein, muss es aber auch nicht. Alles andere als weit gereist sind jedenfalls die heute auftretenden Musiker: Sphäre Sechs und Klaus Buntrock aus Wuppertal, Volker Rapp aus Erkrath. Wie immer wird ohne festes Eintrittsgeld gespielt - jeder Besucher gibt, was sie/er für angemessen hält. Dieser Ansatz hat sich über die Jahre bewährt, es kommt dabei immer deutlich mehr heraus, als wenn man einen festen Eintritt genommen hätte.

Gemeinsam hatten die Musiker sich überlegt, die ersten beiden Konzerte noch eine Stunde nach hinten zu schieben. Alle Auftritte sollen von Visuals begleitet werden, und die wirken nun einmal besser, wenn es draußen nicht mehr so hell ist. Wer die Anreise noch mit der Angabe "15 Uhr" für das erste Konzert geplant hatte, der hat jetzt noch etwas Zeit ... zum Beispiel für Kaffee und Kuchen direkt nebenan im Restaurant "Stückgut". Nicht wenige haben diese Idee, und so kann man beim ersten "Familien-Plausch" im neuen Jahr auch schon einmal vergessen, dass eine Stunde gar nicht so viel ist. Klaus Buntrock spielt schon ein Viertelstündchen, als ich mich losreißen kann und wieder herüber zu den Galerien gehe. Schon von weitem kann man die Klänge von "Colors of the Universe" hören: elektronischer Rock, angereichert mit Gitarre. Klaus interpretiert das Thema "Space" wirklich im galaktischen Sinne: Titel wie "Nebula" verweisen in die Tiefen des Weltalls, und den Bildern mag man Galaxien und Sternenhaufen erkennen. Klaus Buntrock ist nicht nur Musiker, sondern auch Maler und hat sie alle selber geschaffen. Als Originale hängen sie in der Galerie aus, jedes versehen mit einem dezenten Preisschild. Die Spanne reicht von knapp 200 Euro bis zu bescheidenen vierstelligen Beträgen, je nach Größe des Werkes.

Es reicht aber auch völlig, etwas in den während des Konzerts herumgereichten Sammelbeutel zu werfen - wieviel dabei zusammenkommt, das werden Klaus und Norbert erst am Ende des Konzerts wissen. Das schmälert Klaus' Motivation aber nicht im geringsten. Im Gegenteil, von Track zu Track wirkt er gelassener und sein Gesichtsausdruck ist zufriedener. Die Galerie ist gut besucht, trotz oder vielleicht wegen des miesen Wetters. Im letzten Titel kommt noch einmal die Gitarre zum Einsatz, eine Zugabe ist wegen des Zeitrahmens leider nicht mehr drin - Norbert meint, dafür müsste Klaus einfach das nächste Mal wiederkommen. Die Fahrtkosten dafür müssten sich schon aus der gut gefüllten Tüte von diesem Auftritt finanzieren lassen.

Norbert hat nicht ohne Grund auf die Zeit geschaut, denn Volker Rapp steht mit seinem Konzert in der nächsten Galerie schon "in den Startlöchern" - also fix hinüber, um einen guten Platz für Fotos zu ergattern. Bevor Volker beginnt, hat er noch ein klein wenig zu erzählen: Er war in der letzten Zeit auf einer "Mini-Planetariums-Tour", und eines Abends saß ein kleiner Junge hinter ihm. Der beschaute sich eine Weile, was Volker so vorbereitete, und ließ dann ein kesses "Ist ja alles ganz einfach" vom Stapel. Nunja, wahre Meisterschaft in einer Sache erkennt man auch daran, dass es wie selbstverständlich aussieht - nur ist es das meistens nicht. Schauen wir einmal, wie 'einfach' Volker es heute aussehen lasst.

Ein Piano-Solo und Glocken im Hintergrund bilden den Einstieg, die Leinwand zeigt erst einmal nichts als den Horizont. Jarre-artige Sphärenklänge wabern zu uns herüber. Dass man sich an den großen Franzosen erinnert fühlt, hat durchaus seinen Grund, Volkers neues Album hat nämlich den Titel "Carbon Dioxide" und lehnt sich auch im Cover-Design an Jarres "Oxygene" an. Die Botschaft ist eine ähnliche wie seinerzeit in den 70ern: Schützt unsere Erde, wir haben keine zweite in Reserve! Dass die Menschheit sich darum im Moment nicht wirklich bemüht, wird in Bild und Ton transportiert: Die Musik wird rhythmischer, fast schon ruppig, und die Bilder zeigen Kriege.

Nach etwa 20 Minuten ist der erste Part vorbei und jede(r) dürfte die Botschaft verstanden haben. Es ist an der Zeit für ruhigeres Fahrwasser, und dafür kommt das Theremin ins Spiel. Es ist bei diesem Instrument immer wieder interessant, wie jeder Musiker seine ganz eigene Spielweise entwickelt. Hatte ich bei Carolina Eyck vor ein paar Monaten eine recht strikte und systematische Technik gesehen, so könnte man das, was Volker macht, vielleicht mit "offene Hand" umschreiben: raumgreifende und ein wenig theatralische Bewegungen, die aber den gleichen Effekt erzielen. Leider hat Volker es in seinem Konzert richtig dunkel gemacht, so dass die Fotos nur einen schwachen Eindruck von dieser Performance geben. Dem Instrument angemessen, haben die Rhythmen in diesem Part Pause.

Mit einem "Und jetzt alle Mitmachen" leitet Volker den letzten Teil ein, in dem es wieder rhythmischer wird. Ganz so ernst wird er das nicht gemeint haben, denn Mitklatschen und -schunkeln ist bei elektronischer Musik doch eher unüblich. Wo aber Mitmachen geboten ist: die Sammeltüte macht gerade die Runde. Zu weiteren Tracks von "Carbon Dioxide" zeigen Comic-artige Videos währenddessen, wie Kohlendioxid zur Erderwärmung beiträgt. Ein Dutzend gleichzeitig laufende Programme im Split-Screen könnte man als Kritik an der modernen Reizüberflutung betrachten. Sie sind aber auch eine schöne Analogie für das musikalische Kaleidoskop, das Volker Rapp in diesem Konzert geboten hat, und in das sich auch viele andere Dinge als nur der Klimawandel hinein-denken lassen. Gefallen hat es auf jeden Fall: Nicht nur dass der Inhalt der Sammeltüte die Fahrtkosten um ein mehrfaches übertrifft, es wechseln auch diverse Exemplare von "Carbon Dioxide" im Anschluss ihren Besitzer - persönliche Signatur selbstverständlich eingeschlossen.

Die Pause zum letzten Konzert ist etwas größer, und eigentlich wäre jetzt auch der ideale Zeitpunkt fürs Abendessen. Der Versuch, nebenan im "Stückgut" ein Plätzchen zu ergattern, ist natürlich erlaubt, andererseits ist dieses Restaurant am Samstagabend fast immer mit Reservierungen ausgebucht. Eine sympathische Alternative ist das warme Buffet in einer der Atelier-Wohnungen. Eigentlich ist es für die aufspielenden Musiker angerichtet, aber die Gastgeberin hat so reichlich gekocht, dass es schade wäre, wenn ein Teil davon nachher im Müll landen würde. So dürfen sich auch Besucher mit an den Tisch setzen, so lange Platz ist und ein selbst bestimmter Obulus in die Spendendose entrichtet wird. So sitzen wir gemütlich zusammen, während der eine oder andere Musiker kommt und wieder geht. Alleine Martin Stürtzer, der zusammen mit Christian Stritzel gleich das letzte Konzert performen wird, hat einem etwas ungewöhnlichen Wunsch: Ob jemand ihm ein USB-Kabel leihen könnte? Einer seiner Synthies, ausgerechnet der frisch neu angeschaffte, lässt sich nicht mehr bedienen und vielleicht bekommt er ihn auf diesem Wege wieder 'gefügig' gemacht.

Ob Martin mit dieser Aktion Erfolg hatte, werden wir in der Galerie "Pest Project" erfahren. Dort ist für Martin und Christian zwischen den ganzen Kunstwerken Raum geschaffen worden. Peter Amanns Spezialität ist es, Alltagsobjekte oder Schrott so zusammenzusetzen, dass sich daraus etwas Unerwartetes ergibt - er sieht, wie man aus Löffeln das Federkleid eines Vogels machen kann, oder was man recyceln kann, um eine Lokomotive zu bauen. Alleine diese Objekte, von denen jedes Mal andere zu sehen sind, wären einen Besuch wert.

Eines der Instrumente ist auch fast ein Kunstobjekt: Christians Theremin hatte ich schon vor ein paar Wochen in Wuppertal gesehen. Es ist ein "Etherwave Pro", dessen Produktion Moog vor einigen Jahren eingestellt hat. Aufgrund seiner Funktionen und seiner auffälligen Erscheinung wird es auf dem Gebrauchtmarkt inzwischen für vierstellige Preise gehandelt - Christian versichert, dass er seines aber auch dafür nicht hergeben würde.

Leider hat Martin seinen eine Synthesizer nicht wieder ans Laufen bekommen, so wird er in den folgenden ein bis anderthalb Stunden etwas improvisieren müssen - das ist jedenfalls die Konzertlänge, die Norbert ankündigt. Martin wirft ein, das vorbereitete Video würde aber nur 47 Minuten laufen. Dafür wird ihm aber schon eine Lösung einfallen, genauso wie er es geschafft hat, den Synthie zu ersetzen, der sich leider nicht wieder zur Zusammenarbeit überreden ließ. Die Sequenz kommt jetzt aus einem der vielen anderen Keyboards, dazu wird ein pulsierender Rhythmus gemixt. Das Ergebnis ist aber immer noch klar ambient und hypnotisch-meditativ, so wie man es von "Sphäre Sechs" erwartet, wenn Martin mit Christian zusammen spielt. Dass Martin auch andere Stilrichtungen der EM beherrscht, hat er zum Beispiel im letzten Sommer auf der Schwingungen-Party unter Beweis gestellt. Und siehe (und höre) da: Nach einer halben Stunde wird der Rhythmus härter, man erkennt Anflüge von Martins Techno-Sets. Christian hat während der ganze Zeit dazu an seinem Theremin und der Batterie von Effekt-Geräten gezaubert. Moderne Theremine können viel mehr als nur den klassischen "Geistersound", mit ein paar Handgriffen stellt Christian die jetzt passenden Sounds ein, um danach wieder beide Hände auf den Antennen auf und ab, hin und her zu bewegen - die Technik sieht wieder ganz anders aus als vorhin bei Volker Rapp.

Genauso subtil wie die Musik hat sich das Video geändert, nach den angekündigten 47 Minuten ist es zu Ende und Martin drückt auf Pause. Alleine - die Musik will nicht ganz aufhören, irgendwo in dem improvisierten Setup steckt wohl der Wurm drin. Wenn die Instrumente schon nicht aufhören wollen - das Publikum will auch noch nicht nach Hause gehen. Wir wollen mehr!

Das können wir gerne haben, nur muss Martin dafür einige Sachen neu einstellen, was einen Moment braucht und Zeit gibt, die Sammeltüte herumgehen zu lassen. Als sie gerade die Runde gemacht hat, meldet Martin mit einem kurzen "Das Orchester hat gestimmt" Vollzug. Neben neuen Sounds hat er auch neue Visuals geladen, sie tragen uns in den fernen Weltraum hinaus. In dem ist es kalt und leer, und so wie ein kalter Wind kommt jetzt auch die Musik daher. Das Theremin mit seinem klassischen Sound passt dazu sehr gut.

Mit dieser Zugabe ist dann die von Norbert eingangs versprochene Konzertdauer erreicht. Martin und Christian bekommen ihren wohlverdienten Applaus, sowie die in der Pause gesammelten 'Gaben'. Auch hier wird der Inhalt für deutlich mehr als den Hin- und Rückweg von Wuppertal nach Solingen reichen. Ob die beiden das Geld in neue Instrumente (oder deren Reparatur) investieren, oder sich schon einmal Geld für das nächste Jahr zurücklegen, bleibt ihnen überlassen. Norbert verabschiedet die Besucher auf ihren Heimweg. Ob man sich nächstes Jahr wieder in Solingen sehen wird? Man munkelt, Norbert hätte noch keine Idee für ein Thema. Es fällt mir aber schwer zu glauben, dass ihm dafür nichts mehr einfallen wird. Und wie schon erwähnt: Klaus Buntrock hat ja noch eine Zugabe zu spielen.

Alfred Arnold

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