Berichte

Ein gutes halbes Jahr ist es her, dass ich zum letzten Mal Live-Musik gesehen habe, dann kam der Corona-Lockdown und eine Veranstaltung nach der anderen wurde abgesagt oder verschoben. Auch für Detlef Keller wurde es in diesen Monaten zur traurigen Routine, Donnerstag abends in seiner Radio-Sendung "Ad Libitum" wieder mal nur verkünden zu können, was alles nicht stattfindet.

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Vor zwei Wochen dann ein kleines "Aber": Da gäbe es eine kleine Kunstausstellung in Moers, und ein ortsansässiger Musiker würde anlässlich ihrer Halbzeit ein paar Titel auf seiner Laserharfe spielen. Damit meinte Detlef natürlich sich selber, aber in seiner humorvollen und bescheidenen Art spricht er gerne mal von sich in der dritten Person. Habe ich an diesem Freitag schon etwas anderes vor? In solchen Zeiten ist das natürlich eine rhetorische Frage, also mache ich etwas früher Feierabend und trage die Niederstraße 22 in Moers ins Navi ein - auch das ist in den letzten Monaten eher selten benutzt worden.

Es führt mich in eine kleine Seitenstrasse in der Moerser Innenstadt, auf der Rückseite eines großen Kaufhauses. Über der Tür kann man noch schwach den Schriftzug der "Cleantec Fahrzeugaufbereitung" lesen, die wohl einmal hier gearbeitet hat und bei Google noch unter dieser Adresse verzeichnet ist. Aus dem KFZ-Betrieb ist eine kleine Galerie geworden, das "Museum für barrierefreie Kunst", und aktuell stellt der Künstler Axel Markens seine Zeichnungen aus. Die Ausstellung hat den Titel "Radikal klein", und in der Tat misst keine der ausgestellten Zeichnungen mehr als zwanzig Zentimeter im Quadrat. Axel Markens ist ein Mensch, der das Filigrane schätzt: so viele Strukturen und Ornamente, die alle mit der Hand gezeichnet sind, das zeugt von einer beeindruckenden Kunstfertigkeit. Teilweise ist ihm eine Schicht davon nicht genug und es sind mehrere davon übereinander gelegt. Reale Objekte wie Blätter oder ein vertrockneter Frosch (!) finden in so einer Komposition auch ihren Platz.

Die Galerie ist bewusst spartanisch eingerichtet, nur die Zeichnungen hängen in Reihen an der Wand und der restliche Raum ist fast leer. Das gibt den Besuchern in Corona-Zeiten die Chance, den gebotenen Abstand zueinander zu halten, aber so hat Detlef auch genug Platz, sich mit seinem Setup auszubreiten. Das ist natürlich um die Laserharfe arrangiert, die man ansonsten aus der Dorfkirche in Repelen kennt. Selbige lässt sich natürlich viel besser abdunkeln als die Galerie an einem frühen Spätsommer-Abend, die Nebelmaschine wird heute ein wenig mehr arbeiten müssen, damit man die grünen Laserstrahlen auch sehen kann.

Als Zuschauer wird man übrigens außerhalb der Galerie auf der Straße sitzen. Abstand zum Künstler und untereinander sowie die frische Luft sollen dem Virus so wenig Chance wie möglich geben. Mitarbeiter vom Ordnungsamt sollen kurz vorbei geschaut und dieser Form des Aufbaus ihren Segen gegeben haben. Das Wetter spielt mit, und an der gegenüberliegenden Zufahrt zum Parkhaus ist um diese Zeit auch nicht mehr viel Verkehr. Wir können also anfangen! Die Laserharfe wird angeheizt, uns wird versichert, man hätte auch vorher beim örtlichen Versorger angerufen, doch bitte ein paar Kohlen mehr draufzulegen. Nicht ernsthaft, wir sind hier ja in Moers und nicht in Stenkelfeld.

Die Einleitung übernimmt natürlich der "Gastgeber" Axel Markens, während Detlef sich schon einmal ein wenig einnebelt. Axel erzählt, dass er Detlef und seine Musik seit 2002 kennt, und sie oft und viel beim Zeichnen hört. Es war ihm daher eine Herzensangelegenheit, sie hier live präsentieren zu können, trotz der aktuellen Umstände. Es wird zwei Sets geben, jedes zwischen zehn und fünfzehn Minuten, mit einer Pause dazwischen. Ob noch jemand etwas zu trinken haben möchte? Langsam bekomme ich ein schlechtes Gewissen. Der Eintritt ist frei, auch die Getränke werden kostenlos gereicht und die Frage nach einer Spendenkasse wird freundlich verneint. Das einzige, was wir heute hier lassen werden, sind unsere Kontaktdaten auf dem obligatorischen Meldeformular.

Detlef steigt mit einem Klassiker aus seinem Repertoire ein, nämlich "Source of Life". Den hat er auch schon in verschiedenen Varianten in Repelen gespielt, die heutige fällt wärmer und melodischer aus. Das ist auch kein Wunder, ist Detlef doch der "Melodiker" bei BK&S. Sie erstreckt sich über die vollen zehn Minuten des ersten Teils. Detlef und seine Laserharfe sind so mit Nebel eingehüllt, dass man als Fotograf schon einen guten Moment abpassen muss.

"Source of Life" war schon einmal ein guter Einstieg und hat Interesse bei denen geweckt, die Detlefs Musik bisher nicht kannten. Am CD-Stand wechselt in der Pause der eine oder andere Silberling seinen Besitzer, während wir noch einmal die Zeichnungen betrachten oder eine weitere Erfrischung gereicht bekommen. "Wasser, Wein oder Bier, auch gerne alkoholfreies?" Gibt es wirklich keine Spendenkasse? Nein, alles ist gut.

Ein kleiner Nachteil, wenn das Publikum draußen auf der Straße sitzt: ab und zu will doch mal ein Auto vorbei, wie jetzt der Leiter des Modehauses Braun um die Ecke, in dem gerade Ladenschluss war. Sehen wir das positiv: Es sind so viele Zuschauer gekommen, dass es nötig ist, kurz zur Seite zu rücken oder zu treten. Die bereitgestellten Stühle haben nämlich nicht gereicht, fast die Hälfte der Zuschauer hat den ersten Teil im Stehen verfolgt. Bevor es kritische Fragen gib: Abstandsregeln wurden nicht verletzt, und Masken wurden auch korrekt getragen!

Den zweiten Teil füllt auch ein Klassiker, und ich habe den Eindruck, jetzt ist Detlef richtig in Fahrt gekommen. Immer noch eine weitere Variation holt Detlef hervor, erst nach einer Viertelstunde erklingt dieses Mal der letzte Akkord. Sichtlich zufrieden und entspannt tritt er nach vorne, um nach dem wohlverdienten Applaus noch ein paar Worte in die Runde zu richten. Zuvorderst geht der Dank natürlich an seinen Freund Axel Markens, der es möglich gemacht hat, Kultur in diesen Zeiten zu gestalten. Auch wenn "große Konzerte" auf absehbare Zeit noch nicht möglich sind, ist es wichtig, die Kulturszene wenigstens im Kleinen am Leben zu halten. Wir hoffen alle darauf, dass es baldigst den Impfstoff geben wird, dann wird 2021 wieder das möglich sein, was 2020 nicht ging: Detlef Keller mit Broekhuis und Schönwälder in der Repelener Dorfkirche! Und bis dahin gibt es natürlich noch Detlefs wöchentliche Radiosendung "Ad Libitum", in der man noch viel mehr von dieser Musik hören kann. Einstweilen lautet die Abschiedsformel "Bleibt gesund", wer weiß, wann man sich in diesem Jahr noch einmal sieht und ob ich in 2020 noch einmal einen Bericht schreiben werde. Aufgegeben habe ich die Hoffnung jedenfalls nicht, das sollte man sowieso niemals tun. Mögen die Zeiten noch so trübe und dunkel sein, irgendwo ist da noch Licht. Und wenn ich wieder eines finde, werde ich auch wieder darüber schreiben.

Alfred Arnold

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