Berichte

Nehmen wir einmal an, in ein paar Jahren ist die Covid-Pandemie Geschichte und das Leben wieder einigermaßen in seine normalen Bahnen zurückgekehrt. An was werden wir uns aus dieser Zeit besonders erinnern? In der EM-Szene sicher an diejenigen, die nicht die Flinte ins Korn geworfen haben und das möglich gemacht haben, was gerade eben noch möglich war. Martin Stürtzer aus Wuppertal wird für mich auf dieser Liste sicher ganz weit oben stehen. Nicht nur hat er Dutzende "Stay at Home" Konzerte aus seinem heimischen Studio in die Welt gestreamt, auch besitzt er den Mut, in einer Zeit anziehender Fallzahlen das im Frühjahr ausgefallene und auf Oktober verschobene "Phobos XI" durchzuziehen. Recht früh schon musste er von der Sophienkirche in die größere Immanuelskirche umziehen, um ein den sich ständig verschärfenden Richtlinien genügendes Hygiene-Konzept umsetzen zu können. Zu dem amüsanteren Anekdoten dabei gehört die Ankündigung, das vor zehn Jahren erlassene Gasmasken-Verbot aufzuheben - die durchgängig bestehende Maskenpflicht lässt sich mit so einer 'Bedeckung' aber ohnehin nicht erfüllen.

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Ein paar Tage vor dem Termin hatte sich einer der gebuchten Musiker dann auch noch entschieden, dass ihm das Risiko eines Auftritts zu hoch wäre, und so hatte Martin sich kurzfristig entschlossen, die eigentlich vorgesehene Rolle des reinen Gastgebers um die eines Musizierenden zu erweitern. Genug Spielpraxis und Material hat er ja durch die "Stay at Home"-Streams.

Was erwartet auf einem Festival, wo man Gasmasken verbieten muss, und das sich "Dark Ambient" als Thema auf die Fahne geschrieben hat? In erster Linie mal jede Menge Interessierte, die man auf "üblichen" EM-Events nicht sieht - um ehrlich zu sein, vielleicht ein oder zwei der anderen Besucher hatte ich vorher schon einmal bei einem anderen Konzert gesehen. Klein ist diese "andere Szene" jedenfalls nicht: Obwohl viele in Corona-Zeiten grundsätzlich von Konzertbesuchen absehen, hat "Phobos XI" gute 100 Besucher angelockt - eine Zahl, um die so manches andere EM-Festival zu normalen Zeiten schon kämpfen müsste. Eben jener Virus ist aber auch der Grund, warum es nicht viel mehr hätten sein dürfen: Abstandsregeln müssen in der aktuellen Situation auch im Zuschauerraum eingehalten werden, und das reduziert die Kapazitäten auf einen Bruchteil. Stühle sind an festen, auf dem Boden markierten Stellen aufgestellt und dürfen nicht verrückt werden; es gilt auch am Platz eine Maskenpflicht. Ein- und Ausgang sind voneinander getrennt. Einzig und allein die Akteure auf der Bühne dürfen ihre Maske ablegen. Den Anfang davon macht Martin Stürtzer, der Gastgeber des heutigen Abends, mit einer kleinen Einleitung. Die Corona-Fallzahlen steigen auch hier in Wuppertal von Tag zu Tag und sind aktuell so, dass man ein solches Event gerade eben noch durchführen darf. Für eine ganze Weile könnte dies das letzte Mal sein, dass man sich in nicht-virtueller Form sieht. Aber heute hat es noch einmal geklappt und so sollte man den Abend genießen.

Martin kann gleich auf der Bühne bleiben, denn sein Ersatz-Auftritt für Aidan Baker steht am Anfang. Martins stilistisches Portfolio reicht bekanntermaßen von Ambient bis Techno, heute geht es natürlich eher in die ambiente Richtung, mit einem guten Schuss Berliner Schule. Wer regelmäßiger Zuschauer bei Martins "Stay at Home"-Streaming-Konzerten ist, dem dürfte das Folgende nicht unvertraut sein. Sequenzen dürfen bei Berliner Schule natürlich nicht fehlen, aber weil das Oberthema "Ambient" lautet, setzt Martin sie in zurückgenommener Form ein: Sie beruhigen und fahren das Tempo herunter, anstatt anzufeuern. Das passt auch gut zu den an der dazu gezeigten Visuals: Animierte und hochaufgelöste Bilder von Sternennebeln wirken an der halbrunden Wand hinter Martin plastisch - ein klein wenig Planetariums-Feeling in der Kirche.

Die ohnehin schon dezenten Sequenzen verstummen vollständig, als die Reise zurück in den nahen Weltraum geht, nämlich auf die Internationale Raumstation. Zu reinen Sphärenklängen schweben wir von Modul zu Modul, und werfen einen langen Blick aus der Beobachtungskuppel auf die Erde. Unser blauer Planet ist auch der Endpunkt der heutigen Reise mit Martin Stürtzer. Die letzten Stationen mit der Schwebebahn werden noch einmal richtig flott: Pulsierende Sequenzen im Stil von "Rubycon" begleiten den Weg von Station zu Station. Ob an der letzten Station Oberbarmen und damit die Immanuelskirche gleich in der Nähe ist? So genau kenne ich mich mit dem Wuppertaler Wahrzeichen leider nicht aus, und es gab auch vorher keine Gelegenheit, damit ein Stück zu fahren. Wie dem auch sei, Martin lässt zum Schluss einfach die Maschinen laufen: Als kleinen Schluss-Gag legt er in den letzten paar Minuten die Füße hoch - Selbstironie oder ein kleiner Seitenhieb gegen reine Sequenzermusik? Auf jeden Fall ein Beleg, dass Martin sich trotz der Widrigkeiten die gute Laune nicht verderben lässt, und die färbt auch aufs Publikum ab - wohlverdienter Applaus und die Ankündigung, dass es nach dem Umbau etwas fetziger werden würde. Aber das müsse halt auch mal sein. Wie lang die Pause sein wird? Gebt mir einfach Zeichen, wenn es weiter gehen kann!

Gut zwanzig Minuten später zeigt sich, dass Martin nicht zu viel versprochen hat: Was das aus Leipzig angereiste Duo Ex.Order, bestehend aus Rene Lehmann und Knut Enderlin ohne Einführung vorlegt, ist in der Tat nichts für empfindliche Ohren. Die nächste knappe Stunde ergießt sich ein wahres Klanggewitter in den Saal, eine brutale Collage aus Sounds, Geräuschen und Zwischenrufen. Begleitet wird dies von einer Bilderflut, der nicht minder aufrüttelnd wirkt: Feuerstürme, Aufmärsche, Demonstrationen und Krieg. Ein audiovisuelles Inferno, aber auch in dem lassen sich Strukturen und Botschaft finden, wenn man sich nur darauf einlässt. Das Publikum ist offensichtlich dazu bereit, denn ich sehe niemanden, der den Saal verlässt. Dass unsere Welt in vielerlei Hinsicht in Unordnung ist, auch schon vor Corona, das ist ja nicht zu verleugnen, und hier will uns jemand wachrütteln. "What luck for rulers, that men do not think" ist das Resümee, das in riesigen Buchstaben zum Schluss an der Wand steht.

Ein wenig Zeit zum Nachdenken ist in der folgenden Pause, auch (und vor allen Dingen!) zum Durchlüften, wie Martin in einer kurzen Durchsage anmerkt. Umzubauen ist nicht allzu viel, das Setup des nächsten Acts ist bereits fertig auf einem Tisch aufgebaut und muss nur noch angekabelt werden. Hinter "Atomine Elektrine" steht Peter Andersson aus Schweden. Dass die Schweden den Corona-Virus etwas lockerer genommen haben als wir Zentral-Europäer, merkt man unmittelbar: Während Peter sich mit Martin und den anderen Musikern auf der Bühne unterhält, sinniert er über die Anwendungsmöglichkeiten von Mund/Nasenschutz-Masken an anderen Körperteilen.

Bei anderen Musikern hat man ja schon gesehen, dass es nicht ohne ein gepflegtes Guinness auf der Bühne geht. Bei Peter steht stattdessen eine Flasche Rotwein zwischen den Geräten. Der kann er aber nur noch ein knappes Glas entlocken, und so schafft Martin noch fix ein Bier als Ergänzung herbei. Atomine Elektrines Auftritt wird der längste des Abends werden, und so wie es Martin zu Anfang streckenweise gemacht hat, so wird auch hier die Weite des Weltalls zelebriert werden. Den Einstieg bei den Visuals macht die Sonne - gar nicht verkehrt, ein bisschen Wärme können wir gebrauchen, nach dem Lüften ist es eher frisch in dem (ehemaligen) Kirchenraum.

"Längster Auftritt" bedeutet diesem Fall übrigens alles andere als "langweilig". Peter nimmt sich einfach die gebotene Zeit, um seine bombastischen Klanggebäude aufzubauen. Mit der Zeit hört man sich ein und findet Strukturen, die sich nach und nach verändern, ganz wie bei der klassischen Berliner Schule, nur dass hier der Sequenzer außen vor bleibt.

Die heiße Sonne wird vom kalten und toten Mond abgelöst, der Kontrast der Visuals könnte nicht schärfer sein, während die Musik ohne Bruch weiter geht. Peter scheint im "Tunnel" zu sein und über den Improvisationen die Zeit zu vergessen: Das Video endet irgendwann und wird für die restlichen zehn Minuten noch einmal angeworfen. Das stört hier aber niemanden, dafür ist die Atmosphäre einfach zu dicht und zieht die Zuhörer in ihren Bann. Außerdem, wie schon erwähnt, wer weiß wann man das nächste Mal Live-Musik wird erleben dürfen?

Darauf hebt auch ein sichtlich erleichterter Martin Stürtzer in seinen Schlussworten ab. Die wären beinahe ausgefallen, das Mikrofon will auch Feierabend machen und meldet "Low Batt". Es ist gut, dass es mit diesem Festival noch geklappt hat, und wer weiß, wann wir uns in so einem Rahmen wieder sehen werden. Das darf auch gerne wieder hier in der Immanuelskirche sein, denn eigentlich ist es ja hier ganz praktisch - Martin muss die Stühle nicht wieder zurück räumen. Andererseits, dann ist er ja viel früher zu Hause und was macht er mit dem angebrochenen Abend? Da wird ihm schon etwas einfallen, zum Beispiel das nächste "Stay at Home" Konzert vorbereiten. Die werden fürs erste wieder der einzige Weg sein, Live-Musik zum Hörer zu bringen. Aktuell, wo ich diesen Bericht zu Ende schreibe, sind wir seit einem Monat im "Lockdown Light" und bei ehrlicher Betrachtung ist nicht abzusehen, wann man mal wieder Musiker auf der Bühne nicht nur in Farbe, sondern auch leibhaftig und in 3-D wird sehen können. Die Hoffnungen ruhen auf 2021 ... irgendwann im Sommer ... auch wieder gerne in Wuppertal.

Alfred Arnold

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