Berichte

Als Ron Boots vor ein paar Monaten ankündigte, mit E-Live 2021 wieder ein Festival veranstalten zu wollen, war für mich klar, dass Gelingen oder Scheitern davon eine Art Gradmesser dafür sein würde, ob und wie gut die EM-Szene es aus der Pandemie und den teils monatelangen Lockdowns geschafft hat. Auch im Groove-Universum hatte die Pandemie ihre Spuren hinterlassen: 'De Enck' in Oirschot, das E-Day und E-Live viele Jahre lang eine Heimat gegeben hatte und bereits eine Weile in wirtschaftlichen Schwierigkeiten steckte, musste 2020 endgültig seine Tore schließen. So musste für den Neustart erst einmal eine neue Spielstätte gefunden werden.

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Die Suche wird wegen der vielen Randbedingungen nicht einfach gewesen sein. Mit dem "NatLab" in Eindhoven fand Ron dann aber einen würdigen Nachfolger: die passende Größe, angeschlossene Gastronomie, und ähnlich nahe bei Best gelegen, wo er und sein Groove-Label zu Hause sind. Jetzt mussten für den Saal nur noch die passenden Acts gefunden werden. Ron ging dabei auf Nummer sicher: eher bekannte und eingeführte Künstler, die selber aus den Niederlanden oder aus der 'Nachbarschaft' in Deutschland oder Belgien kommen und keine exorbitanten Anreisekosten verursachen. Da sowohl Uni Sphere als auch Ron selber mit Gert Emmens gerade ein neues Album veröffentlicht hatten, bot sich beides natürlich als 'Aufhänger' für Konzerte an. Frank Dorittke als Meister sowohl an Keyboards als auch Gitarre hat ebenfalls in den letzten anderthalb Jahren nicht auf der faulen Haut gelegen und genug neues Material für ein Konzert voller Länge auf Lager. 'Nothing but Noise' aus Belgien schlussendlich liefern mit ihrem harten Industrial-Sound den Kontrapunkt zu den drei anderen Acts. Als dann auch noch bekannt gegeben wurde, dass Kontroll-Raum Als Pausen-Act im Foyer spielt, war auch für Fans der klassischen Berliner Schule etwas dabei.

Nichtsdestotrotz war der Neuanfang für Ron und sein Groove-Label ein finanzielles Wagnis, denn niemand konnte wissen, welche Überlegungen in den Köpfen der Fans überwiegen würden. Ist es eher der 'Hunger' auf Live-Musik und Begegnung, nach so vielen Monaten der Abstinenz und der Beschränkung auf Online-Konzerte? Oder ist angesichts der leider wieder steigenden Corona-Fallzahlen doch die Angst stärker, sich anzustecken? Die Ticket-Verkaufszahlen im September und Oktober würden diese Frage beantworten.

Eventuelle Sorgen erwiesen sich aber als unbegründet: Von den zweihundert verfügbaren Tickets war in Windeseile eine dreistellige Zahl verkauft. Anfang Oktober waren vielleicht noch vierzig Karten zu haben, und anderthalb Wochen vor dem dreiundzwanzigsten Oktober ging das letzte Ticket über den virtuellen Ladentisch - Ron durfte stolz ein "Sold Out" verkünden. Wer danach noch die Konzerte sehen wollte, für den stand nur noch die neu eingerichtete Option offen, ein Online-Ticket zu erwerben. Wenn man der Corona-Pandemie etwas Positives abgewinnen möchte, dann sicher den Aspekt, dass die Musikszene sich mit Online-Streaming-Konzerten ein neues Standbein geschaffen hat. Für die Übertragung konnte Bas Broekhuis gewonnen werden, der in seinem BYSS-Studio in den letzten Monaten diversen Künstlern, darunter auch Ron selber, eine virtuelle Bühne geboten hat.

Damit waren alle Voraussetzungen für einen guten Neustart der E-Day/E-Live- Reihe gegeben. Wie sieht die neue Location denn so aus? "Nat-Lab" ist eine Abkürzung für "Natuurkundig Laboratorium". Erbaut wurde es in in den 20er-Jahren als Forschungslabor von Philips, eine Firma, die in Eindhoven beinahe omnipräsent ist. Nicht weit vom Nat-Lab steht das Evoluon, ebenfalls von Philips in den 60er-Jahren gestiftet und seitdem mit einer bewegten Geschichte. Davon später mehr, schauen wir uns erst einmal das NatLab genauer an: Geforscht wird hier (leider?) nicht mehr, diverse Ausstellungsstücke präsentieren aber noch die (Philips-)Entwicklungen, die hier in der Vergangenenheit gemacht wurden, wie Kamera-Aufnahmeröhren oder integrierte Schaltkreise. Genutzt wird der Bau heutzutage als Veranstaltungszentrum mit mehreren Sälen, plus angeschlossener Gastronomie. Einer der Säle, der wie ein riesiger Erker aus dem Gebäude hervorragt, dient als Kinosaal, die Konzerte werden in dem etwas kleineren "Podiums-Saal" mit Bühne stattfinden.

Wer mit dem Auto anreist, darf natürlich versuchen, irgendwo an der Straße einen kostenfreien Parkplatz zu finden. Einfacher ist es aber, auf die großen, gebührenpflichtigen Parkplätze zu fahren. Elf Euro für ein Tagesticket sind zwar kein Sonderangebot, aber durchaus erschwinglich, insbesondere wenn man nicht alleine anreist und sich die Kosten teilen kann. Ein wichtiger Hinweis für uns "bargeldverliebte" Deutsche: Der Parkautomat ist "PIN only" und nimmt weder Münzen noch Scheine. Deutsche EC-Karten mit Maestro-Logo werden aber ohne Probleme akzeptiert, ebenso wie im Restaurant, das ebenfalls "bargeld-frei" ist - das Anbieten von Münzen wird von der Bedienung mit einem freundlichen Hinweis auf das Kartenterminal auf der Theke quittiert. Schon ein etwas ungewöhnliches Gefühl, die paar Euro für einen Kaffee oder eine Tüte Fritten mit Karte zu bezahlen, aber überall außerhalb Deutschlands wird das wohl immer mehr zur Normalität. Extra Gebühren fallen auch nicht an, also warum nicht mit der Zeit gehen?

Und Gelegenheiten, das mitgebrachte Bargeld loszuwerden, werden sich noch zu Genüge finden. Nachdem im Erdgeschoss die "Corona-Kontrolle" erfolgt ist (Covpass auf dem Handy funktioniert genauso hier wie in Deutschland), steigt man in die erste Etage und bekommt das obligatorische Armband für den Rest des Tages. Dann eröffnet sich das Foyer mit den CD-Ständen, und dort wird dann auch wieder Bargeld akzeptiert. Traditionell ist Grooves Stand der größte davon, bestückt mit Neuerscheinungen, Klassikern und Sonderangeboten. Neben kleinen Einzelständen von Musikern ist aber auch Platz für andere Labels, zum Beispiel Lamberts Spheric Music, Remys Deserted Island Music oder Mario Schönwälders Manikin Records. Dass letzteres vertreten sein würde, versteht sich von selbst, ist für sein neues Projekt "Kontroll-Raum" doch eine kleine Ecke im Foyer reserviert. Die ist vielleicht nicht ganz so ideal halb hinter einer Säule gelegen, das Foyer des Natlab ist doch merklich kleiner als in "De Enck" und es sind keine Räume für solche Zusatz-Konzerte vorhanden. Aber man ist flexibel: Alleine die Möglichkeit, wieder etwas live und vor Publikum zu machen, ist es wert, kleinere Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen. Man richtet sich halt ein, und wer sich trotz Corona nach Eindhoven getraut hat, darf wieder einmal richtig "in der Masse" baden. Die größte Angst vor dem Virus ist vorbei: Wer wollte, hat inzwischen die Impfung. Masken sind nicht mehr erforderlich und wurden an diesem Tag auch nur noch sporadisch gesichtet.

Dass es voll im Foyer wird und man erst einmal ganz viel Zeit braucht, diejenigen wieder zu begrüßen und zu umarmen, die man so lange nicht mehr gesehen hat, das wird sich wohl auch Ron gedacht haben: Für das "Meet & Greet" bis zum ersten Konzert sind eigentlich komfortable zwei Stunden eingeplant, und doch gehen die wie im Fluge herum. Pünktlich um Viertel vor Drei öffnet der Podiums-Saal seine Tore. Er ist ähnlich groß wie der Saal in Oirschot, und vor den aufsteigenden Platzreihen wurden noch zwei Reihen mit Stühlen aufgestellt. Es wäre wohl auch möglich, auf Kosten der Bühnenfläche noch ein oder zwei weitere Stuhlreihen dazu zu stellen, das hat Ron dann im Vorfeld aber doch (noch) nicht heraus verhandelt bekommen. Außerdem wird aller Platz für die Bühne gebraucht: Die Gerätschaften aller vier Acts sind bereits aufgebaut, die der zuerst Spielenden zuvorderst und werden im Verlaufe des Tages nach und nach wieder abgebaut, so wie man es aus Oirschot kennt. Neu bei diesem ganzen technischen Aufwand: am linken Rand hat Bas Broekhuis sein kleines "Sende-Studio", von wo aus die bewegten Bilder der Konzerte in die Weiten des Internet gehen werden.

Das bringt auch für Ron eine Neuerung mit sich: ein gelbes Kreuz auf dem Boden markiert die Stelle auf der Bühne, an der er bei seiner Einführung stehen muss, damit auch die kameratechnisch eingefangen wird. Wie üblich, ist die erst einmal ganz ausführlich auf Holländisch - nicht ohne auf den neuen Spielort einzugehen, der durch die hier von Philips gemachten Entwicklungen auch die elektronische Musik in früheren Jahrzehnten mit möglich gemacht hat. Dann eine kürzere Einführung auf Deutsch und - keine Einführung auf Englisch? Da sitzt dem lieben Ron wohl der Schalk im Nacken. Der Brexit ist ein Thema, bei dem er gerne ein wenig stichelt, denn er macht es ja nicht nur den Gästen von der Insel schwerer, hier auf den Kontinent zu kommen, auch umgekehrt wird die Sache für uns komplizierter, angefangen bei den Grenzkontrollen, bis hin zu den Impfzertifikaten, die nicht gegenseitig anerkannt werden. Tja, liebe Briten, das habt Ihr nun davon, das muss Euch jetzt Eure Unabhängigkeit eben wert sein (big smiley)... Aber wir wissen ja, dass Ihr, die es hierher geschafft habt, den Brexit in der Mehrheit eigentlich nicht gewollt habt, und Ihr seid uns genauso willkommene Gäste wie vorher als EU-Bürger.

Von den Gästen auf der Tribüne zu denen auf der Bühne: Den Anfang machen "Nothing but Noise" aus Belgien. Eines meiner letzten Konzerte vor dem großen Lockdown war in Aarschot in Belgien, und von dort kannte ich dieses Duo bereits. Für alle anderen, die sie zum ersten Mal erleben, erzählt Ron, dass hier klassische Sequenzen mit harten Industrial-Sounds gemixt werden.

Ich hatte gestern in den Tagesthemen ein Interview mit Clueso gesehen, und die Moderatorin hatte gefragt, was er denn in den letzten Monaten am meisten ohne Live-Auftritte vermisst hatte. Die überraschende Antwort: Den Bass. Die von einem mannshohen Boxenturm in Schwingungen versetzte Bühne gehört neben den unmittelbaren Reaktionen des Publikums wohl auch zu den Erfahrungen, die sich in einem Streaming-Konzert nicht abbilden lassen. Und "Nothing but Noise", bestehend aus Daniel Bressanutti und Dirk Bergen, machen in ihrem Konzert reichlich Gebrauch davon: Die ersten zehn Minuten lässt das belgische Duo die Sache noch etwas gemächlicher angehen, aber der Rest des Konzerts ist ein einziges Rhythmus-Dauerfeuer: Das ist Musik wie ein Stahlwerk oder eine Werkhalle, in der die Maschinen hämmern, und die beiden "Arbeiter" sitzen an ihren Maschinen. Manchen ist dieser Stoff dann doch zu hart - ich sehe, wie sich einige Zuhörer ein paar Reihen weiter nach hinten setzen. So wie diese Musik für harte Arbeit steht, so verlangt sie auch dem "Rezipienten" etwas an Arbeit ab, nämlich die Strukturen hinter diesem "akustischen Panzer" zu entdecken - und die sind der vielseits geliebten Berliner Schule dann gar nicht mehr so unähnlich. Die Längen der Stücke passen nämlich auch dazu: mehr als fünf oder sechs davon passen nicht in das Konzert, jedes davon unterlegt mit eigenen Visuals, die die sich wiederholenden Strukturen noch unterstreichen. Das ergibt durchaus ein stimmiges Konzept, aber es wird das Konzert sein, das die Hörer an diesem Tag am meisten polarisiert: entweder man mag es oder lehnt es komplett ab. Ich habe im Nachgang wenig Reaktionen gehört, die irgendwo dazwischen liegen. Ron Boots gebührt auf jeden Fall Lob für den Mut, den Neustart von E-Live mit so einem Act zu eröffnen, der keinen Wert darauf legt, möglichst Vielen zu gefallen. In den letzten Minuten lassen "Nothing but Noise" die Rüstung fallen: der Beat verstummt, die Melodie wird lauter - ich meine "Love Will Tear Us Apart" von Joy Division zu erkennen. Und wie es sich für "Musik-Arbeiter" gehört: keine großartige Geste oder Verbeugung am Ende, es ist einfach Schicht-Ende.

Wer sich für diesen ersten Act nicht so ganz erwärmen konnte, dem dürfte das zweite Konzert vielleicht mehr ansprechen? Ron Boots hat bei der Auswahl ein Händchen dafür, dass für jeden Geschmack etwas dabei ist. Bei Uni-Sphere vereint sich die Romantik eines Eric van der Heijden mit René Splinters melodischem Stil, der dort anknüpft, als Johannes Schmoelling Mitte der 80-Jahre Tangerine Dream verließ. Die beiden Holländer sind schon eine ganze Weile ein Duo, um das es in den letzten Jahren nicht nur wegen Corona ein wenig stiller war - der Auftritt bei "Hello 2020" liegt schon eine Weile zurück. Dafür melden sie sich jetzt gleich mit Live-Auftritt und dem neuen Album "TempUS" zurück. Ich hatte das Vergnügen, dieses Album bereits einige Wochen vor der heutigen Veröffentlichung hören zu dürfen, was die Erwartungen - und die Vorfreude - auf den heutigen Tag gehörig in die Höhe geschraubt hatte.

Die ersten Takte klingen auch gleich vertraut, anstelle der Musiker erscheinen auf der Bühne aber zwei mit Kapuze und Maske bekleidete Gestalten, deren Körpergröße nicht so recht zu den beiden Musikern passen will - die haben doch nicht in der Zwischenzeit zu heiß gebadet? Nein, natürlich nicht, hinter den Masken verstecken sich Erics Tochter sowie Renés Kusine. Eric und René treten erst danach aus dem Dunkel dazu, und dann nehmen alle vier gemeinsam die Maske ab. Eric liebt Anspielungen und Symbole, diese kleine Szene symbolisiert die Wiedervereinigung der "EM-Familie", sowie die Masken, die wieder in der Tasche bleiben dürfen.

Jetzt aber los mit der Musik von "TempUS": Bereits der Einsteiger "The Call for Dawn" öffnet einen ganz großen Spannungsbogen. Der bricht nur spontan ab: Irgendetwas ist abgestürzt, verfluchte Technik! Eric greift nach hektischen Suchen zum Mikro und bittet um Geduld für das, was man als Computer-Nutzer auch macht, wenn's nicht läuft: Reboot und noch einmal vom Anfang an - dann spielt die Technik wieder mit. Für den Auftritt haben Eric und René sich eine anderes Arrangement der Tracks überlegt. Auf den Einsteiger folgt 'Reunification'. Auch hier wartet wieder eine Überraschung aufs Publikum: Der Rhythmus dieses Titels ist ja so mitreißend, dass man direkt dazu das Tanzbein schwingen möchte. Das ist bei dem jetzt wirklich bis auf den letzten Platz vollen Saal schwerlich möglich. Dafür präsentieren jetzt Tochter und Kusine ihre dazu einstudierte Tanz-Einlage, und die ist so dynamisch, dass der Protokollant nur ein paar verwischte Schnappschüsse dazu präsentieren kann. Als Lohn dürfen sie dann auch noch etwas länger bei Papa und Onkel bleiben, während das Programm von "TempUS" weitergeht. Keyboards und Synthies laufen jetzt ohne Probleme, Eric hat aber ein ganz anderes Problem: Kurz vor dem Konzert ist seine Brille zu Bruch gegangen, und mit nur noch einem Bügel hält sie mehr schlecht als recht auf der Nase, was beim Spiel natürlich stört. Der Einsatz von Gaffa-Tape oder Sekundenkleber ist aber nicht erforderlich, Hajo Liese aus der ersten Reihe hilft mit seiner aus. Es ist in solchen Situationen wirklich gut, dass Eric mit René Splitter einen Partner auf der Bühne hat, den nichts so leicht aus der Ruhe bringen kann. In diesen Momenten ist er der ruhende Pol und liefert seine Soli mit einer bewundernswerten Souveränität ab.

Ein Solo als Zutat wird auch für den letzten Titel gebraucht, der ausnahmsweise nicht von "TempUS" stammt. Leider muss dieses E-Live ohne die Anwesenheit der Schallwende-Vorsitzenden Sylvia Sommerfeld über die Bühne gehen, die sich noch von einer Operation erholt und heute nur per Internet-Stream dabei sein kann. Extra für Sie heute noch einmal: "Colorful Fields of Summer", auch schon fast ein Klassiker der EM. Liebe Sylvia, werde schnell wieder gesund und die besten Wünsche aus Eindhoven nach Wattenscheid!

Aber das soll es doch noch nicht gewesen sein? "Want more?" Da wäre noch ein kleines Extra im Angebot: wuchtige, 80er-Jahre TD-Sounds beschließen dieses Konzert. Nicht alles ist dabei so gelaufen, wie die Künstler es geplant hatten. Aber macht Euch nichts daraus: Das hat uns weit weniger gestört, als Ihr glauben mögt, und ein weiser Mann hat ja auch einmal gesagt, dass Planung einfach nur bedeutet, den Zufall durch den Irrtum zu ersetzen. In diesem Sinne: Vielen Dank für diese Wiedervereinigung und gut gemeistert!

Die Uhr zeigt nun kurz nach sechs, es ist Zeit für die große Pause und vielleicht fürs Abendessen. Das Restaurant des NatLab ist reizvoll, dürfte dem gleichzeitigen Ansturm von gut zweihundert Personen aber nicht gewachsen sein; außerdem ist es am Wochenende auch ansonsten gut frequentiert, so dass sich eine Tischreservierung empfiehlt. Ron verrät aber noch den kurzen Weg "um die Ecke" zur lokalen Restaurant-Meile, bevor es in die Pause geht - die wird für ihn und sein Team einiges an Umbau-Arbeit bedeuten.

Wir verschieben das Abendessen aber erst einmal und machen uns auf den Weg zu einem anderen Ort, so lange es noch hell ist: Etwa zehn Minuten zu Fuß vom Natlab steht das Evoluon, ein Bauwerk wie eine fliegende Untertasse, die mitten in der Stadt gelandet ist. Auch hier war Philips der Stifter und hat bis Ende der 80er-Jahre ein wissenschaftliches Museum "zum Anfassen" darin betrieben. Danach wurde es leider ein wenig still um das Evoluon: Eine Weile wurde es als Kongresszentrum benutzt, was in den letzten anderthalb Jahren natürlich auch nicht ging. So liegt dieses Symbol einer Zeit, in der man noch unbedingt an den technischen Fortschritt glaubte, still und dunkel in der umgebenden Parkanlage. Denkmal-Status hat es ja inzwischen, und ein Förderverein bemüht sich mittlerweile um eine originalgetreue Wiederherstellung. Wer weiß, vielleicht werden eines Tages auch hier wieder Konzerte stattfinden - Kraftwerk hat ja schon vor ein paar Jahren im Evoluon gespielt. Und darüber hinaus steht es wie wenige andere Gebäude für die 60er Jahre, jenes Jahrzehnt, das uns zu seinem Ende die ersten Synthesizer gebracht hat.

Einstweilen lenken wir unsere Schritte aber wieder zum Natlab zurück. Denn dort bietet die große Pause nicht nur Speisen und Trank, sondern auch einen Pausen-Act: Bas Broekhuis, Mario Schönwälder und Frank Rothe haben sich im letzten Jahr als "Kontroll-Raum" zusammen gefunden. Nach einem Video-Stream im letzten Herbst ist das jetzt das erste Live-Konzert des Trios. Wie man sich schon denken kann: wenn zwei Drittel von BK&S mit einer Hälfte von Fratoroler zusammen spielen, dann kann man sich denken, dass das Ergebnis noch weiter in Richtung traditioneller Berliner Schule geht. Die dazu gewählte "Arbeitskleidung": Mit dem Logo bestickte Laborkittel sowie eine blaue Fliege - ein bisschen so, wie man sich den Forscher in seinem Labor vorstellt. Netterweise wird heute ein Einblick in die Laborarbeit gewährt, wo den Klängen vergangener Zeiten nachgeforscht wird. Den Albums-Erstling kann man dann gleich am Manikin-Stand mitnehmen, so man ihn nicht ohnehin schon hat.

Wie schon die Zeit nach dem Einlass gehen auch diese zwei Stunden im Fluge herum - es geht wieder in den Saal fürs dritte Konzert des Tages. Ron summt leise eine Melodie vor sich hin - Vorfreude darauf? Immerhin ist Frank Dorittke aka 'F. D. Project' für ihn alles andere als ein Unbekannter, regelmäßig holt Ron sich Frank als Gitarristen hinzu. Frank ist jedoch auch solo ein 'vollwertiger' Musiker, der neben den Saiten auch die Tasten beherrscht, das werden wir in der kommenden Stunde erleben.

Als erstes kommt aber dann doch die Gitarre zum Einsatz, die schon so demonstrativ dasteht: Meeresrauschen begleitet das relaxte Stück, mit dem Frank in diesem Auftritt einsteigt. Welche Gitarre Frank heute aus seiner bestimmt nicht kleinen Sammlung verwendet? An diesem Abend kommt eine Fender Stratocaster zum Einsatz. Die besitzt Frank noch nicht seit allzu vielen Jahren, und zwar aus einem ganz trivialen Grund. Ähnlich wie Jimy Hendrix ist Frank Linkshänder, und von Fender gab es lange Zeit keine "gespiegelt" aufgebauten Gitarren für Linkshänder. Wer sich historische Bilder anschaut, wird feststellen, dass Jimy Hendrix seine "Rechtshänder-Strat" damals verkehrt herum benutzt hat, die Stimmwirbel zeigen beim Spiel nach unten.

Aber zurück zu der Musik: Für den zweiten Track wandert die Gitarre erst einmal wieder auf ihren Ständer, und Frank wechselt an die Keyboards. Warme Melodien und Sounds, die an ein Theremin erinnern, setzen die relaxte Stimmung fort. Frank lässt sich die richtige Menge an Zeit - seine Titel sind keine "Drei-Minuten-Popsongs", aber auch keine halbstündigen Epen, wo der Musiker gar nicht weiß, wie er wieder aus der Endlos-Sequenz herauskommt. Sequenzen sind nicht alles in der EM, aber doch ein wichtiger Baustein: Sie geben Frank die Basis für den nächsten Gitarren-Part. Frank interpretiert ja auch gerne mal die Titel großer Gitarren-Künstler wie Mike Oldfield oder den Eagles neu. Auch heute geht es dabei in die 70er zurück, er bleibt aber in angestammten EM-Gefilden: Das ist Tangerine Dreams "Coldwater Canyon", aber auf Franks ganz eigene Weise verändert. Franks Interpretation hat eine weichere, epische Note, aber ohne den Rhythmus des Originals zu verleugnen.

Mit den darauf folgenden Titel findet Frank wieder zur relaxten und atmosphärischen Stimmung vom Beginn zurück. Danach ein Blick zur Uhr: Einer geht noch, dieses Mal ist es "Gitarre pur" und eigentlich ein schöner Schlusspunkt unter diesen Auftritt. Diverse "Zugabe"-Rufe aus dem Publikum machen aber klar, dass man Frank noch nicht gehen lassen möchte. "Ihr habt das so gewollt" ist sein Kommentar, so als ob er nichts vorbereitet hätte und jetzt etwas aus dem Ärmel schütteln müsste. Das stimmt natürlich nicht, der endgültig letzte Titel ist genauso souverän wie seine Vorgänger, und Frank bekommt den wohlverdienten Applaus und eine Umarmung von Ron.

Obwohl es nur eine kurze Pause bis zum letzten Konzert des Abends ist, müssen wir doch den Saal wieder verlassen. Kommentar von Ron: "Er müsse noch seinen Bauchtanz üben." Das wohl eher nicht, aber ein wenig "Eindenken" für den anstehenden Rollenwechsel gestehen wir ihm zu. Das Abschlusskonzert wird Ron zusammen mit Gert Emmens bestreiten - ein Leckerbissen zum Abschluss, denn Gert sieht man nicht allzu oft live. Aufhänger für dieses Konzert dürfte ihr gemeinsames Album "A Night at Blackrock Station" sein. Aber einfach nur die Tracks eines Albums der Reihe nach herunterzuspielen, das wäre Ron zu wenig, wir dürfen also gespannt sein, was noch an Extras und Überraschungen aus dem Hut gezaubert wird.

Die Spannung bleibt eine Weile erhalten, denn der Beginn verzögert sich. Eine knappe Viertelstunde länger als geplant dauert es, bis wir wieder in den Saal dürfen. Alle Instrumente der früheren Konzerte sind abgeräumt, der Blick ist frei auf vier "Arbeitsplätze". Leider sind die nicht nach vorne gezogen worden, sondern stehen jetzt weitest-möglich entfernt vom Publikum. Das erinnert mich mal wieder schmerzlich daran, dass Tele nicht unbedingt die Stärke meiner Sony ist - eigentlich will ich schon seit Jahren ein "Update" machen, aber wie die Dinge halt so laufen ... wird es heute noch so gehen müssen. Immerhin reicht es, die vier "Arbeitsplätze" jeweils im Vollbild heranzuzoomen. Dass Ron und Gert jeweils ihre Keyboards haben, war zu erwarten, und auch dass Ron sich Harold van der Heijden als Schlagzeuger dazu holt, ist nicht ungewöhnlich. Aber noch eine weitere "Schießbude" ganz links, wofür ist die gut? Warten wir einfach mal ab.

Fürs erste bleibt das zweite Schlagzeug ungenutzt. Ron, Gert und Harold steigen direkt mit einem Track aus dem neuen Album ein. Auf eine Ansage verzichtet Ron, stattdessen wird er während des Auftritts immer wieder zwischen den Titeln kurz zum Mikrofon greifen. Das ist für Titel Nummer zwei aber gar nicht erforderlich, denn was hier kommt, den kennen wir noch: Frank Dorittke hat nach seinem Konzert noch nicht ganz Feierabend, für einen Gastauftritt greift er noch einmal in die Saiten, dieses Mal auf einer "Flying V". Der Zug macht kurz Station bei einem echten Boots-Klassiker: "Acoustic Shadows" fehlt eigentlich selten im Programm, insbesondere wenn Franks Gitarrenriffs ihm noch einmal den richtigen Drive geben. Bei dieser einen Gitarren-Einlage bleibt es, Frank kann sich für den Rest des Konzerts zum Publikum gesellen.

Weiter geht es mit "Flock of Swallows", auf dem Album eigentlich der Opener. Wie die meisten Stücke auf diesem Album liegt er jenseits der Zehn-Minuten-Marke und bietet sowohl Ron als auch Gert genug Raum, ihren bevorzugten Stil zu präsentieren. Dazu gehören neben Rons treibenden Sequenzen die jazzig angehauchten und improvisiert wirkenden Melodien, für die Gert auch auf seinen Solo-Alben bekannt ist.

Von einem von Gerts Solo-Alben kommt der nächste Track, genauer gesagt, von Gerts erstem Album auf dem Groove-Label. Gerts Musik war seinerzeit noch mehr von Sequenzen dominiert, als sie es heute ist. So ist es nicht verwunderlich, dass die heutige Interpretation ganz anders ausfällt, alleine wegen Harolds Drums, die damals im Studio natürlich nicht dabei waren.

Es ist jetzt kurz vor elf, an der Blackrock Station ist es aber bereits zwei Uhr in der Nacht: "02:17 AM" und "The Nighttrain didn't stop" sind die nächsten Stationen, die uns wieder in Gerts und Rons musikalische Gegenwart zurück führen. Ron nimmt dazwischen die Gelegenheit wahr, Harold und Gert noch einmal explizit vorzustellen. Das ist eine gute Tradition, wenn Ron auf der Bühne steht, und bei der Gelegenheit erzählt Ron noch, dass etwa 60 Prozent der Kompositionen auf dem neuen Album von Gert stammen.

Das zweite Drum-Set ist bisher ungenutzt geblieben, aber das wird sich jetzt ändern, denn Gert ist ja auch Schlagzeuger und wechselt den Platz. Wer jetzt eine wilde "Schlacht" um die Vorherrschaft beim Rhythmus erwartet hat, wird aber enttäuscht, dazu harmonieren Harold und Gert einfach zu gut miteinander. Das Ergebnis wirkt eher wie ein Drummer, der vier Hände hat, und setzt den vorläufigen Schlusspunkt - nicht nur unter dieses Konzert, sondern auch den heutigen Abend. Da muss doch noch jemandem gedankt werden? Ja, natürlich, dem lieben Bas, der die ganze Zeit unauffällig am Rand der Bühne dafür gesorgt hat, dass der Internet Stream läuft und das Geschehen auf der ganzen Welt verfolgt werden kann. Zu den prominenten "virtuellen" Zuschauern gehört zum Beispiel auch Anton Uraletz aus Jekaterinenburg, der ansonsten immer kommt, wenn er kann, aber heute ging es wohl einfach nicht.

Der Stream ist leider unidirektional, und so kann er nicht auf Rons Frage "Wollt Ihr noch ne Zugabe?" antworten. Das ist aber gar nicht nötig, denn diese Frage ist ohnehin rein rhetorisch. Dass diese Zugabe unvorbereitet sein soll, glaube ich dem lieben Ron aber nicht, dazu funktioniert das zu gut, was das Trio uns zum Abschied präsentiert: Wir werden hier quasi Zeuge bei der Entstehung eines Titels, wie er Lage für Lage aufgebaut wird. Es beginnt mit einer sehr simplen Sequenz, dann lege man ein paar Chöre darüber, Harold steigt mit seine Drums ein - das klingt alles so einfach, aber ich bin sicher, die Titel auf "Blackrock Station" sind das Ergebnis vieler Stunden und Tage im Studio. Perfektion ist das Ziel bei einer Aufnahme, und gerade die Feinarbeit am Schluss verschlingt die meiste Arbeit. Aber es ist auch einmal spannend, den ungeschliffenen Rohdiamanten zu hören.

Mit der Verzögerung zu Anfang und der Zugabe ist es jetzt natürlich nicht mehr halb elf, was als Ende von E-Live 2021 geplant war. Der kleine Zeiger ist mittlerweile schon über die Elf gekrochen, wie Detlef Keller das formulieren würde. Für ein paar letzte Worte von Ron ist aber noch Zeit. Natürlich auch vielen Dank an die Zuschauer, die diesen Neustart möglich gemacht haben, und der für Ron nicht ohne Risiko war. Das Wagnis hat sich aber gelohnt. Und eine kleine Überraschung hat er sich ganz für den Schluss aufgehoben: Bei der Schließung von "De Enck" sei das letzte Wort noch nicht gesprochen. Es kann also gut sein, dass wir uns im kommenden Frühjahr zur Abwechslung wieder in Oirschot sehen. Das Event hieße dann "E-Day 2022" und ich bin sicher, Ron wird es wieder wagen anzugehen, so die Corona-Situation ihm das irgendwie gestattet. Einstweilen kann er uns nur einen guten Heimweg wünschen und dass wir gesund bleiben. Man wird sich wieder sehen, das ist jetzt sicher, wo auch immer das sein wird. Denn die Szene hat über die schwierigen Zeiten zusammen gehalten, das hat sich an diesem Tag in Eindhoven gezeigt, und wenn es sein muss, wird sie auch noch einen weiteren harten Winter überstehen.

Alfred Arnold

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