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Vor-weihnachtliche Premiere - KelMen in der Stadtkirche Moers

Nicht wenige sind ja der Meinung, das schönste an der Weihnachtszeit wären nicht die drei Feiertage, sondern die Wochen der Adventszeit davor. Für Detlef Keller und Michael Menze - und natürlich für uns alle - schloss das in diesem Jahr die Vorfreude auf ihre Live-Premiere als "KelMen" ein.

Die sollte eigentlich schon auf der Sommerausgabe des Electronic Circus in Borgholzhausen statt finden, eine unangenehme Erkrankung zwang Detlef aber, diesen Gig abzusagen. Das bescherte uns zwar eine ebenso denkwürdige Premieren-Zusammenarbeit von Ron Boots und Skoulaman, aber eben auch die Ungewissheit, wann und wo dieses Konzert denn nachgeholt werden würde.

Irgendwann im Spätherbst war es dann so weit, Detlef verkündete als neuen Termin für die KelMen-Premiere den Samstag eine Woche vor Heiligabend an. Spielen andere Musiker vielleicht am liebsten in Planetarien, so scheint Detlef eine Vorliebe für Kirchen zu haben. Dieses Mal ist es aber nicht die Dorfkirche in Repelen, und auch nicht die St. Ludger-Kirche in Duisburg, sondern die evangelische Stadtkirche in Moers.

sos 2022 history foyer

Obwohl mitten im Zentrum gelegen, empfiehlt es sich für mit dem Auto Anreisende, das Vehikel auf einem etwas außerhalb gelegenen, großen Parkplatz stehen zu lassen. Da es ein Samstag und nach 16 Uhr ist, darf der Parkticket-Automat ignoriert werden, bevor man sich auf den Weg Richtung Zentrum macht. Der führt über eine Brücke, die den zugefrorenen Moersbach überspannt. Das Thermometer zeigt Werte deutlich unter Null Grad und es ist trocken - für die  Vorweihnachtszeit ungewöhnlich, aber ideal für den Weihnachtsmarkt, dessen Buden sich um die Kirche auf dem Marktplatz scharen. Der Moerser Weihnachtsmarkt ist eher ein "kleiner" und stiller, für den nicht Massen von Touristen von überall her anreisen. Hier findet man eher die besinnliche und entschleunigende Stimmung, die doch in der Adventszeit angesagt sein sollte.

Durch die Fenster der Kirche dringt bereits ein blauer Lichtschein nach draußen. Vor dem Konzert findet noch ein Gottesdienst statt, für den Michael und Detlef die musikalische Begleitung liefern. Deren letzte Takte dringen durch die Tür in den Vorraum, in dem wir auf das Ende der Messe warten. Was für eine Messe ungewöhnlich ist: Sie endet mit Beifall. Der Pfarrer bittet beim Auslass noch um ein wenig Geduld, das Konzert werde gleich beginnen. Ein erheblicher Teil der Messe-Teilnehmer geht aber gar nicht, sondern bleibt gleich da. Zusammen mit denen, die nur für das Konzert gekommen sind, gibt das eine sehr gut gefüllte Kirche, und einige der Messe-Besucher dürften an diesem Abend das erste Mal mit elektronischer Musik in Berührung gekommen sein. Wenn es gefallen hat: Mario Schönwälder ist extra heute aus Berlin angereist und hat ein Köfferchen mit CDs vom Manikin-Label dabei.

Ohne seinen Talar, im Zivil mit Mantel hält der 'Hausherr' eine kurze Einführung in das, was uns jetzt erwartet. Genauer kann das natürlich Detlef tun, dem er das Mikrofon übergibt. Indes - ist das wirklich unser Detlef Keller, die Stimme klingt so ungewöhnlich tief und sonor? Nun ja, er hat wieder kein gutes Händchen gehabt, was die Termine seiner Konzerte und Krankheiten angeht. Immerhin, das "Gute" daran: Er ist negativ, es ist also "nur" das gewöhnliche Erkältungs-Virus, das im Moment so Viele erwischt hat. Und es ist kein Hinderungsgrund, hier aufzutreten, auch "KelMen" wird rein instrumental sein. Den aus dem Publikum geäußerten Wunsch, diese Stimme doch für ein paar Gesangs-Einlagen zu nutzen, kontert Detlef in der für ihn typischen, kurzen und direkten Art: "Das willst Du nicht". Noch ein kurzes Zeichen an Michael, und er greift in die Tasten.

Moment, hören wir jetzt Elektronik oder wird einfach die Messe fort gesetzt? Der Raum füllt sich in den ersten Minuten mit wuchtigen Orgelklängen, die kommen aber eindeutig aus Detlefs Keyboards, und nicht von der großen Kirchenorgel gegenüber. Vielleicht wollen Michael und Detlef dem Teil des Publikums, der schon bei der Messe dabei war, einen Übergang in weltliche Klänge bauen. Und so ist es auch: Der Orgel-Part endet in einer Schleife und verklingt, während Streicher und Sequenzen übernehmen. Die sind nicht minder mächtig und warm als der Orgel-Einstieg - Detlef ist direkt im "Tunnel", und auch uns würde ganz ohne Heizung dabei warm werden.

Der erste Eindruck, wo die Reise bei "KelMen" hingeht: Auch hier wurden ausgiebig Schulstunden in Berlin genommen, im Vergleich zu  BK&S sind Detlefs melodische Parts aber deutlich prägnanter. Nach diversen Minuten werden die Regler herunter gezogen, um einen sanften Übergang zum nächsten Titel zu schaffen: Die Sequenz wird rhythmischer, und Bas Broekhuis, der heute für das rechte Licht auf der Bühne sorgt, steuert dazu ein paar komplexere Effekte bei. Über die Sequenzen spielt Detlef mal eine verträumte Melodie, oder genießt auch ab und zu einfach dem Moment.

Wie bei BK&S lässt es Detlef sich auch heute nicht nehmen, nach jedem Titel ein paar Kommentare in der ihm eigenen, selbstironischen Art abzugeben. Falls heute mal ein Ton daneben gehen sollte: Das ist natürlich gewollt, das haben wir lange so geübt. Aber das genaue Gegenteil ist eigentlich die Wahrheit: Bei KelMen wird immer viel improvisiert, es kommt niemals zweimal das Gleiche dabei heraus, und auch wenn auf der geplanten CD die Titel dieses Abend sein werden, sie werden auch dort wieder ganz anders klingen.

Was spielen wir als nächstes? Wir spielen...weiter, die Titel haben noch keine Namen. In "KelMen Zwo" hält sich die Melodie erst einmal ein wenig zurück, dafür ist Platz für Vangelis-artige Sounds. Detlef hat auch schon zu Anfang die weißen Handschuhe mit den kleinen Spiegeln angezogen. Das ist ein untrügliches Zeichen dafür, dass er gleich die Laserharfe in Betrieb nehmen wird. Auch beim Harfenspiel wieder der verträumte, genießerische Blick, und obwohl man bei diesem Instrument keinerlei haptische Rückmeldung hat, sitzt jeder Ton. Die Erkältung scheint also nur seine Stimmbänder, aber nicht seine Ohren in Mitleidenschaft gezogen zu haben.

Ebenso ungetrübt ist sein Humor. "In welcher Stimmung waren wir, als wir diesem Titel ersonnen?" "Pull-Moll" ist die Antwort, womit wir einmal den Michael explizit hervorheben sollten, der vielleicht bisher ein wenig kurz gekommen ist und das musikalische Fundament an diesem Abend liefert. Dem Detlef hat er eine Sache voraus: Er kann Noten lesen, für Detlef sind diese schwarzen Sprengsel auf Linien bisher ebenso rätselhaft wie fernöstliche Schriften. Da er nicht mehr allzu weit von seiner Rente entfernt ist, steht ein Punkt für den kommenden (Un-)Ruhestand bereits fest: er will diese Bildungslücke schließen.

Was steht für Track Nummer drei auf dem Zettel? Etwas flotteres, und auch wenn Detlef keine Noten lesen kann, spielen kann er sie. Die Viertel- und Achtel- Noten sind in der Überzahl, begleitet von einem TD-artigen Lauf. Wie schon bei den ersten beiden Titeln funktioniert die Kommunikation über kurze Handzeichen, und auf eben ein solches wird die Sequenz auf einmal viel variabler, um nicht zu sagen "farbiger". So kann sie auch den nicht "EM-kundigen" Hörer  begeistern. Dementsprechend einhellig und lang ausdauernd ist der Beifall nach dem dritten Titel, und der Hausherr hat für beide Akteure ein kleines (vermutlich flüssiges...) Weihnachtspräsent parat. Aber auch der "Lichtmeister" dieses Abends geht nicht leer aus, Bas darf sich ebenfalls seinen "Lohn" vor Publikum abholen.

Michael und Detlef bedanken sich erst einmal für den reichlichen Besuch, ihrem Spaß haben Krankheit und Kälte keine Abbruch getan. Und wenn das dem Publikum auch so geht: Zwei kleine Rausschmeisser hätten sie noch. Für einen davon hat Detlef bereits wieder die Handschuhe angezogen, ein paar Worte müssen aber sein: "Source of Life" hat nicht nur in Repelen das eine oder andere Konzert beschlossen, es war auch die Melodie, zu der er den Bund fürs Leben geschlossen hat. So ist diese Zugabe auch eine ganz persönliche Weihnachts-Botschaft. Die abschließenden Worte gehen wieder an Alle: Wer von dieser Art Musik in Gotteshäusern noch mehr hören will: Im März wird es wieder so
weit sein, nach dreijähriger Zwangspause werden BK&S wieder in der Dorfkirche Repelen spielen.

Es würde mich nicht wundern, wenn zu diesem Event nicht nur die "üblichen Verdächtigen" kommen würden, denn dieser Abend war eine echte Werbung für die elektronische Musik. Michael und Detlef haben mit ihrem warmen Stil der Berliner Schule den richtigen Sound für die Vorweihnachtszeit gefunden. Die beinhaltet dieses Mal den Rückblick auf ein schwieriges Jahr: Krieg, immer noch das Virus, und die vielen Todesfälle in der EM-Szene dominierten das Jahr 2022 und überschatteten die Freude darüber, dass Konzerte immerhin wieder in einigermaßen normalem Rahmen stattfinden können. Ein Eintrittsgeld haben Michael und Detlef nicht genommen, aber ohne Spende wird niemand heute heraus gelassen. Ein Teil der Einnahmen wird dafür genutzt werden, die Welt wenigstens für Einige zu einem besseren Ort zu machen. So schließt sich der Kreis zu dem "Fest der Liebe", dessen Begehung nach "KelMen" für Alle der nächste  Termin im Kalender sein wird. Es wird sicher nicht das letzte Mal gewesen sein, dass wir von ihnen etwas gehört haben. Wie 2023 werden wird, das weiß jetzt noch niemand, aber so lange es Musiker wie Detlef Keller und Michael Menze  gibt, kann es gar nicht so schlecht werden.

Alfred Arnold

Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.

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