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Ganz tief ins All - Hello 2023 in Planetarium Bochum

Traditionell ist "Hello" im Planetarium Bochum das letzte Konzert des Jahres in unserer kleinen, aber feinen EM-Szene: Zeit, um zu resümieren, aber vor allem, um nach vorne ins kommende Jahr zu blicken - deshalb steht im Titel immer die Zahl des kommenden Jahres, das begrüßt werden soll - also dieses Mal "Hello 2023".

sos 2022 history foyer

Die Schatten der Vergangenheit wird man natürlich nie ganz los, und insbesondere dann, wenn ein Jahr wie 2022 derartig lange und dunkle Schatten geworfen hat. Eine betrüblich große Zahl von EM-Musikern hat in den letzten zwölf Monaten ihre kosmische Adresse geändert, und auch der Todestag von Sylvia Sommerfeld hat sich gerade gestern zum ersten Mal gejährt. Dem neuen Vereinsvorsitzenden Klaus-Ulrich Sommerfeld und seinen Mitstreitern ist es aber gelungen, den Schallwende-Verein auf Kurs zu halten: Schallwelle-Preisverleihung, Grillfest, eine Schallplatte, das EM-Breakfast und eben jetzt "Hello 2023" stehen auf der "Haben-Seite" für dieses Jahr.

Und gerade letzteres steht dort mit einem Ausrufezeichen: Mit Martin Stürtzer und Sphäre Sechs konnte ein Act gebucht werden, der Planetarium und Verein als Weihnachtsgeschenk ein ausverkauftes Kuppelrund bescherte - kurz Entschlossene mussten auf Verdacht kommen und auf zurück gegebene Karten hoffen.

So besonders und attraktiv das Planetarium als Ort für Besucher ist, so stellt es Veranstalter vor besondere Herausforderungen. Eine Bühne ist zwar vorhanden, ebenso muss keine eigene Sound-Anlage mit gebracht werden. Jedoch ist die Zeitplanung für den Aufbau nicht trivial, da ja auch am 30.12. noch den ganzen Tag über "reguläre" Shows im Planetarium laufen - "Hello" ist lediglich die letzte des Tages. Aufbauen am Vortag oder frühen Morgen ist die eine Option. Martin Stürtzer hat sich für die zweite entschieden: Ausnutzen der Pausen zwischen den Shows, so gut wie es geht. Als ich irgendwann gegen halb sechs im Planetarium eintreffe, haben er und sein Helfer bereits alles Gerät aus dem Auto ins Foyer geschafft. Klaus-Dieter-Unger gibt uns grünes Licht, dies in der folgenden Pause bereits auf die Bühne zu schaffen. Die knappe halbe Stunde reicht natürlich nicht, um Martins komplexes Setup zu verkabeln, aber wenn schon einmal die beiden Racks stehen und die Keyboards darauf aufgebaut sind, muss das nicht mehr in den anderthalb Stunden geschehen, die zwischen der letzten regulären Show und "Hello" liegen. Dort wird es erfahrungsgemäß immer hektisch, wenn  unvorhergesehene Probleme auftreten.

Einstweilen ist aber Zeit für einen Kaffee und eine Plausch mit den Besuchern und Aktiven, die nach und nach eintrudeln. Zu letzteren gehört natürlich Christian Stritzel, der mit Martin zusammen als "Sphäre Sechs" den zweiten Teil bestreiten wird. Christians Setup ist im Vergleich übersichtlich: ein Theremin sowie ein kleiner Tisch voller Effekt-Geräte. Des weiteren nicht zu vergessen: Stefan Erbe, der Martin heute bei der Aufnahme des Konzerts auf Video unterstützen wird - Martin wird an Neujahr einen Mitschnitt anstelle eines "Stay at Home" Konzerts streamen. Klaus Sommerfeld, als Vorsitzender des Schallwende-Vereins heute der Veranstalter, ist natürlich ebenfalls da.

Und falls vom Weihnachtsgeld etwas übrig sein sollte: Ron Boots mit seinem Groove-Label baut gerade einen CD-Stand auf. Natürlich hat Martin heute auch ein paar CDs (und LPs!) mitgebracht, und auch für die ist auf den Tischen Platz, wo ansonsten der Planetariums-Shop Bücher und CDs rund um die Astronomie anbietet.

Mit dem Ende der letzten regulären Show beginnt die "heiße" Phase der Vorbereitung: Martin meint, das Verkabeln müsse er alleine machen. Aber es fallen noch genug sonstige Aufgaben für helfende Hände an, und sei es nur, noch eine fehlende Steckdosenleiste aufzutreiben. Und dann schlägt wieder der Erzfeind des Bühnen-Technikers zu: es brummt und rauscht, sobald man die Lautstärke auf ein Saal-taugliches Niveau anhebt. Martin hat sich damit schon beinahe abgefunden, bis ihm eine Viertelstunde vor Konzertbeginn doch noch der rettende Gedanke kommt. Noch ein letzter Soundcheck, dann sind wir bereit für den Einlass (ufff...).

Selbiger dauert natürlich auch seine Zeit, denn wie zu Anfang angemerkt, die Veranstaltung ist ausverkauft. Bis alle knapp 300 Besucher ihren Platz gefunden haben, dauert es doch seine Zeit. Was daran erfreulich ist: Es sind nicht nur die "üblichen Hello-Stammkunden", Martin Stürtzer ist es mit kontinuierlicher Werbung ebenso gelungen, aus der (Dark-)Ambient-Szene Besucher nach Bochum zu locken. Womit sich wieder einmal eine Weisheit bestätigt, die nicht immer gerne gehört wird: Es reicht nicht alleine, gute Musik zu machen, auch das "Klappern" gehört zum Handwerk.

Ein volles Haus erfreut natürlich auch die Leiterin des Planetariums, Frau Professor Hüttemeister. Gerne geht sie auf die lange Tradition der "Hello"-Konzerte am 30. Dezember ein, die nun schon für eine zweistellige Zahl an Jahren währt. Was zu ihren Pflichten gehört: Der Hinweis auf die "Hausregeln". Wer während der Vorstellung den Saal verlässt, darf bis zur Pause nicht wieder hinein, und Masken - das hat sich geändert - ob man die Maske an behält, das ist wieder der eigenen Entscheidung anheim gestellt. Ein schneller Blick durch den Raum zeigt, dass diese in etwa halb und halb ausfällt.

Nach diesen "Formalien" geht das Mikrofon als Klaus Sommerfeld, den Vorsitzenden des Schallwende-Vereins. Der Verein darf wie erwähnt auf ein durchaus erfolgreiches und erfülltes Jahr zurück blicken. Was bei der Freude darüber nicht vergessen werden sollte: am gestrigen Tag hat sich zum ersten Mal der Todestag von Sylvia Sommerfeld gejährt. Auch dies wird wohl ewig mit "Hello" verbunden sein, und ohne Sylvia würde es den Verein in dieser Form nicht geben. Die Bitte von Klaus: Wenn es im folgenden Konzert mal eine stillere Passage gibt, gedenkt ihrer dabei.

Leisere Passagen wird es in der folgenden knappen Stunde mit Sicherheit geben, denn Martin Stürtzer ist dafür bekannt, wie gut er seine Form der Berliner Schule auch in einen ambienten Rahmen einbetten kann. Martin ist ein fleißiger Mensch, neben dem monatlichen Home-Concert-Stream veröffentlicht er mehrere Alben pro Jahr, so da"s reichlich Material zur Auswahl steht.

Der Einstieg ist leise und sphärisch, und Klaus-Dieter Unger liefert das dazu passende Bild: Unser "Heimat-Raumschiff" Erde, so allein stehend gezeigt, wie diese blaue Kugel eben im dunklen All ihre Bahnen zieht. Ob sie weiter ein blauer Planet bleibt, das liegt an uns. Ein paar Nordlichter wabern über den Erdball, während die Sequenzen zunehmend vielschichtiger werden. Manche finden von Sequenzen getragene Musik ja langweilig und altbacken, aber Martin zeigt hier, dass es auch anders geht. Sie sind vielschichtig und originell, mit Sounds, die er selber kreiert und nicht von irgend welchen Vorbildern "entliehen" hat. Das ergibt den große Wiedererkennungswert seiner Musik.

Im Track Nummer zwei werden die Klänge mächtiger. Hier zeigt sich sehr schön, dass bei der Berliner Schule die Sequenz auch die Rolle des Rhythmus übernimmt, und je nachdem wie man sie gestaltet, sind die Übergänge dazu auch fließend. In diesem Track lotet Martin die Grenzen der Sound-Anlage des Planetariums aus, und bringt dabei ab und zu auch mal etwas im Raum zum Mitschwingen. Dem wird dann sofort gegen gesteuert. Es ist auch beeindruckend, wie souverän Martin an den Geräten seines Aufbaus hin- und herspringt. Wer die Home-Konzerte kennt, bekommt den Eindruck, dass Martin mehr oder weniger sein heimisches Studio auf die Bühne verpflanzt hat. Ein Unterschied dazu: Den Stuhl hat er beiseite gestellt, heute steht oder kniet er vor seinem Setup.

Worauf Martin aber achten muss: Er darf bei Hin- und Herwirbeln keine der auf der Bühne verteilten Kameras umwerfen, die seinen Auftritt festhalten. In zwei Tagen ist wieder der erste Sonntag im Monat, und anstelle eines Home-Concerts wird es einen Mitschnitt des heutigen Abends geben. Stefan Erbe fängt derweil ein paar Perspektiven aus dem Saal ein, und hat schon beim Aufbau seine Erfahrungen beim Filmen im Planetarium eingebracht.

Nach einer knappen Stunde endet der erste Teil mit dickem Applaus und einer Pause, deren Länge nicht nur von den Bedürfnissen der Zuschauer bestimmt sein wird: Im zweiten Teil wird Christian Stritzel mit einsteigen, und sein Aufbau, der im Vergleich minimalistisch anmutet, muss mit ans Mischpult angeschlossen und einjustiert werden. So reicht die Pause im Foyer nicht nur für allzu menschliche Bedürfnisse, sondern auch für einen genaueren Blick auf die CD-Stände. Bei Ron Boots zum Beispiel gibt es als Neuigkeit einen Mitschnitt des E-Live-Konzerts mit Rob Papen und Harold van der Heijden.

Irgendwann ruft der melodische Dreiton-Gong zur Rückkehr in den Saal, und sobald Alle ihren Platz wieder eingenommen haben, geht es weiter mit "Sphäre Sechs". Das Haupt-Instrument von Christian Stritzel ist das Theremin, genauer gesagt das "Etherwave Pro" von Moog. Moog stellt dieses Modell schon seit einigen Jahren nicht mehr her - ähnlich wie das eine oder andere "Schätzchen", das Martin auf seinen beiden Racks stehen hat. Wer die Musik von "Sphäre Sechs" noch nicht kennt und klassische Theremin-Sounds erwartet, wird eines besseren belehrt: Christian benutzt dieses Instrument eher als Controller für sein Setup aus Effekt-Geräten (die er praktischer weise vorverdrahtet mitgebracht hat...). Waren im ersten Konzert noch Sequenzen das tragende Element, so sind es jetzt Deep Ambient und Flächen, die unsere Gedanken hinfort tragen wollen.

Wohin die Reise im Kopf geht, das ist natürlich ganz individuell. Klaus-Dieter Unger verleiht der seinen mit einer Winterlandschaft Ausdruck, in der der virtuelle Schnee lautlos von der Kuppel fällt. Nordlichter bereichern die Szenerie, bis wir uns wieder in die Weiten des Weltalls aufmachen. Sphäre Sechs liefert dazu den durchgehenden Sound. Wobei es beeindruckt, wie hier Ambient-Musik zelebriert wird, ohne jemals langweilig zu werden: Immer mal wieder taucht ein neuer Sound aus dem Klangteppich auf und sorgt dafür, dass man bei den eigenen Gedanken nicht vollends wegdämmert.

Nur leider muss auch die schönste Traumstrecke irgendwann einmal ihr Ende finden, und bei "Sphäre Sechs" ist die nach einer knappen Stunde erreicht. Wie nicht anders zu erwarten, wird nach dem Applaus aus dem Saal auch der Wunsch nach einer Zugabe laut.  Indes - es ist alles gespielt worden, was vorbereitet war, sagt Martin Stürtzer, und wer von diesem Sound nicht genug bekommen kann, für den liegt draußen am CD-Stand die brandneue CD "Extradimension" bereit. Vor Christian und Martin liegt auch noch einiges an Abbau-Arbeit, wer also noch Fotos von der Bühne machen will, sollte das  jetzt tun.

Ein paar Ankündigungen hat Klaus Sommerfeld noch zu machen: Die Wahlen für die Schallwelle-Preise laufen, bis zum 15. Januar kann noch im Internet abgestimmt werden. Der nächste Termin im PlaBo ist Ende Januar das nächste "Sound of Sky" von und mit Stefan Erbe, und dann steht für Ende Februar auch schon die Verleihung der Schallwelle-Preise an. Der Termin-Kalender des Schallwende-Vereins ist also auch für 2023 kein leeres Blatt, und wir dürfen davon ausgehen, dass dort auch "Hello 2024" am 30. Dezember auftauchen wird. Der Act steht noch nicht fest, aber der Ort: Die Kuppel des Bochumer Planetariums, wo einmal im Jahr das neue Jahr begrüßt wird.

Alfred Arnold

Über Empulsiv

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