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Die Elektronik-Werkstatt im Mülheim

Der Januar ist gewöhnlich ein Event-armer Monat; nach Adventszeit, Hello und Jahreswechsel beginnt der "wirkliche Winter" und die Szene erwacht erst wieder im Frühjahr zum Leben. So hatte ich mich bereits darauf eingestellt, den Januar bis zum ersten 'Sound of Sky' des Jahres ausschließlich mit Musik "aus der Dose" zu verbringen. Doch dann spülte der Algorithmus eines bekannten sozialen Netzwerks ein Posting von Torsten Abel in meinen News-Feed: Electric Cafe mit O.S.cillator, TMA, JANHRDMN und Ioannis Zedamanis im Makroscope in Mülheim an der Ruhr. Eintritt frei!

sos 2022 history foyer


Dieses Posting machte mich gleich in mehrfacher Hinsicht hellhörig. Eine Location, von der ich bisher nichts wusste, und das in einer Stadt im "Pott", die EM-technisch für mich bisher ein weißer Fleck war. Die angekündigten Namen waren mir bis auf zwei davon bisher auch unbekannt. Was aber Erinnerungen weckte, war der Name "Electric Cafe": An Zeiten vor dem Virus, und eine Gartenparty mit einem Haufen frei denkender Musiker die auf der Bühne einfach das machten, was ihnen so gerade in den Sinn kam. Und nicht zuletzt: Torsten "TMA" Abel war seit Jahren nicht mehr irgendwo live gesehen worden. Wie ist es ihm in der Zwischenzeit ergangen und was macht er heute? Die klare Entscheidung: Hinfahren!

Das Makroscope liegt mitten in der Mülheimer City, unweit des Ruhr-Ufers. Parken in der Innenstadt kann schwierig sein, besonders für den Orts-Unkundigen. Das Parkhaus um die Ecke in der Ruhrstrasse ist die einfachste, mit 1,50 Euro pro Stunde aber nicht die günstigste Lösung. Dafür ist es ausgesprochen hell und gepflegt. Nur um zwei Ecken zu Fuß, und mir leuchtet auf der anderen Straßenseite bereits der bunt angestrahlte Schriftzug entgegen. Ein merkwürdiges Konstrukt aus Instrumenten und alten HiFi-Komponenten steht im Schaufenster. Zum Einsatz wird es an diesem Abend nicht kommen, und es dient wohl auch eher der Dekoration und als Hinweis, dass nicht nur die Musik, sondern auch bisweilen die Instrumente Eigen-Kreationen sind.

Kaum bin ich herein gekommen, da schallt es mir auch schon entgegen: "Na, wenn das nicht mal der Herr Arnold ist!" OK, das war es dann wohl mit dem Inkognito...was es aber schon seit vielen Jahren nicht mehr gibt, dafür kennt man sich zu gut. Und woher kam diese Begrüßung? Na, das ist doch der Herr Abel! Wie viele Jahre ist das jetzt her? Ich weiß es nicht mehr so genau; es sind aber deutlich mehr als die zwei Jahre Corona-Zwangspause. Persönliche Veränderungen hatten bei Torsten zusätzlich dafür gesorgt, dass er an seiner Musik nur im eigenen Studio oder kleinen Zirkel arbeiten konnte. Entsprechend aufgeregt ist er heute. Das Konzept des "Electric Cafe" sind kleine Zeitslots von 30 Minuten, die jeder Musiker an einem Abend bekommt. Aber auch von denen weiß Torsten noch nicht genau, wie er sie füllen soll. Ein nicht ganz ernst gemeinter Vorschlag: Ich spiele ein Ton, lasse schön lange ausklingen, lege dann noch mal ordentlich Reverb darüber und bade die nächsten fünf Minuten im Applaus...

 ...es ist aber noch etwas Zeit, die Nervosität abzulegen, etwas mit den nach und nach eintreffenden Besuchern zu plauschen, und sich vom Umfeld inspirieren zu lassen. Torsten ist nämlich erst als Dritter dran. Das Makroscope wird an diesem Abend richtig voll werden, und überraschenderweise ist seit langer Zeit einmal wieder der "Ambient Circle" zusammen an einem Ort. Schön dass es Dich noch gibt, wie geht's denn so und - ganz wichtig - was hast Du so an neuer Hardware im Studio? Kleine Schächtelchen mit Modulen und Platinen wechseln hier und da den Besitzer. Gerade wenn man sich mit modularen Synthesizern beschäftigt, ist man ja eigentlich nie fertig. "Ich habe zwei Euroracks und wenn die voll sind, ist es wirklich genug!", ist so ein Versprechen, auf das man besser keine Wetten annehmen sollte.

Falls man die Elektronik eines jener Mitbringsel genauer anschauen will: In einer Ecke neben dem Sofa steht das Gerät, das dieser Location wohl den Namen gegeben hat, ein Auflicht-Mikroskop älterer Bauart mit Kamera und Röhren-Bildschirm, und noch voll funktionsfähig. Direkt daneben reihen sich fünf Setups auf, in der Zusammensetzung genauso verschieden wie die Musik, die man am heutigen Abend wird hören können. Hier ein Koffer kleiner Kästchen, daneben der "klassische" Aufbau mit Keyboards, Musiker-Rack und Mischpult, eine Station weiter ein Modularsystem und am anderen Ende steht wieder ein Tasteninstrument im Mittelpunkt.

Auch wenn 19 Uhr als Beginn angesetzt war: Quatschen ist erst einmal wichtiger, und man fängt halt an, wenn man sich bereit fühlt. Das ist erst eine dreiviertel Stunde später der Fall, IG75 (Mario Meyendriesch) und Klaus Kahmann am Bass eröffnen die Session in fünf Teilen. Sparsame und langsame Elektronik-Beats treffen auf singuläre Riffe und spiegel sich gegenseitig. Das ganze ist so minimalistisch, dass für den Außenstehenden gar nicht so einfach zu entscheiden ist, ob das schon das eigentliche Set oder noch der Soundcheck ist. Und so drehen viele dem Geschehen einstweilen noch den Rücken zu und unterhalten sich weiter. Auch das scheint zu den "Spielregeln" des Electric Cafe zu gehören: Man muss sich sein Publikum verdienen. Die Beiden lassen sich davon aber nicht beirren: Der Dialog wird weiter entwickelt, die Sounds werden energischer, und erst als der letzte davon verklingt, haben Einige realisiert, dass damit schon der erste Streich des Abends vorbei ist. Tja, eine Wiederholung für die, die es verpasst haben, wird es nicht geben...

 ...denn es geht im fliegenden Wechsel mit dem zweiten Set weiter. Auch hier: Keine Ankündigung, man kennt sich ja. Für mich ist der kryptische Künstlername "JANHRDMN" dagegen eine neue Begegnung, und dass sich dahinter einfach der "bürgerliche Name" Jan Hördemann unter Auslassung der Vokale verbirgt, bringe ich erst in der nachträglichen Recherche in Erfahrung. Was er mit seinem T-Shirt kundtut: Er ist Mitglied im Eurorack Ruhr Kollektiv. Genau ein aus solchen Modulen zusammen gestelltes System ist auch sein Hauptinstrument in den folgenden dreißig Minuten. Wer das erste Set ein wenig zu sperrig fand und "klassische EM" bevorzugt, der darf jetzt genauer hinhören: Flächen bauen eine elektronische Landschaft auf, über die gelegentlich ein kleines Gewitter hinweg zieht - "modularer Chillout" trifft es vielleicht am besten. Erst nach und nach bauen weitere Sounds darauf Strukturen und Improvisationen auf, das Klangbild wird mächtiger und dichter. Das ist ein Trip in die 70er, und ebenso wie damals sind 30 Minuten eigentlich viel zu wenig für die nur aus einem Track bestehende Session. So muss Jan auch schon wieder einen  Ausklang finden, kaum dass er sein Thema gefunden hat. Die ungeteilte Aufmerksamkeit war ihm dabei sicher: Die sonstigen Gespräche im Raum haben aufgehört, alle Blicke hingen am Musiker, und der Applaus ist schon eher so, dass man darin "baden" kann.

 Den Schwung nimmt Torsten Abel natürlich gerne mit, sein Set steht als drittes auf dem Programm. Eine positive Stimmung im Raum hilft dabei, keine Gedanken an Probleme zu verschwenden, sondern einfach loszulegen und zu schauen, was heute geht. Auch Torsten steigt nicht gleich mit "Volldampf" ein, flächige Sounds spannen erst einmal die den Raum auf, in dem sich das folgende entwickeln kann. Dieses "Versprechen" löst Torsten auch ein: Erst einzelne Töne, dann die Sequenzen und auch mal improvisierte Melodien - so ähnlich wie im vorigen Set, aber Torsten kommt viel schneller "zur Sache". Das liegt sicher auch daran, dass er mit "Sine Amplitude" vor ein paar Jahren schon einmal die rockige Seite der Elektronik ausgelotet hat. Die erleben wir heute aber nicht, die Läufe und Sequenzen erinnern an seine Alben aus den Jahren davor.

 Das Publikum kann er damit jedenfalls genauso gut in seinen Bann ziehen wie Jan davor, und nachdem er sich im ersten Part quasi versichert hat, dass er die "alten Sachen" noch kann, wird er in der zweiten Hälfte mutiger. Torsten ist im Flow, das sieht man ihm auch an. Die Sequenzen werden flotter, um Stimmen ergänzt, und bei den Melodien schaut ihm auch mal ganz deutlich ein großer Franzose über die Schultern. Dieser zweite Track wäre ohne Probleme tanzbar, der Platz wäre jedenfalls da. Aber das ist in "EM-Kreisen" dann doch eher unüblich. Dafür wird am Ende des Sets nicht mit Applaus gespart, und die Erkenntnis ist, dass Torsten in den diversen Jahren Bühnen-Abstinenz nichts verlernt hat - sowohl was Technik als auch die Spiellaune angeht. Hoffen wir einmal, dass es bis zum nächsten Auftritt nicht wieder so lange dauert...

...für den Moment darf Torsten sich aber wieder unters Publikum mischen und schauen, was Ioannis Zedamanis im folgenden macht. Ich hatte Ioannis im letzten Jahr schon einmal bei einem Kirchenkonzert getroffen, mit echter Live-Musik hatte es damals aus technischen Gründen aber nicht geklappt. Das wird heute anders sein. Ioannis ist neben seiner Liebe zur EM auch Kirchenorganist, und so stehen bei ihm weniger Köpfe und Regler, sondern die Tasten im Mittelpunkt der Musik, und wie man damit Atmosphäre und Stimmungen erzeugt. Da wäre zum Beispiel eine lockere und entspannte: Zurückhaltende Rhythmen mittleren Tempos, zusammen mit dem Piano-Spiel fühlt man sich in eine Cocktail-Bar an südlichen Stränden versetzt. Auch wenn das Ergebnis eingängig und leicht klingt, erfordert es doch einiges an Können, es so hinzubekommen. Ioannis hat nur vielleicht ein wenig Pech, dass nach Torstens Set wieder erhöhter Gesprächsbedarf besteht, zum Beispiel über das eine oder andere dabei verwendete Gerät. Ein umgebauter Kassettenrecorder, mit Endlosband und stufenlos einstellbarer Bandgeschwindigkeit, wurde zum Beispiel für Loops verwendet. Obwohl das Gerät seinen Zweck erfüllt hat, wird es am Ende des Abends zwecks Überarbeitung in den Rucksack des Konstrukteurs wandern.

 Dass er nicht nur "gefällig" kann, zeigt Ioannis mit einem harten Schnitt zum nächsten Track, der die Aufmerksamkeit der Anwesenden einfordert. Alles andere als und "Hintergrund-kompatibel" sprudeln die elektronischen Sounds jetzt nur so hervor, das ist beinahe eine Hymne, die wahrgenommen werden will. Und kaum, dass Ioannis das Publikum damit wieder für sich eingenommen hat, kommt schon der nächste Stimmungswechsel: Stimmfetzen, ein düsterer Bass und gelegentliche Piano-Fragmente holen uns aus dem höchsten Höhen wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Dieses vierte Set war ein echtes Wechselbad der Stimmungen, mit Ioannis' Piano-Spiel als Klammer, die alles zusammen hält.

Aller guten Dinge sind heute fünf, aber bis zum letzten Set mit Oliver Schupp alias O.S.cillator ist noch etwas Pause. Oliver bittet um Geduld, bis alles hochgefahren und bereit ist. Das schließt auch neue Visuals ein: Anstelle der sich wiederholenden geometrischen Formen sehen wir jetzt eine Fahrt entlang von Ölbohrtürmen, offensichtlich aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts - eine eher trostlose Szenerie mit sich wiederholenden Bildern. So repetitiv ist auch der Einstieg in das Set, harte Beats stehen mehr oder weniger für sich. Der Kurs bleibt auf "Industrial", nach dem Ölbohrfeld wechseln die Visuals in ein Stahlwerk aus der gleichen Zeit, und die Sounds werden noch kompromissloser.

Dies weitere zwanzig Minuten zu zelebrieren, wäre aber wohl auch dem Musiker selber ein wenig zu monoton. Die Beats bleiben, fügen sich jetzt aber in knarzigen 80er-Jahre Elektropop ein, ergänzt durch Vocals. Die Bilder zu dem Elektropop: Verfremdete Western-Szenen. Aus welcher Ära diese stammen, kann ich leider nicht so genau erkennen, das ist nicht so ganz meine "Ecke". Vielleicht sind es Italo-Western, aber selbst die wären den Sounds auch noch ein gutes Jahrzehnt "hinterher".

Wie dem auch sei, die Mixtur aus Visuals und Sounds gefällt, die Aufmerksamkeit ist wieder so wie in der "Mitte" des Abends, und hält bis zum Ende des Sets. So bekommt auch jede(r) Olivers Worte mit, mit denen er sich für den Zuspruch bedankt. Im "Electric Cafe" zu spielen, ist nicht mit gewöhnlichen Konzerten und Festivals vergleichbar. Man genießt viele Freiheiten, etwas ohne den (vermeintlichen?) Druck eines zahlenden Publikums austesten zu können. Im Gegenzug muss man auch damit leben, dass dieses sich in Teilen während des Session anderen Dingen zuwendet, auch ohne dass das an der Qualität der eigenen Leistung liegen muss. Denn die heutigen Sets hatten - da ist man sich einig - alle ihre Qualitäten, auf die eine oder andere Weise. Eine kleine Anregung möchte ich noch loswerden: Der Eintritt war frei, und ich habe eine Spendendose vermisst. Sie wäre unter Garantie nicht leer geblieben, und hätte wenigstens die Fahrtkosten zu einem Teil gedeckt.

Man darf gespannt sein, was uns am 11. Februar im "Makroscope" erwartet. Das ist dann zwar keine weitere Auflage des "Electric Cafe", aber die Location legt nahe, dass die Atmosphäre bei "Eurorack Ruhr" eine ähnliche sein wird. Der Fokus wird dann ganz auf modularen Systemen liegen. Sowohl IG75, Ioannis als auch Torsten Abel werden dann wieder mit von der Partie sein. Von letzterem fiel an diesem Abend das Statement, er würde modulare Systeme eigentlich hassen. Ich bin sehr gespannt, wie weit diese Hassliebe geht, und deshalb werde ich auch im kommenden Monat wieder den Weg nach Mülheim an der Ruhr einschlagen.

Alfred Arnold


Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.

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