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Gar nicht verloren - Stefan Erbe live in der Gesenkschmiede Hendrichs

Ohne Frage: Regelmäßige Events wie E-Day, die Schallwelle oder der Electronic Circus sind wichtig, denn sie geben der Szene Halt und Struktur. Aber es ist genauso wichtig, dass es nicht nur die jährlich wiederkehrende 'Routine' gibt. Und was könnte dazu besser geeignet sein, als gelegentlich mal einen neuen Spielort auszutesten?

Lost Places

Dieses Mal war es Norbert Sarrazin, der ein gutes Näschen und die richtigen Kontakte hatte: Man bringe Kunst in ein Industriemuseum, und lade sich zur Eröffnung mit Stefan Erbe noch einen Musiker ein, der ohne Frage die dazu passende Auswahl aus seinem reichhaltigen Katalog von Alben und Titeln finden wird. In der Gesenkschmiede Hendrichs wurden früher Scheren hergestellt. Als diese Ära endete, hatte der Ort das Glück, nicht dem Erdboden gleich gemacht zu werden. Stattdessen wurde er zum Museum, und die früheren Mitarbeiter wurden dessen Personal. So konnte das Wissen um vergangene Zeiten und Fertigkeiten erhalten und an kommende Generationen weiter gegeben werden.

Die Ausstellung eröffnet an einem Freitag Abend, und meine erste Entscheidung ist: Mit dem Auto fahren, oder mit der Bahn und einen halben Tag Urlaub nehmen? Die Wahl fällt auf Variante zwei. Seit diesem Monat bekomme ich von meinem Arbeitgeber ein vergünstigtes Deutschland-Ticket, mit dem sich der komplette Weg von Würselen bis zum Ziel bewältigen lässt. Sicher, es dauert deutlich länger, ist mit mehrfachem Umsteigen verbunden, und man sollte auch mindestens eine Stunde Reserve einplanen. Im Gegenzug habe ich dafür etwas  geschafft, was mir vormals nur selten gelungen ist: Deutschlands dickstes IT- und Technik-Magazin auszulesen, bevor die nächste Ausgabe im Briefkasten liegt...

Man könnte vom Solinger Hauptbahnhof mit der Buslinie 681 direkt zum Museum fahren. Einmal mit diesen Oberleitungsbussen zu fahren, die man außer in Solingen fast nirgendwo, steht auch noch auf meiner Liste von Dingen, die man noch einmal tun sollte. Das Wetter ist heute aber trocken und warm, und so fällt die Entscheidung zu Gunsten eines anderen Punktes auf dieser nie enden wollenden Liste aus: Quasi auf dem Weg zum Museum liegt das Galileum Solingen. Enthusiasmus und Initiative von Astronomie-Begeisterten haben dafür gesorgt, dass Solingen seit ein paar Jahren über ein eigenes Planetarium verfügt. Und das ist auf ganz besondere Weise entstanden: Ein ausgedienter kugelförmiger Gasspeicher (in Aachen werden drei vergleichbare Speicher am Grünen Weg gerne als "Gasballons" tituliert), liefert die passende Kuppelform. Über mehrere Jahre wurde daneben ein Gebäude errichtet, das neben Ausstellungs- und Vortragsräumen auch die Solinger Sternwarte aufnimmt. Heute schaue ich mir das Resultat nur kurz von außen an, aber ich werde sicher auch einmal eine der zahlreichen Veranstaltungen im Galileum besuchen - wer weiß, dann vielleicht auch mit Live-Musik...

...aber heute geht es erst einmal die Merscheider Straße ein paar Kilometer weiter bergauf. Dass ich dabei auf dem richtigen Weg bin, erkenne ich kurz vor der Hausnummer 289: Mir kommen Norbert und Stefan entgegen.  Alles ist aufgebaut und vorbereitet, und es ist noch genug Zeit fürs Abendessen. Ein griechisches Restaurant wäre direkt neben dem Museum, günstiger und ebenfalls lecker ist aber der Imbiss ein paar Häuser weiter.

Zeit ist noch so reichlich vorhanden, dass nach dem Essen noch Raum für einen Rundgang durch das Museum ist. Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass ich von den Eindrücken überwältigt bin, vor allem, wenn Norbert Sarazzin sich als kompetenter Führer betätigt. Die Gesenkschmiede macht einen Eindruck, als wäre sie erst gestern verlassen worden. Im Maschinenraum steht ein großer Dieselmotor, der in den 50er Jahren die bis dahin benutzte Dampfmaschine ersetzt hat - daher auch der ursprüngliche Begriff einer "Dampfschleiferei". Über zahllose Riemen und Achsen trieb dieser Motor die über die Hallen verteilten Stanzen, Pressen und Schleifmaschinen an. Die sind alle noch vorhanden und es macht den Eindruck, als würden die Arbeiter morgen früh gleich wieder zur Arbeit zurück kehren. Einige Maschinen sind übrigens wirklich noch in Funktion und werden regelmäßig in Betrieb genommen, um z.B. einer Schulklasse altes Handwerk vorzuführen. Als Antrieb dient dabei wohl nicht mehr der alte Dieselmotor, das geht heute elektrisch.

Was man bei dieser Gelegenheit erfährt: Die hier arbeitenden Handwerker waren nicht fest angestellt, sondern mehr oder weniger  Selbstständige. Der Betreiber vermietete den Platz und den Antrieb an die Handwerker, die auf eigene Rechnung arbeiteten und nach Bedarf das produzierten, was gerade nachgefragt war. Von Hand geschliffene Messer und Scheren werden bis heute in Solingen produziert, wenn auch nicht mehr an diesem Ort. Das Museum hat aber einen kleinen Shop, im dem sich "Made in Solingen" erwerben lässt. Mir hat es ein Brotmesser angetan, das jetzt nicht mehr in der Vitrine liegt...

In dieses Ambiente hat das Künstlerpack Solingen also eine Ausstellung mit dem Namen "Lost Places" eingepasst. Wer jetzt einwendet, dass dieses Industriemuseum kein "Lost Place" im eigentlichen Sinne ist, hat ohne Frage nicht ganz unrecht: Auf den Maschinen liegt kein Staub der Jahrzehnte und es ist zu den Öffnungszeiten sehr belebt. Aber die Atmosphäre passt zum Thema, und Norbert versäumt es auch nicht, mir einige der Kunstwerke auf unserem Rundgang näher zu erläutern. Den Begriff "Lost Place" kann man nämlich durchaus auf verschiedene Art und Weise interpretieren.  Ein Ort kann auch für einen selber verloren gegangen sein, wie das verkaufte Elternhaus, in dem man aufgewachsen ist. Ein Bild, das mir besonders im Kopf hängen geblieben ist: Was auf den Ersten Blick wie eine zarte Qualle unter Wasser aussieht, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als eine im Kunstwerk verarbeitete Plastiktüte, und Anspielung auf die vermüllten Weltmeere.

Auf welch vielfältige Weise sich der Begriff "Lost Place" interpretieren lässt, darauf wird auch in der Einführung vor Stefans Konzert eingegangen. Die hier gezeigten Kunstwerke sind durchweg während des Corona-Lockdowns entstanden, der vormals belebte Orte zumindest zeitweilig in "Lost Places" verwandelt hat.

Auch Stefan hat eine eigene Interpretation von "Lost Places": Er hat Fotos der Bilder vorab erhalten und zu Visuals verarbeitet, die seine Musik begleiten werden. Ihn interessieren Details auf den Bildern - Dinge, die dem flüchtigen Beobachter leicht entgehen. Und wenn niemand dieses Detail gesehen hat, dann ist es auf seine Weise eben auch ein für uns verlorener Ort.

Was damit bereits angedeutet ist: Es wäre für Stefan wohl der 'Weg des geringsten Widerstands' gewesen, einfach noch einmal die Geschichte um GENE und ihre künstlichen Lebensformen aufzuführen. Mit "Genesys 23" hat er in den letzten Monaten zwar viel Erfolg und Medien-Echo gehabt, aber das Konzept und die Musik dieses Albums hätten nicht zum heutigen Anlass gepasst. Darüber hinaus mag Stefan es nicht, immer nur wieder das Gleiche zu reproduzieren. Stattdessen hat er einen Blick auf sein Portfolio früherer Alben geworfen. Was findet sich dort am Material, das dem Anlass besser angemessen wäre?

Und siehe (und höre) da, man muss gar nicht so weit in die Vergangenheit gehen. Ebenfalls während Pandemie und Lockdown sind in Stefans Studio zwei Alben entstanden, auf denen er eine vorher nicht bekannte Seite gezeigt hat - nämlich Erbe-Sounds im Ambient-Gewand. Auf der 'Breathe' bereits angelegt, hat er diesen Sound auf 'Serbenity' perfektioniert. Das Cover vom letzterem zeigt auch einen Saal, der verlassen und verloren wirkt.

Und so erleben wir zu den Bildern einer Ausstellung eine ganze Stunde 'Erbe Ambient', wobei Stefan die Tracks aus den Alben neu zusammen stellt und den Visuals anpasst.  Da sind dann auch Live-Premieren mit von der Partie: 'Damaged but not Dead' hat Stefan zum Beispiel noch nie vorher live gespielt. Und in so einem abwechslungsreichen Programm hat als kleiner 'Ausflug' dann auch noch der Einsteiger-Track der 'A-11' seinen Platz. 'No Return' lockert das Programm auf und liefert einen kleinen Kontrapunkt zum restlichen Set.

Was während des Konzerts auch noch passiert: Ein überdimensionaler Holzschuh wird herum gereicht und dient als Sammelbüchse. Wie immer, wenn der Eintritt frei ist, bittet Norbert um eine kleine Spende für den Künstler. Und was bei diesen Aktionen immer wieder überrascht: Es wird durchweg mehr gegeben, als die Besucher vielleicht an 'regulärem Eintritt' bereit gewesen wären zu zahlen. Nach der Runde durchs Publikum findet sich ausschließlich Papiergeld, und auf nicht wenigen der Scheine prangt eine '20'. Das sollte Stefan für seine Anfahrt und Auslagen mehr als entschädigen.

Er darf sich am Ende des Konzerts aber nicht nur über das Geld freuen, sondern vor allem über einen gelungenen Auftritt. Die Besucherzahl hätte auch gerne noch etwas größer sein dürfen, aber andererseits ist ihm ein kleiner Kreis wirklich Interessierter lieber als eine große Masse an Hörern, die einfach nur 'unidirektional konsumieren'. Die Gespräche danach sind Zeugnis dafür, dass Stefan das Publikum heute ansprechen konnte, und auch die eine oder andere der ausgelegten CDs wechselt ihren Besitzer.

Mit gemeinsamem Anpacken bei Abbau und Verladen kommen wir alle schneller ins Wochenende. Nach einem langen Tag bin ich schon etwas müde, aber so zufrieden und entspannt wie schon lange nicht mehr, als ich am Solinger Bahnhof in einen Zug Richtung Köln steige. An den Abend in der Gesenkschmiede Hendrichs werde ich noch lange zurück denken, und es wäre zu wünschen, dass dies nicht das letzte EM-Konzert an diesem Ort bleiben wird. Fürs erste wird Norbert Sarrazin aber wieder die Güterhallen mit elektronischen Klängen füllen: Es stehen in den nächsten Wochen drei Termine für das 'EM-Picknick' auf der Liste. Stefans nächste Live-Termine werden im Herbst ein 'Sound of Sky' im Planetarium Bochum und E-Live in Eindhovensein. An letzterem Ort wird voraussichtlich noch einmal die Geschichte um GENE und ihre Lebensformen erzählt werden, bevor Stefan zu neuen Projekten aufbricht. Aber es ist gut zu wissen, dass er auch gerne einmal den Blick zurück richtet. Wenn auch die alten Alben ab und an wieder Beachtung finden, werden auch die keine "Lost Places".

Alfred Arnold

Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.