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Es gibt Musiker die begleiten uns schon ein Leben lang und haben mit ihrer Musik nicht nur Geschichte geschrieben sondern waren und sind Anlass für etliche Millionen von Menschen, ein Fan der elektronischen Musik zu werden. Jean-Michel Jarre ist wohl auch für viele Künstler die sich mit stromgeladenen Tasteninstrumenten beschäftigt haben nicht nur Einstiegsdroge sondern auch Vorbild gewesen, selbst Musiker zu werden. Seine Aura und seine Bedeutung hat er auch nach 50 Jahren aktiven musizierens nicht verloren und veröffentlicht nach dem Electronica Doppelset, der dritten Oxygene, einer weiteren Best-of Rückschau mit Planet Jarre, nun noch eine weitere vermeintliche Fortsetzung. Equinox Infinity erschien zum Jahresende 2018 und führt die Geschichte der bzw. des Watcher/s fort, die/der uns schon vor exakt 40 Jahren so faszinierend durch ein zukunftsweisendes Album blicken lies. Aber wer das neue Album in den Händen hält, sieht sofort, dass es dann doch kein typisches Sequel ist, sondern vielmehr nur den Gedanken der Beobachtung neu aufgreift.  Jarre beschreibt damit (s)eine Vorstellungen wie sich das Thema wohl über die lange Zeit verändern würde und wie man sich heutzutage mit der Technik, der Überwachung und den medialen sowie umweltzerstörenden Missständen auseinandersetzen sollte.
Natürlich ist die Musik zu Equinoxe Infinity sehr Jarresque und wird die meisten Hörer nicht komplett überraschen. Das was hier anders als bei seinen vorherigen Produktionen ist, ist die Tiefe einiger Stücke, die deutlich mehr Soundtrack-Charakter besitzen. Das Album ist variabler und auch kontrastreicher als Oxygene 3 und lässt erkennen, dass Jean-Michel Jarre mit 70 noch Veränderungen in seiner Musik zulässt. Natürlich wirft das aktuelle Album die Frage auf warum er wieder ein vermeintlich altes Thema verwendet. Ist es eine Marketingstrategie? Ist es die ewige Suche nach Perfektionismus und ein Zwang die Vergangenheit musikalisch nochmal bewältigen zu müssen? Oder sogar der Drang kompositorisch die heutigen Erfahrungen und Möglichkeiten der Technik nochmal in das Ende der 70er zurückzuschicken? Vielleicht etwas von allem. Eines ist aber sicher, Jarre scheint permanent an seiner Musik zu arbeiten, reflektiert sie und lebt dafür. Er ist viel mehr Musiker als alles andere. Das merkt sofort, wenn er von seinen Ideen und der Musik erzählt. Natürlich ist es hilfreich, wenn man als Fragesteller selbst Musiker ist und man sich eben auch über den typischen Musikerkram unterhalten kann.
Für ein ausführliches Gespräch traf ich Jarre in Düsseldorf und sprach mit ihm über Menschliches, Maschinen und Möglichkeiten. Er ist nicht nur mit seiner Musik ein ganz Großer in der Welt der Syntheasten sondern auch noch eine äußerst sympathische Person, denn selten begegnet man bei Weltstars seines Kalibers, einen so freundlichen, zuvorkommenden und interessierten Menschen. Mein Eindruck war, dass Jarre nichts von seinem Spirit verloren hat, auch wenn er sich gerne mal produktiv (wie oben beschrieben) in die Vergangenheit seiner ersten Alben zurückarbeitet.
Manche mögen es als konsumfreudiges Namedropping-Konzept erachtet haben, als Jarre über den Globus tingelte um die Electronica-Alben zu machen. Mit einigem Abstand möchte ich dieses Vorurteil nach unserem Gespräch revidieren. Wenn Jarre vom Zusammenkommen mit den anderen Künstlern zu Electronica 1 & 2 erzählt, die 5jährige Arbeit beschreibt und man sich vorstellt wieviel Energie es geskostet haben muss, immer wieder einen musikalischen Konsens zu finden, dann erscheint ein rein wirtschaftlicher Grund dafür sehr abwägig. Er ist sehr glaubwürdig wenn er von der Zeit erzählt in dem es ihm schlecht ging, engste Menschen starben und er sich selbst hinterfragte, was Musik für einen Sinn macht. Der logische Weg scheint dann zu sein, seine sieben Musik-Sachen zu packen, viele interessante Musiker zu besuchen und festzustellen, dass jeder von Ihnen ziemlich viel Lust hat mit ihm etwas zu produzieren. Dass dies viel Energie freisetzen konnte und Jarre heute noch immer davon profitiert, hat ihn wohl selbst am meisten überrascht. Das Gespräch war nicht nur mich als Fragensteller sehr ergiebig, sondern zeigte vielmehr, dass Alter keine Rolle spielt, solange man Inspiration zulässt. Auch für seine langjährige Genre-Vorreiterrolle kann und sollte man ihm dankbar sein, denn wenn auch unfreiwillig, hat er mit seiner etwas kommerzielleren Elektro-Pop-Ausrichtung auch vielen anderen Künstlern eine große multifunktionale Stilrichtungsschublade geschaffen, die sie für ihre eigene Arbeit verwenden konnten. Ich bin sicher, dass es vielleicht auch in Deutschland ein paar Traditionalisten weniger gäbe, wenn Jarre mit seiner Musik nicht so populär geworden wäre. Natürlich hat sich das E-Genre über die Jahrzehnte sehr verändert und Jarre scheint dabei irgendwie auf seinem eigenen Planeten geblieben zu sein. Aber sind das nicht Künstler wie Kraftwerk, Vangelis, Yello und TD auch? Ist es eben nicht genau das was auch den Erfolg dieser Pioniere ausmacht? Grund genug dies einmal genauer zu hinterfragen.

Jean-Michel, wenn man Equinox Infinity das erste Mal hört, fällt auf dass es sich vom Anfang zum Ende als Soundtrack zu einem virtuellen Film entwickelt. War das von Anfang an so gedacht?
Ja, Equinox Infinity ist ein Album in dem es um zwei Seiten einer möglichen Zukunft geht. Zum einen die dunkle Seite die von Maschinen gesteuert wird und von Zerstörung handelt und zum anderen die positive Seite, in der wir eine harmonische Einheit mit der Natur und der Technik sind. Ich hatte von Anfang an die Idee das Ende offen zu lassen und den Hörer zwei Möglichkeiten anzubieten.
Wie kam es zu der Idee des Albums?
Mich hat das Bild des Watchers (Anmerkung: Fernglas-Figur von Michel Granger) immer wahnsinnig faszinierend und irgendwann dachte ich darüber nach, wie man die Geschichte und die Bedeutung nach 40 Jahren  weiterführen kann. Ich habe dann mit einem Künstler aus Prag (Filip Hodas) verschiedene grafische Ideen umgesetzt und dann begonnen die Musik zu komponieren. Dies ist tatsächlich das erste mal, dass zuerst das Visuelle vorhanden war. (Anmerkung: Es gibt zwei verschiedene CD-Covergrafik-Versionen die man kaufen kann)

Warum hast Du Dich nicht für eine konkrete dunkle bzw. positive Seite entschieden?
Zum einen weiß ich nicht, wie die Zukunft wirklich wird und zum anderen möchte ich dem Hörer eine eigene Entscheidung überlassen, wie er die Zukunft sieht und vielleicht auch beeinflussen kann.

Jean Michel Jarre Equinoxe Project Box all PX1000

Was hat der Begriff Infinity für eine Bedeutung?
Er steht für eine mögliche endlose Zukunft, in der wir vielleicht von diesem Planeten verschwinden werden und alles zurücklassen müssen. Natürlich ist es auch die Frage wie wir mit all dieser Technik umgehen werden, wie wir von ihr beinflusst werden und wie man mit Veränderungen umgehen sollte.
Du selbts nutzt eine Menge Technik, sowohl alte und neue, wie bekommst du diese für Dich in Einklang? Nun, ich mag beides. Ich schätze sehr den typischen Sound und die Klangoptionen alter Geräte und interessiere mich aber auch für neue Sachen, natürlich auch Plugins und andere Softwaretools. Aktuell arbeite ich viel mit Abeleton und habe viele der vergangenen Projekte damit umgesetzt. Es ist so praktisch ohne viel Hardware zu reisen und die Technik auch unterwegs zu nutzen. Das war zum Beispiel auch sehr nützlich bei den beiden Electronica-Alben. Ich arbeite natürlich weiterhin auch mit Pro Tools, stelle aber immer mehr fest, dass ich damit eingeschränkter bin. Ableton hat eine fantastische Ausgabe- bzw. Render-Qualität, die mir sogar bessere Ergebnisse als Pro-Tools geliefert hat. Aktuell setzen wir Ableton auch für den Einsatz auf der Bühne ein und müssen es noch mit der Technik für die Visuals verbinden. Das ist allerdings nicht ganz so einfach.

Ist die Reihenfolge der Tracks eigentlich wichtig für Dich und wie legst Du sie fest?
Die Auswahl der Trackfolge lege ich bereits recht früh fest. Ebenso wie das finale Mixing welches schon oft direkt beim Komponieren entsteht. Mittlerweile sind solche Abläufe schon Bestandteil im Prozess der Erstellung der Songs. Grundsätzlich arbeite ich aber immer auch mit anderen Produktionsbeteiligten zusammen. Wir beraten uns nicht nur und sondern finalisieren dann auch das Album.

Ist dieser Prozess zeitlich sehr eng getaktet?
Ja es gibt eigentlich immer Zeitdruck. Dieses Mal hatte ich aber das Glück noch ein paar Wochen Zusatzzeit zu bekommen, da der Abgabetermin des Albums um ein paar Wochen geschoben wurde. Ich konnte endlich einmal ohne den üblichen Zeitdruck, noch ein paar Feinarbeiten machen, ohne dabei allerdings eine Note zu verändern. Es ist einfach toll, wenn man ein bisschen Zeit geschenkt bekommt. Normalerweise bin ich immer zu spät (lacht). Grundsätzlich finde ich es immer sehr hilfreich, wenn Zeit bleibt um Stücke mit ein bisschen Distanz nochmal betrachten zu können. Damit beantwortet sich häufig die Frage: Ist es auch wirklich gut oder war es nur die Stimmung in der ich es produziert bzw. komponiert habe.

Hat Dich im Besonderen die vergangene Arbeit mit den anderen Electronica-Künstler auch für das aktuelle Album inspiriert?
Ja ganz besonders sogar. Ich habe sehr viel gelernt und meinen persönlichen Horizont erweitern können. Es war nach einer Zeit in der es mir nicht immer besonders gut ging. Ich hatte einige persönliche Rückschläge durch den Verlust nahestehender Personen zu verarbeiten und war nicht in der Lage auch nur eine Note zu produzieren. Die Electronica Alben haben mir auch durch das viele Reisen und die direkte Zusammenarbeit mit den anderen Musiker sehr geholfen. Natürlich nimmt man aus jeder Erfahrung etwas für die kommenden Projekte mit.

Du bist in den letzten Jahren äußerst Produktiv. Was war der Auslöser dafür?
Ja das stimmt, 5 Alben in 3 Jahren sind doch ziemlich außergewöhnlich. Ich hatte nach der langen Auszeit viel aufzuholen und habe festgestellt, dass sehr viele Ideen und eine Menge Kreativität in mir steckt. Die Electronica Alben waren beinahe wie eine Frischzellenkur für mich und haben mich sehr motiviert, in diesem Tempo weiter zu machen.

Wie war damals die Zusammenarbeit mit Tangerine Dream?
Sie war sehr besonders. Ich liebe die Musik von Tangerine Dream und war sehr traurig als ich vom Tod von Edgar erfahren habe. Es war eines seiner letzten Stücke. Ich hoffe sehr und bin mir aber ziemlich sicher, dass die jetzige Bandzusammenstellung weiterhin so erfolgreich sein wird und seine Ideen fortsetzen kann. Sie sind eine der wichtigsten Bands der deutschen Pionierzeit, ohne die es viele elektronische Musikrichtungen heute vermutlich nicht geben würde. Es war vergleichbar wie in Frankreich, wo es in den  70er und 80er auch ähnliche Entwicklungen gab. Für mich ist das heute immer noch ein besonderes Privileg ein Bestandteil davon zu sein.

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Hast du manchmal Angst, dass Du die gewonnene Energie auch wieder verlieren könntest?
Natürlich, ich bin wie jeder andere Mensch und habe einen begrenzten Zeitrahmen. Im Moment fühle ich mich besser denn je und freue mich über die vielen guten Dinge die passieren.

Ist es geplant die Electronica Serie fortzuführen?
Ja ich werde dies als ein paralleles Projekt, so wie es auch bei den anderen beiden CDs war, weiter führen. Aktuell haben die ersten Planungen dazu begonnen und hoffe wieder auf eine sehr konstruktive und tolle Zusammenarbeit mit verschiedensten Künstlern.

Wie wäre es z.B. mit Jon Hopkins oder Imogen Heap?
Das wäre sicher sehr spannend, ich sehe wir haben einen ähnlichen Geschmack (lacht)

Du hast ebenso geäussert, dass Du an einem Buch arbeitest und eine Tour ansteht?
Ja das ist richtig, es wird aber keine reine Biografie sein. Mehr möchte ich aber noch nicht verraten. Eine Tour steht auch in der Planung. Darauf freue ich mich natürlich auch.

Mir scheint, Du wirst in naher Zukunft nicht in Rente gehen?!
Nein (lacht), Musik ist wie Sport für mich und warum aufhören, in so spannenden Zeiten wie diesen. Es gibt noch soviel zu erzählen und soviele Dinge die ich noch musikalisch umsetzen möchte.

Stefan Erbe

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