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Hoch und weit über den Dächern von Hagen - Genesys 23 in der Sternwarte Hagen

Im Januar konnte Stefan Erbe im Planetarium Bochum eine gelungene Premiere seines neuen Albums "Genesys 23" feiern. Schon damals waren dazu zwei Dinge angekündigt: Zum einen sollte dies nicht die letzte Live-Aufführung dieser Mischung aus elektronischer Musik und Science-Fiction bleiben, und zum anderen würde die Geschichte um die künstliche Intelligenz GENE und ihre Entscheidungen fort geschrieben werden.

Genesys 23 Hagen

Neben dem Planetarium Bochum gibt es noch einen weiteren Ort, an dem Stefan Erbe regelmäßig live spielt und der sicher ebenso zu seiner "Comfort Zone" gehört: Der Vortragsraum der Sternwarte Hagen. In puncto Größe und projektions-technischer Ausstattung ist er natürlich nicht mit dem Bochumer Kuppelrund zu vergleichen, dafür erzeugen die kleineren Dimensionen und die Nähe von Publikum und Künstler eine  ungleich intimere Atmosphäre - beinahe so, als würde Stefan im heimischen Wohnzimmer spielen.

Angesichts der beschränkten Zahl von Plätzen - mehr als 60 bis 70 Personen finden beim besten Willen keinen Platz - ist eine rechtzeitige Ticket-Vorbestellung angeraten. Eine Abendkasse wird erst gar nicht angeboten. Das erlaubt es Stefan auch, den Gästen im Voraus einige Hinweise zum Spielort zu schicken. Regelmäßigen Besuchern sind die natürlich längst bekannt, aber es gibt natürlich immer wieder Besucher, die sich zum ersten Mal auf den Weg zur Hagener Sternwarte machen.

Die Sternwarte liegt - wie es für so eine Einrichtung sinnvoll ist - etwas außerhalb der Stadt auf einem Berggipfel, und das letzte Stück soll bevorzugt zu Fuß zurück gelegt werden. Der schmale Weg, der bis zum Gipfel führt, ist zwar auch für Autos befahrbar. Wegen der beschränkten Parkplätze ist das aber den Aktiven vorbehalten, die Geräte mitbringen, oder den Besuchern, denen die Viertelstunde bergauf aufgrund gesundheitlicher Einschränkungen nicht zuzumuten ist.  So habe ich bei vergangenen Events meinen Wagen auch immer auf dem dafür vorgesehenen Parkplatz auf halber (Gipfel)höhe abgestellt. Heute jedoch nicht, wir sind zu viert gekommen und für die Dame wäre der Weg zu Fuß mit Krücke zu anstrengend. Ganz langsam fahre ich auf dem schmalen Weg, eine Kehre nach der anderen, und hoffe dabei, dass uns kein Wagen bergab entgegen kommt. Es empfiehlt sich übrigens, dies im Voraus mit Stefan abzusprechen. So kann man zum  Beispiel Mitfahrgelegenheiten organisieren und Parkplatzmangel auf dem Gipfel vermeiden.

Dazu wird es heute wohl nicht kommen, mein Auto ist gerade einmal das zweite neben Stefans Wagen. Der war natürlich schon einige Zeit früher gekommen, um aufzubauen und den direkt neben der Warte gelegenen Eugen-Richter-Turm aufzuschließen. Wer die Sternwarte besucht, sollte auf keinen Fall die Möglichkeit auslassen, diesen Turm zu besteigen.  Benannt ist er nach einem Abgeordnetem, der Hagen-Schwelm viele Jahre im Reichstag vertreten hat und mit seinen liberalen Ansichten regelmäßig dem Reichskanszler Bismarck verbal Paroli geboten hat. Zu einer liberalen, weltoffenen Ansicht passt der weite Blick über Hagen und das umliegende Land. Bei gutem Wetter soll der bis in den "Pott" reichen. Leider ist es heute dafür zu dunstig, und auch ein Blick durch die Teleskope der Sternwarte nach dem Konzert wird wohl eher nicht möglich sein. Aber alleine den Ausblick über die Stadt ist die 84 Stufen wert gewesen. Auch der an einem anderen Hang gelegene (und deutlich kleinere) Bismarck-Turm ist von hier gut zu erkennen. Mit ein wenig gutem Willen kann man nachfühlen, wie freiheitsliebende Bürger vor einem guten Jahrhundert mit diesem Bauwerk ein Zeichen setzen wollten.

Man verweilt auch gerne etwas länger auf dem Turm, bis ein Blick auf die Uhr daran erinnert, dass ab 18 Uhr Einlass ist - also darf es jetzt hinüber zur Sternwarte gehen. Begrüßt wird man nicht nur von Frau Erbe und Stefan, sondern ganz besonders von Luna. Ich bin mir aber nicht ganz sicher, ob ihr Gebell jetzt Ausdruck freudiger Erregung über den ersten Besucher ist, oder ob sie "ihr Revier" gegen Eindringlinge verteidigen will. Nach ein paar Momenten wird sie von Herrchen und Frauchen zur Ordnung gerufen, und nimmt auch wieder Streicheleinheiten entgegen.

Bis zum Konzert ist es noch etwas Zeit, genug für eine Erfrischung oder einen Kaffee, oder um sich mit Stefan über das Thema "künstliche  Intelligenz" auszutauschen. "Genesys 23" dreht sich ja um eine KI als Haupt-Akteurin, und auch bei der Erzeugung der Visuals kamen KI-Systeme zum Einsatz. Gerade im Bereich der "Kreativen" laufen im Moment lebhafte Diskussionen, ob KI ihre Arbeit überflüssig machen oder bereichern wird. Der Konsens an diesem Abend: KIs sind (zumindest bisher) nicht in der Lage, künstlerische Arbeit komplett zu übernehmen. Es bedarf immer noch einer Person, die die KI durch Kommandos anleitet und das Ergebnis beurteilt. Sie ist ein mächtiges Werkzeug in den richtigen Händen, und wird neue Aspekte zu der ewigen Frage liefern, was denn jetzt echtes kreatives Neu-Erschaffen ist und was nur Reproduktion von bereits Existierendem.

Aber genug der Diskussionen, jetzt geht es in den Vortragsraum der Sternwarte - eine wirklich intime Location verglichen mit dem Bochumer Kuppelrund. Stefan hat sich mit kleinem Setup ganz in der Ecke des Raumes eingerichtet, so bleibt die Mitte frei für den Beamer und die Visuals, sowie für den Subwoofer der Sound-Anlage. Letzterer wird von Stefan als Sitzgelegenheit zweckentfremdet. Wie er das gerne in so einem kleineren Kreis tut, erzählt er zu Anfang noch von der Entstehungsgeschichte dieses Projekts. Angefangen hatte es nur mit der Musik, dann hatte er sich mit Klaus-Dieter Unger vom Planetarium Bochum überlegt, wie man dieses Mal die Visuals gestalten könnte. Bei deren Erstellung mit KI-Hilfe kam dann die Idee der Geschichte um GENE und die künstlichen Lebensformen, über deren Leben und Tod sie entscheiden muss.

Ach ja, wer noch einmal etwas dringendes erledigen muss, sollte das jetzt tut - es wird keine Pause geben und die eine Toilette der Sternwarte ist benutzbar, nachdem die Pumpe eingeschaltet wurde. Das ist noch so eine Besonderheit an einem Ort, wo man sich schon ein wenig von der "Infrastruktur" unserer Zivilisation entfernt hat, und ein guter Einstieg in eine Geschichte, die uns ins All und ferne Raumbasen führen wird.

"To Distant Seas", wie der erste Track auf "Genesys 23" heißt, geht es aber nicht direkt. Im Prolog ist von der Vergangenheit und der Zukunft die Rede, von Enttäuschungen und Aussichtslosigkeit, und dass in so einer Situation alle Hoffnungen auf der Gegenwart ruhen. Große Worte, die man als zum Beispiel als eine Art "Carpe Diem" auffassen könnte. Ganz so ist es wohl nicht gemeint, aber das werden wir erst im Epilog erfahren. Für den Moment macht sich GENE wieder mit dem Raumfrachter AXIS auf die Reise, um eine Ladung künstlicher Lebensformen aufzunehmen und im Labor weiter zu untersuchen. Die Aufzählung der Lebensformen mit ihren mehr oder weniger merkwürdigen Eigenschaften steckt - wie auch der Rest der Visuals - voll von Anspielungen, die sich erschließen, wenn man im Genre der Science-Fiction bewandert ist. Erst jetzt beim zweiten Sehen bekomme ich zum Beispiel mit, dass die Lebensform mit dem Formeltyp "NCC1701" von einem gewissen "C. Jones" erschaffen wurde, eben jenem galaktischen Halunken, der die Tribble-Plage über Captain Kirk und die Enterprise gebracht hat...

Die entscheidende Lebensform in dieser Aufzählung ist aber LXM 404, und ihr Bild ist wohl nicht ohne Grund unscharf gehalten: Bei den Experimenten im Labor entkommt sie und kann erst wieder eingefangen werden, nachdem GENE ein Software-Update erhalten hat. Doch dieses Update hat einen Seiteneffekt: GENE entwickelt moralische Maßstäbe und verweigert den Befehl, die Lebensform zu vernichten, die sich während ihrer Zeit in der Freiheit unkontrolliert weiter entwickelt hat. Das ist gleichzeitig das Ende der Album-Version dieser GENE-Episode. Es bleibt offen, was die Entscheidung an Konsequenzen für GENE mit sich bringt. Am heutigen Abend wird die Geschichte mit einem ergänzt: Naturaufnahmen, blühende Landschaften, und als Gegensatz dazu Astronauten, die durch eine mit Zivilisationsmüll bedeckte Ödnis laufen. Das weckt bei mir Erinnerungen an ein anderes Erbe-Album, nämlich die "Reflect", auf der Stefan sich mit aktuellen irdischen Problemen auseinander gesetzt hat. Ein Titel darauf trug den Namen "Planet Plastic". Und so schließt sich für mich der Bogen zum Prolog, der angemahnt hat, dass die Hoffnungen auf der Gegenwart ruhen. Denn nur in der Gegenwart haben wir die Möglichkeit, aus den (schlechten) Erfahrungen der Vergangenheit zu lernen und die Zukunft zu gestalten. GENEs Entscheidung, andere Leben zu schützen und nicht zu vernichten, gewinnt vor diesem Hintergrund an Klarheit.

Bei all diesen Gedanken um Sinn und Hintergründe sollte man Stefans Musik natürlich nicht aus dem Sinn verlieren, denn diese hat auf "Genesys 23" die hohe Qualität, wie man sie von früheren Alben kennt. Stefans Fähigkeit, aus mehreren Titeln einen Spannungsbogen aufzubauen, hat auf diesen Album eine neue Qualität erreicht und es ist auch ohne weiteres möglich, es ganz ohne Texte und die Geschichte zu genießen, die parallel erzählt wird.

Eine Zugabe hat Stefan natürlich auch noch in petto: "Digital Mind Maze" ist ein bisher unveröffentlichter Titel, und die Visuals führen uns in ein virtuelles Labyrinth. Es ist gut möglich, dass dieser Titel Teil eines weiteren Teils der Trilogie um GENE wird. Ganz zum Schluss verrät Stefan nämlich, dass "GENESYS 23" chronologisch der mittlere Teil einer dreiteiligen Geschichte ist - ähnlich wie bei "Star Wars", wo George Lucas ja auch zuerst Episode vier bis sechs eines Neun-Teilers in die Kinos gebracht hat. Nun, wir wollen nicht hoffen, dass es mit einer Fortsetzung genau so lange braucht! Wie Stefan erzählt, ist die Musik für den nächsten Teil schon fast fertig. Alleine, die Visuals dazu in einer Qualität zu generieren, wie wir sie heute gesehen haben, ist mindestens noch einmal so aufwendig. Bis zu seinem nächsten "großen Konzert" auf E-Live im Herbst ist aber noch etwas Zeit. Wer nicht so lange auf das nächste "Erbe live" warten will: Anfang Juni eröffnet Stefan eine Vernissage in Solingen. Maschinen werden in der "Gesenkschmiede Hendrichs" ebenfalls den Hintergrund bilden, nur aus einem anderen Jahrhundert. Stefan wäre aber nicht Stefan, wenn es ihm nicht auch dort gelingen würde, den Bogen in unsere Zeit zu spannen. Man darf wie immer (freudig) gespannt sein...

Alfred Arnold

Über Empulsiv

Empulsiv wurde 2011 als Webzine für (traditionelle) elektronische Musik gegründet. Es berichtete über ein Jahrzehnt von musikalischen Events und über Veröffentlichungen, präsentierte Interviews und Neuigkeiten aus der Szene. Ende 2022 wurde das Webzine eingestellt. Es wird nun als Infoportal mit Eventkalendar, Linksammlung und Archiv fortgeführt, so dass Neues sowies Vergangenes weiterhin gefunden werden kann.