Nach der erfolgreichen Premiere im letzten Jahr gastiert der Electronic Circus zum zweiten Mal in der Lemgoer Johanniskirche. Erfahrung ist also auf beiden Seiten vorhanden: Auf Seiten der Veranstalter, die die Location und deren Betreiber bereits kennen, und auf Seiten der Besucher, die im letzten Jahr bereits in Lemgo waren und die örtlichen Hotels kennen.

Unsere Wahl ist dieses Jahr zum Beispiel auf eine Unterkunft gefallen, die weniger High-Tech-Tücken bereit hält und von der aus man problemlos zu Fuß bis zur Johanniskirche kommt - auch wenn man zwei große Kisten CDs für einen eigenen Stand hinter sich herzieht. Ein kleiner Hinweis für diejenigen, die ähnliches im kommenden Jahr vorhaben: Die Lemgoer Innenstadt ist zu großen Teilen mit Kopfsteinpflaster versehen, ein für einen Gepäck-Trolley eher suboptimaler Untergrund...
...der Unmut darüber ist aber schnell verflogen, wenn man einmal da ist, denn ab jetzt befindet man sich unter Freunden, die die Leidenschaft für elektronische Klänge teilen. Der 'offizielle Einlass' ins verglaste Atrium hat gerade begonnen, und die ersten Besucher werden auf der Liste der vorbestellten Karten abgehakt und erhalten ihr Bändchen. Eine Tageskasse gibt es selbstverständlich auch noch. Viele kurz Entschlossene werden von dieser Option heute noch Gebrauch machen.
Einige der CD-Stände sind schon fertig aufgebaut, andere sind noch 'under construction'. Die Labels von Spheric, Syngate und Manikin gehören zu ersteren. Bei Lamberts Label findet sich als große Überraschung zum Beispiel eine Neuauflage des Software-Klassikers 'Chip Meditation', dieses Mal jedoch von Peter Mergener alleine eingespielt. Kilians Syngate-Label schließt leider zum Ende des Jahres seine Pforten, von daher lautet das Motto 'Alles muss raus' und man kann das eine oder andere Schnäppchen machen. Das sind nicht nur CDs, auch einige nur in sehr kleiner Auflage produzierte Merchandise-Artikel warten auf Interessenten.
Mario und Frank hatten aus Berlin die weiteste Anreise, aber das ist natürlich Ehrensache, wenn ein 'Manikin' heute live spielt. Detlef Kellers aktuelles Soloalbum "Spaintronic" ist natürlich zu haben, für sein Konzert heute hat er aber neues Material angekündigt.
Neben den Labels sind natürlich auch einige weitere Musiker mit eigenen Ständen präsent: Stephen Parsick und Volker Flottmann sieht
man zum Beispiel sonst kaum. Stephan Erbe schon öfter, nach einem 'live-losen' Jahr 2024 ist er wieder hochaktiv und präsentiert die BluRay-Version seines aktuellen Albums "Metamorphosys".
Wie eingangs angedeutet, haben wir auch einige Kisten mit Silberlingen für einen CD-Stand dabei. Die sind aber gebraucht und stammen aus einer geerbten CD-Sammlung. Ein durchaus wichtiges Thema: Was passiert nach einem Todesfall mit einer solchen, wenn die Erben mit elektronischer Musik nichts anzufangen wissen, und/oder Musik nur noch streamen? In diesem Fall sind die CDs nicht in der Verwertung gelandet. Eine über Jahre oder Jahrzehnte gewachsene Sammlung beinhaltet oft Schätze, die heute gar nicht mehr oder nur zu gesalzenen Preisen zu bekommen sind. Hier ist jetzt die Gelegenheit, Lücken in der eigenen Sammlung zu moderaten Preisen zu schließen. Der Erlös kommt den Hinterbliebenen zu gute.
Ein Stand ganz hinten rechts in der Ecke darf natürlich auch nicht unterschlagen werden: Das Catering. Belegte Brötchen, Kuchen und Getränke sind gegen die roten und türkisen Chips zu haben, die man vorne an der Kasse erwerben kann. Diese 'Währung' zirkuliert seit Jahren unverändert auf Circus und Party. Nicht ausgegebene Chips können also problemlos beim nächsten Mal benutzt werden.
Bei Speis und Trank und vielen alten Bekannten vergeht die Zeit wie im Flug, bis der kleine Zeiger auf der Uhr hat die zwei erreicht. Das ist der Zeitpunkt, sich in den eigentlichen Kirchen- und Konzertsaal zu begeben. Die Setups aller auftretenden Musiker sind bereits aufgebaut, und so wie ich gehört habe, sollen sich die Vorbereitungen dafür bis in die späte Nacht des Vortags hingezogen haben. Wem welcher Platz gehört, lässt sich schon anhand der Instrumente erraten: Hinten links steht Haralds Grosskopfs Drumset, und auf dem Tisch daneben hat Steve Baltes seine Geräte und Gerätchen ausgebreitet. Detlef Kellers Synthesizer-Burg ist ebenfalls leicht zu erkennen, und das akustische Piano wird zum angekündigten Neo-Classic-Act Marius Nitzbon gehören. Damit muss die nicht minder beeindruckende Keyboard-Burg vorne rechts zu Meesha gehören, der den Tag eröffnen wird.
Den allerersten Auftritt des Tages hat natürlich 'Zirkusdirektor' Frank Gerber. In seine Uniform hat er sich bereits geschwungen, aber ein wichtiges Accessoire fehlt noch: Wo ist der Zylinder? So viel Zeit muss sein, um den noch eben zu holen!
Dann kann er aber endlich seine einleitenden Worte in den Saal richten: "Liebe Gemeinde..." - ach nein, heute wird ja ausnahmsweise einmal nicht die Botschaft Gottes verbreitet. Stattdessen lautet die gute Nachricht, dass die elektronische Musik immer noch lebt kein bisschen leise ist. Ein wichtiger Hinweis am Rande: Essen und Trinken ist im Saal nicht gestattet, dafür sollte man bitte zurück ins Foyer gehen. Auch einige Gäste von der 'Insel' haben es über den Kanal bis nach Lemgo geschafft. Deren Begrüßung auf Englisch übernimmt wie gewohnt Hans-Hermann.
Nun aber zum ersten Act des Tages: Live-Auftritte von Meesha sind eher selten, aber auf dem Circus ist es heute mindestens das dritte Mal. Die 'Circus-Premiere' war in 2009, und hatte ihm seinerzeit direkt einen Schallwelle-Preis als bester Newcomer beschert. Für den heutigen Auftritt wird er auf Titel seines 2021er-Albums zurück greifen: "A Change of Scenery". Das heißt salopp übersetzt, "Tapetenwechsel". Davy Wetzeler, der seinerzeit die Gitarren-Parts beigesteuert hat, ist heute ebenfalls live mit dabei. Und gleich im ersten Track setzen beide die Gangart für den Rest des Auftritts: Fetzig und rockig legen Davy und Meesha los, und Meeshas Spiel ist virtuos. Ein Notebook ist zwar auch mit von der Partie, aber wirklich nur für die Teile, für die keine Hände mehr frei sind. Echte, physische Keyboards sind klar bevorzugt, und machen auf der Bühne auch eindeutig mehr her.
Nach dem ersten Titel wechselt Meesha kurz in ruhigeres Fahrwasser. Die Verschnaufpause währt aber nicht lange, und dieses Mal gibt auch Davy an den Saiten richtig Gas. Eines ist klar: Gleichförmigkeit und daraus resultierende Langeweile ist nicht der beiden Ding. Deshalb dürfen beim Folgetitel zum ersten Mal die Drums zum Einsatz kommen. Sie sind ganz oben an die Racks gebaut und man hat Zweifel, ob selbige Meeshas Spiel auf Dauer standhalten können. Sie tun es aber, und nach diesem ersten Einsatz haben sie etwas länger Pause, als Meesha an seinem MS-20 zur Abwechslung etwas zurückhaltender spielt: Die Stimmung wird beinahe feierlich und erinnert mich an Kitaro. Auch hier ist Davy dabei und geht die Stimmung mit.
Gleich darauf aber schon der nächste 'Tapetenwechsel': Drums im Stil von Pink Floyd machen wieder Druck und Tempo. Man ist mittlerweile wirklich gespannt, was für eine Überraschung die beiden als nächstes hervor holen. Und wir werden nicht enttäuscht. Hatte Meesha vor ein paar Jahren eines seiner Keyboards zum Spielen kurzerhand auf die Schulter genommen, so schnallt er sich heute ein echtes Umhänge-Keyboard um. Das Tempo geht wieder herunter, und Pracht und Pathos erinnern an ein großes Vorbild aus Griechenland. In diesen Klang-Landschaften verweilen Davy und Meesha einen Moment, bis sie im großen Finale noch einmal alles geben.
So ein furioses und abwechslungsreiches Set zum Einstieg weckt große Hoffnungen auf den Rest des Tages. Es war quasi ein 'Electronic Circus im Kleinen': Ein Wechselbad der Stimmungen und Stile, das für großen Beifall und den nachdrückliche Wunsch nach einer Zugabe sorgt. Dafür haben die beiden etwas vorbereitet: Ein Vangelis-Cover, das vorher schon anklang, und mit einem Duell von Keytar und Gitarre endet - so gehört sich ein Finale, mit dem man das Publikum in die Pause entlassen kann!
In der nun folgenden Pause wartet eine weitere Überraschung auf uns: Stefan Erbe ist heute nicht nur mit seinem CD-Stand präsent, er hat auch die Mikrofone und Kameras eingepackt, mit denen er früher für EMpulsiv regelmäßig Interviews gemacht hat. Und der erste Interview-Partner ist - wie könnte es anders sein - Meesha, der uns gerade auf den Tag eingestimmt hat. In seinen Antworten erinnert er auch noch einmal an seinen ersten Auftritt 2009 auf dem Circus, und wie er im Jahr darauf bei der Schallwelle zum besten Newcomer des Jahres gewählt wurde. Den heutigen Tag eingeschlossen, ist er bisher drei Mal in der Arena des Electronic Circus aufgetreten, und er entschuldigt sich beinahe ein wenig dafür, dass es nicht öfter war: Er ist beruflich als Sound Engineer unterwegs, und daraus resultiert ein gewisser Perfektionismus. Auf das heutige Konzert hätte er sich insgesamt fünf Monate vorbereitet. Wie lange es bis zum nächsten Mal dauern wird - keine Ahnung. Vorhersagen sind schwierig, insbesondere wenn sie die Zukunft betreffen! Das hoffe ich auch im Stillen, als ich Stefan frage, ob er seine Zusammenarbeit bei EMpulsiv vielleicht wieder aufleben lassen möchte. Mit einem Lachen wehrt er ab, und ich denke mir im Stillen 'Sag niemals nie...'.
Dieses Motto könnte auch für den Musiker gelten, der das zweite Konzert des Tages bestreiten wird. Denn in den gut 30 Jahren dürfte Detlef Keller auch schon alle Höhen und Tiefen erlebt haben. Es ist an der Zeit, darauf etwas zurück zu blicken, wie Detlef in der Einleitung erzählt. Und was die Musik angeht, die er zu spielen gedenkt, die wäre allesamt mit 'KI' erstellt. Bei Detlef steht dieses Kürzel allerdings für 'Keine Intelligenz' und es gehört zu der Art, wie er seine eigenen Fähigkeiten gerne einmal so weit unter den Schemel zu stellen versucht, wie es nur geht. Zum Glück muss der Schemel noch erfunden werden, um Detlefs Fähigkeiten auch nur annähernd zu verdecken, so dürfen wir uns auf aller feinste EM der melodischen Art freuen. Detlef bleibt für den Moment nur der Hinweis, sich zurück zu lehnen und einzutauchen.
Und in der Tat, was Detlef Keller hier ein einer runden Stunde zelebriert, das ist ein klangliches Wellness-Bad, in das man gerne abtaucht und genießt. Warme Melodien und Chöre eröffnen das Set, begleitet von Naturbildern und Aufnahmen aus seinem alten Kellerstudio in Duisburg - an seinem neuen Wohnort befindet sich selbiges ja ganz oben unter dem Dach. Nach und nach steigen die Sequenzen mit ein und formen etwas, was ich bisher noch auf keinem seiner Alben gehört habe. Es wird heute also kein reiner Rückblick, auch wenn die Bilder eine Zeitreise durch viele Jahrzehnte elektronischer Musik sind - sowohl solo, als auch mit den anderen Musikern der 'Manikin-Truppe' zusammen.
Detlef hatte in einem Gespräch vor dem Konzert erzählt, was ihn in der heutigen Zeit beim Musikkonsum fehlt: Streaming-Dienste wie Spotify, die automatisch Playlisten zusammen stellen, leiten nur noch zum 'nebenher hören' an, die Musik wird nicht mehr bewusst geschätzt und verkommt zur bloßen Hintergrund-Kulisse im Alltag. Das ist an diesem Nachmittag in Lemgo sicher anders, denn in Detlefs Musik kann man sich so richtig schön hinein fallen lassen und alles andere vergessen. Dabei sehen wir weitere Stationen im Leben, die Detlef der Musik zu verdanken hat: Eine USA-Tour im Jahre 2012, dann wieder die erste Konzepte für 'Spaintronic'. Die Bilderreise ist nicht chronologisch, und springt auch schon einmal von alten Aufnahmen in Repelen direkt zu seinem heutigen Studio. Genauso variabel hält Detlef es mit dem Tempo: Zur Meeresbrandung zelebriert er 'Romantik pur', um gleich im Anschluss zu rhythmisch-rockigen Klängen zu wechseln, bei denen die E-Gitarre nicht fehlen darf.
Die Gitarre kommt auch im Finale zum Einsatz, zu dem Detlef den Sternenhimmel auf die Leinwand zaubert. Draußen ist es noch Nachmittag und und bis zur Dämmerung sind es noch einige Stunden, aber das tut der Illusion keinen Abbruch. Wir sind alle restlos von dieser 'Traumreise' begeistert, und eine Zugabe wird mit Nachdruck gefordert. Natürlich hat Detlef dafür etwas auf Lager, 'etwas fürs Herz'. Und bereits an den ersten Takten erkennt man 'Source of Life', einer von Detlefs Evergreens. Und auch Frank kann nicht genug bekommen: "Wollen wir noch einen", und so finden "30 Jahre und Meer" erst nach einer zweiten Zugabe ihr endgültiges Ende. Falls dieses denkwürdige Konzert als Album erscheinen sollte, so hat Mario sich angeblich schon die Titel für die einzelnen Tracks ausgedacht: "Lemgo 1-7"...
Aber gut Ding will Weile haben, was so eine Veröffentlichung angeht, für deren Reifung lässt Detlef sich ja gerne viel Zeit. Zeit haben wir als Publikum in der großen Pause auch erst einmal. Wem die Snacks des Caterings nicht reichen, der hat jetzt Zeit, die örtliche Gastronomie zu frequentieren. Bei uns 'Bilddokumentatoren' steht in der Pause aber noch ein wichtiger Programmpunkt auf der Liste: Das Gruppenfoto aller Musiker! Die Aufgabe ist lediglich, einen passenden Ort zu finden, der mit der Location verbunden ist und an dem sich alle so aufstellen können, dass sie gleich gut zu sehen sind. Die Kirche hat so einen Ort, nämlich die Wendeltreppe, die von der Empore Richtung Dach führt. Dicht nebeneinander stehen die Musiker auf ihr, sowohl die, die bereits gespielt haben, als auch die, die ihr Konzert am heutigen Abend noch vor sich haben. 'Vergangenheit und Zukunft', denke ich im stillen bei mir, während ich dies Bild festhalte, aber das wichtige ist doch immer der Moment, in dem und für den wir leben. Dieser Tag in Lemgo wird uns noch einige davon bescheren.
Den Rest der großen Pause verbringe ich mit Gesprächen an den CD-Ständen. Besonders mit Mario Schönwälder ist es immer ein besonderes Vergnügen zu plauschen, verfügt dieser doch über einen vermeintlich endlosen Vorrat von Anekdoten. Vieles hat davon überhaupt nichts mit Musik zu tun, und manches bleibt auch besser un-aufgeschrieben. Aber wenn Mario sich nicht für die elektronische Musik entschieden hätte, vielleicht wäre er ja Standup-Comedian geworden?
Direkt neben dem Manikin-Stand hat Kilian eines der letzten Male sein Angebot ausgebreitet. Das Syngate-Label schließt zum Ende des Jahres ja leider seine Pforten, und jetzt kommen auch noch einige Schätze zum Verkauf, die bei Aufräumen wieder aufgetaucht sind. Die Poloshirts mit eingesticktem Logo waren seinerzeit nur in kleiner Auflage produziert worden, und heute wechseln die letzten Exemplare ihren Besitzer.
Die Pause ist beinahe zu Ende, da greift Stefan Erbe wieder zum Mikrofon: Nach Meesha ist es jetzt logischerweise an Detlef Keller, vor den inzwischen wieder ins Foyer zurück gekehrten Besuchern zu erzählen, was gerade so bei ihm 'läuft'. Besonderer Schwerpunkt dabei ist seine Radiosendung 'Ad Libitum', die seit einigen Jahren einmal in der Woche auf Evosonic Radio läuft. Die Uhrzeit - Donnerstag Abend von 22 Uhr bis Mitternacht - hatte er sich natürlich bewusst so ausgesucht, und die treue Hörerschaft ist mittlerweile so angewachsen, dass 'Ad Libitum' aktuell die Sendung mit der höchsten Einschaltquote ist. Das verkündet Detlef natürlich nicht ohne einen gewissen Stolz, und damit das in Zukunft so bleibt, kommt an dieser Stelle der Aufruf an die Musiker, dass neues Material immer mit offenen Armen und Ohren entgegen genommen wird.
Nach diesem Interview ergeht der Aufruf, sich in den Saal zu begeben, der Circus wird mit Konzert Nummer Drei fortgesetzt. Und es ist dasjenige Konzert des heutigen Tages, mit dem das Team um Frank und Hans-Hermann einmal wieder etwas über den 'Tellerrand' der elektronischen Musik hinaus schaut. War es im Vorjahr ein Dark-Ambient-Act, so geht der Blick heute in Richtung Neoklassik. Zumindest wird Marius Nitzbon aus Hamburg allgemein in dieser 'Schublade' verortet. Aber Schubladen sind dazu da, geöffnet und erforscht zu werden, und so bin ich sehr gespannt, was sich hinter diesem Genre eigentlich verbirgt. Was den Aufbau angeht, ist Marius Setup eigentlich gar nicht so weit von Elektronikern entfernt: Diverse Keyboards, Mixer, ein Musiker-Rack - einzig das akustische Piano fällt etwas aus dem Rahmen. Andererseits: Johannes Schmoelling spielt auch gerne mal auf der Bühne auf dem Flügel. Und in der Tat: Wie sich im Einsteiger Piano und warme Flächen mischen, das erinnert mich im ersten Moment an Johannes. Diese Einleitung währt aber nur kurz: Marius entfernt eine Abdeckung vom Klavier und greift zum Mikrofon. Er spielt gern in Kirchen, und den Großteil seines heutigen Sets werden Stücke vom aktuellen Album "Birds are my Friends" füllen. Es ist gerade einmal vor einem halben Jahr erschienen,
und weil es für seine Verhältnisse recht elektronisch geworden sei, passt es sehr gut hier auf den Circus, wo Brücken gebaut werden.
In der Tat: Die Klänge sind melodisch, manchmal etwas minimalistisch, aber auf gar nicht so weit von 'unserer EM' entfernt. Die Musik ist etwas 'für den Kopf', und Marius gelingt es mühelos, die volle Aufmerksamkeit des Publikums zu gewinnen. "Es ist so still", meint er nach den ersten zwei oder drei Tracks, und "Ich merke, dass Ihr zuhört". In diesem Punkt ist Marius mit Detlef Keller auf einer Linie: Auch ihn stört, wie Musik in vielen Fällen heute zu einem austauschbaren Objekt geworden ist, das man eher nebenher konsumiert, während man etwas erledigt. Hier und heute ist das anders, und das genießt Marius sichtlich. Seine Gestik verrät, wie sehr er selber in der Musik aufgeht, und wenn sich bei einem Titel Vocals zu Elektronik und Piano gesellen, dann sind sie wie ein weiteres Instrument.
A propos Instrument: Einige der Titel, wie zum Beispiel "Short Jumps", sind in Lettland entstanden, und zwar bei David Klavins, der als Konstukteur des größten Pianos der Welt bekannt ist. Selbiges "Modell 470i" ist heute natürlich nicht mit dabei, es erstreckt sich an seinem Aufstellort über zwei Stockwerke und ist nicht transportabel. Aber auch mit dem, was es heute nach Lemgo geschafft hat, zieht Marius uns weiter in seinen Bann. Neben den Songs von aktuellen Album hat er auch noch zwei neue dabei. Bevor er die spielt, muss er sich aber erst einmal kurz hinlegen (!) und Kraft fürs Finale sammeln. Dann wird die Synthese aus EM und Piano noch intensiver: Marius spielt beidhändig und über Kreuz, und die Immersion in die Musik ist so intensiv, dass die Forderung nach einer Zugabe zwangsläufig ist: so abrupt darf es nicht enden! Kurze Frage von Marius an Frank: "Geht das noch?", und die Antwort ist ein noch kürzeres "Ja". "Little Human" wollte er ja eh noch spielen, es war ihm nur vor lauter Erregung unter gegangen. Und so kommt es ganz am Ende dieses Konzerts doch noch an die Reihe. Die Club-Atmosphäre, die es verbreitet, ist genauso warm und intim wie der Rest des Konzerts - ein Konzert, mit dem das Team des Electronic Circus wieder einmal bewiesen hat, dass es links und rechts des ausgetretenen Pfades der klassischen EM noch jede Menge weitere spielens- und hörenswerte Musik gibt.
Für den letzten Act des Tages sind noch letzte Vorbereitungen auf der Bühne erforderlich, und so führt uns der Weg noch einmal aus dem Kirchensaal ins Foyer. Die Zeit wird uns dort nicht lang werden, denn es stehen wieder Interviews auf dem Programm. Dieses Mal holt Ecki Stieg, für die Sendung "Grenzwellen" bekannt, die Musiker ans Mikrofon, die noch nicht zu Wort kommen durften. Steve Baltes und Harald Grosskopf, die gleich als Haupt-Act des Abends die Bühne zum Beben bringen werden, verbindet natürlich ihre gemeinsame Geschichte bei Ashra, und es werden auch Stücke aus dieser Zeit in das heutige Set eingebaut werden. Steve erklärt die Rolle, die er damals bei Ashra übernommem hat. Ähnlich wie der Bassist in einer klassischen Rockband war er quasi der 'Motor', der den Takt vorgegeben hat. Heutzutage bestreitet er natürlich problemlos auch alleine ein EM-Konzert. Auch Harald entwickelt sich ständig weiter. Unlängst hat er auf ein neues elektronisches Schlagzeug umgestellt und fleißig geübt - wie gut er es mittlerweile beherrscht, werden wir gleich hören.
Zuvor ist aber noch Marius an der Reihe, von Ecki ein wenig ausgefragt zu werden. Ein Wenig Abstand hat er zu seinem Konzert ja mittlerweile, aber das klasse Gefühl hält immer noch an. Er hat heute viel improvisiert und eine gute Zeit mit diesem Publikum gehabt, den Ausflug nach Lemgo und zu einem 'Neoklassik-fremden' Publikum bereut er in keinster Weise. Die Frage, wie er zum Klavier als Instrument gekommen ist: Das hat er seinem Bruder zu verdanken...
Nun aber wieder in den Saal, zum Finale und Höhepunkt des heutigen Tages. Eine kleine Einführung von Frank darf natürlich nicht fehlen, und auch Harald ergreift noch kurz das Mikrofon. Er ist gut aufgelegt, und meint ganz locker, Steve wäre ja eigentlich ein Roboter, den er sich von seinen letzten Konzerten in China mitgebracht hätte - eine Anspielung auf den Begriff 'Motor' vorhin im Interview? Für den Einstieg gesellt er sich zu Steve an den Tisch, das Schlagzeug bleibt erst einmal ungenutzt. Harald ist an den Keyboards genauso virtuos wie an den Drums, auch wenn es sich wie hier um eine Exemplar handelt das man ob seiner Größe und bunten Farbgebung im ersten Moment in die Kategorie 'Kinder-Spielzeug' einsortiert hätte. Aber weit gefehlt: Ganz im Sinne der Berliner Schule erleben wir einen ganz sanften Einstieg mit dunklen Flächen - die Spannung steigt.
Und Harald und Steve lassen uns nicht lange warten: Steve's 'Motor' legt los und liefert eine fulminante Basslinie. Dazu wechselt Harald an die Drums und legt los - ein Feuerwerk an Rhythmen, die aber ihre 'Berliner Ursprünge' nicht verbergen. Die Visuals dazu gehen das Tempo mit: Es sind fast die gleichen, wie man sie beim Konzert von Thorsten, Paul und Harald im Frühjahr in Oirschot gesehen hat - was auch erklärt, wer der 'kreative Kopf' hinter diesen KI-Animationen ist. Folgt man Harald auf den sozialen Medien, dann konnte man ja schon seit Monaten sehen, dass er keine Berührungsängste mit diesen neuen Möglichkeiten hat.
Im zweiten Track bremsen Steve und Harald das Tempo ein wenig ein, und die eher dunkle Grundstimmung hellt sich mit ein paar fröhlichen Sounds auf. Noch heller werden die Sequenzen in Track Nummer drei, wo uns dafür die Winde um die Ohren pfeifen - bis zum Herbst ist es ja nicht mehr lange hin. Jetzt ist aber noch Spätsommer, und Harald ist mittlerweile so richtig auf 'Betriebstemperatur':
Während ich mich vorsichtig um die beiden auf der Bühne herum bewege, ergibt sich die eine oder andere Studie davon, wie Harald der ihm immer noch innewohnende Energie auch mit seiner Mimik freien Lauf lässt. Er kann aber jederzeit umschalten: Die Tracks mit Drums werden regelmäßig von Titeln mit ihm am Keyboard unterbrochen. Dann darf es auch gerne für ein paar Momente ein wenig 'psychedelisch' werden, nur um gleich darauf wieder Volldampf an den Drums zu geben.
Auch Steve gibt an seinem Setup sehr vielseitig: Chöre, Flächen, Rhythmen, Sequenzen, und das alles untermauert von einem dunklen Flow - EM-Herz, was willst Du mehr? Und Steve hat Haralds Spaß mit dem Roboter nicht vergessen: Ab und zu mixt er auch ein paar Vocoder-Sprachfetzen hinzu. Und die beiden könnten dieses Spiel wohl noch mehrere Stunden so weiter machen, wäre da nicht leider der Zeitplan. Aber Frank, der nach dem Konzert genauso restlos begeistert ist wie wir, genehmigt noch eine Zugabe. Und die ist ein besonderer Leckerbissen: ein Titel von Manuels "Private Tapes", erstmals 1997 in Japan gespielt, und hier in einer etwas modernisierten
Fassung. Das wird zum Abschluss noch einmal ein ganz wilder Lauf, in dem beide alles geben, und mit dem sie sich den großen Abschluss-Applaus des Abends verdienen.
Frank und dem Rest des EC-Teams bleib nunmehr nur noch, den Besuchern eine sichere Heimfahrt zu wünschen und zu versichern, dass der Zirkus in 2026 eine Fortsetzung erfahren wird. Draußen im Foyer werden noch die letzten Kuchenstücke verteilt, es werden Verabredungen getroffen, wo und wann man sich wieder treffen wird. Bis zum nächsten Electronic Circus werden die Jahreszeiten sich noch viermal abwechseln, aber die St. Johann Kirche in Lemgo ist bereits wieder als Spielort gesetzt. Und dem Team um Frank und Hans-Hermann wird es sicher wieder gelingen, ein Lineup zusammen zu stellen, das einen Besuch in der elektronischen Manege lohnt. Bis zum Electronic Circus 2026, wieder in Lemgo!
Alfred Arnold
