Es ist mittlerweile eine abgedroschene Phrase, aber es stimmt nun einmal: wir leben in bewegten Zeiten, wo vieles in Frage steht, das bisher als sicher und selbstverständlich galt. Umso wertvoller werden die Dinge, auf die man sich verlassen kann und die einen Eckpfeiler im Kalender darstellen. Für dem EM-Fan sind E-Day und E-Live mit Sicherheit solche Eckpfeiler. Ron Boots und sein Team rund um das Groove-Label organisieren sie länger, als ich in der 'Szene' aktiv bin, und das sind mittlerweile auch schon fast zwei Jahrzehnte. Standort ist mittlerweile auch wieder der Saal in Oirschot, der seit 2023 unter dem Namen "De Stoelendans" firmiert. - Manche sprechen aber auch immer noch aus alter Gewohnheit von "De Enck".

Ron selber ist dieser Ort ebenfalls ans Herz gewachsen. Als er im vergangen Herbst seine Umzugs-Pläne Richtung Belgien bekannt gab, kam natürlich die Frage auf, ob er sich für E-Day und E-Live ebenfalls eine neue Location suchen würde, der näher an seinem neuen Wohnort liegt. Aber das stand für Ron nie zur Debatte: E-Day und E-Live bleiben in Oirschot!
Und so ist es auch heute wieder die altbekannte Adresse "De Lopp 67", die ich ins Navi eingebe. Eigentlich bräuchte man dieses Hilfsmittel bei der Wegfindung gar nicht mehr, so oft wie man schon in Oirschot gewesen ist. Wichtig sind aber die Infos zu Staus und Umleitungen. Ich habe schon seit einiger Zeit die Hypothese, dass ein Event umso besser wird, je mehr Probleme es auf der Anfahrt gegeben hat. Also ist es jetzt ein gutes Omen, wenn kurz vor Eindhoven ein paar Minuten Verzögerung gemeldet werden, und ein Abschleppwagen mit Blaulicht an uns vorbei rast?
Viel Zeit kostet uns diese Episode nicht, aber doch gerade so viel, dass der kleine Zeiger auf der Uhr die Eins schon überstrichen hat, als wir auf der Besucherliste abgehakt werden und unsere Einlass-Bänder erhalten. Das Foyer von "De Stoelendans" ist bereits gut gefüllt und belebt. Viele der Besucher hatten eine noch weit längere Anreise als wir und haben vor Ort übernachtet. Nicht nur deren Stimmen liegen in der Luft, auch der Duft von Fritten und Gegrilltem. Seit dem Vorjahr bietet die Küche von "De Stoelendans" auch wieder Speisen an. Die heben wir uns aber für später auf, ebenso wie die zahlreichen CD-Stände. Für 13 Uhr ist nämlich das erste 'Mini-Konzert' im kleinen Saal angesetzt. Also flugs hinauf in den ersten Stock! Von dort dringen bereits sehr einladende Klänge an unsere Ohren.
Im kleinen Saal bietet Ron Musikern eine Auftritts-Möglichkeit, die sich vielleicht noch nicht in den großen Saal trauen oder noch nicht 'etabliert genug' dafür sind. Hier können sie sich in intimerer Atmosphäre austesten, um bei einem der nächsten Termine vielleicht den Sprung in den großen Saal zu machen. So auch heute, denn der Name "Raaf" dürfte den bisher den allerwenigsten geläufig sein. Raaf kommt aus Nijmegen, und er ist ein Freund modularer Synthesizer. Die müssen schon längst keine schrankgrossen Geräte mehr sein: Sein Setup passt bequem auf einen Tisch, und es laufen gerade die letzten Takte des ersten Tracks. Es muss ein ruhiger und atmosphärischer gewesen sein, mit dem er seinen Auftritt eröffnet hat. Wir sind noch rechtzeitig gekommen, um zu hören, wie er etwas über sich und sein Musikprojekt erzählt: Bisher hat er nur ein paar einzelne Titel auf Bandcamp veröffentlicht, aber das erste eigene Album ist fast fertig. Ihm ist bewusst, dass es hier noch viele Fans physischer Tonträger gibt. Eine Vinyl-Pressung gleich für den Erstling wäre aber doch zu gewagt, es wird ein reines Download-Album sein, und ebenfalls auf Bandcamp erscheinen.
Mit dem zweiten Titel zieht das Tempo leicht an: Sequenzen und Melodien umschmeicheln uns, mit gelegentlichen eingestreuten Natur-Sounds. Das könnten Raben sein? Auf jeden Fall wirkt das alles schon recht durchdacht und stimmig. In Gedanken notiere ich mir diesen Namen als Kandidaten für die Neulingskategorie bei der nächsten Schallwelle.
Mit den Worten "I have more time" leitet er das letzte Stück ein, und er erzählt noch den Ursprung einiger Sound-Samples: Er hat sie von einer Japan-Reise mitgebracht, sowohl die Krähenrufe als auch die Geräusche, die man rund um einen Shinto-Schrein einfangen kann. Wir haben die Wahl, wie sie weiter verwendet werden sollen: In einem eher minimalistischen oder einem melodischen Stück. Nach kurzem Zögern fällt die Wahl auf Melodien, und so macht Track Nummer drei dort weiter, wo der vorige geendet hat. Aber auch Strukturen aus dem ersten Track vermag ich darin wieder zu finden - ein schöner Schlusspunkt für das erste (Mini-)Konzert des ersten Tages und Ron hat einmal mehr ein gutes Händchen bei der Auswahl bewiesen.
Nun aber schnell wieder die Treppe herunter: Als ich von der Toilette komme, ist die Tür zum großen Saal bereits geöffnet und ich kann gerade noch einen Platz in der ersten Reihe ergattern. Ein durchdringendes Augenpaar schaut von der Leinwand auf uns herunter, der Schriftzug "BySenses" darunter verkündet den Namen des ersten Acts. Hinter "BySenses" steht Didier Dewachtere aus Belgien, und er hat ein recht beachtliches Setup aufgefahren. Einzig die großen Gongs wollen nicht so ganz dazu passen, damit habe ich ihn bisher nicht spielen sehen? Die Auflösung kommt aber direkt vom Platz neben mir, nämlich vom Tommy Betzlers Frau: Er wird bei einem der Titel mit spielen. Da sind wir aber einmal gespannt...
...zuvor ist es aber an Ron, den Tag offiziell zu eröffnen und die Besucher im wie immer fast voll besetzten Saal zu begrüßen. Er tut das wieder mehrsprachig, am ausführlichsten natürlich in seiner Muttersprache. Aber auch auf Deutsch wird der schon fast traditionelle Hinweis gegeben: Die Tiefgarage schließt im 18 Uhr, und wer seinen Wagen danach noch heraus bekommen will, dem wird das auch nicht mehr gegen Einwurf kleiner Scheine gelingen: Die Stadt Oirschot hat notorisch ein Loch in der Kasse und man sei auf die Idee verfallen, dieses durch den Verkauf der dort 'vergessenen' Fahrzeuge zu stopfen...Glück hätte man nur als Brite, denn Rechtslenker lassen sich auf dem Kontinent eher schlecht verkaufen...
...Ron ist also sichtlich gut aufgelegt. Ein weiteres Thema ist natürlich sein neuer Wohnort. Seit Dezember hat er eine Adresse in Belgien, genauer in dessem äußersten Norden. Von diesem "Groningen Belgiens" ist es gar nicht mal so weit bis Oirschot, und dieser Saal hier wird weiter seine zweite Heimat bleiben!
Vielleicht ist sein Umzug aber doch der Grund, dass wir für den Einstieg virtuell zum südlichen Nachbarn reisen? Ron schätzt an BySenses nicht nur die Musik, auch das vermeintlich nebensächliche 'Drumherum', das mindestens genauso viel Aufwand bedeuten kann, hat bei Didier die gleiche Qualität. Dazu gehört die Qualität der Gestaltung der physischen Releases, aber auch die live zur Musik gezeigten Visuals. Ich hatte BySenses zuletzt vor anderthalb Jahren in Rugeley gesehen und gehört, und an die damalige Performance knüpft Didier heute an, nur in einem deutlich größeren Rahmen.
Didier eröffnet sein Set gleich mit einem richtig langen Titel: "Temples" von 2024 verströmt eine ruhige, fast meditative Stimmung. Die Visuals liefern dazu einen weltweiten Streifzug durch die Religionen, sowohl räumlich als auch zeitlich. Beinahe zwanzig Minuten kann man darüber sinnieren, ob es vielleicht einen gemeinsamen Nenner in ihnen gibt, oder stattdessen beobachten, wie souverän Didier sein umfangreiches Setup handhabt. Das setzt sich beim zweiten Titel fort. Das Tempo zieht deutlich an, und die Visuals kreisen um das hektische Leben in der Großstadt. Auch hier wieder ergänzen sich Bilder und Klänge zu einem stimmigen Gesamteindruck.
Bei Track Nummer drei kommen endlich Tommys Gongs zum Einsatz. Aber nicht nur der gesellt sich zu Didier auf die Bühne: Peter Moorkens, der solo als "Onsturicheit" auftritt, nimmt die bereit stehende Gitarre. Peter habe ich schon früher als jemanden kennen gelernt, der Spaß an unkonventionellen Auftritten hat, und so so wird die Gitarre heute auch nicht nur einfach gezupft: Mit Hilfsmitteln entlockt er ihr flächige Sounds. Nach dem eher harmonischen und melodischen ersten beiden Titeln wird jetzt ein deutlich kantiger und härterer Weg eingeschlagen. Die dazu passenden Visuals: Maschinen und Produktionsanlagen. Deren sich ständig wiederholende Bewegungsabläufe spiegeln sich in den Sounds wieder, und sind trotz ähnlichen Tempos ein Kontrast zum Gewusel einer modernen Stadt.
Viel weiter 'raus in die Welt' gehen könnte man nicht, außer vielleicht noch in die Weiten des Weltalls. Aber der Umkehrpunkt ist bewusst gesetzt: Titel Nummer vier hat ein Anliegen, das persönlicher nicht sein könnte: die eigenen Kinder und Enkel, die sich entwickeln, und nicht immer so, wie vermeintliche gesellschaftliche Normen es verlangen. Autistisch veranlagte Menschen sehen vieles im Leben anders, aber deswegen ist Autismus keine Krankheit. Im Gegenteil, man sollte sie als Bereicherung des eigenen Lebens sehen. Und so fängt "Le Grand Petit" ganz zurückhaltend an, steigert sich über eine Viertelstunde hinweg zu einer mitreißenden eine Hymne auf das Leben. Zwar ist er wie alle anderen Titel instrumental, die in den Visuals gezeigten Texte haben aber einen wichtigen Anteil an der Botschaft.
Neuer Titel, und wieder eine neue Richtung - dieses Mal geht es in die Vergangenheit. Zu Didiers musikalischen Vorbildern gehört auch Klaus Schulze, wie man in "With Love...zu Klaus" sehen und hören kann. Wir sehen Bilder von Klaus, und zwar vornehmlich aus den 70er-Jahren, in denen Klassiker wie 'Crystal Lake' und 'X' entstanden sind. Genau diese Art damals neuartiger Musik hat so viele aus unserer Szene entscheidend geprägt, und der letzte Titel des ersten Konzerts ist Didiers Tribute an Klaus. Die Sequenzen fließen, Tommy setzt mit seinen Gongs noch einmal Akzente, und die Laufzeit ist auch eines Schulze-Tributs würdig.
Didier bedankt sich in seinen abschließenden Worten bei Ron für die Bühne, bei uns fürs Hier sein, und bei den beiden Mitspielern - Tommy hat heute sogar Geburtstag! Und auch die Helfer, die heute nicht mit auf den Brettern waren, werden nicht vergessen. Ohne die wäre dieser Auftritt genauso wenig möglich gewesen. Ein großer Teil der exzellent gemachten Visuals stammt zum Beispiel von Johan de Paepe, der als Musiker unter dem Namen "Owann" firmiert.
Und einen allerletzten Titel hätte er auch noch, wenn die Zeit noch reicht. Er wird Teil von Didiers kommendem Album sein. Ging auf "Multiple Directions" quasi jeder Titel seinen eigenen Weg, so fließt jetzt all das, was wir bisher gehört haben, auf harmonische Weise zusammen: Chöre, Wärme, Sequenzen, Melodie, Rhythmen. Man darf auf die Veröffentlichung gespannt sein, geplant ist sie für kommenden November.
In der folgenden, kleinen Pause ist aber erst einmal Zeit, sich aktuellen Veröffentlichungen zuzuwenden. Seit dem Umbau nimmt die Theke im Foyer merklich mehr Platz ein und die Stände aller weiteren CD-Labels und Musiker müssen sich den Raum neben der Garderobe teilen. Der will also gut genutzt werden, und so kann man hier viel neues auf kleinem Raum sehen. Remys Label "Deserted Island Music" hat in den letzten Wochen einige Neu-Veröffentlichungen an den Start gebracht, darunter mit "Yvelines" eine spannende Zusammenarbeit mit Peter Dekker, die die Grenzen elektronischer Musik austestet. Bei Manikin ist just heute der Veröffentlichungstag von Detlef Kellers neuem Solalbum "2025 live". Darauf findet man nicht nur Mitschnitte seines Konzerts auf dem letzten Electronic Circus, auch Aufnahmen von einem Projekt zusammen mit der Universität Münster.
Die CD ist für all dies immer noch das Standard-Medium, aber man merkt auch in unserer Szene seit diversen Jahren, dass sie den Zenit ihrer Beliebtheit überschritten hat. Etwas Physisches in der Hand zu halten, ist aber nach wie vor ein wichtiger Punkt. Stefan Erbe hat sein aktuelles Album zwar auch auf CD veröffentlicht, aber deren 'Verpackung' macht sie zu einem Sammlerstück: Ein 3D-gedrucktes Case, das man fast wie einen Altar aufklappen kann und in dem eine kleine Lampe Stefans Porträt beleuchtet - eine Idee, an deren Ausarbeitung sicher auch wieder Frau Erbe ihren Anteil hatte. Und von Ralph Gülpen, der unter dem Projektnamen "Tira" auftritt, bekomme ich einen USB-Stick, den man wie ein Armband am Handgelenk tragen kann: Musik, im wörtlichen Sinne zum "Mitnehmen". Sich ändernde Zeiten machen kreativ...
A propos Zeit: Ein Blick herüber zum anderen Ende des Foyers verrät, dass die Tür sich gleich zum zweiten Konzert im großen Saal öffnen wird. Geographisch machen wir einen kleinen Hopser und wechseln auf die andere Seite des Kanals. "Perge" war lange Jahre ein Duo, ist in den letzten Jahren aber von Matthew Stringer alleine fortgeführt worden. Als Solo-Projekt haben wir ihn bereits einmal live im CKE gesehen. Seit Neuestem wird "Perge" aber wieder von zwei Köpfen und vier Händen getragen. Der "Neue" ist alles andere als ein Unbekannter: John Christian kennt man von "AirSculpture" und zahlreichen Solo-Alben. Auf denen ging die Reise üblicherweise weit in die goldene Zeit von Mellotron und Sequenzer zurück, während bei Perge bisher eher die Tangerine Dream-Alben der Schmoelling-Ära Inspiration waren. Wie das zusammen geht?
Die Antwort muss noch ein paar Minuten warten, denn Ron hat ein paar Nachzügler zu begrüßen. Waren es ansonsten immer die Gäste von der Insel, die er mit einem "You're late" bedenkt, so ist es dieses Mal der eine oder andere Musiker, der sich im Foyer wohl etwas 'verquatscht' hat und an der ersten Reihe vorbei zu seinem Platz eilt. Matthew und John sind währenddessen die ganze Zeit bereit, mit ihrem Set los zulegen. Und das schlägt eine geniale Brücke zwischen zwei Jahrzehnten:
Bereits im ersten Track verbinden sich die Sequenzen der 70er-Jahre mit den Rhythmen und 80er-Sounds, wie man sie von TD-Alben aus der Schmoelling-Zeit kennt. Letzteres ist auch keine Überraschung: Oben auf Johns Aufbau thront ein PPG Wave, genauer gesagt die Behringer-Reinkarnation davon. Tangerine Dream hat die Originale in der ersten Hälfte der 80er-Jahre auf einer Reihe von Alben eingesetzt. Obwohl gerade der Geist von "Choronzon" durch den Saal weht, sind es nur die charakteristischen Sounds, die man sofort wieder erkennt. Perges Kompositionen sind gänzlich eigene - hier ist kein Cover-Projekt am Werk. So wechselt das britische Duo nach dem Einsteiger mühelos in ruhigeres Fahrwasser. Auf Visuals wird übrigens im Gegensatz zum ersten Konzert verzichtet. Ich lasse stattdessen vor meinen geistigen Augen die TD-Cover aus dieser Zeit vorbeiziehen: Logos, Poland, Hyperborea...
Währenddessen zieht auf der Bühne das Tempo wieder an. Ein anderer Rhythmus begleitet Matthews Solo, während John sich zur Abwechslung darauf beschränkt, Matthew bei der 'Arbeit' im Bild festzuhalten. Matthew wirkt auf der Bühne immer sehr ernst und auf die Sache konzentriert - nur ein gelegentlicher Blick wandert zu seinem neuen Spielpartner hinüber. Der ist mittlerweile wieder eingestiegen, und gefühlt wechseln wir ins Jahr 1985: "Le Parc" war mein erstes TD-Album, und die Sounds auf "Hyde Park" haben sich dementsprechend tief ins Gedächtnis gegraben.
Man ahnt zugleich aber schon, dass John und Matthew lediglich für den Höhepunkt des Auftritts Fahrt aufnehmen: Wer im Vormonat in Rugeley auf dem Awakenings-Festival war, sei es physisch oder virtuell, weiß schon, dass der Bogen zurück in die 70er geschlagen wird, nämlich auf "Stratosfear". Nicht nur John's Fuß kann nicht mehr still halten, als eine von TDs bekanntesten Melodien für Alle im Saal erkennbar wird. Und auch hier: "Perge" wandelt auf dem schmalen Grat zum Cover, ohne abzustürzen. Neben den diversen Varianten, die Tangerine Dream selber über die Jahrzehnte kreiert hat, kann die von der Insel problemlos bestehen.
Nach diesem Höhepunkt ist etwas Zeit zum Durchatmen, und John nutzt die Gelegenheit, mit seiner sonoren Stimme einen kurzen Rückblick zu geben: Das waren bisher allesamt ältere Titel, zum Teil noch aus der Zeit, als Matthew mit Graham Getty zusammen gespielt hat. Zum Abschluss soll ein neuer Titel folgen. Und der ist so neu, dass er den vielsagenden Titel "Untitled" hat - Johns Humor auf der Bühne habe ich auch schon bei AirSculpture zu schätzen gelernt. Der neue Titel wird lang, so wie es zu dem bisherigen Auftritt passt, und die eine treibende, beinahe wilde Sequenz knüpft an den vorherigen Track an.
Was sagt eigentlich die Uhr? Das kann man bei so langen Titeln ja gerne einmal aus den Augen verlieren. Johns erfreute Feststellung: Etwas Zeit ist ja noch, bevor Ron uns von der Bühne wirft. Also reisen wir noch ein weiteres Jahr zurück in die 70er: Entfernte Sounds und Sequenzen, die wie aus einem Nebel auftauchen, und dazu eine Improvisation am Minimoog - das ist etwas, womit man auch Matthew ein leises Lächeln zum Abschluss entlocken kann. Wir gehen mit einem breiten Lächeln in die große Pause: John und Christian haben gezeigt, wie man ein Vorbild ehrt, ohne es einfach zu kopieren.
Nach dem zweiten Konzert ist in Oirschot traditionell die große Pause, und angesichts der Uhrzeit die passende Gelegenheit für ein (frühes) Abendessen. Das Stadtzentrum von Oirschot ist nicht weit, wo zum Beispiel die beliebte Pizzeria "Il Tavolino" auf Gäste wartet. Eine Tischreservierung ist allerdings angeraten. Am Himmel zieht gerade die für den späten Nachmittag angekündigte Regenfront durch. Für alle, die Hunger haben, aber trocken bleiben wollen, hat das "Stoelendans" seit letztem Jahr eine kleine aber feine Karte, die mehr als nur eine Portion Fritten oder ein Schälchen Suppe offeriert. Die "Fish & Chips" sind leider gerade aus, das muss bis zum nächsten Wochenende in Rugeley warten. Der "Chicken Burger" ist aber auch lecker, und die Wartezeit darauf kann man sich problemlos mit einem Plausch vertreiben.
Und dieser Plausch gerät ganz besonders kurzweilig, wenn sich Harald Grosskopf mit an den Tisch gesellt. Mit der Nachricht, er würde sich gerade wieder einer Chemotherapie unterziehen, hatte er uns Allen im Dezember einen gehörigen Schrecken eingejagt. Aber Harald wiegelt ab: Die Sache ist bei weitem nicht so schlimm wie vor knapp zehn Jahren, und er ist auch schon wieder so fit, dass er an einem neuen Album arbeitet. Dass er heute in Oirschot ist, hat übrigens einen besonderen Grund, der an dieser Stelle des Berichts aber noch nicht verraten werden soll. Stattdessen erlaubt sich der Chronist, eine von Haralds Anekdoten weiter zu geben, die es nicht in sein Buch geschafft hat:
Zu der Zeit, in der Harald mit Klaus Schulze zusammen gearbeitet hat, hatte Klaus eine recht gut motorisierte Mercedes-Limousine als Fahrzeug, und Harald sollte mit selbiger etwas in Hamburg erledigen. Harald selber konnte sich ein solches Gefährt seinerzeit (natürlich) nicht leisten, und so nutzte er die Chance, einmal den Rausch der Geschwindigkeit auszukosten. Als er wieder in der Lüneburger Heide zurück war, war das Gefährt unbeschädigt, trotzdem kam von Klaus die Bemerkung "Du bist schneller als 200 gefahren!" Und woran Klaus das erkannt haben wollte: Dass der Mercedes-Stern auf dem Kühler sich etwas im Fahrtwind geneigt hatte... Harald ist eine niemals versiegende Quelle solcher Geschichten, und man darf sich wünschen, dass er noch einmal Zeit und Gelegenheit findet, sie für einem zweiten Teil seiner Erinnerungen aufzuschreiben.
Aber wo gerade von Zeit die Rede ist: Darüber sind die anderthalb Stunden der großen Pause wie im Fluge vergangen, und man sollte sich wieder in der Schlange vor dem Eingang einreihen: Es geht pünktlich weiter im großen Saal. Für das erste Konzert des Abends springen wir wieder zurück auf den Kontinent, nur etwas weiter südlich nach Frankreich. Dort ist die Heimat von "MoonSatellite". Für langjährige Besucher von E-Day und E-Live ist auch dieser Name kein unbekannter. Man muss nur etwas weiter in die Vergangenheit blicken: 2014 war Marc Perbal mit seinem Projekt die große Überraschung des Tages. Damals wie heute - so erzählt Ron in seiner Einleitung - verbindet er in seiner Musik die Sounds von Jean-Michel Jarre mit den Strukturen der Berliner Schule.
Und auf dieses Rezept verlässt Marc sich. Auf Visuals verzichtet er, und auch auf jedwede sonstige 'Show' bei seinem Auftritt. Sein Aufbau steht ganz am linken Rand der Bühne, und nur gelegentlich rückt einer der Spots an der Decke ihn selber ins Rampenlicht. Ron hat in seiner Einleitung nicht zu wenig versprochen, denn gleich in den ersten Takten erkennt man das große Vorbild aus Marcs Heimat wieder. Aber während Jean-Michel Jarre seine eigenen Klassiker über die Jahre mit zusätzlichen Rhythmen neu interpretiert hat, formen sie sich hier zu Sphärenklängen, zu denen man wegträumen kann - hätte ich nach dem Burger vielleicht doch noch einen Kaffee nehmen sollen?
Den 'Wachmacher' liefert Marc aber selber, denn schon im Verlaufe des ersten Titels hellen sich die Sounds merklich auf. Das ist aber nur der Anlauf zu zweiten Track, in dem die Rhythmen aufs Tempo drücken. Von einem kurzen Aussetzer der Technik lässt er sich nicht aus dem Konzept bringen: Abrupte Stille, so als wäre etwas abgestürzt. Vor solchen Pannen ist man bei komplexen Setups nie ganz gefeit, und die wohlwollenden Reaktionen von den Zuschauerplätzen zeugen vom Vertrauen darin, dass es gleich weiter geht. Und in der Tat, nach einer knappen Minute setzt "MoonSatellite" sein Set dort fort, wo es unfreiwillig unterbrochen wurde. Wucht und Dramatik steigern sich zu einem ersten Höhepunkt. Versinken kann man man immer noch in den Sounds, aber bei vollem Bewusstsein.
Mit diesem Wechsel zwischen eher zurückhaltenden und wiederum mächtigeren Passagen ist der Weg für den Rest des Auftritts gesetzt. Harte Unterbrechungen oder Wechsel zwischen den einzelnen Stücken gibt es nicht, alles bleibt im einem kontinuierlichen Flow. Wer sich bei den den Klängen auf eine gedachte Reise durchs All begeben hat, auf der sich Sterne und die große Weite dazwischen abwechseln, der wird nicht heraus gerissen. Aber während das echte All doch eher kalt und dunkel ist, umfangen uns hier die warmen Sounds, die ihr Vorbild nicht verleugnen. Marc versteht es, sie zu zitieren und für sein eigenes Konzept einzusetzen, ohne sie zu kopieren.
Auch der schönste Flow muss einmal enden - das ist ja erst das vorletzte Konzert des Tages. Warmer und langer Applaus schließt sich an MoonSatellites Auftritt an, und er dürfte damit einige neue Fans gewonnen haben. Die CD-Stände draußen sind noch aufgebaut, ansonsten hat Marc natürlich auch eine Bandcamp-Seite. Für ein gutes Viertelstündchen müssen wir den Saal noch einmal verlassen, dann ist es an der Zeit für den Höhepunkt des Tages: Den Auftritt von Lisa Belladonna.
Lisa lebt und arbeitet in den USA und hat damit zweifelsohne die längste Anreise nach Oirschot gehabt. Große Entfernungen führen aber nicht zwangsweise zu langen Entscheidungswegen, wie Ron in seiner Einführung erzählt: Als er bei Lisa anfragte, ob sie hier auf dem E-Day auftreten wollte, kam die Antwort-Mail innerhalb von zehn Minuten. Und sie war kurz und eindeutig: "I'd love to..." So einfach können die Dinge manchmal sein! Kurz fasst Ron sich selber jetzt aber auch, denn die eigentliche Einleitung überlässt er Harald Grosskopf. Der ist speziell wegen Lisa heute nach Oirschot gekommen. Was ihn an ihr so begeistert: In ihrem Spiel entdeckt er die gleiche Faszination für Musik und neue Technik, wie er es damals in den 70ern bei Klaus Schulze erlebt hat. Und das ist absolut glaubwürdig, wenn Harald es sagt. Denn auch in seinen eigenen Live-Performances spürt man die noch fast kindliche Begeisterung und Neugierde, immer wieder Neues auszuprobieren.
Schaut man sich die Keyboard-Burg an, in die Lisa für ihren Auftritt schon beinahe hinein klettert, dann finden sich dort Gerätschaften quer durch die Historie der elektronischen Musik-Erzeugung, inklusive Mini-Moog und einem großen Modularsystem. Die Sounds zum Einstieg tragen uns dementsprechend weit in die 70er zurück. Nutzen andere Musiker die Möglichkeiten moderner Technik voll aus, um möglichst viele Spuren zu überlagern, so ist das, was Lisa aus ihren Instrumenten zaubert, aufs wesentliche reduziert. Zeigt sich nicht gerade darin die wahre Könnerschaft, mit ein paar wenigen Noten Raum und Stimmung zu erzeugen? Hier gelingt das von Anfang an, und gleichzeitig erkennt man als Zuschauer bei diesem Ansatz viel klarer die Verbindung vom Spiel des Musikers zu dem, was man hört. So wie Lisa ihr Konzert zelebriert, könnte man es schon fast als eine 'EM-Messe' bezeichnen. Sie ist das genaue Gegenteil des cool agierenden Musik-Architekten, der seinen Aufbau auf der Bühne steuert. Sowohl mit Mimik als auch Gestik scheint sie jeden Ton mitzuempfinden, und zieht damit das Publikum in ihren Bann.
Wenn jeder einzelne Ton ein solches Gewicht hat, dann haben "automatische Mitspieler" naturgemäß eher wenig Bedeutung. Es dauert eine knappe halbe Stunde, bis ein Sequenzer zum ersten Mal eine merklichen Beitrag leistet. Aber das ändert nichts an dem Einsatz und der Inbrunst, mit der Lisa spielt. Haralds Worten aus der Einleitung kann man nur voll und ganz beipflichten, wenn man eine solche Performance erlebt.
Bein Nachlesen meiner Notizen stelle ich überrascht fest, dass sie grob bei der Hälfte des Konzerts abbrechen - es hat mich offensichtlich derart in den Bann gezogen, dass ich vergessen habe, mir danach noch Notizen über das Gespielte zu machen. Lisas Performance ist so genial, dass sie dafür stehende Ovationen erntet, und selbstverständlich nicht um eine Zugabe herum kommt. In der werden die Rhythmen und Sequenzen deutlich komplexer - auch das beherrscht sie virtuos.
Lisa bedankt sich im Anschluss natürlich auch noch einmal für den vollen Saal, und bei Martin Peters, aus dessen Studio der Großteil der hier aufgebauten Geräte stammt. Einen solchen Aufbau per Flugzeug nach Europa und wieder zurück in die Staaten zu transportieren, hätte ein kleines Vermögen gekostet. Auch lange nach dem Konzert ist er von Interessierten dicht umlagert. Wenn Lisa nicht gerade für Erinnerungsfotos posiert, dann signiert sie CDs. Ein Großteil davon ist ihr aktuelles Album "Mysteries of Time and Space", das Ron auf seinem Label unlängst auf CD veröffentlicht hat. Und er hat wohl gut daran getan, den Groove-Stand noch nicht abzubauen - einige Dutzend Exemplare müssen davon heute über den Ladentisch gegangen sein.
Rons Zeitplan hat größtenteils gehalten, als er in seinen abschließenden Worten uns eine sichere Heimreise wünscht. Nicht nur der Haupt-Act, sondern alle Konzerte des Tages waren von allerfeinster Qualität und haben einmal wieder gezeigt, warum der Saal in Oirschot eigentlich immer fast ausverkauft ist: Ron hat einfach ein gutes Händchen bei der Auswahl, und schafft es stets, einen stimmigen Mix zusammen zustellen. Wer im Herbst auf E-Live der Haupt-Act sein wird, hat er zwischendurch bereits verraten: Niemand anders als Jerome Froese, den man schon zusammen mit Johannes Schmoelling und Robert Waters als "Loom" gesehen hat. Im Oktober wird er sich im "De Stoelendans" als Solo-Projekt präsentieren.
Sollte ich jetzt schon darauf hoffen, dass es bei der Anfahrt wieder Stau auf der Autobahn gibt? Nein, das ist natürlich nur ein dummer Aberglaube. Ich bin sicher, völlig unabhängig davon wird E-Live 2026 wieder ein genauso großer Erfolg, wie dieser E-Day es war!
Alfred Arnold
