Der EM-Veranstaltungskalender in diesem Januar und Februar ist fast ebenso trübe und anzusehen wie das Wetter dieser Monate: Gähnende oder Beinahe-Leere kennzeichnen die beiden Monate. Für Anfang Februar stach aber ein kleines (High-)Light heraus: Bernhard Wöstheinrich und Volker Lankow, die zusammen zum Beispiel auch schon auf der Schallwelle gespielt haben, würden sich auf den Weg von Berlin ins westfälische Warendorf machen. Der originelle Name der dortigen Location: "Zwischenraum - Ort des glücklichen Zufalls".

Meine erste Assoziation bei diesem Namen war der Film "Being John Malkovich". In dem lässt ein geiziger Arbeitgeber seine Angestellten in einem halbhohen Zwischengeschoss arbeiten, um an der Miete zu sparen. Ob im "Zwischenraum" von Musikern und Publikum ähnliche Verrenkungen gefordert sein werden? Es gab einen Weg, das heraus zu finden, und der führt mich heute nach Warendorf, trotz winterlichen Wetters und zirka zweieinhalb Stunden Fahrt.
Dank eines anderen Termins, der auf dem Weg lag, fahre ich an diesem Nachmittag recht früh los und es ist noch hell, als ich in die Warendorfer Altstadt einbiege. Christine Kwast hatte netterweise zusammen mit der Anmelde-Bestätigung einen Tipp gegeben, wo man das eigene Gefährt abstellen kann. Parkraum ist vorhanden, aber auch nicht überreichlich, und an der dritten Station ergattere ich eine Lücke. Der Parkautomat signalisiert erfreulicherweise, dass er um diese Uhrzeit nicht mehr 'gefüttert' werden muss, und die Klosterstrasse liegt gleich um die Ecke.
Ein Aufsteller auf dem Bürgersteig signalisiert mir, dass ich hier richtig bin, aber auch, dass bis zum Beginn der Veranstaltung um 20 Uhr noch eine ganze Menge Zeit ist - Zeit, um die Warendorfer Innenstadt ein wenig zu erkunden. Die Ems ist nicht weit, die Strässchen sind mittelalterlich eng und verwinkelt und laden zu Entdeckungen sein. Seien es die Läden und Lädchen, wo selbst ein mit modernen Büromaschinen handelnder Ladeninhaber ein mittelalterlich anmutendes Zunftschild über der Tür hat, oder die Cafés und Terrassen: Das ist ein wunderbarer Ort, um im Sommer einen langen Nachmittag mit Flanieren zu verbringen. Die Temperaturen zur aktuellen Jahreszeit laden dazu weniger ein, und dem Spaziergänger stellt sich das eine oder andere Hindernis in Form einer Baustelle entgegen. Wie bei mir in Aachen, und vermutlich vielen anderen Städten in unserem Land, macht die Energiewende sich bemerkbar und es werden neue Fernwärme-Leitungen verlegt. Was muss, das muss, und man kann sich vorstellen, wie schön es demnächst hier wieder sein wird. Und eine weitere Parallele zu meiner Heimatstadt: Diverse Skulpturen zeigen, wie wichtig Pferde in Warendorf sind - Die Stadt ist bekannt für ihre jährlichen Hengstparaden, wie Aachen für das CHIO.
Auch wenn die Geschäfte um diese Zeit am Samstag bereits geschlossen haben, der 'Stadt-Lehrpfad' hat immer geöffnet und Infotafeln informieren über gärtnerische Traditionen in Warendorf - auch im Winter noch schön anzusehen. Die kurze Foto- und Sightseeing-Tour durch die Altstadt findet ihr natürliches Ende mit der Dämmerung. Es ist zwar Anfang Februar und die Tage werden wieder länger, aber erst langsam. Vielleicht wird ja doch schon früher Einlass gewährt?
Und in der Tat, kaum dass ich vor der Tür zum "Zwischenraum" stehe, wird mir auch schon aufgetan und wich werde von den heutigen Gastgebern willkommen geheißen. Darf es etwas zu trinken sein? Ein paar Knabbereien sind auch bereits aufgebaut. Das Haus, in dem der 'Zwischenraum' untergebracht ist, hat über die Zeit viele unterschiedliche Nutzungen erlebt. Ganz ursprünglich war es die Villa eines wohlhabenden lokalen Unternehmers, und eine Zeit lang dienten Teile davon als Klassenzimmer. Aus dieser Zeit stammt noch die an der Wand montierte Kreidetafel. Termine werden inzwischen aber gegenüber am Whiteboard notiert, ganz ohne Kreidestaub. Auch die sonstige Einrichtung spannt den geschichtlichen Bogen weit. Die Sitzgruppe versetzt uns zurück in die Mitte des letzten Jahrhunderts, wirkt aber so gepflegt und neu, wie der Rest des Raumes auch. Eine originelle Idee: Aus dem Schulgebäude gegenüber sind ein paar Klassenzimmer-Stühle geholt worden. Drücken wir heute die Schulbank und bekommen eine Lektion in der Berliner Schule? Von dort sind Bernhard und Volker ja angereist.
Über solche und andere Themen kann man sich in dieser Atmosphäre aufs angenehmste unterhalten, während der "Zwischenraum" sich füllt. Und es wird in der Tat voll: Zwar ist der Eintritt frei und es wird nach dem Konzert einen Spendenhut geben, um eine Anmeldung wurde ob des beschränkten Platzes aber gebeten. Die Angemeldeten werden auf einer Liste abgehakt und erhalten ein kleines, buntes Kärtchen als 'Ausweis'. Darunter sind viele, die öfter zum "Zwischenraum" kommen und für die elektronische Musik etwas Neues ist, aber natürlich auch gute Bekannte aus 'unserer EM-Szene'. Zu letzteren gehört gehört zum Beispiel Stephen Parsick, den ich zuletzt auf dem Electronic Circus in Lemgo gesehen habe. Als jemand, der schon seit vielen Jahren aktiv ist, kann er so einiges erzählen und verkürzt uns die Wartezeit, zum Beispiel mit seinen Erinnerungen an Klaus Schulze.
Das Publikum ist mittlerweile fast vollzählig da, und auch die Musiker sind vom Abendessen in der Pizzeria um die Ecke zurück gekommen. Jetzt fehlen eigentlich nur noch die Instrumente, wo sind die eigentlich? Dieses Rätsel löst sich, als wir zum Konzert gebeten werden: Das findet nämlich nebenan statt, quasi auf der anderen Seite der Tafelwand, und gar nicht in dem Raum, wo wir uns aktuell befinden. Um auf die Assoziation vom Anfang zurück zu kommen: Ducken müssen wir uns nicht, aber weitere Stühle hätte man wirklich nicht mehr in den Zuschauerraum quetschen können. Die Reservierung war war also sinnvoll. Auch Bernhard und Volker haben nicht beliebig viel Platz, um ihre Setups auszubreiten, aber er reicht für Perkussion, ein paar kleine Keyboards und jeweils ein Notebook. Und dass zwischen der Größe des Setups und den Ergebnissen kein zwingender Zusammenhang besteht, das ist ja bekannt.
Es ist an Ralph Neukötter, eine kurze Einführung zu geben. Wie er zu dieser Ehre gekommen ist? Er zeigt ein paar Hölzchen vor, von denen er angeblich das kurze gezogen hat. Aber so schlimm ist die Sache gar nicht. Es macht ihm im Gegenteil Spaß, die Geschichte dieses Hauses im Schnelldurchgang zu erzählen, und darüber zu berichten, wie dieser Abend zu Stande kam. Damit sind alle Gäste auf ungefähr gleichen Wissensstand gebracht und er kann an die Musiker übergeben.
Bernhard und Volker arbeiten schon seit vielen Jahren zusammen. Zuletzt hatte ich sie auf der Schallwelle 2023 live erlebt, und da konnte ich ihrer Performance als 'Mit-Gastgeber' leider nicht die volle, eigentlich verdiente Aufmerksamkeit schenken. Das ist heute anders, und so erlebe ich mit, wie sie ihre Stücke Schritt für Schritt live auf der Bühne entwickeln. Nichts ist vorfabriziert, man wirft sich ein wenig gegenseitig die Bälle zu. Bernhard liefert das klangliche 'Fundament' und baut die Atmosphäre auf. Darüber legt Volker seine Perkussion. Es sind einzelne, sehr bewusst gesetzte Schläge, die aufgenommen und ins Live-Looping integriert werden. Das wirkt meditativ und entschleunigend, sowohl auf Musiker als auch Zuhörer. Bernhard improvisiert dazu auf dem E-Piano. Dass er auch auf ausgewachsenen Modellen davon spielen kann, habe ich vor ein paar Jahren in einem Düsseldorfer Keller erleben dürfen, aber für heute reicht eine kleine "Tischhupe". Gelegentliche Akzente und Kontrapunkte sorgen dafür, dass wir beim Versinken in den Klängen nicht vollends wegdösen.
Nach einer Viertelstunde taut Volker auf: aus den einzelnen Schlägen werden Rhythmen, mit einem leicht fernöstlichen Touch. Den damit angestoßenen Tempowechsel geht Bernhard mit, und auch wir dürfen aus einem eventuellen Träum- wieder in den Wachzustand wechseln. Falls man vorher noch in der Pizzeria um die Ecke zum Abendessen war, ist mittlerweile auch wieder genug Energie für den Kopf vorhanden. Das flottere Tempo halten Volker und Bernhard für eine Weile, bis sie die 'Maschine' wieder auslaufen lassen. Bernhard ist noch im Flow, und sucht nach einem Weg, aus den Sequenzen wieder auszusteigen. Ein sanfter Schnitt ist die Lösung: Flächen lösen die Sequenzen ab, und das Berliner Duo geht für den Rest dieses Sets einen sphärischen Weg. Ein paar schräge Sounds wollen auf den Weg noch heraus, und Volker zeigt auch noch ein schönes Drum-Solo zum Finale.
Das ist aber nur das Finale der ersten Hälfte gewesen, man darf sich noch auf einen zweiten Teil freuen. Für die nächsten zehn Minuten ist eine Pause eingeplant, und für die geht es wieder herüber in das ehemalige Klassenzimmer. Knabbereien und Getränke - sowohl heiß als auch kalt - stehen weiterhin bereit, und eine kleine Spende fürs Catering in die Box daneben wird gerne gesehen. Sagte jemand zehn Minuten? Meine Erfahrung von der Schallwelle lehrt, dass so kurze Pausen sich auf fast natürliche Weise auf ein mehrfaches ausdehnen. Man hat doch gerade erst angefangen, sich über das eben Erlebte auszutauschen...
...so muss Ralph denn irgendwann etwas nachdrücklicher kundtun, dass es mit dem zweiten Teil weitergeht. Ein paar Plätze bleiben jetzt leer. Dabei wäre das gar nicht nötig gewesen: Wie man hört, fährt der letzte Zug erst um Viertel nach Eins. Bernhard gibt noch einmal eine kurze Einführung. In der erläutert er noch einmal, dass alles heute gehörte live erzeugt wird und nichts 'aus der Dose' kommt. Und noch ein kurzer Hinweis an Volker für Teil zwei: Erst mal nur die schwarzen Tasten!
Einen kleinen Trommelwirbel zum Einstieg lässt der sich aber nicht nehmen - ab dann haben die Drums erst einmal Pause. Für den zweiten Teil wählt Bernhard ein anderes Fundament. Streicher machen den Sound opulenter, Melodie-Passagen und ein eingestreutes Vogelgezwitscher erzeugen eine angenehm warme Stimmung - draußen ist ja noch Winter. War der erste Teil eine Meditation über Klänge, so habe ich den Eindruck, dass Bernhard und Volker jetzt eine Geschichte erzählen wollen. Auch der Spannungsbogen ist vorhanden: Nach 20 Minuten der erste Höhepunkt, mit massiven und dichten Sounds, die dem Abend schon fast eine feierliche Stimmung geben. Die Wogen glätten sich im Anschluss wieder und wir können ein gutes Stück einfach gemütlich mit dahin gleiten. Aber bitte wieder nicht weg dämmern: Just als ich diesen Eindruck notiert habe, bricht Bernhard den Gleichklang mit Piano-Improvisationen. Dahinter steckt Absicht, denn ohne dass wir es bemerkt haben, neigt sich auch die Zeit für den zweiten Teil dem Ende entgegen. Der Flow ist bei beiden immer noch da, und so wird der Ausstieg ein eher abrupter. Doch alles muss einmal eine Ende haben, sei es noch so schön. Volker und Bernhard bekommen ein weiteres Mal ihren wohl verdienten Applaus. Der Weg für uns Besucher muss nicht direkt zum Ausgang führen. Gespräche mit den Musikern und untereinander können gerne noch eine Weile weiter gehen, um den Abend ausklingen zu lassen.
Bitte vor dem Verlassen nicht vergessen: In dem Hut einen passenden Obolus für die Musiker hinterlassen. Natürlich kann man auf diese Weise seinen Lebensunterhalt nicht bestreiten, aber für Anfahrt, Hotelkosten und ein kleines Plus sollte die 'Kollekte' doch schon reichen. Ganz ohne Geld geht es eben doch nicht, das gilt für die Musiker genauso wie für die Betreiber solcher Locations. Und der Zwischenraum in Warendorf ist eine besonders schöne und intime, die ich gerne bei Gelegenheit wieder aufsuchen werde.
Es ist mittlerweile vier Wochen her, dass ich die letzten Zeilen meines Berichtes zu Papier bringe, und der Mitschnitt des Auftritts hilft dabei, die Erinnerungen daran aufzufrischen. Alle Besucher des Abends haben ihn kostenlos erhalten. Wer nicht da war, kann ihn auf Bernhards Bandcamp-Seite als Teil der "Materiaal"-Reihe erwerben - und macht sich beim nächsten Mal dann vielleicht auch auf den Weg nach Warendorf, wo im "Zwischenraum" ganz viel Platz für gute Musik ist.
Alfred Arnold
