Bereits zum vierten Mal führt mich mein Weg über die A31 in Richtung Sellingen - ist das inzwischen ein weiterer Fixpunkt in meinem Kalender? Falls dem so ist, so darf sich Bas Broekhuis dieses Verdienst an die Brust heften. Nicht nur dass er die "Manikin 5" mit der Atelierroute zusammen gebracht hat, seit vergangenem Jahr hat er das von ihm mit gegründete Kleinkunst-Theater in Onstwedde als Spielort für elektronische Musik erschlossen. Es war natürlich Ehrensache, dass er die Premiere im letzten Frühling mit seinen vier Manikin-Mitstreitern begangen hat. Eine bloße Wiederholung im Folgejahr mit dem gleichen Lineup wäre langweilig gewesen. Und so heißt es in diesem Jahr "Moi EEM", und die Bühne des Kleinkunst-Theaters Onstwedde wird von Musikern des Groove-Labels gefüllt werden.

Hand aufs Herz: Man wird nicht jünger, und die Zeiten, zu denen man nach einem Festival am späten Abend noch mehrere hundert Kilometer zurück zum eigenen Bett fährt, sind vorbei. Also quartiere ich mich in der Herberge in Sellingen ein, bevor der Weg mich noch ein paar Kilometer weiter bis an das heutige Ziel führt. Die genaue Hausnummer des Kleinkunst-Theaters braucht man nicht zu kennen: Man hält einfach Ausschau danach, wo an der Straße besonders viele Autos mit ortsfremden Nummernschildern geparkt sind. Dann ist der Wegweiser zum Kleinkunst-Theater nicht weit entfernt.
In früheren Zeiten mag es ein Gemeindezentrum gewesen sein, jetzt ist es mit aktueller Ton- und Lichttechnik ausgestattet und dürfte einer gut dreistelligen Zuschauerzahl Platz bieten. Dass man anhand der Vorbestellungen nicht mit wesentlich weniger rechnet, ist direkt zu erkennen, denn
der Raum ist deutlich dichter bestuhlt als im Vorjahr. Es ist noch ein paar Minuten vor dem offiziellen Einlass, und die allermeisten Plätze sind noch nicht in Beschlag genommen. Zwecks bestmöglicher Fotografier-Position reserviere ich mir einen davon in der ersten Reihe.
Wie im letzten Jahr, sind vier Acts für den heutigen Tag angekündigt. Groove-Chef Ron Boots ist natürlich bei einem davon dabei, aber der wird erst am Abend seinen Auftritt haben. Deswegen ist sein Setup noch von denen der beiden ersten Acts verdeckt. Der Zeitplan für diesen Tag ist ausgehängt und endet um 21.15 Uhr. Für ein Event mit vier Konzerten ist das ungewöhnlich früh, aber dahinter steht ein handfester Grund: Das Kleinkunst-Theater liegt in unmittelbarer Nähe zu Wohnhäusern, und deren Bewohner haben ein Anrecht auf Nachtruhe. Wenn Ron Boots & Friends als Schlussact spielen, dann darf es ja gerne ein wenig heftiger zur Sache gehen...
Aber bis dahin ist es noch eine lange Zeit, und bis der Tag überhaupt beginnt, ist Zeit für Gespräche: Wenn man nicht heute Abend nach Haus fährt, wo übernachtet man denn hier in der Gegend? Bei der Gelegenheit lerne ich, dass ein Zimmer in der Herberge in Sellingen schon zu den luxuriöseren Optionen gehört. Wir sind hier auf dem Lande, und von privat vermietete Ferienhäuser sind genauso dabei wie einfache Baubuden. Wer über Wohnmobil oder Wohnwagen verfügt, steuert einfach den nächsten Campingplatz an und kombiniert das ganze mit ein oder zwei Wochen Urlaub vor oder danach. Das ist einer der unbestrittenen Vorteile des Rentnerlebens, von dem mich aber noch ein paar Jahre trennen...
Falls man erst heute angereist ist, und dafür einige Stunden unterwegs war, so hat eine der Hauptmahlzeiten dafür wohl ausfallen müssen. Groß auffahren wird die Küche des Kleinkunst-Theaters erst in der Pause nach dem zweiten Konzert. Jetzt schon kann man etwas von der selbst gemachten Suppe bekommen. Wie im letzten Jahr auch werden Speisen und Getränke in der Hauswährung, den roten Plastikmünzen abgerechnet. Zwei davon reichen für eine Portion Suppe. Damit im Magen kann man es bis zur großen Pause gut aushalten.
Während ich meine mir schmecken lasse, ist Zeit für einen genaueren Blick auf die Bühne. Der Plan ist der gleiche wie in Oirschot: Alles ist bereits aufgebaut, und die Setups der ersten beiden Musiker stehen im Vordergrund. Die Bühne ist hier nur viel kleiner als im "De Stoelendans", so dass alles etwas gedrängter wirkt. Alexander Hardt hat bei seinem Aufbau keine nennenswerten Abstriche machen müssen, er hat einen ähnlichen Umfang wie bei früheren Konzerten. Gert Emmens hingegen hat sich auf drei Keyboards beschränken müssen, und die sind alle übereinander aufgebaut.
Das gute daran: Alles ist fertig aufgebaut, getestet und auf 'Standby', bis das eigene Konzert beginnt. So es irgendwelche Probleme gegeben haben sollte, sind sie zu diesem Zeitpunkt gelöst. Die Musiker können sich entspannt unter die Besucher mischen, die die den Raum nach und nach füllen. Es läuft noch Musik 'aus der Konserve'. Ist das eine von Rons Solo-CDs? Zumindest auf der Bühne wird man ihn ja nur noch "with Friends" sehen und hören, so wie heute. Aber bis dahin stehen noch drei andere Acts auf dem Plan. Dass es nun losgeht und wir es uns bequem machen sollten, erkennen wir daran, dass die Musik verstummt.
Zuvorderst wäre da natürlich die Begrüßung durch den 'Hausherrn' und Organisator Bas Broekhuis. Wie der Name dieses Festivals zustande kam, das ist ganz einfach. "Moi" ist hier eine lockere Grußformel, und Bas übersetzt sie mit "Schön dass Ihr hier seid". Und "EEM", das ist einfach ein Event mit elektronischer Musik. Und viel mehr Worte will Bas auch gar nicht machen und gibt die Bühne für den ersten Act frei.
Alexander Hardt tritt als "Wega" auf und ist im Vergleich zu den anderen heute auftretenden Musikern noch recht neu im 'Groove-Universum'. Er kann aber schon eine schöne Liste an früheren Auftritten vorweisen, zum Beispiel beim EM-Breakfast, in den Solinger Güterhallen, oder auch auf der großen Bühne in Oirschot. Den dort und auf seinen Alben entwickelten Stil setzt er heute fort: Melodisch-rhythmische EM mit Gefühl und Emotionen. Gleich zum Einstieg entlockt er seinem Modularsystem warme und beinahe weihevolle Klänge, und zeigt, dass man damit nicht nur 'Berliner Schule' machen kann. Das setzt sich fort, als er auf die rhythmische Schiene wechselt. Die Impros, die er dazu live spielt, reichen bis in die Gefilde des ProgRock. So kann man gleich zu Anfang sehen und hören, wie breit gestreut Alexanders Inspirationen sind.
Tempo und Druck werden in den beiden folgenden Titeln beibehalten, erst in Track Nummer vier nimmt Alexander beides etwas zurück. Noch im Schwung vom Einstieg, gerät die Live-Version immer noch etwas fetter als auf dem Studio-Album. Dem Schwenk in ruhigeres Fahrwasser markiert er aber trotzdem: Sequenzen und klassische TD-Sounds gewinnen in der Folge die Oberhand, auch wenn Alexanders 'rockige Ader' leicht unterschwellig weiter mitschwingt.
Mit dem Tempowechsel werden auch die Titel länger, und wir alle kommen dabei so gut in den Flow, dass das Ende der geplanten Konzertdauer abrupt und überraschend kommt. War das wirklich schon eine Dreiviertel Stunde? Ein Blick auf die Uhr bestätigt das, aber das Ende kann man doch so nicht stehen lassen. Haben wir noch Zeit für eine Zugabe? Nach einer kurzen Abklärung darf die Reise noch für ein paar Minuten weiter gehen. Jetzt führt sie uns zu Alexanders Debüt-Album, zu dessen Opener "Leading Light". Auch hier ist die Live-Version noch einmal etwas üppiger und verspielter.
Bei dieser einen Zugabe muss es dann (leider) bleiben, denn man will ja nicht gleich zu Anfang den Zeitplan sprengen. Bis zum zweiten Konzert ist nur eine kurze Pause eingeplant, und die reicht gerade so eben, um sich an der Bar Nachschub zu holen oder etwas Drängendes zu erledigen. Dann kommt Bas wieder nach vorne und fasst sich mit der Ansage ganz kurz: "Gert Emmens".
Viele Worte sind bei Gert aber auch gar nicht erforderlich, denn er gehört zu den langjährigsten und profiliertesten Musikern auf dem Groove-Label. Ungefähr einmal im Jahr veröffentlicht er eine neues Solo-Album. Dabei pflegt er seinen direkt wieder erkennbaren Musikstil und entwickelt ihn behutsam weiter: Warme Sequenzen und Flächen, die emotionale Grundstimmung eines Titels definieren, und dazu Improvisationen, die in Richtung Prog und Jazz gehen. Aber so gut wie man ihn von seinen Alben kennt, so rar macht Gert sich auf der Bühne. Ich müsste einen Moment nachdenken und recherchieren, wann sein letzter Solo-Live-Auftritt war; es müsste in Oirschot gewesen sein.
So ist es beinahe ein wenig schade, dass der begrenzte Platz ihn bei seinem Aufbau dazu gezwungen hat, in die Höhe zu bauen - nur wenn Gert gerade einmal im Stehen spielt, schaut er über seine Keyboards hinweg. Aber vielleicht ist das auch Absicht? Vielleicht möchte seine Person gar nicht in den Fokus schieben, und wir sollen einfach nur in das Universum seiner Musik eintauchen?
Den Einstieg in diese Welt gestaltet Gert flott, wie man es von vielen seiner Alben kennt. Die Sequenz läuft, die Stimmung ist warm, und dazu spielt er live das Thema. Wie von ihm bekannt, sind die Titel an bis über der 10 Minuten-Marke, und so sind wir alle 'im Tunnel', als er im zweiten Track in ruhigeres Fahrwasser wechselt. Was den Spannungsbogen angeht, fühle ich mich an "Crystal Lake" erinnert. Doch anders als dort, ist die Grundstimmung alles andere als eisig. Es ist wie wenn man eintaucht und sich von wohl temperiertem Nass umspülen lässt. Nach dem ruhigeren Track macht Gert einen Neuanfang und zieht das Tempo wieder etwas an. Und danach variiert er zur Abwechslung einmal nicht das Tempo, sondern die Stimmung: So wie manche von Gerts Titeln geplant, konstruiert und vergleichsweise regelmäßig anmuten, so kann er auch Emotionen und Gefühle hinein packen. Ich fühle mich an sein schon älteres Album "A Boys World" erinnert.
Haben die Gefühle ihn selber auch ein wenig hinweg getragen? Das könnte man meinen, als er sinnierend auf den Bildschirm schaut, und danach die Zeit prüft. Aber es scheint alles nach Plan zu laufen: Es ist noch Zeit, er hat nur wegen Alexanders Zugabe etwas später als vorgesehen angefangen.
Und so darf die Reise noch ein gutes Stück weitergehen. Von Titel zu Titel sind die Impros und Melodielinien mal etwas dominanter, mal etwas zurückhaltender, und Gert lässt dabei auch mehr als einmal seine Liebe für andere Musikrichtungen aufblitzen. Und gegen Ende mag man auch in seinen Gesichtszügen ein Gefühl der inneren Befriedigung erkennen.
So cool Gert bei seinen Auftritt geblieben ist, so frenetisch wird er in der ersten Reihe gefeiert. Den von dort mit Nachdruck geäußerten Wunsch nach einer Zugabe beantwortet er aber mit einer schon fast entschuldigenden Handbewegung: Dem Zeitplan hängen wir schon merklich hinterher, und die Verzögerung sollte nicht ausufern: Das Kleinkunst-Theater liegt wie erwähnt in einem Wohngebiet, und eine allzu große Verschiebung in den späten Abend könnte einen Besuch von einem Nachbarn zur Folge haben, der seine Nachtruhe einfordert.
Ein weiterer - sicher noch gewichtigerer - Grund hat sich aber schon während Gerts Konzert bemerkbar gemacht, nämlich über den durch Fenster herein ziehenden Duft. Wie schon im letzten Jahr ist wieder reichlich Catering für die große Pause aufgefahren worden. Das ist natürlich mit Blick auf den Zeitplan vorbereitet worden, und es wäre schade, wenn etwas anbrennt oder wieder kalt wird. Von der bereits zu Anfang angebotenen Suppe ist nur noch ein Rest übrig. Wer dort leer ausgeht, hat noch eine Portion Fritten oder einen frisch gebratenen Burger zur Auswahl. Bei beiden darf man auch gerne auch mehr als einmal zugreifen, es ist genug vorhanden, und die eingenommenen Münzen wandern zur Kasse zurück.
Eine weitere, originelle Parallele zum Vorjahr: Während wir futtern und reden, ertönt aus dem Saal auf einmal ein lauter Knall. Die Musik ist aus, und auf der Bühne wird es finster. Wie auch schon im Vorjahr, scheinen die laufenden Fritteusen und Grills etwas zu viel für den Stromanschluss gewesen zu sein. So muss Alexander seine Geräte im Schein einer Taschenlampe zusammenpacken. Und Bas schnallt sich - nachdem er mit seinem Pausen-Snack fertig ist - die Stirnlampe um und geht auf die Suche, welche Sicherung dieses Mal den Spielverderber gespielt hat. Der Anreiz, sie zu finden, ist gegeben: Ron meint, er könnte auch Uplugged und 'A Capella' spielen, und stimmt "La Montanara" an...
...es dauert ein paar Minuten, bis die Ursache behoben ist, und die Elektrik so umverkabelt ist, dass das Malheur sich nicht wiederholen kann. Dann darf die Pause weiter gehen. Nach deren Ende darf Bas sich eine ganz spezielle Form des Danks vom nächsten Musiker abholen. Frank Dorittke hat die gleiche 'Frisur' wie Bas, und der bekommt bei der Ankündigung ein paar ganz spezielle Streicheleinheiten für sein Haupt.
Den zeitlichen Verzug haben wir über die Pause mit geschleppt. Also müsste Frank jetzt zehn Minuten schneller spielen, um das aufzuholen. Das kommt natürlich überhaupt nicht in Frage, und Frank zieht sein Set wie geplant durch. Das beginnt er - wie letzten Dezember auch schon - mit reinen Elektronik-Titeln, die er ja auch regelmäßig veröffentlicht. Als Einsteiger wählt Frank einen Titel der verträumten und sanften Sorte: Sequenz, Rhythmus, Melodie, alles was zu einem klassischen EM-Song dazu gehört, ist dabei, und zum Wegschweben stimmig und schön.
Behutsam zieht Frank das Tempo in den zwei Folgetiteln an, ohne Stimmung und Flow dabei zu brechen. Das wirkt wie eine Startrampe, um im vierten Track ins All abzuheben: Stimmen fliegen durch den Raum und man erkennt einmal wieder, warum Franks Webseite auf den Namen "Space-Music" hört.
Nach diesem stimmigen Viererblock geschieht das, worauf Viele auf den Plätzen wohl schon gewartet haben: Die Keyboards werden auf Autopilot geschaltet und Frank nimmt eine der bereit gestellten Gitarren zur Hand. Wird er wieder eine an ihrem Sound erkennbare Gitarren-Berühmtheit auf seine eigene Weise zitieren? Es braucht nur wenige Takte für die Antwort, denn die kommen mir von Franks Auftritt bei "Hello 2026" bekannt vor. Dort hatte ich zum ersten Mal seine Version von Mike Oldfields "To France" erleben dürfen. Im Original dreht es sich um die bewegte Geschichte Maria Stuarts und dass sie das Land, in dem sie aufwuchs, nie wieder gesehen hat. Das ist eine perfekte Vorlage, um sie zu einer eigenen "Extended Version" zu verarbeiten. Frank umkreist das Original gekonnt, so dass es jederzeit erkennbar bleibt, das Ergebnis aber nie ein einfaches Cover ist. Immer wenn man denkt, das Ende wäre erreicht, findet Frank noch eine weitere Variation des Themas und dreht damit eine weitere Runde. Wie wird er selber dabei den Ausstieg finden?
Die Lösung ist ganz einfach: Da sind ja noch die Backings mit fester Spieldauer, und die signalisieren, dass ein Titel- und Stilwechsel ansteht. Von Mike Oldfield wechselt Frank zu David Gilmour, und auch hier ist es ein so bekannter Titel, dass auch Hardcore-EM-Fans ihn bei den ersten Takten erkennen. Bei "The Wall" erinnere ich persönlich vor allem die Aufführung in Berlin anlässlich des Falls der Mauer. Das Kleinkunst-Theater ist natürlich einige Nummern kleiner als damals die Bühne in Berlin, und Frank gelingt es - genauso wie letzten Dezember in Bochum - den Titel vom Volumen her auf die Saalgrösse anzupassen, ohne ihm seine Energie zu nehmen.
Einen Zwischenapplaus ist das auf jeden Fall wert. Und wir bleiben noch bei Pink Floyd: Nach dem energiegeladenen "The Wall" sind mit "Wish You Were Here" leisere Töne angesagt, und auch die beherrscht Frank, wie wir es von ihm kennen. Und damit endet auch sein heutiger Solo-Auftritt. Der Wunsch nach einer Zugabe bleibt unerfüllt, und Frank merkt richtigerweise an: "Ich komme ja wieder". Dann wird es zusammen mit Ron und Harold sein. Die beiden brauchen noch einen Moment, um sich 'einzugrooven', und uns beschert das eine letzte (kleine) Pause vor dem Finale des Tages.
Als die sich dem Ende zuneigt und Bas wieder zum Mikrofon greift, hat er eine kleine organisatorische Durchssage zu machen: Auf der Toilette ist ein Telefon gefunden worden, vermisst jemand seines? Originellerweise stellt sich heraus, dass es Ron gehört. Für das, was jetzt kommt, hätte er es aber nicht gebraucht. Auf einführende Worte wird verzichtet, auch weil wir immer noch einen kleinen 'Rucksack' von 20 Minuten mit uns herum schleppen. Und es ist auch nicht Rons Art, große Worte zu machen. Er lässt lieber seine Musik sprechen. Obwohl Rons Kompositionen allesamt instrumental sind, sprechen sie auf ihre Weise zum Hörer: Wärme, Emotionen, und ein Spannungsbogen, der von Ambient bis zu ungezügelter Lebenslust reicht. So auch heute: Warme Flächen, eine zarte Melodielinie, aber schon nach wenigen Minuten startet Ron durch. Eine fette Baseline kommt hinzu, und Harold steigt auf den Rhythmus ein. Es ist "A Good Day to Live" von Rons 2014er-Album "Standing in the Rain", ein gerne und oft live gespielter Titel. Ron hat einmal erzählt, dass in diesem Track seine Liebe zu Filmmusik und Dramatik ganz besonders zum Ausdruck kommt. Wäre das Musik zu einem echten Film, dann würde zu diesen Klängen die Kavallerie anrücken und Rettung bringen. Zur Hälfte steigt Frank mit ein und zeigt, dass er nicht nur den Stil anderer zitieren, sondern auch einen ganz eigenen auf der Gitarre entwickeln kann.
Nach so einem furiosen Einstieg ist eine Atempause angesagt: Für ein paar Minuten kann man dem 'ambienten Ron' nachspüren, bevor Ron, Harold und Frank in Track Nummer vier wieder ihre Form des elektronischen Rocks ausleben. Der funktioniert über eine längere Strecke auch einmal ohne Gitarre: Während Titel Nummer fünf hat Frank Zeit, sein Instrument zu wechseln. Die Ibanez wird durch eine Fender ersetzt, und es ist an der Zeit für einen weiteren Klassiker, der eigentlich in keinem Auftritt fehlen darf: "Acoustic Shadows" ist pure Energie. Dieser Track ist schon bei den ersten ein oder zwei Schlägen erkennbar, und nie etwas für empfindliche Ohren gewesen. Es geht hier um den amerikanischen Bürgerkrieg, um Kanonendonner und Schlachtfelder, und das Inferno, dem die Soldaten in einer Schlacht ausgesetzt sind. Die originale Studioversion stammt von 2006, und wurde seinerzeit ohne Gitarre aufgenommen. Heutzutage kann man sich diesen Titel ohne Frank aber eigentlich gar nicht mehr vorstellen, genauso wenig wie eine Auftritt dieses Trios ohne "Acoustic Shadows". Jedes Mal hängt Frank sich noch ein wenig mehr rein, und seine geschlossenen Augen deuten an, dass er genauso im Tunnel ist wie Ron.
Häufig ist "Acoustic Shadows" der Schlusspunkt eines Konzerts, heute jedoch nicht. Frank wechselt noch einmal die Gitarre, und steht für die nächsten Minuten mit seinen "Shine On"-Variationen im Mittelpunkt. Wir kehren also noch einmal zu David Gilmour zurück, aber in die 70er. Auch Pink Floyd haben sich über die Jahre weiter entwickelt, und die epische Länge des Vorbilds - eine Referenz an Syd Barret - weist durchaus Parallelen zum 70er-Jahre-Stil der EM auf.
Aber auch dieser Track - und damit das letzte Konzert des Tages - muss einmal ein Ende haben: Umarmung, Verbeugung, gegenseitige Vorstellung auf der Bühne, lang anhaltender Beifall und selbstredend die Forderung nach einer Zugabe aus dem Saal. Den Zeitverzug hat auch Ron mit Verstärkung nicht aufholen können. Aber es steht ja kein weiteres Konzert mehr an, das sich verschieben würde. Und um ihre Nachtruhe besorgte Nachbarn haben sich auch noch nicht gemeldet. Also können Frank, Ron und Harold es riskieren, noch einen Nachschlag zu spielen - die Auswahl ist groß.
Noch einmal füllen kantige Sounds, Rhythmen und Gitarre den Raum, bevor die endgültig letzte Note des Abends gespielt ist. Ja, der Zeitplan war nicht zu halten, aber es ist trotzdem noch früh genug, die Heimfahrt nicht im Dunkeln antreten zu müssen. Wann wird man sich wiedersehen? Die meisten schon in zwei Wochen in Oirschot, wo Ron gleichzeitig Gastgeber und Teil der Vorgruppe sein wird. Aber das ist eine andere Geschichte, und ein anderer Bericht. Für den Moment darf man festhalten, dass das Kleinkunst-Theater seine Feuertaufe bestanden hat. Häufig ist das zweite Mal das kritischere, weil sich dann zeigt, ob die Besucher beim ersten Mal zufrieden waren. Sie waren es offensichtlich, und haben das auch weiter erzählt. Jetzt muss Bas nur noch ein schönes Lineup für das kommende Jahr finden. Wir sind gespannt, und werden auch dann wieder den Termin im Kleinkunst-Theater in unserem Kalender frei halten.
Alfred Arnold
