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Klassiker in neuem Gewand - "The White Out Project"

Zweimal im Jahr führt mich der Weg nach Oirschot, denn dann stehen der E-Day oder E-Live auf dem Programm. Ab und zu verschafft Ron Boots mir aber auch Anlass für eine "Extratour" zu diesem Städtchen unweit seiner alten Heimat. Das ist immer dann der Fall, wenn es ihm gelungen ist, einen Act für die dortige Bühne zu buchen, der einen Termin für sich rechtfertigt. Man erinnere sich an Tangerine Dreams Konzert als vorgezogene Weihnachtsbescherung, oder Johannes Schmoelling "with Friends". Und just Letzteren konnte Ron wieder für einen seiner raren Auftritte gewinnen. Johannes ist dafür bekannt, sich akribisch auf seine Konzerte vorzubereiten, und sich dafür ein spezielles Thema zu überlegen. "The White Out Project" soll dieses Mal der Titel sein, in Anlehnung an sein 1990er Soloalbum.

The White Out Project 2026


Ob der zu erwartenden Nachfrage hatte ich mein Ticket frühzeitig bestellt, auch wenn ich unsicher war, ob ich es wirklich würde nutzen können. Ich bin nämlich hier in Aachen noch in einem weiteren Verein aktiv, und just am gleichen Samstag wollte der sich auf einer Veranstaltung im Stadtpark präsentieren. Deren Ende war für 17 Uhr geplant, und um 19.30 Uhr sollte es in Oirschot losgehen. Ob das wohl hinhaut?

Nun ja, da ich diesen Bericht schreiben kann, hat es wohl geklappt: Den Stand fix abgebaut, die Sachen zu Hause abgeladen und ins Auto geschwungen. Von Staus und Unfällen bleibe ich verschont, und so ist es sogar noch ein wenig Zeit bis zum Konzertbeginn, als ich im Foyer ankomme. Das ist ähnlich voll wie zu E-Day oder E-Live, und auch heute bekommt man ein individuell mit dem heutigen Event bedrucktes Einlassbändchen. Viel Zeit für Gespräche bleibt danach nicht mehr, denn der Einlass beginnt zeitig: Der große Zeiger auf der Uhr hat gerade erst die Zehn passiert, als die Tür zum Saal sich öffnet. Ich habe Glück und finde einen Platz in der ersten Reihe.


Der Blick geht von dort auf die Bühne und einen vertrauten Anblick. Den Aufbau im Vordergrund habe ich gerade einmal zwei Wochen zuvor gesehen. Wie auch schon bei früheren Schmoelling-Konzerten wird Ron Boots selber den 'Vor-Act' machen. Und auch heute sind Harold van der Heijden sowie Frank Dorittke dabei, wie man an Schlagzeug und Gitarre erkennen kann.  Die Gespräche in den Reihen gehen natürlich noch eine Weile weiter. Dann gibt Ron ein kurzes OK in Richtung Rob Enzlin, der wie sonst auch für eine geordneten Einlass sorgt. Dazu gehört übrigens nicht nur die Kontrolle der Einlassbändchen, sondern auch dass mitgebrachte Taschen eine Maximalgröße nicht überschreiten.

Ron stellt sich hier in Oirschot nie selber vor, er legt einfach los und lässt seine Musik sprechen. Schwaches blaues Licht und entferntes Wolfs-Geheul erzeugen Atmosphäre und das Gefühl, man würde alleine bei Nacht in einem Wald stehen. Wir sind hier natürlich nicht alleine, und Ron genauso wenig: Das Tempo zieht an, und ab einem bestimmten Punkt steigt Harold ein. Der Spannungsbogen setzt sich im zweiten Track nahtlos fort: Wieder einmal liefert "A Good Day To Live" den ersten emotionalen Höhepunkt, und markiert Franks Einstieg in die Musik.

Auf Frank zeigt im dritten Titel der Spot, und das nicht ohne Grund:  Wieder einmal demonstriert er mit seiner Interpretation von Mike Oldfields Klassiker "To France", wie gut er den Stil anderer berühmter Gitarristen zitieren kann, ohne ihn bloß zu kopieren. Ron hat währenddessen kurz Pause und darf zusammen mit uns ein wenig weg träumen. Rechtzeitig zum nächsten Track, als das Spot-Licht auf ihn wechselt, ist er aber wieder voll da. Auch auf lange, an die Berliner Schule angelehnte Titel kann er seine Vorstellungen von Dramatik abbilden, die das Ergebnis zu einem Soundtrack für das eigene Kopfkino werden lassen. Frank hat dafür die Gitarre gewechselt: Wie auch schon in Onstwedde vor zwei Wochen nutzt er je nach Bedarf mal die Ibanez, mal die Fender.

Bei all der Spielfreude, die die drei auf der Bühne haben, behalten sie im Auge, dass sie heute ja eigentlich nur die 'Vorband' sind und in der beschränkten Zeit nur eine Untermenge ihres Repertoires zeigen können.  Und so ist als nächstes auch schon "Acoustic Shadows" an der Reihe, in der sie es traditionell gegen Ende eines Auftritts noch einmal richtig krachen lassen. Für etwas "Chill Out" danach ist auch noch genug Zeit: Franks "Shine Out" Variationen setzten einen Schlusspunkt unter den heutigen Kurztrip durch die Klangwelten von Ron Boots & Friends. Der Ruf nach einer Zugabe kommt selbstredend, aber den beantwortet Ron so wie schon einmal vor ein paar Jahren: "Die Zugabe spielt gleich der Johannes".

Bis dahin ist es aber noch etwas Zeit und wir müssen den Saal verlassen, damit Ron in Ruhe abbauen kann. Das ist im allgemeinen keine Aufgabe, bei der irgendwelche ungeplanten Überraschungen lauern, und so werden wir zur geplanten Zeit wieder eingelassen. Der Blick auf die drei 'Arbeitsplätze' ist nun unverstellt. Unzweifelhaft ist der größte davon auf der rechten Seite der von Johannes, und links wird wie in früheren Jahren Andreas Merz die Visuals zuspielen. Wem das Setup in der Mitte gehört, das verrät erst ein Blick auf die Leinwand. Neben Johannes wird dort als Spielpartner Tim Sund genannt. Dessen Name ist mir noch überhaupt nicht bekannt, und das Smartphone ist bereits auf Flug-Modus geschaltet und in der Tasche verstaut - da soll es für die nächsten zwei Stunden auch bleiben.


Auch wenn das heutige Konzert mit dem Namen eines bestimmten Soloalbums von Johannes betitelt ist, so verrät die Ankündigung, dass der  Schwerpunkt etwas breiter angelegt ist, nämlich das Jahrzehnt von 1983 bis 1993.  Das reicht noch in seine Zeit bei Tangerine Dream hinein, der Schwerpunkt wird aber voraussichtlich auf seinen Solowerken liegen. Und in der Tat, den Einstieg macht mit "Ice Walk" direkt ein Titel von "White Out".  Inspiration für dieses Album ist die Antarktis, diese ganz besondere (Nicht?) Landschaft, in der alles zu einer weißen Wand wird und in der man das Gefühl für Zeit und Raum verlieren kann. Passend dazu sind die Sounds vergleichsweise roh und minimalistisch, und gehen stellenweise schon ins disharmonische.  Das ist nicht unbedingt das, was man von Johannes kennt, und ich sollte bei Gelegenheit noch einmal die Original-Studioaufnahme hören. Dazu zaubert Andreas Impressionen aus der Antarktis auf die Leinwand: Bilder von Expeditionen aus verschiedenen Jahrzehnten mischen sich mit Eindrücken der Landschaft, aber auch Zitaten von Industriellen, die die Antarktis in erster Linie als unerschlossenes Rohstoff-Lager gesehen haben.

Im zweiten Titel wird es deutlich rhythmischer, und die Visuals machen für ein paar Minuten Pause - Zeit für das eigene Kopfkino. Erst im Anschluss daran macht Johannes von dem Mikrofon Gebrauch, das Ron ihm nach der Einführung überlassen hatte. Wie bereits auf der ersten 'Folie' zu lesen war, wird man heute eher wenig von dem hören, was Johannes in der ersten Hälfte der 80er bei Tangerine Dream zusammen mit Edgar und Christoph kreiert hat. Tim Sund, seinen heutigen Partner auf der Bühne, hat er erst vor ein paar Monaten kennen gelernt. Tim kommt eigentlich aus der Jazz-Ecke, und das erklärt im Nachhinein die eine oder andere 'Blue Note', die wir bereits gehört haben. Ansonsten ist Johannes ja darauf bedacht, die Titel möglichst authentisch und korrekt zu präsentieren. Dass das gelingt, daran hat Kurt Ader einen großen Anteil. Er steht heute nicht mit auf der Bühne, aber er hat die Sounds der damals verwendeten, physischen Synthesizer in die heute gebräuchlichen Digital Audio Workstations transferiert.

Eine feste Chronologie wird es in weiteren nicht geben: Nach "White Out" springen wir ein paar Jahre zurück. "The Zoo of Tranquility" war Johannes' zweites Soloalbum, und bezieht sich auf das Buch "Moving Animals" des Britischen Künstlers Paul Spooner. Darin sind kleine Automaten beschrieben, zusammen mit Bau- und Faltanleitungen. Specht und Ameisenbär fanden seinerzeit als Titelgeber ihren Weg aufs Album. Johannes und Tim interpretieren die Tracks am heutigen Tag behutsam neu, und Andreas' Visuals zeigen, wie diese Figuren als dreidimensionale Objekte ausgesehen haben - oder zumindest ausgesehen haben könnten. Mit dem Stichwort 'Jazz' im Hinterkopf kann man jetzt natürlich noch einmal genauer hinhören, wo Tims Beiträge den Titeln überall eine neue Klangfarbe geben. Und das funktioniert überraschend gut, beinahe so, als wäre das all die Zeit schon angelegt gewesen und hätte nur darauf gewartet, an die Oberfläche geholt zu werden.


Szenenwechsel: Johannes hat über die Jahre bei verschiedenen Theateraufführungen mitgearbeitet, sowohl als Komponist als auch als  Tontechniker.  Beides hat ihn 1991 ins Heilige Land und nach Jerusalem geführt.  "Hymnus" ist atmosphärisch und wie ein Tagebuch dieser Reise: Gebetsrufe versetzen uns in ein Land, das verschiedene Religionen als ihren Ursprung reklamieren - ein Miteinander, das nicht immer ohne Probleme ist, aber bei dem Reisenden ganz besondere und bleibende Eindrücke hinterlässt - wie auch bei uns an diesem Abend.

Hirn und Ohren mögen Abwechslung, und das geht auch dem Musiker so.  In "Lieder ohne Worte" wollte Johannes bewusst einfach eine kleine Sammlung einfach schöner und melodiöser Songs schaffen, ohne allzu viel bedeutungsschweren Hintergrund. Das ist ihm damals gelungen, und Andreas' Visuals illustrieren wiederum die Zeit um die originale Veröffentlichung - wie auch die meisten anderen Alben aus dieser Zeit, hat es von "Lieder ohne Worte" Neuauflagen in späteren Jahren gegeben. Im Original an ein gleichnamiges Liedbuch von Felix Mendelssohn-Bartholdy angelehnt, gelingt es Johannes und Tim, "The Gondola Song" eine neue Klangfarbe zu entlocken. Und wer bis zu diesem Punkt nicht glauben wollte, dass in Johannes' Musik immer ein wenig Jazz gesteckt hat: "Knee Play No 9" passt in diesen Kontext wie selbstverständlich. Johannes hat es damals auf seinem ersten Soloalbum veröffentlicht, und Andreas erinnert mit Artikel-Ausschnitten an "Million Bits in Concert". Winfrid Trenkler hatte damals damals unter anderem den frisch gebackenen Solomusiker Johannes Schmoelling im WDR präsentiert. Nicht wenige, die heute auf den Rängen sitzen, werden wohl noch eine Kassette mit dem Radio-Mitschnitt im Regal stehen haben.

So ganz blendet Johannes seine Zeit bei Tangerine Dream natürlich auch heute nicht aus. Von Musik für Theateraufführungen war bereits die Rede, und die 80er-Jahre waren für TD quasi das 'goldene Zeitalter' der Film-Soundtracks. Aus den viele Veröffentlichungen hat er sich für die nächste Strecke den Film-Score zu "Legend" heraus gesucht.  Zusammen mit den Bildern auf der Leinwand können wir die Handlung des Films noch einmal im Schnell-Durchlauf erleben. Ein paar Bilder, die die Entstehung von Film und Soundtrack dokumentieren, sind natürlich auch darunter - es ist wieder eine Zeitreise in die 80er, mit einem Tom Cruise, der damals knapp über 30 war, und als Tangerine Dream mit Regisseur Ridley Scott zusammen gearbeitet hat.

Über so eine Zeitreise vergisst man gerne, wie spät es eigentlich gerade im Hier und Jetzt ist. Ist die Zeit wirklich schon so weit fortgeschritten, dass "White Eagle" der letzte Titel sein wird?  Im Original als Soundtrack zu einem Tatort-Krimi geschaffen, ist er über die Jahre verschiedentlich neue interpretiert worden. Auch Johannes hat ihn hier schon gespielt, und seine Version orientiert sich so nah wie möglich am Original von 1982. Die ist bis heute auch die mir liebste, weil sie den Gedanken des schwerelosen Dahingleitens hoch oben in der Lust am besten vermittelt.

Mit diesem Rückgriff auf seine Zeit bei TD haben Tim und Johannes ohne Frage einen würdigen Schlusspunkt gefunden. Aber die während der gemeinsamen Verbeugung gespendeten stehenden Ovationen machen ohne Frage klar, dass Tim, Andreas und Johannes nicht ohne (mindestens) eine Zugabe von der Bühne kommen. Es werden schlussendlich derer zwei, und Johannes zeigt, dass er gerne an seine Zeit bei Tangerine Dream zurück denkt: Wir hören seine 2022er-Version von "Tangram", und noch einmal Filmmusik: "Charly The Kid" gehört den Titeln, die
ich so oft gehört habe, dass ich sie bei den ersten Takten wieder erkenne.

"The White Out Project" war ein denkwürdiges Konzert. Das kann man alleine daran ermessen, dass die allermeisten Zuhörer sich nach dem Ende nicht sofort auf den Heimweg machen. Viele haben CDs oder LPs mitgebracht, sowohl von TD als auch von Johannes, und warten geduldig, bis er sie signiert hat. Ich selber hatte derlei nicht dabei, aber nichtsdestotrotz hat Johannes auch für mich einen Moment Zeit. Er macht einen zufriedenen und überhaupt nicht erschöpften Eindruck. Ob ihm die Zusammenarbeit mit Tim neuen Auftrieb gegeben hat? Vor ein paar Jahren hatte er in einem Interview ja einmal gesagt, es wäre mittlerweile alles gespielt, was er spielen wollte. Bei Tangerine Dream hat der "dritte Mann" über viele Jahre die neuen Impulse gegeben. Das war vielleicht jetzt bei Johannes und Tim so. Ob und wenn ja wann und wo wir Johannes Schmoelling einmal wieder live genießen dürfen? Da gibt es noch keine Pläne. So wie ich ihn heute erlebt habe, möchte ich aber nichts ausschließen. Und gerne darf es auch wieder Ron Boots sein, der Johannes für einen Abend in sein "zweites Wohnzimmer" in Oirschot holt.

Alfred Arnold

 

Über Empulsiv

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