Die Geschichte lehrt uns, dass sie sich wiederholt. Dieses gern geäußerte Bonmot trifft natürlich nicht immer zu, hier aber schon. Anno 2017 hatten Steve Baltes und Stefan Erbe ihr zweites Album "Electric Garden" zu einem großen Teil live eingespielt, und das vor Publikum im Vortragssaal der Sternwarte Hagen. Selbiger ist - neben dem Bochumer Kuppelrund - Stefans liebster Auftrittsraum und erzeugt mit seinen knapp sechzig Sitzplätzen eine besondere und intime Atmosphäre für Künstler und Besucher.
Das letzte Album von Stefan und Steve liegt mittlerweile einige Jahre zurück: Als auf der "Four Stories Live Session" einige bekannte Titel in ein neues Gewand gekleidet wurden, herrschte noch eine Pandemie über die Welt. Das soll nun nicht bedeuten, dass Steve und Stefan sich seitdem musikalisch nichts mehr zu sagen gehabt hätten. Beide haben einfach auch eine Menge anderer Projekte 'am Laufen', und es musste sich einfach ein Zeitpunkt finden, wo sie beide Zeit für die Ideen haben, die ihnen sicher schon länger im Kopf herum gehen. Im Jahr 2026 war es dann endlich so weit - es sollte wieder ein Album live eingespielt werden
Und was soll man sagen, die Geschichte wiederholte sich nach der Ankündigung auch noch in anderer Hinsicht: Die Karten für den Termin waren in Windeseile ausverkauft, und die Nachfrage war so hoch, dass Stefan nicht umhin kam, einen zweiten Termin eine Woche davor zu organisieren. "Waterfall" - der Name des kommenden Albums war schon verraten worden - sollte also das Beste aus zwei Aufnahme-Sessions vereinen.
Ich hatte rechtzeitig für den ersten Termin reserviert, der im Endeffekt ja nun zum zweiten mutierte. Ein paar in den sozialen Netzen geteilte Bilder vom vorigen Wochenende habe ich also schon im Kopf, als ich mich auf den Weg nach Hagen mache. Wie bei der Sternwarte üblich, lässt der sich nicht gänzlich per Automobil bewältigen. Die Parkplätze auf dem Gipfel direkt neben der Sternwarte sind begrenzt. Nur wer als 'Aktiver' Gerät nach oben schaffen muss oder nicht mehr so gut zu Fuß ist, darf einen davon belegen. Alle anderen lassen ihr Gefährt auf halber Höhe stehen und besteigen den Rest des Berges zu Fuß. Der Sommer hat sich mittlerweile mit aller Macht Bahn gebrochen, so dass dabei der Blick auf die im Tal liegende Stadt klar ist. Wenn diejenigen, die den Ausflug hierher mit einem Picknick verbinden, ihre Abfälle in die durchaus vorhandenen Behälter räumen würden - diese Ecke wäre noch schöner...
Die grimmigen Gedanken über solche Zeitgenossen sind aber verflogen, als der Gipfel und die Sternwarte erreicht ist. Der Eugen-Richter-Turm ist heute leider nicht geöffnet, und so geht es direkt zur Sternwarte, wo das Tor bereits offen steht, und man freudig begrüßt wird. Luna übernimmt das mit Schwanzwedeln und Gebell, während Stefan und Steve noch ein wenig Kraft für den heutigen Auftritt sammeln. Das Catering liegt wie immer bei Frau Erbe in bewährten Händen. Nach dem Aufstieg zu Fuß sind kühle Getränke natürlich besonders gefragt. Ein großer Topf mit Bockwürsten ist aber auch angeheizt, und die eine oder andere davon wandert zusammen mit einer Portion Salat über die Theke.
Der Aussenbereich rund um die Sternwarte füllt sich zügig, und wie früher auch hat es die Besucher aus allen Himmelsrichtungen nach Hagen gezogen. Mein Weg aus Aachen dürfte bei weitem nicht der längste gewesen sein. Es wird gebeten, noch nicht in den Vortragssaal zu gehen, so dass sich dieser nicht vorzeitig aufheizt. Über eine Klimaanlage verfügt er nicht; lediglich zwei Ventilatoren werden während der beiden Sessions für ein Mindestmaß an Luftumwälzung sorgen. Während Stefan sich mit den Besuchern über dies und das austauscht, zählt er im Stillen durch, wie viele davon bereits da sind. Wenige Minuten vor dem geplanten Beginn sind wir vollzählig, und der Saal wird frei gegeben.
Der füllt sich zügig, und nachdem Alle einen Platz gefunden haben, können Türen und Fenster geschlossen werden. Morgen wird der längste Tag des Jahres sein, und so ist es draußen noch taghell. Ohne geschlossene und verdunkelte Fenster wären die begleitenden Visuals nur schlecht zu sehen. Ein paar einleitende Worte wollen Stefan und Steve noch machen: Wie bereits angekündigt, wird dies eine Live-Studio-Session mit Publikum sein. Über die Jahre haben sie die Erfahrung gemacht, dass das gegenseitige Zusammenspiel in dieser Atmosphäre besser funktioniert als nur zu zweit im Studio. Vielleicht ist es aber auch die Beengtheit von Steves Kellerstudio, wo Stefan schon mal sein Keyboard auf den Knien balancieren muss?
Sofern es überhaupt bei Baltes & Erbe eine feste Aufgabenverteilung gibt, so ist Stefan der Keyboarder, der die Melodien beiträgt, während Steve sich um die 'Basics' kümmert und wie der Bassist in einer klassischen Rockband Rhythmus und Tempo vorgibt. Eine weitere Rolle wäre noch an eine Person aus dem Publikum zu vergeben: Jemand muss Stefan daran erinnern, den Recorder zu Anfang eines Tracks ein- und danach wieder auszuschalten. An das Einschalten wird Stefan jetzt noch selber denken, aber es könnte sein, dass gleich der erste Titel ihn fort trägt.
"Flow State" beginnt dunkel und entfernt, beinahe orchestral. Einzelne Piano-Sounds werden auf die Flächen drapiert, das erinnert an "Ultra" oder das ganze "Four Stories" Album. Steve belässt es aber nicht lange dabei und wirft den 'Motor' an. Sequenzen und Rhythmen drehen auf und lösen das Versprechen vom "Flow" ein. Auch körperlich gehen sie das Tempo mit. Uns fällt das ob der eng gestellten Stühle etwas schwer, aber mit welchem Engagement sie bei der Sache sind, kann man dank der Kameras und der Projektion auch von ganz hinten gut verfolgen.
Die genaue Länge eines Titels steht vor der Aufnahme nicht fest, aber den "Zielkorridor" zwischen zehn und fünfzehn Minuten treffen sie schon im Einsteiger. "Wir bemühen uns, es kurz zu halten", ist Stefans Kommentar im Anschluss, und die genaue Länge wird sich in der Nachbearbeitung im
Studio ergeben. Aufgezeichnet wird hier übrigens mehrspurig, nämlich mit zweimal vier Spuren. Das erlaubt es, einzelne Live-Verspieler für das Album nachträglich zu ersetzen - bei einem einfachen Summen-Mitschnitt wäre das nicht mehr machbar.
Die beiden folgenden Tracks kündigt Stefan gemeinsam an: "Erst etwas Düsteres, dann etwas Schönes". Der (angeblich) düstere hört auf den Namen "Black Horizon", und die dazu ausgespielten Visuals verdeutlichen, was damit gemeint ist: Jahrzehnt für Jahrzehnt wird eine reichlich unerfreuliche Zukunftsprognose für die Welt ausgegeben: Kriege, Klimakatastrophen, schrittweiser Zusammenbruch von Gesellschaft und Staaten, Dezimierung der Weltbevölkerung, und schlussendlich übernehmen die Maschinen die Macht. Gemessen daran kommt der Track selber gar nicht so pessimistisch daher: Der dynamische Rhythmus erinnert mich an "At The Last Stage" von der "A-11". Sollte man das Tempo also eher als 'dramatisch' bezeichnen? Genau so wie bei Stefans Solowerken, ist auch hier immer mehr als eine Deutung möglich, und genauso gut kann man das Ergebnis auch einfach nur genießen. Die Länge des Tracks ist dieses Mal durch die Länge der Visuals vorgegeben. Stefan und Steve treffen die Länge, ohne dass der Titel irgendwie 'abgebrochen' wirkt: Eine Punktlandung, die ein Abklatschen wert ist.
Die Chancen stehen also gut, dass "Black Horizon" recht genau in dieser Form seinen Weg aufs kommende Album findet. Im allgemeinen ist die 'Ausbeute' bei solchen Live-Sessions immer recht hoch gewesen: Nur etwa 10 bis 20 Prozent werden im Studio noch einmal eingespielt, um kleine Unsauberkeiten und Fehler zu korrigieren. Wird diese Quote auch in "Endless Descent" bestehen bleiben? Er ist als 'Komplementär-Titel' zu seinem Vorgänger angelegt, sowohl was den Stil als auch die Visuals angeht. Wir sehen eine alternative Zeitlinie, wie sich die Welt dank technischen und gesellschaftlichen Fortschritts auch entwickeln könnte: Heilung bisher unheilbarer Krankheiten, saubere und umweltfreundliche Energiequellen, KI und Roboter übernehmen die Arbeit, so dass die Menschen sich anderer Dinge widmen können. Das alles begleitet Track Nummer 3 mit träumerisch-schönen Klängen und sanften Rhythmen. Wäre das der Himmel? In einer solchen Welt, und mit solchen Sounds, wäre man ihm sicher ein gutes Stück näher.
Wie die Welt sich in den kommenden Jahrzehnten wirklich entwickeln wird, das kann man heute nicht abschätzen. Wahrscheinlich wird von beidem etwas passieren, so wie auch beide Titel auf dem Album vereint sein werden. Die Knackser gegen Ende werden noch im Studio ausgemerzt werden. Wo die herkamen? "Das waren die alten Knochen", wird als mögliche Erklärung in den Raum gestellt. Falls Stefan und Steve irgendwann einmal keine Lust mehr auf Musik haben, sollten sie eine Zweitkarriere als Comedians in Betracht ziehen!
Zurück zur Musik: "Deformer" beginnt in E-Moll, und legt wieder eine etwas härtere Gangart vor. Räume werden geöffnet, und die dorthin hinein geworfenen Sounds erinnern mich direkt an den Titel-Track der "s-thetic". Wir kehren wieder zum Anfang der Session zurück, nur dass Stefan mittlerweile richtig im Flow ist: Seine Sounds kommen noch einmal ein gutes Stück direkter und schräger. Ein Tonart-Wechsel in der Mitte liefert einen schönen Spannungsbogen und gibt ihm die Dramatik, die auch schon "s-thetic" zu einem der am häufigsten gespielten Baltes & Erbe-Titel gemacht hat. Dieser Spannungsbogen wird beim Schnitt im Studio sicher noch ein gutes Stück ausgearbeitet werden.
A propos 'Schnitt': Mit vier Titeln, die an der Viertelstunden-Marke kratzen, ist es an der Zeit für eine Pause. Fenster und Türen mussten die ganze Zeit geschlossen bleiben, um es für die Projektionen hinreichend dunkel zu machen. Der Nachteil dabei: Die Luft konnte die ganze Zeit nur umgewälzt werden und ist jetzt so mit Wasser angereichert, dass es sich auf dem Fußboden niederschlägt. Gründliches Durchlüften ist daher dringend angesagt, während wir uns draußen eine halbe Stunde bei Getränken, Würstchen und Salat erfrischen können. Die Temperaturen sind mittlerweile auch wieder in einen etwas erträglicheren Bereich gefallen.
Nicht nur die Temperaturen sind gesunken, auch die Sonne steht zu Beginn der zweiten Session ein gutes Stück tiefer. Das Tageslicht ist jetzt gedämpft genug, dass man Türen und Fenster zwecks besseren Luftzugs geöffnet lassen kann. Steve und Stefan gehen gleich in die Vollen, nämlich mit dem Titel-Track des kommenden Albums: "Waterfall" hat einen atmosphärischen Einstieg, und wir sehen passend dazu Naturaufnahmen von stürzendem Wasser. Ob dies echte Naturaufnahmen sind, oder ob sie genauso wie das Cover mit KI-Hilfe erzeugt wurden, da bin ich vorsichtig geworden. KI hat in den letzten Jahren so rasante Fortschritte gemacht, dass die Unterscheidung immer schwerer wird. Wird man in der Hinsicht eines Tages nichts mehr trauen können, was man auf einem Bildschirm sieht? Hier und heute agieren jedenfalls zwei Musiker aus Fleisch und Blut, und die ziehen langsam, aber bestimmt das Tempo an. Steves mächtige Rhythmen sowie die Sequenzen geben dem Titel Volumen, aber ohne die Melodie-Anteile an die Wand zu drücken. Einmal wieder kann man erleben, wie gut Stefan und Steve sich auf der Bühne verstehen, auch wenn dies alles (angeblich) völlig spontan und ungeprobt sein soll.
Aber weiter im Programm: Bei "On The Silver Globe" erzählt Steve, dass ein alter, polnischer Science-Fiction-Film ihn zu diesem Titel inspiriert hat. Natürlich hat es auch eine klangliche Vorlage von Stefan gegeben, aber die hat er weggewor...äh, nein, stark verändert. Dass dieser kleine verbale Ausrutscher nur zu einer launischen Bemerkung von der anderen Seite der Bühne führt, lässt erkennen, wie gut die beiden sich verstehen, bei aller Frotzelei. Wiederum geht der Einstieg mit Flächen, die dieses Mal aber die Weite und Dunkelheit des Weltalls reflektieren. Einzelne hingeworfene Sounds sind wie die Planeten und Asteroiden, denen man bei einem Flug zu den Sternen gelegentlich begegnet. Und so wie Staub und kleineren Brocken sich mit der Zeit zu Sternen und Planeten formten, so entwickeln Steve und Stefan aus diesen einzelnen Sounds Rhythmus und Melodie. Das passiert immer gleichen Tempo, niemand enteilt dem anderen oder versucht ihn vermittels der Wucht der eigenen Sounds zu Seite zu schieben. Gegen Ende wird noch einmal das Tempo hoch geschaltet, bis beide Seiten das Gefühl haben, dass der Titel 'rund' ist. Die Laufzeit ist im grünen Bereich, und der Recorder ist auch mitgelaufen. Stefan hatte zu Anfang der ersten Session ja eine Person aus dem Publikum dazu verpflichtet, an das Ein- und Ausschalten der Aufnahme zu erinnern. Ob es im Endeffekt eher so ist, dass Stefan diese daran erinnert, ihn wiederum zu erinnern - eine Frage des Standpunkts. Aber das wichtigste ist, dass alles für die Nachbearbeitung im Studio 'im Kasten' ist.
Sind wir schon bei Stück Nummer sieben? In der Tat, und das wird der letzte 'neue Titel' dieses Tages sein. Wobei 'neu' nur dahingehend zu verstehen ist, dass er auf keinem bisherigen Album erschienen ist. "Dark Gravity" hatten Baltes & Erbe bereits im letzten Herbst in Rugeley gespielt, und ich kann mich auch an Solo-Versionen von Steve auf dem Electronic Circus erinnern. In der Tat sind die Basics dieses Mal von ihm, und Stefan bereichert ihn mit seinem Spiel. Doch erst will das 'Klangbett' dafür bereitet werden: Zischen und Rauschen sind wie ein Ursuppe, aus der etwas hervor geht. Verfremdete Stimmen, bei denen der Sprachrhythmus wichtiger ist als das Gesagte, hat Steve schon früher verwendet, und sein Rhythmus gerät zum Abschluss noch einmal etwas dumpfer und fetter. Wechsel und Kehren sorgen dafür, dass er über die ganze Strecke nicht langweilig wird, und Stefan ein ums andere Mal einen anderen Anknüpfungspunkt findet.
Tja, und das war es eigentlich schon: Sieben Stücke zu zehn bis fünfzehn Minuten füllen wie geplant die Spieldauer des geplanten Silberlings. Nach dieser mitreißenden und beeindruckenden Aufnahme-Session, die man genauso als Live-Konzert hätte verkaufen können, wird selbstverständlich eine Zugabe gefordert. Welcher Titel es sein wird? Langjährige Fans schlagen "s-thetic" als Kandidaten vor. Stefans Antwort: "Ist es schlimm, wenn es stattdessen 'Sepia' wird?" Nein, das ist natürlich genauso willkommen, und dieses auch von ihrem Premieren-Album stammende Stück hat den Vorteil großer Variabilität. Es ist schon mehrfach neu interpretiert und gedeutet worden, und heute erleben wir eine weitere (Re-)Kreation: Orchestrale Anteile und Flächen geben ihm ein frisches und neues Gewand. Als Visual fungiert wiederum der Animationsfilm, in dem eine Frau sich entscheidet, die ihr eigentlich verschriebenen Pillen abzusetzen. Sie stürzt sich ins Wasser und ob die einsetzenden Visionen die Rückkehr in die Realität sind, oder der Sturz in eine noch tiefer liegende Bewusstseinsebene, das bleibt unserer Phantasie überlassen.
Was uns angeht, sind wir jedenfalls aus den Baltes & Erbe-Klangwelten wieder in das Hier und Jetzt zurück gekehrt. Und das für manche gerade rechtzeitig: In einer Viertelstunde beginnt das erste Spiel der deutschen Nationalmannschaft bei der Fußball-WM. Jetzt, wo ich gerade die letzten Zeilen dieses Bericht aufs virtuelle Papier bringe, wissen wir, dass dieser Weg ein eher frühzeitiges Ende gefunden hat. Was Baltes & Erbe angeht, ist bisher kein Ende absehbar. Die nächste Station wird sie ins Studio führen, und irgendwann im August wird die fertige gemischte und polierte Version von "Waterfall" veröffentlicht werden. Diese Version wird dann auch Basis für zukünftige Live-Performances sein. Die 'Rohlinge', die wir heute gehört haben, wird man kein zweites Mal zu Gehör bekommen. Solche Aufnahme-Sessions mit Publikum bleiben Unikate, und sollte für ein zukünftiges Baltes & Erbe Album wieder so etwas angekündigt werden, dann tut man gut daran, sich rechtzeitig ein Ticket zu sichern. Die Sternwarte Hagen ist auch in dieser Hinsicht immer eine Reise wert.
Alfred Arnold
