
Neues aus dem ungarischen Elektronik-Labor: Gleich zum Jahresanfang meldet 'Computerchemist' Dave Pearson sich mit einem neuen Album zurück. "Das was vorherrscht", ist der vielsagende Titel, und die Credits an die bekannten Berliner Elektronik-Pioniere auf dem Cover kommt nicht von ungefähr.
Wer hier aber lupenrein dahinfließende Sequenzen a la 'Rubycon', oder melodisch-geschmeidiges Material im Stile der 80er erwartet, der liegt nicht ganz richtig. Die Mehrzahl der Tracks erinnern an die späten 70er-Jahre, als Tangerine Dream begann, nach neuen Musikformen zu suchen und dabei auch progressiv-rockige Elemente auf den Alben zuließ.
Dabei ist dieses Album kein einfaches 'Tribute' an diese Ära, der Mix ist individuell und zitiert die Sounds aus der Zeit, ohne als simple Kopie daherzukommen. Als "Erholung" von den gitarrenlastigeren Tracks stellt Dave auch mal einen Titel dazwischen, in dem der Sequenzer dominiert, und glättet die Wogen ein wenig.
Wer schon seinerzeit bei 'Cyclone' oder 'Force Majeure' nicht spontan abgeschaltet hat, der sollte sich "That with Prevails" einmal genauer anhören, wenn es Anfang Februar erscheint. Elektronik und Krautrock gehen noch immer zusammen, ganz besonders wenn wie hier die Mischung stimmt.
https://computerchemist.bandcamp.com
Alfred Arnold
Der Niederländer Taede Smedes alias Tonal Assembly wirft mit seinem aktuellen Erstlingsalbum einen echten Kracher ins weite Rund der 2019er Veröffentlichungen. Seine Stücke strotzen dabei vor guter Ideen, knackigem Sound und verträumten Arpeggien und schaffen etwas, was kaum einem vergangenem Neuling so recht gelingen konnte. Sein Sound klingt individuell, einprägsam und ist exzellent produziert und man mag kaum glauben, dass Taedes Debut-Silbering tatsächlich aus der Hand eines Newcomers entwachsen ist, denn auch seine Kompositionsarimethik vermengt Eingängiges und Komplexes zu einem der besten Alben 2019. Es bleibt zu vermuten, dass auch das Jahr 2020 unter einem guten Stern für weitere tonale Zusammenstellungen stehen werden.
Nach dem erfolgreichen "Ambient-Album des Jahres" 2013 („Found“ von Helpling & Jenkins) war es lange Zeit ruhig um den Ausnahmegitarristen David Helpling. Auf seinem neuesten Solowerk nimmt er den Hörer mit auf einen Tauchgang in den Tiefen des Stillen Ozeans. Seine Musik fängt da an, wo andere enden: am Chillout-Strand.
"Was eine narrative Emotionsachterbahnfahrt" waren meine ersten Gedanken, nachdem ich die 6 Tracks plus 5 Bonis des Albums von Norbert Walser alias Giant Skeletons durchlebt hatte. Selten verzeichnete das Konsumieren eines Tonträger soviele Überraschungsmomente in meinen Suggestivmomenten wie dieses hier. Beinahe an jeder tonalen Ecke lauert eine musikalische Kehrtwende, ein kontrovers komponierter Kontrastpunkt oder ein sonstwie gearteter Stimmungswechsel, der diesen Longplayer als Einschlaf-Hilfe völlig unbrauchbar macht. Um so mehr eignet er sich als Spiegelbild emotionaler Gefühls-Geschichtenerzählung, der nahezu alles an synthetisch und nicht synthetisch erzeugter Tonfolgen, Sounds und Klangerzeugungen wiedergibt, die man so in der Breite wohl noch nicht angeboten bekommen hat. Mal lässig, mal ambient, dann wieder dub-gestepped oder gitarrisch faunal. Keine Stilrichtung lässt Norbert ignoriert und verschirmt seine obskure Soundwelt unter einem großen Dach der cineastischen Erzählkunst. Egal auch wieviele Kanten das Album hat, es gibt keine geografische Form die es exakt beschreiben kann. Bunt, lebhaft und intensiv, trotz einfarbigem Coverbild.